Kraft der Kulturen und das Erbe der Kriege

🇻🇳🇰🇭🇱🇦 Indochina – Vietnam, Kambodscha, Laos

Dienstag, 16. Dezember 2025

Auf dem Weg…

Bin wieder unterwegs…
heute noch mit Bus & Bahn
morgen mit dem klimaschädlichen Flieger –
dann sehr lange. Sehr weit.
Fort vom Dorf auf dem Teuto.
Indochina.

Kopf leer machen. Seele volltanken.
Bilder sehen, anders denken.
Geschichten leben – schreiben.
Wenn ihr mögt, kommt mit.

Ab Donnerstag.
Irgendwo in Saigon.

Mittwoch/Donnerstag, 17./18. Dezember 2025

Eine Nacht mit Ray Charles – Guten Morgen Saigon!

Auf irgendeine Art und Weise lag mir der lange Flug schon seit Tagen wie ein Stein im Magen. Nicht, dass er mich beunruhigt und ich lieber auf ihn verzichtet hätte. Er war wie eine Hürde, über die kein Zweifel  bestand, dass sie zu nehmen war. Aber nichts geschah, was mein Unwohlsein auch nur irgendwie hätte rechtfertigen können. Die Anreise zum Flughafen klappte gut, das kleine Airport-Hotel war prima und abgesehen davon, dass der Tower wegen „Low Visibility Conditions“ unser Startfenster eine Stunde verschob, lief alles stressfrei. Mein Fensterplatz war auf der Sonnenseite, ich hatte nette Sitznachbarn und auch mein bekanntes Gefühl von Aufbruch stellte sich schnell ein, als wir aus dem Bodennebel ins Sonnenlicht aufstiegen. Blieb also nur der Countdown auf dem Entertainment-Device, und der zeigte satte elfeinhalb Stunden bis zum Ziel an. Da war sie die hohe Hürde. Wie sollte ich da hinüberkommen? Aber was soll ich sagen, es passierte das, was immer passiert: das erste Drittel zog sich endlos. Kaukasus. Das zweite Drittel überbrückte ich mit Beschäftigung – es war ein eindrucksvoller Film über das Leben von Ray Charles. Amritsar. Und das letzte Drittel verging sehr schnell mit Sonnenaufgang und weicher Landung. Es folgten anderthalb Stunden Anstehen an der Immigration. Ein prüfender Blick, ein Lächeln, der Stempel, fertig. Willkommen in Vietnam!

Es ist warm und ein herzlich netter Taxifahrer bringt mich durch faszinierenden Verkehr sicher zu meinem Hotel. Ich genieße die wortlose Fahrt, denn wir sprechen beide nicht die Sprache des anderen. Ich glaube, er genießt es, dass er mir mit dem perfekten Ride durchs Chaos der Rush-hour eine Freude bereiten kann. Ich bin beeindruckt!  Hier sind die Roller nicht nur multifunktionale Nutz- und Schwerlastfahrzeuge, sie haben auch Sonnenschirme für Handys.

Wir sind da – viel zu schnell. 

Mein kleines Hotel liegt in einer Art Hinterhof. Die Gasse dorthin ist mit Fahnen und Blumenampeln geschmückt und am Ende stehen einladende Tische und Hocker auf der Straße, die zum Hotel-Café gehören. Es ist gut besucht. Ich trete ein und niemand nimmt Notiz, sondern frühstückt weiter, trinkt Tee, raucht oder daddelt amüsiert und lautstark gemeinsam in irgendwelchen Online-Multiplayer-Games herum. Ich genieße das Gefühl der Selbstverständlichkeit, dass ich die Harmonie nicht störe, sondern gerade ein Teil von ihr geworden bin.

Da mein Zimmer erst um 14:00 Uhr bezogen werden kann, bestelle ich mir einen Kaffee und setze mich zu den Menschen.

Mein starker schwarzer Kaffee mit trà nóng wird serviert, als ich gerade anfing, mich mit der Ambivalenz der Szenerie zu beschäftigen. Einerseits ist es nervig, wenn vier Nerds am Nebentisch sehr lautstark offensichtlich eine Ballersession abfeiern, dabei weltmännisch Filterzigaretten rauchen und irgendwie die Geräuschkulisse der ganzen Location dominieren. Auch die anderen Gäste rauchen reichlich und essen und trinken und tippen auf ihren Handys – alles gleichzeitig.

Andererseits wird wie gesagt keine Notiz von mir genommen, ich bin ein ganz normaler Gast und kein exotischer Tourist mit gelber Reisetasche. Das ist das schönste Willkommen, dass man mir bereiten kann. Am Nebentisch wird vor Publikum begeistert Cờ tướng gespielt, das im Gegensatz zu den Online-Gamern ohne Schlachtrufe auskommt, aber dafür jeder Zug von den fachkundigen Analysten kritisch bewertet und diskutiert wird. 

Alle haben Freude, und gehen mit Hingabe ihren Lieblingsbeschäftigungen nach, während vor dem Café mobile Händler mit ihren überladenen Rollern anhalten und Waren unterschiedlichster Sortimente anbieten: von Handtaschen über Reisigbesen bis zu frischem Obst und Gemüse. 

Ich bin begeistert von der Authentizität und der Gelassenheit der Menschen.

Ich traue mich, Fotos zu machen – natürlich nicht ohne Einverständnis –, aber bevor ich fragen kann, ein Blick, ein zustimmendes Lächeln – immerhin verrate ich mit der Kamera in der Hand unmissverständlich meine Absicht – dann vertieft man sich wieder in den Lieblingsbeschäftigungen und lässt mich gewähren. So vergehen anderthalb Stunden und dann ist mein Zimmer plötzlich doch eher bezugsfertig. Ganz oben, mit französischem Balkon und einem charmanten Ausblick in die Hinterhofgasse. Ich weiß nicht, ob ich ein derartiges Panorama jemals mit charmant beschrieben habe, aber heute ist es mehr als angemessen! 

Ich bin angekommen! Guten Morgen, Saigon!

Freitag, 19. Dezember 2025

Ein Tag von morgens bis nachts

Irgendwie ist mein Jetlag unentschlossen, ob er sich durchsetzen möchte oder auswirkungslos bleibt. Jedenfalls wechseln sich Wach- und Müdigkeitsphasen ohne erkennbare Plausibilität ab. Es ist sieben Uhr, ich stehe auf. Um warm duschen zu können, hätte ich gestern Abend den Wasserboiler einschalten müssen. Also dusche ich kalt, was bei morgendlichen 26°C nicht unangenehm ist. Draußen beginnt wahrnehmbar der Tag, das Hupkonzert stimmt die Rush Hour ein, Schulkinder lärmen nebenan auf dem Pausenhof bis die Schulklingel zum Unterricht aufruft und überall rasseln blechern die sich öffnenden Rolltore der Straßengeschäfte und Garküchen. Ich bin fertig zum Aufbruch.

Was tun an nur einem einzigen Tag in Saigon? Die ehrlichste Antwort wäre wohl, es bleiben zu lassen und mit mehreren Wochen Zeit im Gepäck wiederzukommen. Unrealistisch. Ich stelle mir also zunächst die Frage, was ich überhaupt mit Saigon verbinde. Und sofort bin ich tief in der jüngsten Geschichte, nicht nur Saigons, sondern Indochinas im weiteren Sinne und dem Vietnamkrieg im speziellen. Meine ersten Erinnerungen an Saigon – damals der einzige offizielle Name der Stadt – gehen in die Endsechziger und Siebzigerjahre zurück, assoziiert mit Kriegsbildern aus den Fernsehnachrichten und den besorgten Gesichtern meiner Eltern. Erklären konnten sie mir die komplexe Lage nicht – gefragt habe ich aber auch nicht. Also blieben die schlimmen Bilder in meinem Kopf – und der Name Saigon mit ihnen verbunden. 

Ich mache mich auf den Weg, nicht wirklich mit einem Plan, aber da alles nicht so weit entfernt ist, ist es auch nicht notwendig. Entlang der bunten Straßen mit ihrem scheinbar chaotischen Verkehr und dem quirligen Treiben begegne ich dem Bitexco Financial Tower und den Café Appartements auf der Nguyễn Huệ. Imposant überragt das markante Gebäude das Zentrum Saigons während eine Frau ihre Last mit einem Tragejoch, dem đòn gánh, über die Straße schleppt. Nenne man es Widerspruch, Tradition oder einfach bewährte Funktionalität. 

Zufällig, auf der Suche nach dem weiteren Weg komme ich am kleinen Hindu-Tempel Sri Thendayuthaapani vorbei. Das ist eine Einladung. Ich liebe die bunte Stille dieser Orte und auch das für meinen Kulturkreis manchmal etwas kitschige Ambiente. Ich ziehe meine Schuhe aus und trete ein. Es sind nur wenige Menschen hier, was mich die Ruhe und die Düfte der vielen Räucherstäbchen genießen lässt. Gedankenverloren vergesse die Zeit und die Hektik der Außenwelt. Ich habe das Bedürfnis, einfach für Stunden hier sitzenzubleiben und Ruhe zu finden. Doch ich habe ja noch eine Verabredung mit der Geschichte Vietnams.

Bei deutlich über 30°C schlendere ich das Riesen Boulevard entlang zum People's Committee of Hồ Chí Minh City, wo die Statue des Namensgebers mir schon von weitem zuwinkt. Von hier aus ist es nicht mehr weit zum alten Postamt, einem der Highlights für die Besucher von Saigon. Dementsprechend ist der Ort natürlich touristisch missbraucht, als Alibi hat man ein paar wenige Postschalter geöffnet erhalten, der Rest wurde von Klimbim-Geschäften mit dem üblichen Touristenschrott annektiert. Die gegenüberliegende Kathedrale Notre Dame von Saigon ist schon seit längerem vollständig eingerüstet, weshalb der Anblick eher befremdlich wirkt. Jedoch um so passender und sehr kreativ, hat man vor der Kirche eine Krippe im Baustellenstil eingerichtet!

Es ist heiß und Zeit für eine Abkühlung in der Mittagshitze. Ein klimatisiertes Café liegt auf dem Weg zum Wiedervereinigungspalast – meine Rettung. 

Gestärkt lasse ich mich beeindrucken von den riesigen Bäumen im Park des 30. April (1975) – dem Tag, an dem Saigon fiel und damit des faktischen Endes des Vietnamkrieges. 

Groß und weitläufig angelegt, mit viel gepflegtem Grün, Springbrunnen und dem Charm der Sechziger präsentiert sich mir dieser geschichtsträchtige Ort. Rechts und links, die volle Beflaggung mit dem Cờ đỏ sao vàng, der Nationalflagge von Vietnam: Rot steht für die Revolution und das vergossene Blut im Unabhängigkeitskampf, der goldene fünfzackige Stern symbolisiert die Einheit der fünf gesellschaftlichen Gruppen, traditionell Arbeiter, Bauern, Soldaten, Intellektuelle und Jugend. 

Das Innere des Palastes beschränkt sich auf riesige Säle, in denen historische Verhandlungen stattfanden und die Wiedervereinigung Vietnams besiegelt wurden. Es ist weniger der visuelle Eindruck, dieses etwas unterkühlten, klotzigen und überdimensionierten Ambientes, als die Tatsache, dass diese Räume die authentischen Orte sind, an denen die Geschichte des gesamten Indochina-Konfliktes die finale Wende erfuhr. Ein Gedanke, der mir immer an solchen oder ähnlichen Orten in den Kopf kommt, ist, dass derart wichtige Orte plötzlich ihre Brisanz verlieren. Alles ist hübsch herausgeputzt. Touristen besuchen die mittlerweile musealen Stätten von einst, als sie bewachte Hochsicherheitstrakte waren, in denen vermeintlich wichtige Menschen über ganze Volksschicksale entschieden. Von diesen Menschen findet man hier nur noch Namensschilder und Informationstafeln, die mich ihre wahre Wichtigkeit in Frage stellen lassen. Mit diesen Gedanken mache ich mich auf den Heimweg. 

Ein kleiner Hindu-Tempel, der gerade frisch gestrichen wurde, macht mir den Kopf wieder frei. Ich verliere mich darin, einem Mann zuzuschauen, wie er akribisch und hingebungsvoll den Tempelschmuck poliert. Es folgt die Passage des großen Ben-Thanh-Marktes – ich würde ihn so beschreiben: Ein Mekka der Plagiate.
Später in meinem kleinen Hotel gönne ich mir eine Pause, bevor ich mich abends, als es schon dunkel ist, ins Nachtleben stürze. Einerseits, um etwas leckeres in den Garküchen zu finden und andererseits um einfach nur das wilde Nachtleben zu beobachten.

Was für ein ereignisreicher Tag, ich bin so platt, dass ich es nicht einmal mehr schaffe, aufzuschreiben, was heute passiert ist. Das werde ich auf morgen oder übermorgen verschieben. Gute Nacht, Saigon!

