Im Frühling 2023

🇩🇪 Zu Hause

Eine Reise ist nach der Reise nicht zu Ende

Alles Erlebte, Erlittene, Erkämpfte, Geschenkte und Bewegende bleibt für immer im Herzen, in der Seele und im Kopf. Manches bleibt auch einfach nur in den Knochen.
Die Sicht auf Erlebnisse verändert sich mit der Zeit. Sie wird erwachsen und reifer könnte man sagen. Manche Dinge entwerten sich, andere gewinnen an Wert, sie alle wachsen oder sie schrumpfen in ihrer Bedeutung. Sie verändern sich. Manchmal mutieren sie sogar zu einem schönsten, schlimmsten oder wichtigsten Ereignis des Lebens. Aber unabhängig davon, was mit all den Begegnungen und Abenteuern im Kopf und im Herzen passiert, sie sind unauslöschliche Momente und in Summe das, was einen beachtlichen Teil der Lebenserfahrung ausmacht. Sie sind Lehrmeister, Spiegel, Motivator, Therapeut, manchmal Trostspender und brillanter Entertainer zugleich. Es ist unerheblich mit welchen Sorgen oder Herausforderungen man sich in der Zukunft konfrontiert sieht, zu ihrer Lösung ist ein Anruf dieses Fundus immer der erste Rat.

Eine intensive Reise stellt immer Lebensfragen und gibt immer Rätsel auf. Warum sind bestimmte Orte so besonders für mich? Wie konnte ich diesen oder jenen Weg wählen, obwohl alle Zeichen eine andere Entscheidung hätten erwarten lassen? Was macht eine Reise mit mir? Habe ich andernorts möglicherweise etwas verpasst, während ich auf Reisen war? Was ist der Sinn einer bestimmten Reise oder ist da überhaupt ein Sinn? Sind vielleicht lang gehegte Träume in Erfüllung gegangen oder sind neue entstanden? Diese Liste könnte ich beliebig fortsetzen. Am leichtesten lässt sich die letzte Frage nach den Träumen beantworten: Einem neugierigen und achtsamen Reisenden werden die Träume nie ausgehen. Er wird sein Glück darin finden, mehr Träume in seinem Herzen zu haben als die Wirklichkeit zerstören kann.


Die Beiträge im Überblick

➡️  Das Bild

➡️  Bienchens Heimkehr

➡️  Zurück ins Leben


26. März 2023

Das Bild

Wenn man alte Kisten öffnet...

Heute fällt mir altes Zeug in die Finger. Wertvolles altes Zeug. Wertvoll in dem Sinne, dass es uralte Fragmente zum Ganzen fügt. 

Kennt Ihr das vom Puzzeln? Da liegt ein ganz markanter Stein seit Ewigkeiten herum, weil er eine besonders schöne Farbe, eine auffällige Zeichnung oder eine bizarre Form hat. Auffällig oft kreuzt der Stein Eure Suche nach anderen fehlenden Teilen, immer wieder wird Euer Blick von seiner Prominenz eingefangen und immer wieder nehmt Ihr ihn in die Hand, ohne ihn irgendwo passend im Bild unterbringen zu können. Ihr wisst nicht einmal wohin im großen Puzzle er gehört.

Bei meinen Großeltern hing seit jeher ein Foto an der Wand, das mich als Kind sehr fasziniert und sich für immer in mein Bildergedächtnis eingeprägt hat. Mein Onkel hat es gemacht. Er war ein perfektionistischer Amateurfotograf und leidenschaftlicher Reisender in den fünfziger und sechziger Jahren. Zu sehen war auf dem Farbfoto eine aus schräger Aufwärtssicht betrachtete alte, dichte Häuserzeile entlang einer ebenso alten ansteigenden Pflastergasse. Die Häuserzeile ist die einzige Bebauung rechter Hand, das Gegenüber ist nur eine breite Natursteinmauer, die die Straße vom tief abfallenden Gelände trennt. Die verputzten, zweistöckigen Häuserfronten sind jede für sich monochrom, aber voneinander unterschiedlich in Pastellfarben angestrichen. Die Gebäudeecken bestehen aus großen, hellen Bossensteinen, die verzahnt bis unter die Giebel reichen und die Dachstühle tragen. Die kleinen Fenster und großen Bogenflügeltüren sind ebenfalls mit hellen Steinquadern gestaltet, die wie breite Passepartouts die dunklen Holzfensterläden würdig einrahmen. Ein paar Menschen sind auf der Steingasse unterwegs, der leicht bewölkte Himmel unterwirft sich mit seinen hellblauen Flecken den dominierenden Farben der Fassaden. Die Sonne scheint und alles wirkt friedlich und dörflich bis familiär. Der grafische Bildaufbau ist perfekt, keine erwähnenswerten stürzenden Linien, die horizontale Fluchtlinie teilt das Hochformat exakt auf der Hälfte und verläuft von rechts zum Fluchtpunkt am äußeren linken Bildrand. Zieht man vom Fluchtpunkt zwei Geraden in die rechten Bildecken ergeben sich drei symmetrisch angeordnete Sektoren, die präzise mit den Motivflächen übereinstimmen: Dem Himmel oben, in der Mitte mit der Häuserzeile als primärem Bildmotiv und mit der nach unten abgrenzenden Mauer, die wie ein Fundament das ganze Bild trägt.