Samstag, 20. Dezember 2025

Ein Reisetag – Ziel Phnom Penh

Heute kann ich Euch nur wenig Aufregendes berichten, obgleich auch eine Busfahrt durchaus ein schönes Reiseerlebnis sein kann. Ich habe den frühen Bus von Saigon nach Phnom Penh gebucht, da ich es angenehmer finde, bei Ankunft noch etwas vom Nachmittag zu haben. Also, sechs Uhr aufstehen – nicht meine Lieblingszeit – kurz meine sieben Sachen zusammengepackt und los. Es ist nur ein guter Kilometer bis zur Busstation und etwas Bewegung durch's erwachende Saigon tut mir gut. Ich bin mehr als pünktlich am Treffpunkt, da ist noch Zeit für einen heißen Kaffee. Die Leute von der Busgesellschaft sammeln schonmal die Pässe für die Grenze ein und kassieren auch die Visagebühren. Dann geht es später bei der Abfertigung schneller. Alles sehr professionell, dann besteigen wir den äußerst komfortablen Bus mit breiten Ledersesseln, viel Platz für die Beine und gut gekühltem Interieur – zu gut für mein Empfinden. Ich muss einen Fleece anziehen. Pünktlich verlassen wir die Station und brauchen geschlagene zwei Stunden, um aus dem Speckgürtel von Saigon herauszukommen. Schritttempo dreispurig. Nominell sind es nur 243 Kilometer bis nach Phnom Penh, die Fahrzeit dafür ist realistisch mit 7 Stunden angesetzt. Und genauso lange werden wir auch brauchen.

Halbzeit an der Grenze zu Kambodscha, es dauert tatsächlich nur zwanzig Minuten und unser ganzer Bus ist abgefertigt. Die Reisebegleiterin hat, während wir Fahrgäste in einem netten Restaurant versorgt wurden, alle Visa besorgt, in die Pässe eingeklebt und die Gebühren bezahlt. Wir dürfen durch den VIP Schalter und am Ausgang auf kambodschanischer Seite wartet bereits unser gut gekühlter Bus. Weiter.

Wir fahren durch mehr oder weniger besiedelte Gegend, wegen Überhitzung des Busses legen wir noch einen Stop ein, ich kaufe in einem chinesischen Laden irgendetwas Erfrischendes, auf dem ein Pfirsich abgebildet ist. Meine Frage auf Englisch, was das denn sei, spare ich mir, das versteht niemand. Ich versuche es mit dem Geräusch einer Kuh, da ich vermute, es ist ein Milchgetränk. Große verständnislose Augen des kleinen Mannes hinter dem Tresen schauen mich an. Keine Reaktion. Ich wiederhole das Geräusch und verstärke es gestisch durch meine beiden Zeigefinger, die ich wie Hörner an meine Stirn lege. Auch keine Reaktion. Weitere Versuche unterlasse ich, da ich die Konsequenzen nicht einschätzen kann – ich kaufe das Getränk. Es ist ein Pfirsich-Milchshake und richtig lecker. Der Bus hupt zur Weiterfahrt.

Der Verkehr verdichtet sich zunehmend, vor uns die riesige Tsubasa Brücke über den Mekong, dann beginnt die Zielgerade. Ich habe Glück, unsere Route führt ganz nah an meinem Hotel vorbei und auf Wunsch lässt man mich direkt vor dem Königspalast raus. Ich finde, das ist ein würdiger Empfang. Es ist ziemlich heiß und es ist nicht viel los vor dem Palast. So genieße ich an diesem eher ereignislosen Tag die Ankunft um so mehr. Einen Block noch zu Fuß, dann bin ich am Ziel.

Ich habe Hunger. Die Auswahl ist riesig, von dampfenden Suppenküchen über Grillstände bis zu gut besuchten Fischrestaurants, vor denen junge Menschen tellerweise überbackene Austern schlürfen, gibt es hier alles. Mir bleibt wie immer, das beste Suppenangebot ausfindig zu machen und eine Schüssel mit viel Gemüse und Kräutern zu ordern. Klappt. Ich genieße mein Dinner und dann bin ich trotz wenig Aktivität heute dennoch reichlich platt. Meine Nase beginnt spontan zu laufen, ich glaube, die Klimaanlage im Bus hat mich geschafft... Schlafen! Morgen weitersehen. Gute Nacht.

Sonntag, 21. Dezember 2025

Limit erreicht!

Die Nacht war ruhig, aber meine Nase hat mich viel Schlaf gekostet. Irgendwie war es gestern im Bus doch zu kühl und ich hab etwas abbekommen. Nichtsdestotrotz will ich mir heute zumindest den Königspalast ansehen, darauf hatte ich mich doch so gefreut. Das gute Frühstück mit einem starken Kaffee hilft mir auf die Beine, dann breche ich auf. Es ist zwar noch sehr früh am Morgen, aber die Außentemperaturen sind schon erheblich. Derzeit herrscht extrem wenig Besucherverkehr, was mich den Palast umso besser genießen lässt. Kaum ein Mensch stört die Ruhe und ich kann mir unbehelligt von Selfie-Nerds und Lärm der Touristen alles ganz in Ruhe anschauen. Ich liebe die Stille und die Ruhe dieser Orte. Hier und da hört man ganz leise Wasser plätschern, Seerosen und Lilien schmücken farbenfroh die kleinen Teiche und Wasserkübel. Wenn ich die Tempel betrete, ziehe ich meine Schuhe aus und fühle den kühlen Boden wohltuend unter meinen Füßen. Und jeder Ort lädt ein zum verweilen. Doch dieses Wohlgefühl wird für mich heute zur Notwendigkeit, draußen unter der freien Sonne ist es nämlich nicht mehr auszuhalten.Ich quäle mich mehr und mehr von Tempel zu Tempel und suche rettenden Schatten in jeder kleinen Nische. Kein Lüftchen geht und ich muss ständig trinken, da sonst mein Mund völlig austrocknet in der heißen Luft. Dann meldet sich mein Kreislauf. Ihm wird es deutlich zu warm. Ich schleiche nur noch von einer Stelle zur nächsten und bin dankbar für jede schattige Sitzgelegenheit, die ich finde. Irgendwie fühlt sich das alles nicht gut an. Die meisten der Highlights konnte ich zum Glück bestaunen und wie wunderschön, dass ich nahezu alleine hier wandeln darf, doch für heute werde ich meine Aktivitäten abbrechen, in dem Zustand denke ich, ist es das klügste. Meine Nase quält mich immer mehr, dann gemahnt mich ein Anflug von Kopfschmerzen endgültig zur Ruhe. Und die nehme ich mir jetzt: Gemäßigte Kühlung im Zimmer, Vorhänge zu und schlafen. Limit erreicht!

Der Nachmittag wird verschlafen, Appetit habe ich keinen, aber etwas essen muss ich schließlich. Doch ich mache einen Fehler. Mit bewusster Ignoranz der Wertlosigkeit von Instant-Nahrung, kaufe ich mir eine asiatische Suppe zum Aufbrühen im Supermarkt. Nudeln gehen immer irgendwie, doch nach zwei Gabeln schütte ich alles in den Orkus, das Zeug ist höllisch scharf und – für meine Möglichkeiten – nicht essbar, mir schmerzt der ganze Mund, Essen hat sich für heute restlos erledigt. Schlafen! Der Tag ist zu Ende!

Montag, 22. Dezember 2025

Siem Reap – Eine unschöne Anreise

Ich mach’s kurz, denn ich möchte dem Tag nicht mehr Aufmerksamkeit schenken, als er wert ist. Es ist 6:30 Uhr, als ich wach werde und noch immer habe ich diesen Geschmack von scharfem Kimchi im Mund. Ich bin gerädert, aber was hilft das, ich muss zum Bus. Meine Sachen sind schon gepackt. Vor der Türe steht zufällig ein Tuk-Tuk, das mich zur Busstation bringt. Die Sonne geht auf, ich bin der erste.
Wenigstens einen heißen Kaffee gibt es hier, nach Essen ist mir nicht zumute. Das Procedere ist das gleiche wie schon an den vergangenen Tagen, wir fahren pünktlich los und zockeln im zähfließenden Verkehr aus der großen Stadt. Mir geht’s immer noch nicht besser, der Bus ist nicht ganz so kalt wie beim letzten Mal, doch mich quälen kalte Schweißausbrüche und die ständige Wassertrinkerei verschafft mir eher Übelkeit als die Löschung dieses unsäglichen, brennenden Chili-Geschmacks. Regungslos starre ich aus dem Fenster und versuche nur die restlichen Stunden bis ans Ziel auszuhalten. Während der Mittagspause finde ich neben dem Restaurant eine kleine Hängematte, die mir ein bisschen Entspannung bringt, wenn auch nur für ein halbes Stündchen. Dann geht dasselbe Spielchen weiter. Nase rebelliert, kalter Schweiß und der Kreislauf kommt einfach nicht in die Gänge. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir gegen 14:00 Uhr endlich den Busbahnhof in Siem Reap. Ich bin restlos fertig und will nur noch ins Hotel. Tuk-Tuk, einchecken und in Ruhe gelassen werden.

Die Mädels vom Empfang sind so super freundlich und bemüht, aber ich kann das gar nicht wertschätzen und schroff abwürgen möchte ich die zeremonielle Zimmereinweisung auch nicht. Endlich, dann ist die Tür zu, ich bin da und kein weiteres Ungemach steht zu befürchten. Mir ist kotzübel, immerhin habe ich seit sieben Stunden nur eine Tasse Kaffee mit Kimchi-Geschmack im Bauch. Die Ereignisse der nächsten halben Stunde überspringe ich mal aus ästhetischen Gründen, dann brühe ich mir einen schwarzen Tee auf und genieße ihn zusammen mit ein paar meiner verbliebenen Schokokekse. Gute Idee. Die fettige Schokolade bindet etwas das scharfe Capsaicin und mein Magen bekommt gleichzeitig Beschäftigung durch die Kekse. Es wird ganz langsam besser. Erneute Therapie: Schlafen!

Das sind so Tage, nicht nur auf Reisen, die man nicht braucht. Unterwegs ist es noch ein bisschen anders als im sicheren Zuhause, insbesondere wenn man solo reist. Man muss dann notgedrungen sehen, dass man das irgendwie alleine auf die Reihe bekommt und die letzten Kräfte mobilisiert, um sein nächstes rettendes Ufer zu erreichen. Für heute jedenfalls hat es geklappt und für morgen bin ich zuversichtlich. Das Hotel ist sehr schön und hier werde ich mich ausruhen können, bis ich wieder komplett fit bin. Für heute reicht es, ich wünsche mir eine gute Nacht!

Dienstag, 23. – Freitag, 26. Dezember 2025

In den Tempeln von Siem Reap

Nach den stressigen Erlebnissen von gestern habe ich meine Zeit hier in Siem Reap um drei Tage verlängert. Das Hotel ist sehr gemütlich und den Puffer habe ich alle Male. Das Schlimmste habe ich heute Nacht einfach weggeschlafen und nun werde ich ganz in Ruhe im Pavillon frühstücken gehen. Ein wunderbares Buffet ist angerichtet, mit vielen Speisen, die so recht nach meinem Geschmack sind. Viel Obst, viel Salat, Gemüse, Früchte, Eier, Säfte und guter Kaffee. So beginnen schöne Tage.

Wohlgestärkt packe ich mein Sightseeing-Equipmemt, bestehend aus Kamera, viel Wasser und Lageplan der Tempel von Siem Reap. Der gesamte Archeologische Park von Angkor ist mit runden 400 Quadratkilometern gigantisch groß. In ihm liegen um die 70 bedeutende Tempelanlagen und an die 1000 verstreute Bauwerke und Fragmente, viele sind zerfallen und teils stark überwuchert. Da die historischen und archäologischen Zusammenhänge mehr als komplex sind und ganze Bibliotheksregale füllen, versuche ich mich erst gar nicht mit einleitenden Worten – ich würde nur kläglich scheitern. Stattdessen mache ich mir einige Kreuzchen auf meiner Karte, verlasse mein Hotel und halte das nächst beste Tuk-Tuk an, mit dem Fahrauftrag: „Angkor Wat Ticket Office, please." Der Fahrer ist begeistert und ich muss ihn in seinen guten Ideen und tollen Angeboten erst einmal bremsen und ihn bitten, doch einfach loszufahren. Die Kassen am Ticket Center sind total leer, es ist nichts los hier. Was für ein Luxus. Ich kaufe mir einen schicken Mehrtagesausweis mit Foto und handel mit dem Chauffeur einen Tagessatz aus. Es soll mich den ganzen Tag durch die Gegend kutschieren. 

Wir beginnen mit Angkor Wat, dem mit Abstand größten der Herzenswünsche auf meiner ewigen Reise-Wunschliste, der heute endlich in Erfüllung geht. Trotz der sengenden Hitze ist es wieder einmal dieses magische und unverwechselbare Gefühl des ersten Moments, in dem ich wahrhaftig sehe, wovon ich Zeit meines Lebens nur Bilder im Kopf hatte: Die Prasats von Angkor Wat! Sie symbolisieren den mythischen Berg Meru, den Mittelpunkt des hinduistischen Kosmos.  Ich suche mir ein schattiges Plätzchen und betrachte dieses einzigartige Bild aus der Ferne. Ich bin überwältigt und bewegt.

Und ab hier werde ich für die nächsten Tage darauf verzichten, die genaue Tour zu dokumentieren. So, wie ich mich durch die Tempel treiben lasse, überlasse ich Euch meinen Bildern. Subjektiv und unkommentiert. Staunt mit mir und lasst Euch entführen in tausend Jahre (nicht nur) Hinduismus und Buddhismus…

Samstag, 27. Dezember 2025

Kampong Phluk – Ein Ökosystem stirbt

Der Tonle Sap in Kambodscha ist das größte Binnengewässer Südostasiens und eines der produktivsten Süßwasserökosysteme der Welt. Sein einzigartiger jährlicher Wasserstandswechsel, gesteuert durch den Monsun und den Mekong, bildet seit Jahrhunderten die Grundlage für Fischerei, Landwirtschaft und das Leben von Millionen Menschen. In den vergangenen Jahren gerät dieses fein abgestimmte System jedoch zunehmend aus dem Gleichgewicht. Der Klimawandel verändert spürbar Niederschlagsmuster, verlängert Trockenperioden und verstärkt extreme Wetterereignisse, was zu durchschnittlich niedrigeren Wasserständen und gleichzeitig intensiveren Überschwemmungsphasen führt. Die Folgen sind weitreichend: Fischbestände gehen zurück, schwimmende Dörfer verlieren ihre natürliche Anpassungsfähigkeit, Pfahlbauten reichen nicht mehr über die Maximalpegel und die Ernährungssicherheit ganzer Regionen gerät unter Druck. Der Tonle Sap steht damit exemplarisch für die tiefgreifenden Auswirkungen des globalen Klimawandels auf sensible Ökosysteme und die von ihnen abhängigen Gesellschaften. 

Trotz bestehender Klimastrategien bleiben wirksame Maßnahmen in Kambodscha weitgehend aus. Staatliche Zuständigkeiten sind unklar, finanzielle Mittel begrenzt und Anpassungsmaßnahmen unzureichend umgesetzt. Am Tonle Sap wird sichtbar, dass politische Prioritäten stärker auf kurzfristigem Wachstum als auf langfristigem Klima- und Umweltschutz liegen. Insgesamt fehlt es der Regierung sowohl an institutioneller Handlungsfähigkeit als auch an erkennbarem politischen Willen, den Herausforderungen des Klimawandels konsequent zu begegnen.

Sonntag, 28. Dezember 2025

Von Elefanten, Lepra, Buddhas und guten Suppen

Die Terrasse der Elefanten ist eines der eindrucksvollsten weltlichen Bauwerke Angkors. Sie entstand vor über 800 Jahren unter König Jayavarman VII. und liegt im Herzen von Angkor Thom, direkt vor dem ehemaligen Königspalast. Sie diente als repräsentative Staats- und Zeremonialtribüne: Von hier aus sollen die Könige Paraden, Triumphzüge, Feste und öffentliche Rituale verfolgt haben. Einzigartig sind die monumentalen Elefantenreliefs und die von Elefanten gesäumten Aufgänge, die als Sinnbilder königlicher Macht, Stärke und Ordnung gelten. 

Durchschreitet man den noch gut erhaltenen Eingang des alten Palastes, gelangt man tiefer im Dschungel zum etwas unscheinbaren Tempel von Phimeanakas mit seiner großen steilen Treppe, die zu den oberen Türmen führt. Der Duft von Räucherstäbchen liegt in der Luft, überall findet man kleine Opferstellen, an denen Geld- und Lebensmittelspenden dargebracht werden. 

Vorbei an kleinen Teichen – der größte ins der Man's Pond – winden sich kleine Wege durch den Urwald, für dessen Schatten ich sehr dankbar bin. Am Ende türmen sich Tempelmauern mit tausenden von kleinen Figuren und Ornamenten auf. Alle einzeln aus dem Stein gemeißelt. Der Tempel des Leprakönigs. Er liegt im Norden der Terrasse der Elefanten, ebenfalls in Angkor Thom. Hier befindet sich eine kleine Plattform mit einer Statue, die lange als Darstellung eines „Lepra-Königs“ galt. Der Name geht auf frühe europäische Besucher zurück, die die verwitterte Figur – mit beschädigter Oberfläche und fehlenden Gliedmaßen – fälschlich mit Lepra in Verbindung brachten. Medizinische Belege gibt es dafür nicht. Der tatsächliche Hintergrund der Darstellungen ist ungeklärt – solange bleibt es also der Tempel des Lepra-Königs.

Mein Tuk-Tuk Fahrer empfängt mich mit frischem kühlen Wasser und wir fahren ein letztes Mal zum Tempel Angkor Wat. Unterwegs finde ich noch einen kleinen Buddha-Tempel auf einem Parkplatz – das sind die kleinen ungeplanten Highlights solcher Touren.

Es sind nur unwesentlich mehr Besucher unterwegs als an den Weihnachtsfeiertagen. Somit ist der Tempel auch heute leer und der Aufenthalt ist mehr als angenehm. Kein Gedränge, kein Lärm, man findet seine ruhigen Ecken, um zu entspannen und alles Schöne auf sich wirken zu lassen. Hier und da kleine Opferstellen an geschmückten Buddhas, die den Duft von heißem Wachs und Räucherstäbchen verbreiten. Durch die langen Gänge und die vielen kleinen Räume weht ein leichtes Lüftchen, dass mir etwas Abkühlung von der enormen Hitze verschafft. Ich finde langsam meinen Weg, ohne dass ich hier irgendeinen Plan habe oder ein bestimmte Reihenfolge beachte. Angkor ist gewaltig und mächtig, aber ein stiller Ort mit einer langen und großen Geschichte. Und diese Geschichte wirkt – man muss einfach nur hinhören und hinsehen, dann erzählt der Geist von Angkor Wat seine Geschichte von ganz alleine. Was für ein besonderer Ort.

Und bevor meine Zeit in Kambodscha endet – morgen früh fahre ich weiter nach Laos – muss ich noch von der guten Küche berichten. Seit dem nahezu vollständigen Verlust meines Geschmackssinns vor zwei Jahren ist Essen für mich nicht einfach. Aus zwei Gründen: Zum einen kann ich bestimmte Dinge nicht mehr essen, dazu gehören alle scharfen Speisen. Zum anderen schmecken sehr viele Gerichte für mich schlicht nach nichts.

Die Zusammenhänge sind komplex, und angesichts dessen, dass ich mich in Südostasien befinde – dort, wo für mich die beste Küche der Welt zu Hause ist –, erlebe ich täglich eine schmerzhafte Frustration. Wenn Papayasalat, Tom Yam Gung, Massaman-Curry und ähnliche Spezialitäten auf den Speisekarten stehen und ich weiß, dass ich das mutmaßlich weder heute noch jemals wieder bestellen kann.

Doch hier in Siem Reap gibt es einen kleinen Lichtblick. In einem recht teuren Khmer-Restaurant neben meinem Hotel werden alle Gerichte auch „not spicy“ zubereitet. Gut, beim Papayasalat funktioniert das nicht, aber verschiedene Suppen und Currys habe ich ausprobiert, und ich muss sagen: Ich war überwältigt. Die Aromen, die mir in die Nase stiegen, waren eine Freude – fast so, als könnte ich sie auch schmecken und nicht nur riechen.

Dreimal hintereinander habe ich abends mein neues Lieblingsrestaurant besucht und wurde nicht enttäuscht: von Kor Ko Soup, Hähnchen-Kokos-Suppe und Khmer-Curry.

Das war Kambodscha – viel zu schnell vorbei, aber dennoch so schön, dass ich hier war. Ich habe Angkor besucht, ein Sehnsuchtsziel seit meiner Kindheit. Es klingt immer so abgedroschen, wenn man sagt, ich komme wieder, aber das ist in diesem Fall nicht auszuschließen. Mit mehr Zeit – viel mehr Zeit! 

Montag, 29. Dezember 2025

Eine lange chaotische Fahrt nach Laos

Heute ist Reisetag – ein langer Reisetag. Mein Bus von Siem Reap nach Pakse in Laos geht um 8:15 Uhr. Zeitig nehme ich ein Tuk-Tuk zur Busstation und setzte mich in die angenehme Morgensonne. Es ist noch niemand da, nur ein verschlossenes Office, das eine Katzenpension ist. Die Station heißt ja auch "Coco Cat Café", sehr eigenwillig. Dann taucht ein Mann in einem offiziellen Diensthemd auf und schlägt mir vor, dass ich doch noch den Tempel gegenüber besichtigen soll, es dauere noch etwas. Nein, Morgensonne ist mir lieber und meine Reisetasche möchte ich ungern den Katzen anvertrauen.

Pünktlich um 8:15 Uhr kommt ein Minivan samt Fahrer und lädt mich ein. Ich könne sitzen wo ich wolle, ich sei der einzige Fahrgast heute, was ich kaum glauben kann. Der Umstand macht es auch erklärbar, dass wir etwa eine Stunde im Schritttempo und völlig unkoordiniert in Siem Reap herumschleichen. Der Chauffeur telefoniert permanent, steigt aus, verhandelt, steigt ein, irrt durch das erwachende Siem Reap. Ein zweiter Fahrgast kommt hinzu, dann wiederholt sich das Spiel. Plötzlich müssen wir umsteigen in einen anderen Bus, in dem schon Leute sitzen. Begründung "Car problem!"

Als der Kleinbus einigermaßen gefüllt ist, übernimmt ein anderer Fahrer und es geht endlich los. Wir verlassen Siem Reap. Die Karre gibt derweil Geräusche von sich, die nicht darauf hindeuten, dass ich mein Ziel in Laos erreichen werde. Um es kurz zu machen, unser Fahrer telefoniert und chattet permanent während der Fahrt – offensichtlich akquiriert er weitere Fahrgäste. Wir fahren über staubige Nebenpisten und holen Menschen von zu Hause ab. Der Bus wird immer voller. Reissäcke, Obstsäcke, Koffer und Kisten werden geladen bis der letzte Stauraum voll ist. Die Fahrt endet an der laotischen Grenze am Nong Nok Khiene Border Checkpoint. Alle aussteigen und bitte mit Gepäck durch die Kontrollen laufen! Auf der anderen Seite stehe ein neuer Bus, heißt es. Ich bekomme irgendeinen Zettel in die Hand gedrückt und marschiere los. Wir müssen bei der Affenhitze den ganzen Grenzstreifen zu Fuß durchqueren, Autos fahren hier nicht. Das komplette Zeremoniell dauert etwa eine Stunde. Ausreise Kambodscha, alles wird mit buchhalterischer Akribie dokumentiert, dann weiterlatschen zur laotischen Seite und dort die gleiche Arie zwecks Einreise: Foto, Visum, Stempel, Datenerfassung – kostet 40 USD in bar und zwei Dollar Bearbeitungsgebühr – auch in bar! Ich bin in Laos! Und irgendwie finde ich in dem Chaos auch meinen Bus, der nach Pakse fährt. Einsteigen!

Nun ja, nach Pakse fährt der Bus nicht, sondern in ein kleines Dorf am Mekongufer, wo dann der vierte Bus bereitsteht. Der fährt aber jetzt wirklich nach Pakse. Und wie! Ein kleiner schrumpeliger Laote besteigt den Fahrersitz, stellt ihn mit aufrechter Rückenlehne in die vorderste Position, damit er überhaupt ans Lenkrad kommt. Filmreif, und sein Fahrstil ebenfalls. Als ginge es um irgendeine begehrte Trophäe oder einen Rekordversuch, brettert der Winzling bei einbrechender Dunkelheit über die dunklen laotischen Überlandstraßen. Eine Prüfung für's Material und man blendet sich hier nachts gegenseitig mit Fernlicht, das eher die Bezeichnung Flutlicht verdient, das ist unfassbar. Dazwischen kleine Tuk-Tuks oder Kinder auf Rollern – unbeleuchtet!

Nach knapp drei abenteuerlichen Stunden erreichen wir das nächtliche Pakse. Eine Großstadt mit viel lauter Musik, Leuchtreklame, großer Kirmes im Zentrum und einem erschöpften Fahrer am Steuer, der nicht mal mehr auf meine Bitte reagiert, anzuhalten, da wir gerade mein Hotel passieren. Toll, also mit einem Tuk-Tuk in knatternder Fahrt für fünf Dollar drei Kilometer zurück. Endlich bin ich da! Ich bin platt.

Nette Menschen im Hotel, aber leider sind die Zimmer nicht sehr gemütlich. Nun ja, noch kurz zum Supermarkt, dann duschen und ins Bett. Was für ein Reisetag!

Dienstag, 30. Dezember 2025

Tempeltag

Bei Sonnenschein ist die Welt schon schöner. Ich habe gut geschlafen, und gegen halb neun meldet sich ein vertrauter Kaffeedurst. Aufstehen. Frühstück im hübschen Garten. Draußen, auf der Terrasse am Pool, ist bereits alles gedeckt, und ich kann ganz nach meinen Wünschen bestellen. Alles wird frisch zubereitet; währenddessen zapfe ich mir einen Kaffee am Espresso-Automaten. Grauselig. Obwohl Kambodscha und Laos wahrlich keine Nobodys in Sachen Qualitätskaffee sind, habe ich bislang nur abscheuliche Brühen bekommen. So auch heute. Bitter, sauer, irgendwie chemisch und viel zu stark. Ab morgen Tee. Das Frühstück ist akzeptabel: weiße Pitaya, süße Bananen und frische Melone. Der Tag kann kommen.