Nun, und heute fällt mir ein ausgeschnittener, sorgfältig von meiner Mutter archivierter Zeitungsbericht in die Hände, ganzseitig illustriert mit genau diesem oben beschriebenen Bild. Verfasst von meinem Onkel, vermutlich Anfang oder Mitte der sechziger Jahre. Wow! Zunächst verfängt sich mein Blick in dem kleineren Schwarzweißfoto von der Stari Most, meiner geliebten "Alten Brücke" von Mostar. Die Abbildung zeigt sie im Urzustand vor der Zerstörung im Balkankrieg 1993! Und mein Reise- und Fotoonkel hat damals darüber geschrieben. Das ist schon irre genug und dann daneben dieses Wahnsinnsfoto aus meiner Kindheit. Eine der ältesten Fragen meiner Kindheit, nämlich wo dieses Foto gemacht worden ist, erhält heute ihre Antwort: Es sind die Lagerhäuser von Mostar an der Alten Brücke, fotografiert vor zirka sechzig Jahren! Am 29. Mai 2022 bin ich auf meiner Kaukasusreise genau dort entlanggeschlendert und habe es nicht erkannt. Ich fasse es nicht! Der Puzzlestein hat seinen Platz gefunden. Mostar ist und bleibt ein ganz besonderer Ort für mich.


14. April 2023

Bienchens Heimkehr

Es war doch erst gestern...

Freitag war ich in Hamburg und habe mein Motorrad abgeholt. Alles lief wie am Schnürchen, tolles Wetter, perfekte Bahnverbindung - ich kenne den Weg ja jetzt - und die Jungs im Hafen sind eine erfrischende Spezies für sich. Auf dem Fußweg durch die Containerburgen des sogenannten Rosshafens erinnere ich mich unweigerlich an den 7. September als ich mit gebündeltem Tatendrang mein Moped hier abgegeben habe und damit den point of no return überschritten hatte. Die Zündschnur für Südamerika war angezündet. Voller Spannung, Aufregung und einer gehörigen Portion Respekt sah ich ab da dem Abenteuer entgegen. Das war doch erst gestern, oder? Dass Erlebnisse rückwirkend immer so schnell vorbei sind, beeindruckt mich immer wieder. Begreifen werde ich das vielleicht nie.

Nach etwas Papierkram laufe ich runter in die weitläufige Lagerhalle. Riesige Überseekisten, deren morphosyllabische Aufschriften ich nicht lesen kann, werden von protzigen Gabelstaplern wie Schuhkartons durch die Halle befördert. Die Sonne quält sich durch die dreckigen Hallenfenster und dann steht sie da, ganz vorne mit all den anderen reisenden Bikes. Mein Bienchen! Der lustige Lagermeister nennt sie „die Große“, weil sie so breite Koffer hat. Ich bin nur froh, dass sie wieder daheim ist und alles so gut gelaufen ist. Papiere kleben am Topcase und die Koffer dann zu öffnen war ein Erlebnis für sich. Nur der Slogan von Peter Stuyvesant beschreibt das olfaktorische Ereignis adäquat. Es ist schon ein feierliches Gefühl, in die stinkenden, verdreckten Klamotten aus den Koffern hineinzusteigen. Der eingebrannte Staub der Atacama wird ein ewiges Souvenir bleiben und (hoffentlich) nie wieder rausgewaschen. Mein Gefühl sagt mir, ich bin noch in Südamerika und es geht jetzt weiter, mein Kopf widerspricht, es geht nach Hause. Aber beide sind sich einig, das war nicht das letzte Abenteuer.