Ein wenig Organisatorisches für morgen. Ich suche mir eine kleine Rundtour zu ein paar sehenswerten Orten heraus, an die man allein nicht ohne Weiteres gelangt. Ein Hotel für mein nächstes Ziel buche ich auch noch, dann mache ich mich langsam auf zum Tempeltag. Nicht weit von hier, direkt am Mekong, liegt der kleine Tempel Wat Luang. Das nächste Tuk-Tuk gehört mir, und in lautstarker Fahrt bringt mich der Fahrer direkt dorthin.

Niemand ist hier außer den Mönchen, die hier leben und ihren täglichen Aufgaben nachgehen. Es ist üblich, dass alle Räume geöffnet sind und man sich frei bewegen darf. Die Anlage ist nicht groß und folgt ganz der Tradition: die Haupthalle für Andacht und Zeremonien, der Sim; die Versammlungs- und Lehrhalle, der Viharn; die Wohnhäuser der Mönche, die Kutis; dazu kleine Schreine mit Reliquien und ein Bildungs- beziehungsweise Bibliotheksgebäude, das nicht unbedingt öffentlich zugänglich ist.

Ziellos lasse ich mich durch den kleinen Garten treiben. Alles wirkt liebevoll, gebraucht, selbstverständlich. Die Teiche mit den Wasserlilien sind gefüllt, die Opferaltäre aufgeräumt. Hier und da glimmen Räucherstäbchen und füllen die Luft mit ihren vertrauten Düften von Jasmin, Sandelholz und Zeder. Es ist heiß, und ich sehne mich nach Abkühlung. Schuhe aus. Im Sim finde ich kühle Stille. Alle Fenster stehen weit offen. Lautlos bewegt der Wind die Vorhänge, ich setze mich auf den dicken Teppich an eine Säule. Dann passiert nichts. Lange nichts. Ohne an irgendetwas zu denken, betrachte ich die große zentrale Buddhafigur in der „Calling the Earth to Witness“-Pose, umgeben von vielen kleineren Buddhas und goldenen Bodhi-Blättern – jenen Blättern, unter denen Siddhartha Gautama einst die Erleuchtung erlangte.

Für mich ist dies eine faszinierende Welt. So fern meiner eigenen kulturellen und religiösen Prägung, und doch jedes Mal erstaunlich nah und vertraut, wenn ich an solchen Orten verweilen darf. Es sind Momente, in denen ich die ganze kaputte Welt da draußen loslasse. Momente, in denen ich nicht mehr unter kranken Despoten und narzisstischen Autokraten leide. Nicht unter selbstherrlichen Fanatikern. Nicht unter der uneinsichtigen Dummheit jener Massen, die früher oder später unsere Welt wieder an den Abgrund treiben werden. Wohl wissend, dass die Realität nicht verschwunden ist, kann ich für einen Augenblick loslassen. Alle Anhaftungen loslassen. Mich erfüllt eine stille, tragfähige Gelassenheit gegenüber Freude und Leid. Stunden vergehen.

Mit vollgetankter Seele und innerer Ruhe ziehe ich weiter. Gegenüber lädt ein Shiva-Schrein zu einer Umrundung ein, dann kehre ich zurück ins Weltliche. An der Ecke entdecke ich ein hübsches Café – und tatsächlich gibt es dort einen richtig guten Cappuccino und Käsekuchen. Ich lasse den Nachmittag weltlich ausklingen und mich später von einem Moped-Tuk-Tuk wieder zurück zum Hotel fahren.

Duschen. Zum Abendbrot gibt es nebenan beim Chinesen hervorragende Momos. Dann senkt sich die Dunkelheit über den Tempeltag. Gute Nacht!

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Ein geplatzter Tag

Der letzte Tag des Jahres. Es war ein vertrödelter Tag, denn gestern Abend hatte man kurzfristig meine geplante Tour zu den Wasserfällen und nach Vat Phou abgesagt. Zu wenig Touristen, war die unverhohlene und offizielle Begründung. Es ist immer wieder ärgerlich festzustellen, dass organisierte Veranstalter sich mittlerweile eine Monopolstellung geschaffen haben und keinerlei Risiken für ihre Geschäfte übernehmen. Wenn der Profit nicht zufriedenstellend ist, wird einfach konsequenzlos abgesagt, das Geld gibt’s in vierzehn Tagen zurück. Der Teilnehmer hat diese Option nicht, Buchungen für ihn sind nur mit „Geld-weg-Garantie“ möglich. Das nennt man Marktmacht. Sich eine solche Tour direkt mit lokalen Fahrern selbst zu organisieren, ist nach wie vor die bessere Variante, aber das ist in der Kürze der Zeit sehr schwierig und erst möglich, wenn man vor Ort ist. Wie sehr liebe ich doch das Reisen ohne Zeitlimit! Da muss man nichts im Voraus buchen und ist nicht abhängig von Online-Anbietern.

Nun, dann machen wir das Beste draus und reihen einfach entspannte Tätigkeiten aneinander. Ausschlafen, ausgiebiges Frühstück, lesen, schreiben, Pool, Fotos bearbeiten, Kaffee, Kekse und auf Mitternacht warten. 

Gegen Abend steigt der allgemeine Lautstärkepegel der Stadt, ein Konglomerat von unterschiedlichster Musik mischt sich mit dem gelegentlichen Abbrennen von Pyrotechnik. Irgendwie halten sich die Ausmaße aber in einem erfreulich bescheidenen Rahmen – weit entfernt von den hysterischen Ausuferungen der degenerierten Luxusgesellschaften meines Kulturkreises. Und spannender Weise endet dieses kleine Feuerwerk abrupt fünf Minuten nach Mitternacht. Nahezu Stille tritt ein, nur etwas Musik hallt noch von den Partys herüber, dann beginnt 2026. Möge es wider alle Wahrscheinlichkeiten ein schönes Jahr werden – für uns alle!

Donnerstag, 1. Januar 2026

Auf in den Norden

Heute ist wieder ein Reisetag, allerdings ein sehr entspannter und ich freue mich auf mein Ziel Luang Prabang, im Norden von Laos. Vor einer Woche, nach meiner zehrenden Anreise nach Siem Reap, hatte ich mich entschlossen, das Flugzeug von Südlaos bis nach Luang Prabang zu nehmen. Und heute bin ich froh, diese Entscheidung getroffen zu haben, denn mit dem Bus wären es zwei komplette Tagesreisen gewesen und ohne, dass ich Zeit für Land und Leute gehabt hätte. Ich habe den Nachmittagsflieger, da bleibt Zeit für ein stärkendes Frühstück und entspanntes Klamotten packen. Der sehr nette Chef des kleinen Hotels besorgt mir ein Tuk-Tuk für einen fairen Preis zum Flughafen, wo ich ausreichend Zeit habe, noch etwas für Euch zu schreiben. Ich mag diese kleinen Flughäfen, wo alles noch etwas individueller zugeht. Wo Fluggäste persönlich zum Boarding zusammengerufen werden und wo einfach Pappkarten aufgehängt werden, um das Einstiegsgate zu kennzeichnen. Heute gehen insgesamt nur sechs Flüge ab Pakse. Dann wird das Schild mit meinem Ziel aufgehängt. Die kleine selbstbewusste Flugbegleiterin prüft freundlich meine Bordkarte und zeigt mir ungefähr, welches Flugzeug auf dem Vorfeld ich nehmen soll. Der Flieger ist erstaunlich schnell gefüllt, dann geht es auch schon raus zur Startbahn.

Lange keine Turboprop mehr geflogen, da ist das Flugerlebnis immer etwas intensiver bis man endlich über den wasserbeladenen Wolken ist. Unter uns nun anderthalb Stunden meist urwaldbewachsene Berge – und der Mekong. Wie schön, über dieses grüne Land mit seinem großen stillen Fluss zu gleiten, hätte ich doch den Bus nehmen sollen? Nein, das spare ich mir für eine Zeit ohne Limit – wenn ich vielleicht noch einmal wiederkomme. Wir schaukeln hinunter ins Mekongtal – was für ein Ausblick. Ich bin am Ziel.

Der Weg ins Hotel geht schnell und reibungslos, ich glaube, ich habe mit meiner Unterkunft die richtige Entscheidung getroffen. Ein freundliches Willkommen und irgendwie ist alles sehr familiär. Abladen, jetzt habe ich Hunger. Die Wege sind nicht weit und das Angebot ist üppig. Luang Prabang ist immerhin eines der Highlights in Laos und man sollte nicht erwarten, dass man hier alleine ist. Wenn ich ehrlich bin, ist das ein Tourinest. Zwar ein hübsches, aber die Zeiten, als Luang Prabang ein Geheimtipp war und die ersten Rucksackpioniere vom Buddhistendorf am Mekong schwärmten, sind lange vorbei. Machen wir also das Beste draus.

Ich wohne sehr nah am Flussufer und das Überangebot an Restaurants macht es mir leicht, die vielversprechendste Suppenküche mit Panoramablick ausfindig zu machen. Der westliche Himmel färbt sich schon orange und die vielen glitzernd beleuchteten Schiffe auf dem abendlichen Mekong verströmen sogar etwas Romantik. Auf den Booten – die alle nur touristische Zwecke haben – sieht man Menschen speisen, tanzen oder auf den Oberdecks an Cocktails herumnippen. Sei's drum, es gefällt mir. Auch ich bekomme meinen Mango-Shake und meine heiße laotische Gemüsesuppe serviert. Was für ein Duft und schmecken tut sie zudem vorzüglich. Ein Lichtblick in meiner klein gewordenen kulinarischen Welt. So habe ich mir das vorgestellt und es ist erst der erste Tag des neuen Jahres – so darf es weitergehen!

Ich spaziere noch ein paar Umwege durch die abendlichen Gassen zu meinem Hotel, um mir einen kleinen Überblick zu verschaffen. Vor mir läuft die ganze Zeit ein junger Mönch in seinem orangen Gewand – ich folge ihm einfach. Mal sehen, wohin er mich führt. Plötzlich biegt er ab, überquert die Straße und verschwindet auf einem Tempelgelände. Alles ist unbeleuchtet, nur der Haupttempel, der Sim, ist hell angestrahlt und das goldene Leuchten seiner Fassade überstrahlt die Dunkelheit. Was für ein Anblick, still und erhaben, und der Trubel der Straßen verstummt in meiner Wahrnehmung.

Ich lasse die Ruhe und das Licht eine ganze Weile auf mich wirken, dann gehe auch ich schweigend das letzte Stück meines Weges nach Hause und mache es mir gemütlich für die Nacht. Die Nächte hier in den Bergen sind deutlich kühler und erlauben einen entspannteren Schlaf ohne rauschende Klimaanlage oder ratternde Ventilatoren. Gute Nacht, Luang Prabang, und ab morgen haben wir eine Woche gemeinsam Zeit!

Freitag, 2. Januar 2026

Meine Zeit in Luang Prabang

So, jetzt bin ich für über eine Woche hier in Luang Prabang und habe alle Zeit der Welt, es ruhig und entspannt angehen zu lassen. Die durchaus ambitionierte Anreise von Saigon über Phnom Penh, Siem Reap und Pakse bei tropischen Temperaturen nie unter 30 °C war kräftezehrend und an manchen Tagen herausfordernd. Umso schöner ist es, dass ich jetzt hier in den Bergen, wo der Nam Khan in den stillen Mekong mündet, Erholung finde und meinem alten Prinzip „one thing a day“ folgen kann.

Mein kleines Hotel ist hübsch und bescheiden in der kolonialen Altstadt gelegen und nur einen Block vom Mekongufer entfernt. Ich kann jeden Morgen ausschlafen und das gute Frühstück genießen, auf dem Balkon verweilen und morgens den Mönchen bei ihrem Almosengang zusehen. Das Klima hier auf dreihundert Metern ist äußerst angenehm: Zwar ist es tagsüber immer noch sehr warm, aber mit der Dämmerung kühlt es herrlich ab, und die nächtlichen Temperaturen reichen bisweilen in den einstelligen Bereich hinunter, was mir erholsamen Schlaf beschert.

Luang Prabang selbst ist, wie ich oben schon erwähnte, ein touristischer Ort, aber es ist irgendwie entspannt geblieben hier. Der erste Rummel am Tage meiner Ankunft war intensiv, doch das lag definitiv am Neujahrstag. Viele Menschen haben hier den Jahreswechsel gefeiert und sind dann offensichtlich wieder abgereist. Vor den vielen kleinen Hotels und Guesthouses stehen Schilder, die auf freie Zimmer hinweisen, und die Restaurants und Cafés sind bei Weitem nicht mehr so üppig besucht oder haben tagsüber einfach komplett geschlossen. Auf dem Mekong tummelt sich bestenfalls abends noch eine überschaubare Anzahl von Ausflugsbooten, wenn es um die begehrten Sunset-Cruises geht – die wirklich etwas ganz Besonderes sind. Tagsüber tuckert lediglich die Fähre zum anderen Ufer hinüber und zurück.

Also präge ich mir grob den Umgebungsplan der Altstadt ein und lasse mich in diesen Tagen einfach treiben. Natürlich stehen Orte wie Phousi Hill, Wat Xieng Thong und Wat Xieng Mouane genauso auf der Liste wie all die Märkte und das bunte Straßenleben auf der Vergnügungsmeile – wobei Letzteres aber weniger als Sehenswürdigkeit einzuordnen ist denn als eine Art „Beifang“. Neben dem Glanz der Tempel und ihrer Authentizität begeistert mich die Beobachtung des Alltags, der an diesen für mich eher respektgebietenden Orten einfach so stattfindet. Die Mönche – also die Bewohner der Tempel – reparieren, pflegen und gärtnern nicht nur, sie waschen, hängen ihre orangefarbene Wäsche zum Trocknen auf, kochen in den offenen Küchen, putzen Fenster oder spielen manchmal auch Fußball.

Mehrmals am Tag gibt es zu genau festgelegten Zeiten rituelle Ordnungsrufe. Diese bestehen meist aus lauten Trommelschlägen, begleitet von scheppernden Becken und Gongs. Generell dienen im Theravada-Buddhismus große Trommeln, Gongs und Becken dazu, den Tagesablauf im Tempel zu strukturieren. Sie markieren feste Zeitpunkte, zu denen bestimmte gemeinschaftliche Handlungen beginnen oder enden. Typischerweise geschieht dies früh am Morgen zur Ankündigung der Rezitationen und der Vorbereitung auf den Almosengang oder am frühen Abend zur Einberufung der Mönche zur Abendrezitation und Meditation. Ich bin begeistert und könnte stundenlang zusehen.

Nach so viel Buddhismus, Spiritualität und Tradition fühle ich mich immer wohltuend leer und überaus zufrieden mit meinem derzeitigen Leben. Mein Weg führt mich zur Mittagszeit durch die verwinkelten, bunten Märkte. „Märkte“ heißt hier: Jeder kocht oder grillt irgendetwas vor seiner Tür, verkauft Obst, Gemüse, Snacks oder den einen oder anderen nützlichen Alltagsgegenstand. Und wenn die Geschäfte zur Mittagszeit nicht ganz so florieren, wird auch mal ein Nickerchen eingeschoben. Wem sollte das nicht gegönnt sein? Denn eines ist ganz deutlich sichtbar: Die Menschen arbeiten hier alle sehr hart für ihren Lebensunterhalt. Tagein, tagaus. Und die Freundlichkeit, die sie jedem Gast und Kunden entgegenbringen, ist bemerkenswert – noch!

Denn mit dem Einzug des Massentourismus – der hier in Luang Prabang längst stattgefunden hat – gehen solche Attribute der Achtsamkeit erfahrungsgemäß als Erstes verloren. Das monetäre Geschäft wird oft zum Credo, und dem massentouristischen Kunden geht es viel zu häufig nur um seinen Spaß und preiswerten Konsum, weniger um die lokale Geschichte und Lebenskultur.

Wie auch immer: Mir ist die Freude an den Menschen noch nicht verloren gegangen. Ich habe Spaß daran, mit ihnen zu sprechen – meist nur einzelne englische Worte – oder mich einfach unter sie zu mischen. Bedauerlich ist nur eines: dass ich nichts von den unfassbar gut duftenden Sachen probieren kann, die im Überfluss angeboten werden. Abgesehen davon, dass ich ohnehin nichts schmecken kann, riskiere ich eine orale Apokalypse, wenn meine Rückfrage nach „spicy“ hinsichtlich der subjektiven, quantitativen Einordnung zwischen der Köchin und mir einmal divergieren sollte. Ich begnüge mich notgedrungen mit den Düften und signalisiere den Garküchenkünstlerinnen immer, dass ich satt bin und es sehr bedaure, nicht probieren zu können – was für eine schmerzhafte Notlüge.

Der Nachmittag vergeht mit fortgesetzten Erkundungen ohne Plan, und als sich die erste Dämmerung ankündigt, beschließe ich meinen Tag mit dem Besuch des wunderschönen Tempels Wat Xieng Thong und einem Ausklang auf meinem Balkon bei Vollmond. Was an einem einzigen Tag so alles an Eindrücken zusammenkommt – ich bin immer wieder überwältigt. Gute Nacht!

Sonntag, 4. Januar 2026

Die Höhlen von Pak-Ou mit touristischen Abstrichen

Tham Thing und Tham Theung heißen sie und liegen etwa 25 km flussaufwärts von Luang Prabang. Genau dort, wo der Nam Ou in den Mekong mündet: die Pak-Ou-Höhlen. Und der Name beschreibt eben diesen Ort: „Pak“ bedeutet Mündung, „Nam“ heißt Wasser, und „Ou“ ist der Name des Flusses. So einfach ist das.

Der Kleinbus ist voll, und über eine übelste Schlaglochpiste brauchen wir eine knappe Stunde bis zum Ausgangspunkt außerhalb der Stadt, einem kleinen Camp am Mekongufer, wo alle möglichen Tourigruppen eingesammelt werden und zunächst mit einem – zugegeben sehr guten – Buffet abgefüttert werden. Getränke aller Art sind kostenlos. Eine von dreien, in ihren Körpermaßen imposant, füllt sich erst einmal unauffällig ihren Rucksack mit mehreren Flaschen Bier auf Vorrat. Ein paar andere Gäste fressen wie die Schweine von ihren maßlos überfüllten Tellern – aber das ist ja nur die von meinem Kulturkreis geprägte Perspektive der Dinge. Es wird viel Zeit totgeschlagen, die Guides stellen sich mit dem üblichen „Welcome“- und „We-are-family“-Gequatsche vor, und dann lungern hier zur Belustigung noch ein paar Elefanten aus der Rettungsstation frei herum. Man kann sie mit Zuckerrohr und Bananen füttern und auch gefahrlos anfassen. Es sind ehemalige, mit Sicherheit geschundene Kreaturen, die sich nun frei bewegen dürfen – ohne Ketten, ohne Elefantenhaken und ohne Zwangsarbeit. Im Prinzip eine gute Aktion, denn in Laos gibt es sehr viele ehemalige Arbeitselefanten.

Die Boote für die Überfahrt zu den Höhlen sind eingetroffen. Nun werden wir auf Gruppen verteilt und übergesetzt. Das alles entbehrt jeder Ordnung oder Systematik, mir ist das völlig egal, und ich steige ein, wo es passt. Hauptsache, sie bringen mich endlich ans andere Ufer. Kurze Überfahrt über den derzeit sehr wasserarmen Mekong – eine Meisterleistung des kleinen, barfüßigen Kapitäns, uns sicher durch Stromschnellen und Sandbänke zu manövrieren. Ich genieße derweil das herrliche Bergpanorama; dann sind wir drüben.

Die Höhlen von Pak-Ou sind ein bedeutender buddhistischer Pilgerort in Laos. Traditionell ein Ort für spirituelle Opfergaben und Verdienste, das sogenannte Merit-Making, das der Anreicherung von gutem Karma dient und unter anderem aus Almosen, Rezitationen, Blumen- und Räuchergaben oder Gebeten besteht. Eine kleine, bewusst gegebene Spende zählt hier mehr als eine große, aus Pflichtgefühl oder zur Selbstdarstellung gemachte. Und so ist es auch schlüssig, dass in den Höhlen tausende Buddhas unterschiedlichster Größe, Materialien und Posen (Meditation, Lehrhaltung, liegender Buddha) ihren Platz gefunden haben. Viele wurden über Jahrhunderte von Gläubigen hiergelassen; teils aus Holz, teils aus Metall oder Stein. Besonders frequentiert sind diese heiligen Höhlen während Pi Mai, dem Lao-Neujahr im April, wenn die Statuen rituell gereinigt und gesegnet werden. Ein Ort mit einzigartiger spiritueller Symbolkraft, der über seine reine Architektur hinaus eine wahrlich außergewöhnliche religiöse Bedeutung hat. Ich könnte Stunden an diesem mystischen Ort verweilen und würde vermutlich in jeder Miniatur ein neues Gesicht, eine besondere Pose oder einfach nur die Begegnung mit meiner inneren Ruhe finden. Doch das Touriboot mit unseren Ausflüglern wartet am Anleger – die Prioritäten sind sichtbar anders gelagert: Gruppenfotos, kostenlose Erfrischungsgetränke und Selfies mit dem Mekong, der Mutter der Flüsse – Mae Nam Khong. Aber ich glaube, das wissen sie gar nicht.

Wir tuckern weiter, nunmehr flussabwärts, und werden zur nächsten Verkaufsveranstaltung befördert: einer Reis-Whiskey-Destillerie und Weberei am linken Mekongufer. Bezeichnenderweise ist hier deutlich mehr Zeit eingeplant, um den geneigten Touristen zum Kauf der hochprozentigen Alkoholika aus Reis zu motivieren. Alle dürfen mal nippen und schnuppern und werden bequatscht, wie es auf einer klassischen Butterfahrt nicht besser sein könnte. Ich setze mich abseits auf eine hübsche Terrasse mit Ausblick – für Zeitverschwendung bin ich nicht hierhergekommen.

Unerwartet taucht Spider-Man auf und stellt sich wortlos vor, indem er auf sein bedrucktes T-Shirt verweist. Er posiert eindrucksvoll am Terrassengeländer und nimmt mich dann mit in seine Weberei. Klar, was macht ein Spider-Man, wenn er nicht gerade am Filmset zu tun hat? Richtig, er webt! Eines Spiders würdig erklimmt er die großen Webstühle, räkelt sich selbstgefällig auf seinem unfertigen Gewerk und präsentiert mir stolz Schiffchen, Schuss und Kette. Eine unerwartete, aber äußerst sympathische Begegnung. Die Touris sind mittlerweile abgefüllt und gemolken – wir können weiter.

Zurück nach Luang Prabang wählen wir den Wasserweg, was zeitlich perfekt auf den Sonnenuntergang getaktet ist, wenn da nicht die drei Italienerinnen die Abfahrt verpennt hätten. Also noch einmal zum Anleger zurück und Signora Adipositas, Donna Guanciale und Ragazza Birra die Bühne für ihre Show gegeben. Eine filmreife Szene aus dem Streifen „Das hat der Mekong nicht verdient“ …

Nichtsdestotrotz ist die abendliche Flussfahrt sehr beschaulich, wenn auch ein wenig frisch. Ich hätte mir eine Jacke einpacken sollen. Was ich in den vergangenen Tagen schon öfter von der Promenade aus habe bestaunen dürfen, sehe ich heute erstmals vom Wasser. Der Himmel färbt sich orange im feuchten Dunst der Bergwälder, nachdem die Sonne untergegangen ist, und taucht alles in eine wahrlich surreale Stimmung. Nach und nach tauchen immer mehr glitzernde Lichter der Restaurants und Bars am Ufer von Luang Prabang auf; es ist nicht mehr weit.

Der kleine Käptain legt gekonnt am Naturufer an, und für mich ist es nur ein kleiner Fußweg nach Hause. Ich werde jetzt etwas sortieren müssen, um die wertvollen Eindrücke des Tages aus dem überflüssigen Beiwerk herauszulesen. Am besten geht das bei einem gemütlichen Dinner am Nachtmarkt und einem leckeren gelben Curry – die gelben sind nicht so scharf! Die Luft wird kühl und erholsam, der Tag ist bald vorbei, und ich freue mich auf mein Bett.

Mittwoch, 7. Januar 2026

Vom Nachtmarkt und vom Essen

Nachdem die letzten Tage vornehmlich durch langes Ausschlafen, Spaziergänge und Tempelbesuche geprägt waren, will ich mich heute mal dem Nachtmarkt und den vielen Garküchen widmen. Zwar findet man hier in der Stadt durchaus sehr gute – und auch teure – Restaurants, die einem internationalen Vergleich locker standhalten können, aber der Nachtmarkt mit den angeschlossen unzähligen kleinen Essensständen ist an Authentizität nicht zu überbieten. Sicherlich ist das Ausmaß, sowohl in der Anzahl als auch in der Breite des Angebots, dem Tourismus geschuldet, aber die Einheimischen gehen hier ebenso abends zum Essen wie die Touristen. Sie wissen nur genauer, was sie bestellen! 

Das ganze Nachtleben spielt sich im Wesentlichen in der und um die Sisavangvong Road ab. Das ist die prominenteste Straße in Luang Prabang. Sie führt zwischen Phousi-Hill und dem Königspalast hindurch und mitten durch das alte koloniale Viertel. Im östlichen Abschnitt sind die besseren Hotels, viele hübsche Bars und nette kleine Restaurants angesiedelt. Ab Phousi-Hill westlich werden jeden Abend die Verkaufsstände aufgebaut und mit mehr oder weniger wertigen Waren und Souvenirs, sowie mit dem üblichen Touri-Mist befüllt. Man kann durchaus ein paar nette Mitbringsel hier erstehen, insbesondere schmucke Alltagstextilien, geschnitzten Kleinkram oder bunte Holzschüsselchen. Für hochwertigeres Kunsthandwerk muss man speziellere Läden aufsuchen – da wird es aber dann verständlicherweise sehr teuer. Ich durchquere den Nachtmarkt, an dessen Ende mein eigentliches Ziel liegt, der große Essensmarkt. Ein riesiger Platz, wo sich Lebensmittelläden, Imbissbuden, kleine und große Garküchen die engen Standflächen teilen. In der Mitte stehen zig Tische und Bänke für die Gäste, an denen sie ihre erstandenen Mahlzeiten genießen können. Das ganze funktioniert wie ein amorpher Organismus, ohne ein klar erkennbares System – aber es funktioniert. Und ich mitten drin.