Doch bei aller Freude, dass mein Moped heile zurück ist, ist Bienchen leider krank. Seit Bolivien hat sie Kupplungsschnupfen, den sie in Südamerika noch über 3000 Kilometer tapfer ausgehalten hat. Nun nach der langen Seereise zeigt er aber schlimme Symptome. Sie springt sofort an, aber nur mit viel Kraft und sie braucht mehr als Standgas, um nicht aus zu gehen. Wenn ich jetzt den ersten Gang einlege, hüpft sie und ist aus. Ok, also warmlaufen lassen und dann ganz vorsichtig. Sie läuft. Kupplung ist hypersensibel, aber wir schaffen das. Nun ja, ohne tiefer in die Diagnose einzusteigen, muss sie wohl zur Kur in die Werkstatt. Mit etwas Geschick und Fingerspitzengefühl haben wir es von Hamburg bis nach Hause geschafft. Bei Betriebstemperatur läuft alles nahezu normal.

Nach gut zwei Stunden bei Sonnenschein sind wir auf dem Teutoburger Wald angekommen. Der letzte Punkt der Reise ist damit gemacht. Ich bin gespannt, wie es in den nächsten Monaten weitergeht, welche Pläne und Ideen wachsen und was anders wird in meinem Leben. Welcome home.


13. Januar 2024

Zurück ins Leben

Wenn der Lebensfaden reißt...

Es ist 3:30h nachts, es regnet draußen. Mein erster Wecker stimmt pünktlich eines meiner Wecklieder an. Ich stelle mir immer mehrere Wecker, wenn ich keinesfalls verschlafen darf. Auch heute, aber das wäre nicht nötig gewesen, denn ich bin schon wach. Nein, nicht vor Aufregung, weil ich in ein paar Stunden auf Reisen gehe, sondern weil mein Leben in den letzten fast elf Monaten in jeder Hinsicht sehr unregelmäßig geworden ist.

Was war passiert? Im März 2023 kehrte ich in wohldosierten Etappen von meiner einjährigen Auszeit nach Hause zurück. In Rio de Janeiro, meinem letzten Zwischenstopp, verabschiedete ich mich von Südamerika und machte von dort den Sprung über den Ozean nach Europa, in meine Lieblingsstadt Porto. Es ist erst zwei Jahre her, dass ich diese sympathische Stadt am Douro für mich entdeckt und ins Herz geschlossen habe. Es war Liebe auf den ersten Blick. Kein anderer Ort auf dem europäischen Kontinent erschien mir deshalb geeigneter, die kulturelle Landung in der Heimat möglichst weich zu gestalten. Und so geschah es. Die Tage bei Sonnenschein luden zu beschaulichen Nachmittagen in den Cafés von Ribeira ein und die frühlingshaften Temperaturen waren nach der Hitze der letzten Monate in Südamerika eine Wohltat. So verflog die kurze Zeit in Porto sehr rasch und meine Auszeit endete endgültig mit der letzten Etappe nach Berlin und der Zugfahrt nach Tecklenburg. Dann riss mein Lebensfaden.

Wenige Tage nach der Rückkunft erhärtete sich der Verdacht auf einen Krebs in meinem Hals, der sich vermutlich schon seit geraumer Zeit dort breit gemacht hatte. Der Verdacht wurde zur gesicherten Diagnose, was mein Leben zu einem Zeitpunkt aus der Bahn warf, an dem ich eigentlich zur Ruhe kommen wollte nach all den Erlebnissen und Abenteuern des letzten Jahres. Ich hatte vor, in Ruhe und mit Dankbarkeit zu rekapitulieren, mich erneut an den Erinnerungen zu erfreuen und sie wohlsortiert aufzuschreiben. Die Unmengen von Bildern in meinem Kopf und in meiner fotografischen Sammlung verlangten nach angemessemer Zeit der Würdigung. Erst ab Mai beabsichtigte ich wieder arbeiten zu gehen, um Zeit für die ungeschliffenen Ideen zu haben, die ich mitgebracht hatte, sie aufzugreifen und aus ihnen neue, bunte Pläne zu schmieden. Aber es kam ganz anders, insbesondere da ich zu diesem Zeitpunkt die Tragweite der Lebenswende trotz meiner positiven Haltung und ergebnisoffener Annäherung völlig unterschätzte. In diesen Wochen begann ich wieder das Schreiben. Es war zusammen mit der fotografischen Dokumentation vielleicht meine wichtigste Strategie, mit der ernsthaften Bedrohung meines Lebens durch eine Krankheit umzugehen. Das kannte ich bis dato nicht. Teilweise minutiös dokumentierte ich ab da meine inneren und äußeren Erlebnisse, meine Gedanken und Veränderungen. Ich schrieb und ich fotografierte und schrieb und fotografierte. Die Essenz daraus mündete in zwei privaten Blogs, weil mir eine Nabelschau in den sozialen Medien mehr als deplatziert und inadäquat erschien. Ich verschwand für lange Zeit aus der Öffentlichkeit dieser Plattformen, weil ich keine heile Welt vortäuschen wollte, die es zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr gab. Der lange Sommer, ich glaube, es war ein schöner, ging an mir vorbei. Zu massiv waren die körperlichen und seelischen Verwerfungen durch teils imposante Operationen und ruinöse chemische und radiologische Therapien. Es gab Tage, da war ich nur mit Hilfe medizinischer Geräte überlebensfähig. An einem Tag im August, es war mein Geburtstag, war ich nahezu verhungert, konnte nicht mehr essen, nicht mehr trinken und nicht mehr sprechen. Mein Hals war von den ionisierenden Strahlen äußerlich verbrannt, meine Haut löste sich fleckenweise fleischig ab. Die Dosis an Schmerzmitteln war ausgereizt, es gab nur einen Weg: Aushalten. Es schlossen sich Tage, Wochen und viele Monate an, in denen selbstverständliche Körperfunktionen wie Kauen, Schlucken und Arme hochheben mühsam neu erlernt werden mussten oder mit restlos strapazierter Geduld ihre Rückkehr abzuwarten war. Doch trotz einer rasanten Heilung - so jedenfalls attestierten Mediziner meine Rekonvaleszenz - ist bis heute noch keine Lebensqualität erreicht, die mich zufriedenstellt. Es gibt deshalb, bei aller Dankbarkeit für das Erreichte, für mich nur eine Option: Ich muss in jeder Hinsicht weiter an mir arbeiten! Und ich muss versuchen, irgendwie an meine Vergangenheit anzuknüpfen! An die Zeit bevor der Faden riss. Also reise ich an den Ort, wo ich das Ende des Fadens zuletzt sicher in der Hand wähnte. Ich muss es wieder aufnehmen und an mein neues Jetzt anknüpfen. Das ist der couragierte Plan, möge er mir gelingen. Glück auf!