Nun möchte ich ja gerne etwas zu Abend essen, und zur sicheren Auswahl wende ich ein Drei-Phasen-Verfahren an. Ich beginne mit Phase I, der Erfassung. Das bedeutet, ich nehme die angebotenen Speisen visuell und, soweit lesbar deklariert, auch kognitiv wahr und ordne sie mir bekannten Nahrungsmittelgruppen zu: Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Reis, Nudeln, Suppen, Gebäck etc. Erste Erkenntnis: Die laotische Küche ist sehr fleisch- und fischlastig. 

Dann schließt sich Phase II an, die binäre Selektionsphase:
a. „Das sieht aber lecker aus“ oder
b. „Boah nee, ich glaub' nicht“.

Als letzte folgt Phase III, die detaillierende Verifizierung der in Phase II nicht bereits ausgeschiedenen Speisen im Gespräch mit dem Anbieter. Der Dialog kann dann in etwa so ablaufen:

Ich: (zeigend auf einen dampfenden Topf wohlriechender, undefinierbarer Suppe, die unverkennbar auch viel Gemüse enthält.) „What is it?“

Der Koch (sehr überzeugend): „Soup, vegetables and pork belly from inside, not spicy, 50.000 kip. Very good!“

Rückfall auf Phase II b – "Boah nee,…", danke sehr. Ich gehe weiter.

Mein Findungszyklus wiederholt sich in der Folge noch ein paar Mal; die Entscheidung fällt schließlich auf Mala-Ramen mit eingelegtem Soja-Ei – Teriyaki war als spicy gekennzeichnet, fällt für mich wie immer also aus. Ich suche mir einen freien Platz an einem Tisch in der Menge und schlürfe meine heiße Suppe. Und was soll ich sagen: Das Drei-Phasen-Verfahren hat sich bewährt, die Ramen-Suppe ist hervorragend. Ich bin happy!

Und so praktiziere ich das an den anderen Abenden auch. Mal wird es ein gelbes Curry, mal ausgebackenes Gemüse oder Yaw Khao – das sind frische Frühlingsrollen in Reispapierwickeln. Auf Fleisch- oder Fischgerichte verzichte ich überwiegend, aber nicht aus tendenziellem Vegetarismus, sondern weil die dazu gereichten Dips und Saucen, wie zum Beispiel die würzige Jeow Pa Daek, für mich allesamt nicht essbar sind. Ich berichtete am Freitag bereits über das potenzielle mucosale Risiko – das will keiner, insbesondere nicht ich.

Aber sei’s drum: Das kulinarische Leben muss weitergehen, und das Auge isst ja bekanntlich mit. Auch durch die Linse meines Fotoapparates. Also stelle ich mir hin und wieder die modifizierte Standardfrage: Was möchte ich denn heute zum Abendbrot fotografieren? Und dazu fällt mir hier viel ein. Ein paar ausgewählte Speisen – beurteilt selbst – sehen interessant bis lecker aus. Lasst es euch visuell schmecken!

Und dann das süße Finale. Ja, auch backen können die Laoten! Warme und kalte Süßspeisen findet man zwar eher als Nischenprodukte, aber sie erfreuen sich durchaus großer Beliebtheit – sogar klassische Poffertjes werden angeboten! Auch wenn die Bäckerszunft im Vergleich zum übermächtigen Aufgebot der Hausmannskost etwas unterrepräsentiert ist, muss sie sich deshalb noch lange nicht verstecken. Mein Lieblingsbäcker ist gleich an der Ecke, direkt gegenüber dem Essensmarkt, und es herrscht wie immer großer Andrang. Zu spät darf man hier nicht kommen!

Lassen wir die kolorierte Buntkonditorei für den Kindergeburtstag einmal außer Acht, bleiben köstliche Angebote wie saftiger Mangokuchen, Bananenbrownies, duftende Zimtschnecken oder frische Obsttortelettes. Heute Abend entscheide ich mich für einen Toffee-Brownie mit Erdnüssen – im Hotel habe ich noch löslichen Cappuccino dazu, für das abendliche kleine Dessert auf meinem Balkon.

Ja, ja, ich weiß, Kompromisse gibt es immer. Man muss sich eben nur über sie freuen, dann geht das mit dem Glücklichsein ganz einfach!

Und morgen probiere ich wieder etwas anderes. Gute Nacht!

Donnerstag, 8. Januar 2026

Wenn die Mönche ein letztes Mal des Weges kommen

Wenn es schön ist, fliegt die Zeit. Und in Luang Prabang ist es schön! Ich habe eine wunderbare Zeit erwischt, zu der – abgesehen vom Neujahrstag – sehr wenig los war in der Stadt. Geradezu beschauliche acht Tage habe ich verbracht mit Müßiggang, Tempeln, Mönchen, Ausflügen, dem abendlichen Mekong, langen Nachmittagen in sonnigen Cafés und – nicht zuletzt – den spannenden kulinarischen Erlebnissen auf dem Nachtmarkt. Und so sollten auch die letzten Tage sein.

Der Morgen beginnt wie immer um fünf Uhr. Draußen vor meinem Balkon wecken mich die leisen Geräusche der Menschen, die alles vorbereiten für den täglichen Almosengang der Mönche, den Tak Bat. Sie rollen kleine Teppiche aus, stellen bunte Plastikhocker in einer Reihe für die Spender auf und bereiten Körbe mit den unterschiedlichsten Gaben vor. Um diese Uhrzeit ist es noch sehr frisch; ich ziehe mich warm an und suche mir ein stilles Plätzchen an der Ecke vor meinem Hotel. Hier kommen zwar nicht so viele Mönche entlang, aber dafür ist alles beschaulicher und authentischer. Oben auf der Sisavangvong Road ist es vielleicht etwas prominenter, wenn ganz viele Mönche schweigend in einer langen Reihe am Wat May Souvannapoumaram oder vor dem Königspalast entlangziehen, aber dort ist der Rummel von Touristen und eifrigen Fotografen, die sich ständig gegenseitig im Weg stehen, auch entsprechend groß.

Die erste Dämmerung ist am Himmel erkennbar, und ich warte mit den wenigen Anwohnern auf die zurückkehrenden Mönche. Es sind nicht mehr als zwanzig oder dreißig, auf kleinere Grüppchen verteilt, die unterwegs sind zum Wat Xieng Thong am Ende unserer Straße, wo sie wohnen.

Alles ist leise, es wird nicht gesprochen, und die Schritte der Mönche sind auch nicht wahrnehmbar, denn sie laufen barfuß. Nur das leise Klappern der Almosenschalen – der Bat –, wenn sie geöffnet und wieder geschlossen werden, ist zu hören. Dann ziehen die Mönche wortlos und zügigen Schrittes weiter. Ich bin sehr beeindruckt und bleibe ein Außenstehender – ein Beobachter aus einer anderen Welt.

Meine Zeit in Luang Prabang ist um, es war schön hier. Der letzte Tag ist eine unkoordinierte Ansammlung kleiner Ansichten und Ereignisse, die weder Wichtigkeit noch Notwendigkeit besitzen.

Bei der Gelegenheit komme ich noch einmal in den schönen Tempel Wat Sensoukharam im östlichen Teil der Altstadt. Die vielen goldenen Buddhas sind hier besonders herausgeputzt, und die Statue eines prominenten Mönchs dieses Tempels auf Almosengang behauptet sich gegen das kunstvolle Elektro-Makramee im Hintergrund – das hat schon etwas von Streetart. Doch dieser Tempel hält noch ein paar andere Kuriositäten bereit. So hat man hier ein originales Eisenboot aus dem Indochina-Krieg restauriert und ausgestellt und – ich behaupte mal – dem einzigen heiligen Volkswagen einen eigenen Schrein geschenkt. Dieses Automobil diente viele Jahre einem hohen und verdienten Mönch dieses Tempels. Ohnehin findet man in Luang Prabang vereinzelt sehr alte und gut erhaltene Automobile, meist französischen Ursprungs. Gerade wird vor dem Tempel ein alter Citroën Traction Avant 11 CV aus den frühen Fünfzigerjahren zur allgemeinen Bewunderung bereitgestellt. Aus eigener Kraft fahren wollte er wohl heute nicht.

An der nächsten Ecke sitzen einige Familienmitglieder vor der Haustür und bereiten gemeinsam mit viel Freude das Abendessen vor. Wir kommen ins Gespräch – auf Französisch –, weil ich darum bitte, das harmonische Bild festhalten zu dürfen. Sie seien Franzosen verschiedener Herkunft, berichtet die Dame mit der Brille. Sie selbst komme aus Auray und wohne hier, und ihr Cousin, der gerade weißen Kürbis schält, sei aus Paris zu Besuch. Und wenn man sich hier treffe, dann koche man eben gerne zusammen.

Mir macht das Appetit. Auf Kaffee und ein prächtiges Stück Kuchen. Zwar muss ich durch die dampfenden Straßenküchen, wo schon emsig das Abendessen vorbereitet wird, aber gegarte Hühnerköpfe und Bambuswürmer können mich nicht umstimmen. Ich bleibe bei "süß" und entscheide mich für ein sehr gehaltvolles Stück Lemon Slice und einen richtig guten Cappuccino in der Sonne meines Lieblingscafés – ich berichtete bereits.

Und so füllt sich mein letzter Tag in Luang Prabang, bis die erste abendliche Kühle mich nach Hause treibt. Mit meinem Fleece ausgerüstet ist es nebenan im Restaurant gemütlich warm; die bunte Lao-Gemüsesuppe wärmt von innen, meine Zeit an einem schönen Ort der Welt ist um. Gute Nacht, Luang Prabang – Ort des ehrwürdigen Phra Bang.

Freitag, 9. Januar 2026

Kontrastprogramm – Reisetag nach Hanoi

Manchmal sind Übergänge unvermeidbar hart. Und heute ist so ein Übergangstag: Ich reise nach Hanoi. Da ich nur vier Wochen Zeit habe, habe ich entschieden, von Luang Prabang direkt nach Hanoi zu fliegen. Mit dem Sleeper-Bus ist das ein 24-Stunden-Ritt zum genau selben Preis. Da ich den Nachmittagsflug gebucht habe, ist noch Zeit für das letzte gemütliche Frühstück und einen – zugegebenermaßen etwas sentimentalen – Chill-out auf meinem hübschen Balkon in der Sonne, bis gegen 13:00 Uhr mein Tuk-Tuk kommt. Auf geht’s, ein letztes Mal quer durch die Altstadt, ein letztes Mal vorbei an den ganzen lieb gewonnenen Orten. Die Fahrt zum kleinen Flughafen LPQ, wie er offiziell nach IATA-Code heißt, ist kurz, und der nette Fahrer textet mich fröhlich zu, obwohl auch er einsehen müsste, dass er gegen den knatternden Zweitakter seiner bunten Kiste anzukommunizieren eigentlich chancenlos ist.

Das übliche Zeremoniell läuft relativ entspannt ab; die Dame am Check-in macht sich noch einmal wichtig, weil ich 500 Gramm über dem Cabin-Limit bin. Ich habe ihr angeboten, meine warmen Sachen für den deutschen Winter anzuziehen und in zehn Minuten erneut einzuchecken, woraufhin sie es dabei beließ, mir anzukündigen, dass sie beim nächsten Mal strenger sein werde. Die Frage, wann sie denn meine, wann das sein werde, habe ich mir gespart. Security ohne Auspacken – prima, das ist bequem. Ich bin viel zu früh am Gate.

Ich lese und schreibe noch etwas und streife aus Langeweile durch die üblichen Flughafen-Souvenirläden – Endlager für schlechte Gewissen, Restwährungen und vergessene Tanten. Als Mitbringsel böte sich etwa einer der vielen edel polierten Holzdildos mit Spax-verschraubten Testes an: die kommerziell veredelte, touristisch entkernte Variante jahrhundertealter Fruchtbarkeits- und Schutzsymbolik, heruntergekocht auf einen kicherfähigen Flughafenwitz für den westlichen Kurzzeitethnologen.

Was einst spirituelle Bedeutung trug, liegt heute zwischen Kühlschrankmagneten und Kunstharzelefanten. Phallische Symbolik darf in der westlichen Wahrnehmung nur zweierlei sein: pornografisch oder lächerlich. Dass sie auch religiös, ernsthaft oder kosmologisch gedacht sein könnte, sprengt ein Weltbild, das Körperlichkeit zwanghaft sexualisiert und Spiritualität ausschließlich in gotischen Kirchen verortet. So wird aus gelebter Kultur Dekor, aus Ritual ein Gag – und aus Ignoranz ein Souvenir. Ich denke, Tante Frieda bekommt einen Kühlschrankmagneten.

Dann ist es so weit: Boarding, und es folgt eine Stunde Überflug über diesigen Dschungel und eindrucksvolle, schemenhafte Berglandschaften. Nur am Orange des Himmels erkennt man, dass die Sonne im Dunst untergegangen sein muss. Wir landen in Hanoi. Flott zur Immigration, und trotz eines vorderen Platzes in der Schlange muss ich noch fast eine Dreiviertelstunde auf den begehrten Stempel warten. Geschafft. Ärgerlicherweise wähle ich mal wieder ein viel zu teures Luxustaxi – ich will einfach nur ins Hotel, und es ist immerhin noch eine Stunde Fahrt vom Flughafen bis in die Innenstadt. Das Hotel ist preiswert, und das gebuchte Zimmer nennt sich „Suite“, was irgendwie nicht zusammenpassen kann. Und so ist es. An der Rezeption, die einfach nur der grell beleuchtete Hausflur ist, sitzt ein alter Mann, der nicht ein einziges Wort Englisch spricht und lediglich stumm meinen Reisepass fotografiert. Für alles andere lässt er einen jungen Burschen anrücken, der mich ins Zimmer bringt, in dem nichts außer dem Licht funktioniert. Egal, ich habe Hunger und möchte nur noch ein Häppchen essen.

Was bietet sich mehr an, als den kurzen Fußweg durch chaotische, laute und dreckige Straßen zur Train Street zu nehmen. Das ist die berühmte enge Gasse, durch die in regelmäßigen Abständen ein Zug fährt und in der alle Geschäfte und Restaurants jedes Mal hastig ihren Krempel reinräumen, damit der Zug auch hindurchpasst. Tatsächlich ist es ein eindrucksvolles Erlebnis, wenn diese riesige Lokomotive sich samt Zug höllisch laut pfeifend nähert und nur Zentimeter an den Läden und Menschen vorbeifährt. Zwar sind es reguläre Züge, die hier passieren, aber entwickelt hat sich das Ganze zu einer Touristenattraktion, mit der die Cafés, Bars und Restaurants ihr großes Geschäft machen. Ich bestelle mir auch eine bemerkenswert gute Nudelsuppe in einer der kleinen Küchen und harre auf meinem Hocker mit Tischchen der Dinge. Hier sitzt jeder in der ersten Reihe, weil es nur eine Reihe gibt. Glücklicherweise ist heute wenig los; ich habe schon ganz andere Bilder gesehen, auf denen die Train Street wegen Überfüllung geschlossen wurde.

Dann kommt plötzlich Hektik auf, mehrere Trillerpfeifen sind zu hören, und aus nicht allzu weiter Ferne kündigt sich ein Zug mit lautem Signal an. Die Läden räumen alles, was zu nah an den Gleisen steht, hinein und weisen herumlaufende Menschen an, sich auf freie Plätze der ersten Reihe zu setzen – immer mit der Hoffnung verbunden, dass sie bleiben und etwas konsumieren. Ich sitze ja schon mit meiner Nudelsuppe in der ersten Reihe. Dann erscheinen die drei hellen Stirnlichter der massigen Diesellok in der Biegung der Straße. Laut und geradezu gigantisch – und nicht gerade langsam – drückt sich ein ganzer Reisezug zum Anfassen nah an uns Zuschauern vorbei. Die Schwellen senken sich unter der Last, die eisernen Räder rattern auf den Dehnungsfugen der Gleise, und die beeindruckten Menschen – inklusive mir – fotografieren alle das Gleiche: Ein Zug fährt vorbei, durch eine schmale Gasse, die enger nicht sein dürfte, weil es sonst nicht mehr passte.

Der letzte Wagen ist durch, und alles wird wieder auf und an die Gleise gestellt, und die Menschen bewegen sich wieder bunt durcheinander. Nach fünfzehn Minuten das gleiche Spiel und nach weiteren zehn Minuten erneut. Die genauen Fahrpläne stehen werbewirksam an jedem Laden angeschlagen. Diesmal sind es aber jeweils nur einzelne Lokomotiven, die passieren. Nicht weniger eindrucksvoll, aber der Spaß ist schneller vorbei. Nun ja, ich habe irgendwie die Vermutung, dass man zur Belustigung der Touristen und zur Förderung der Umsätze des Öfteren einfach mal eine Lok hier hindurchschickt, ohne dass sie einen fahrplanmäßigen Zweck erfüllt. Und wenn schon: ein vertretbares und legitimes Geschäftsprinzip – und kurios bleibt es allemal.

Ich bin satt, hatte meinen Spaß und trinke mein Bier noch aus. Dann zurück durch den nächtlichen Lärm in meine Suite, in der nichts funktioniert. Willkommen in Hanoi.

Samstag/Sonntag, 10./11. Januar 2026

Wo ist das Meer? – Was nun?

Heute geht es gleich weiter in die Halong-Bucht, es ist die letzte Etappe meiner Reise. Für ein paar hoffentlich schöne Tage habe ich mir die Insel Cát Bà ausgesucht. Laut Literatur und übereinstimmenden Informationen ist sie weniger überlaufen als die Haupt-Halong-Bucht. Sie ist die größte Insel in der berühmten Bucht und UNESCO-Biosphärenreservat samt Cát Bà Nationalpark. Bekannt ist sie für ihre Kalkstein-Karstlandschaften, reiche Biodiversität – inklusive des seltenen Stumpfnasenaffen – und als Startpunkt für Bootstouren in die Lan-Ha-Bucht. Wandern, Kajakfahren, Höhlenbesichtigungen, Strände und Wassersport sind die beliebtesten Beschäftigungen der Besucher. Das ist weitestgehend vielversprechend. Ich bin gespannt.

Mein Bus fährt um halb zehn, das ist komfortabel. Zeit genug, um den Blick vom Dachbalkon über das erwachende Hanoi schweifen zu lassen. Aber ganz ehrlich: Außer der Verwunderung darüber, welche Wohninseln sich Menschen in diesem architektonischen Wildwuchs geschaffen haben, kann ich dem Anblick nicht viel abgewinnen. Auf der Straße die üblichen Rollermassen, die wie in ganz Südostasien das Straßenbild dominieren.

Also, halb zehn Abfahrt des Busses, und gegen 14:00 Uhr sollen wir am Ziel sein. Und tatsächlich, das klappt auch einigermaßen planmäßig, zwar mit weniger spannenden Wegeindrücken von der Strecke, aber heute ist der Weg einmal nicht das Ziel. Irgendwann gegen Mittag setzen wir mit einer kleinen Fähre über nach Cát Bà – andere fahren mit der Hochseilbahn über die Meerenge, dann wird es etwas hübscher, als wir in die Berge der Insel eintauchen. Die Freude währt aber nicht lange, denn mit Erreichen von Cát Bà Town trifft mich der Schlag: eine riesige Baustelle, auf der gerade Hunderte von geklonten Bettenburgen an die kleine Bucht betoniert werden. Hier soll es beschaulicher zugehen als in der Haupt-Halong-Bucht? Dann möchte ich nicht wissen, wie es dort aussieht.

Schnell drängt sich die unangenehme Frage auf: Was soll ich hier? Vier Nächte habe ich im Hotel gebucht. Der Bus schüttet uns an der Uferpromenade aus, die keine mehr ist, denn dort stehen nun halbfertige, mehrgeschossige Betonwohnkästen. Wo ist das Meer? Ich habe doch schöne Tage in der Bucht, am Meer, gebucht.

Mein Hotel ist nicht weit, einerseits gut, aber das bedeutet auch, dass es hier mitten in diesem Moloch liegt. In einer winzigen Nebenstraße finde ich mein Homestay, wo ich zwar sehr herzlich von der netten Familie mit heißem Ingwertee empfangen werde, aber die Spannung wächst, wie „Aussicht“, „Balkon“ und „Meerblick“ in meiner Zimmerbeschreibung mutmaßlich hätten zu verstehen gewesen sein sollen. Zimmer 302 ist meines. Ich ziehe meine Schuhe aus – das ist hier so üblich – und steige nach oben in den dritten Stock. Nun ja: ganz nett, halbwegs gemütlich. Die Balkonfläche entspricht einem Strandhandtuch, und Meerblick – ja, wenn da in der Ferne nicht die besagten Betonkästen stünden. Da irgendwo war irgendwann wohl mal das Meer.

Jetzt besteht Handlungsbedarf, und meine ganze Kreativität ist gefragt. Was mache ich am besten als Erstes? Kaffee und Kuchen! Auf zur hässlichen Promenade in ein nettes Café, ein Stück des besten Kuchens und einen richtig guten Cappuccino bestellen, ein Sonnenplätzchen suchen und beginnen nachzudenken. Bootstour? Klar, das war ohnehin geplant. Aber ich habe vier Nächte gebucht, da ist noch Zeit übrig. Ich mache einen Nachdenk-Spaziergang durch die geschäftigen Straßen und verlaufe mich im örtlichen Markt. Das übliche bunte Gemüse, Blumen, Lebensmittel und die Fleisch-, Fisch- und Geflügelabteilung. Für einen Moment komme ich auf ganz andere Gedanken, denn der Umgang mit lebenden Geschöpfen ist hier, wie auf so vielen exotischen Märkten alles andere als ethisch vertretbar. Das Harmloseste sind noch die kaskadierenden Frischwasserbecken für Muscheln. Bei den geknebelten Crustaceen hört es aber schon auf. Um es euphemistisch zu beschreiben: Das ist die Frischepriorität. Bedeutet: Hier ist alles so frisch, dass es sich noch bewegt. Was noch irgendwie lebt, verdirbt nicht. Fotos mache ich keine.

Zurück vom aussichtslosen Überlebenskampf der gequälten Kreatur zu meinem Luxusproblem – an Zynismus kaum zu überbieten. Die Massen an Reisebüros der Touranbieter überfordern mich; im Grunde bietet jeder das Gleiche an, nur anders kombiniert und anders ausgepreist. Vergleichbarkeit: nicht möglich. Also Prinzipumkehr: Ich sage den Agenten, was ich will, und sie sagen mir, was das kostet. Ich buche eine mehrtägige Bootstour mit Übernachtung in der Bay und einigen kleinen Sightseeingausflügen. Das ist eine Perspektive, das Blatt der Enttäuschung noch zu wenden.

Der Sonntag ist irgendwie überzählig; ich nutze ihn, um auszuschlafen, ein paar organisatorische Dinge zu erledigen, Schreibrückstände aufzuholen und rückständige Fotos zu bearbeiten. Durch kulinarische Einschübe – nach dem gestrigen Markterlebnis definitiv wieder vegetarisch – mache ich mir den Tag so entspannt wie möglich, und gegen Abend packe ich noch das Nötigste in meine kleine Tasche fürs Boot. Ich freue mich und bin gespannt auf die nächsten Tage auf dem Wasser.

Montag/Dienstag, 12./13. Januar 2026

Ha Long mit dem Boot

Heute einmal Pauschaltourist, bitte! Ich hatte mir ja vorgestern eine zweitägige Bootstour mit Übernachtung in der Ha Long gebucht, weil alles andere zu viel Organisation ist und ich von Cát Bà Town ohnehin extrem schockiert bin. Und so beginnt mein Tag recht früh mit einem sättigenden Frühstück und einem kurzen Fußweg zum Treffpunkt. Die Beschreibung der typischen Trödelei, dass erst alle Teilnehmer an ihren Hotels eingesammelt werden müssen und eine Irrfahrt durch die ganze Gegend stattfindet, erspare ich mir. Am Ende sitzen wir mit fünf Leuten und unserem Guide in einem kleinen Bus zum Hafen Bến Bèo, wo alle Ausflugsboote von Cát Bà in die Bucht starten. Unser schon etwas in die Jahre gekommenes Schiff heißt „MẠNH PHÚC“ – übersetzt bedeutet das etwa so viel wie „kräftiges Glück“. Ein gutes Omen.

Wir freuen uns über den Luxus der geringen Teilnehmerzahl – ein Franzose, eine Australierin und mit mir drei Deutsche – und dann legen wir auch schon ab zum Ort Việt Hải mitten im Naturschutzgebiet der Insel. Dort steigen wir um auf Fahrräder und radeln in den Ort im Zentrum der Insel. Die Ruhe und die beschauliche Landschaft mit ihrem üppigen Grün, Büffeln und Schmetterlingsschwärmen sind eine einzige Wohltat, die recht schnell zu wirken beginnt und die Gemütsschäden durch Cát Bà Town heilen lässt. Bê, unser netter Guide, erzählt uns unterwegs viel über die Geschichte und Kultur des Dorfes, und später lassen wir es uns gut gehen mit der Verkostung kurioser Schnäpse, bei der ich nur Zuschauer bin, sowie einer Pediküre durch Putzerfische – leider habe ich zu spät nachgelesen, dass der Einsatz dieser beliebten Putzerfische für diesen Zweck von Tierschützern zu Recht äußerst kritisch gesehen wird.