Noch ist es dunkel am kleinen Flughafen im Münsterland, draußen auf dem Vorfeld steht schon der unbeleuchtete Cityhopper, der mich nach Frankfurt bringen wird. Von dort sind es dann schnelle zweieinhalb Stunden bis nach Porto. Als das Tageslicht erwacht genieße ich schon die Aussicht hoch über den Wolken und etwas später dann die wärmende Sonne. Unter mir ziehen stumm die Biskaya und Asturien mit den verschneiten Picos de Europa vorbei als plötzlich etwas Altbekanntes in mir erwacht. Auch wenn dieses Déjà-Vu zunächst nur unscharf erscheint, ich erkenne es sofort. Es ist das Gefühl genau jener Momente, in denen man sich auf einen neuen Weg begibt. Das Gefühl wenn der Aufbruch unumkehrbar ist und man dem Zauber des Anfangs sein tiefes Vertrauen schenkt. Ein emotionaler Kipppunkt. Ich habe es so oft erlebt und ich irre mich auch jetzt nicht. Es ist eines der schönsten Lebensgefühle, das ich ohne meine vielen Reisen in dieser Intensität vielleicht nie gefunden hätte! Sollte das schon der verlorene Faden sein? Das flüchtige Lächeln in meinem Gesicht affirmiert die innere Wahrheit. Ich bin der Richtigkeit meiner Wahrnehmung sehr sicher, dennoch regt sich im Hinterkopf ein berechtigtes Bedenken: Ist es nicht zu kühn, schon jetzt das verlorene Ende des Fadens als gefunden zu antizipieren? Sicherlich nicht auszuschließen, weshalb ich mit meiner Freude vorsichtshalber ein kleines Bisschen zurückrudere. So ist es besser!

Wir sind fast da. "Cabin crew, please prepare for landing!" weist der Captain aus dem Cockpit an, dann geht es sehr schnell: Rumpeliger Sinkflug durch dicke Wolken, Chegada a Porto, Koffer, Taxi, Ankunft in Vitória, dem alten Stadtviertel direkt oberhalb von Ribeira. Mein Apartment mit Aussicht ist in der obersten Etage, genau so wollte ich das! Ich öffne die Balkontüren und Porto Velho begrüßt mich wie ein alter Freund es tun würde. Eine grandiose Aussicht umarmt mein Innerstes: "Schön, dass du da bist!" Die große Brücke nach Vila Nova de Gaia überspannt wie eh und je den dunklen Douro und ich atme die frische Luft, die von Ribeira heraufweht. Das muss er sein, der Weg zurück ins Leben.

Der Regen fällt belanglos auf die Szenerie, ich schließe die Balkontür und betrachte noch lange das Regenkaleidoskop auf meiner Fensterscheibe.
 

Es geht weiter am 14. Januar 2024 im Reisebericht "Porto"  ➡️