Dann beginnt der beschauliche Teil der Tour. Zurück auf unserem Boot schippern wir durch den Irrgarten der Kalksteinfelsen in der Vịnh Hạ Long, wie die Ha-Long-Bucht auf Vietnamesisch heißt, treffen unser Hausboot irgendwo in einer schönen Bucht und beziehen unsere Kajüten. Leider steigen von einem anderen Boot noch drei ältere Spanier zu – zwei Männer, bei denen motorisch nicht mehr viel geht, und eine Frau, die das Trio irgendwie katalytisch in Gang hält. Konsequenz ist eine lautstarke und ununterbrochene „conversación“ auf dem Oberdeck, die eine gewisse Unruhe in die Idylle bringt. Nun gut, wir nehmen unsere Kajaks ins Schlepp und beginnen eine wunderbare Fahrt.

Es dauert nicht lange, und ich habe die Orientierung verloren. Zu sehr bin ich mit Staunen beschäftigt. Felsen, Berge und Säulen aus Kalkstein ragen überall aus dem Wasser. Sie sind geformt und geschliffen von Wind, Wasser, Sonne und den Gezeiten. Manche haben geheimnisvolle Grotteneingänge, andere bilden lange, schmale Wassergassen. Einige sind groß wie Berge, andere sehen aus, als hätte jemand groben Schotter in eine Regenpfütze geschüttet. Ich mache es mir auf dem Sonnendeck bequem und genieße die Aussichten bis zum Nachmittag, als wir in Hang Tai Kéo eintreffen. Wir gehen vor Anker, das ist unser Schlafplatz für die Nacht.

Umziehen für den Wassergang. Wir nehmen die Kajaks aus dem Schlepp, packen die wichtigsten Sachen in unsere Dry-Bags und paddeln durch eine kleine Grotte in den inneren See von Hang Tai Kéo. Wir sind zu viert – die Spanier sind nicht kajaktauglich – und sind uns einig, in diesem See zu paddeln, zu schweigen und dieses unglaubliche Panorama auf uns wirken zu lassen. Das ist Seele tanken, draußen sein und Augenweide zugleich. Ich kann nicht genug bekommen. Ich gönne mir Stunden der Stille auf dem Wasser, denn unser Dinner wird erst um 18:00 Uhr serviert. Es gibt nichts zu erzählen, es gibt nur Bilder, die in meinen Kopf hineingehen, um immer dort zu bleiben. So will ich das!

Die kleine Grotte leuchtet schon goldfarben, als ich den See von Hang Tai Kéo wieder verlasse. Fischerboote im warmen Abendlicht ziehen an mir vorbei. Ich kehre rechtzeitig zum Boot zurück, um vom Oberdeck die Sonne bei ihrem Untergang zu begleiten. Der Himmel glüht in weichem Orange, und die Felsen der Bucht werden zu dunklen Silhouetten. Supper’s ready.

Das Abendessen ist exzellent und wird eröffnet von einer weißen Kürbissuppe. Dann dominieren frisch gefangener Fisch und Meeresfrüchte die weitere Dramaturgie, begleitet von Gỏi cuốn (frischen Frühlingsrollen) mit Fischsauce, Tôm viên chiên (kleinen frittierten Krabbenbällchen) und unterschiedlichen warmen Gemüseplatten sowie Klebreis. Das Dessert sind frische Früchte. Die Konversation ist viersprachig; der Konsens ist einvernehmlich: Was für ein schönes kleines Fest, das uns die Jungs aus der winzigen Kombüse heute gezaubert haben. Ich bin gleichermaßen dankbar und begeistert.

Das Ende des Tages war das aber noch nicht. Jetzt, da es stockdunkel draußen ist, steht noch ein zweiter Ausflug in die Hang Tai Kéo-Lagune an. Wir wollen die Biolumineszenz des Planktons beobachten. Also wieder rein in die nassen Klamotten und erneut in unseren Kajaks hinüberpaddeln. Wie in ein großes Fischmaul gleiten wir ins Dunkel der Grotte, dann sind wir ganz allein in der Lagune. Um uns herum Stille und Dunkelheit, über uns die Sterne, und unter uns leuchtet bei jedem Paddelschlag das Plankton kaltblau auf. Ich bin fasziniert. Bê kennt die Stellen, wo sich das Plankton anreichert; hier ist das Leuchten noch intensiver. Jeder Wasserspritzer erzeugt für einen Moment glitzerndes Licht. So etwas ist nicht von dieser Welt, so etwas sind magische Momente. Fotografieren kann ich das nicht – will ich auch nicht –, es ist einfach zu schön. Épatant – wir sind ja heute mehrsprachig.

Zurück am Boot wünschen wir uns gegenseitig eine gute Nacht, und jeder nimmt schweigend seine Erlebnisse mit in den Schlaf. Was für ein Tag!

Am nächsten Morgen wecken mich die Dämmerung und eine frische Brise an Deck, denn die Sonne braucht noch etwas Zeit, um über die Felsen zu steigen und die Nachtkühle zu vertreiben. Frühstück und guter Kaffee helfen auch, und als die ersten Sonnenstrahlen unser Boot erreichen, lichten wir den Anker und machen uns auf den Weg nach Vịnh Lan Hạ. Wir wollen noch mit einem Bambusboot die Dark Cave und die Bright Cave besuchen und uns anschließend in der Nähe des Floating Village etwas über die lokale Fischfarm berichten lassen.

Es ist eine beschauliche Fahrt bei nun sehr angenehmen Temperaturen. Ständig tauchen neue Felsen und Formen auf; manchmal erscheinen spannende Dinge ganz plötzlich, wie zum Beispiel die Felssäule Hòn Bút, die versteckt in einer kleinen Bucht steht. Etwas weiter, an einem Sandstrand bei Hang Động, fällt ein kleines oranges Gebäude ins Auge: ein namenloser buddhistischer Tempel.

Auch wenn es Stunden sind, vergeht die Zeit wie im Fluge. Zu viele der schönen und spannenden Dinge erlebe ich, als dass ich sie in der kurzen Zeit mit angemessener Würdigung bedenken könnte. Zeit wird vergehen, und ich werde nach und nach – und dennoch reich – aus diesen zwei Tagen schöpfen können. Vielleicht bleibt die Erkenntnis, dass die Welt mancherorts doch noch unfassbar schön ist, so wie die annähernd 2.000 Kalksteininseln von Vịnh Hạ Long, auch wenn sie selbst drohen, zu einer Insel inmitten unserer zerfallenden Umwelt zu werden.

Mittwoch, 14. Januar 2026

Hanoi oder nicht

Die Zeit ist um, nun ausrollen lassen, bis es am Freitag spät gen Heimat geht. Und für diese zwei Tage habe ich mich im Alten Viertel von Hanoi einquartiert, allerdings etwas komfortabler als letzte Woche. Ich bin gespannt, was Hanoi bietet, denn so richtig habe ich mich nicht auf diese Citytour vorbereitet – um nicht zu sagen gar nicht.

Die Rückfahrt von Cát Bà ist entspannt und geht schnell. Ich habe einen bequemen Platz mit guter Aussicht vorne im bunten Bus, aber die Wegeindrücke im Speckgürtel von Hà Nội und Hải Phòng sind eher wenig beeindruckend. Umso bunter geht es beim barfüßigen Busfahrer zu, der den heißesten Lenkradüberzug hat, den ich je gesehen habe: riesige Massagenoppen mit fast obszöner Ausprägung gegen die Ermüdung der Handflächen. Und tatsächlich macht er während der Fahrt Fingergymnastik. Was es so alles gibt auf der Welt.

Gegen Mittag erreichen wir Hà Nội, und der junge Busleiter bringt mich persönlich mit seinem Roller zum Hotel. Das ist effizienter, als wenn sich der riesige Bus durch das Verkehrschaos kämpfen würde. Ich bin ja selbst Motorradfahrer, aber auf diesen Kisten durch diesen Verkehr – das ist schon ein ganz spezielles Erlebnis. Und mein Fahrer fährt richtig gut; es ist ja nicht seine erste Fahrt.

Da ich direkt an der Touri-Attraktion Nummer eins, der Train Street, wohne und sogar direkten Ausblick genieße, unternehme ich erst einmal einen kleinen Spaziergang durch den bunten Rummel. Irgendwie kurios und schräg, dass die Züge hier mitten durch die Lichterkirmes rollen, und andererseits ein touristischer Kommerz, der seinesgleichen sucht. Hier oben im nördlichen Abschnitt geht es sogar noch etwas exzessiver zu als letzte Woche in der Südstadt. Nun ja, eine kurzweilige Beschäftigung für den späten Nachmittag; für den heutigen Abend werde ich mir ein gemütliches Restaurant suchen und die kulinarische Kompetenz von Hanoi erkunden.

Für den ersten Tag reicht mir das auch; morgen und übermorgen werde ich noch ausreichend Zeit und Gelegenheit haben, zumindest einen ersten Eindruck von dieser Stadt zu bekommen, für die mir noch die rechten Adjektive fehlen. Geschäftig? Aufregend? Chaotisch? Ich werde es herausfinden. Für heute bin ich angekommen.

Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Januar 2026

Der Kreis schließt sich, Selfieporn und die Menschen

Was man nicht so alles sieht und erlebt, wenn man keinen genauen Plan hat...

Der Kreis schließt sich

In Saigon begann meine Reise mit einer ersten intensiven Begegnung mit der Geschichte Vietnams – vor allem mit der des letzten großen Krieges. Am Ende der Reise begegne ich ihr erneut, diesmal aus der Perspektive Nordvietnams, bei meinem Besuch der Zitadelle von Hanoi. Die offiziell als Kaiserliche Zitadelle von Thăng Long bekannte Anlage zählt zu den bedeutendsten historischen Stätten des Landes. Über mehr als tausend Jahre war sie politisches und militärisches Machtzentrum wechselnder Dynastien und steht heute als UNESCO-Weltkulturerbe für die vielschichtige Geschichte Vietnams. Archäologische Überreste, alte Stadttore und weitläufige Höfe verbinden sich hier mit moderner Erinnerungskultur.

In den Ausstellungen stoße ich auf zahlreiche Bilder der Wiedervereinigung Nord- und Südvietnams, betrete historische Räume, in denen Verhandlungen stattfanden, und stehe schließlich in einem Bunker, von dem aus die militärische Führung operierte. Besonders beeindruckt mich die Authentizität des Ortes: originale Geräte und Gegenstände aus dem Vietnamkrieg stehen unvermittelt vor mir. Allein dieses Wort – Vietnamkrieg – hat für mich eine besondere Wirkung. Ich kenne ihn aus den verstörenden Fernsehnachrichten der Siebziger. Nun stehe ich selbst hier. Was für eine Wirkung. Tief. Unmittelbar.

Was am Wegesrand liegt

Unsortiert und zufällig, schön oder kurios. Es gibt so viel Unerwartetes, das mir auf meinen – zugegeben etwas ungeordneten – Wegen durch das Alte Viertel der Stadt begegnet.

Mit den Menschen in den Straßen

Und zwischen den Stadtansichten und den Besichtigungen sind es vor allem die Menschen, die diese Stadt ausmachen. Ich begegne ihnen nur flüchtig. Ich kenne sie nicht, ich spreche kaum mit ihnen – ich kann es auch gar nicht. Aber ich sehe sie. Sehe, was sie tun. Sehe ihnen zu, sehe sie manchmal wirklich an. Sie arbeiten, sprechen, gehen vorüber, lächeln oder auch nicht. Sie tun Gewöhnliches und mitunter Befremdliches.

Ich sehe diese unendlich vielen Menschen und habe zu wenig Zeit, diese Begegnungen zu sammeln – nicht in meinem Kopf und nicht in meinen Fotos. Nur ein winziger Ausschnitt bleibt hängen, nur ein ganz kleines Bild aus dem Alten Viertel von Hanoi. 

Und auf eine ganz besondere Gruppe muss ich gesondert eingehen: die Selfie-Beauty-Selbstinszenierer. So prominent, wie sie hier am Hoàn-Kiếm-See auftreten, habe ich das noch nie erlebt. Mir fehlen beinahe die Worte, um zu beschreiben, was hier an hemmungsloser Selbstdarstellung zelebriert wird. Es ist gleichermaßen faszinierend wie kopfschüttelnd lächerlich. Und ja – dieses Mal habe ich sogar Fotos gemacht. Das ist einzigartig. Genießt es …

Es wird dunkel in Hanoi. Der letzte Tag ist vorüber, und eine wunderbare Reise geht zu Ende. Die Eindrücke sind tief und in ihrer Vielzahl überwältigend. Sie werden lange nachwirken – die schönsten für immer. Eine letzte heiße Suppe in einer der unzähligen Garküchen macht mich satt und den Abschied angemessen und würdig. Es ist sieben Uhr am Abend, und ich bestelle mir das letzte Taxi. Zum Flughafen.

Ich hoffe, es hat euch Freude gemacht, ein wenig mit mir zu reisen und Schönes wie auch weniger Schönes zu teilen. Die Reise ist zu Ende.

 

Auf Wiedersehen Indochina!
Tạm biệt, Đông Dương!
លាហើយ ឥណ្ឌូចិន!
ລາກ່ອນ ອິນໂດຈີນ!