đŸ‡”đŸ‡č Porto

Die Reiseblogs im Überblick

âžĄïž  Porto, Dourotal und Lissabon, im Winter 2021/2022
âžĄïž  Porto, RĂŒckkehr nach Europa, Februar 2023
âžĄïž  Porto, im Januar 2024


Porto, Dourotal und Lissabon

Samstag, 18. Dezember 2021 – Anreise im Fotofinish

Wie so oft nĂŒtzt die beste und langfristige Planung des Urlaubs nichts, wenn Murphy’s Gesetz in Kraft tritt. Bis wenige Tage vor der geplanten Abreise tĂŒrmten sich die ZufĂ€lle, UnfĂ€lle, AusfĂ€lle, EinfĂ€lle und Begehrlichkeiten. Hinzu kamen noch die positiven Ereignisse, die unerwartet frĂŒh eintraten, worĂŒber man sich im Normalfall freut, die aber sofortigen Handlungszwang bewirken, um die gewonnene Zeit nicht gleich wieder zu verschenken. So lag der ungepackte Koffer tagelang auf dem Boden, nicht wissend, ob es sich lohnt, ihn zu packen. Man will sich ja nicht vergeblich die MĂŒhe machen, wenn man am Ende doch nicht verreist. Wie traurig wĂ€re das denn, einen reisefertigen Koffer herumstehen zu haben, wenn der Urlaub geplatzt ist. Nee, kommt nicht in die TĂŒte.
Also Pokern bis zur letzten Karte. Einreisedokument fĂŒr Portugal ausfĂŒllen und anmelden, obligatorischen Corona Test machen lassen, Lieblingsklamotten waschen und vorbereiten, Lebensmittel aufbrauchen usw.
Und dann ergab sich diese LĂŒcke im Universum, die sagte: Jetzt! FlĂŒge buchen, Parking buchen, Zimmer buchen, alle Dokumente ausdrucken – besser ist! Der Koffer war Dank ĂŒber 40 Jahren Erfahrung in einer Stunde perfekt gepackt, die lange Checkliste war um 1:00h nachts abgearbeitet. Prima! Noch dreieinhalb Stunden gesunder Schlaf lagen vor mir, denn der einzige noch freie Flieger geht nĂ€mlich um 6:25h.

Der Wecker musste gar nicht klingeln, ich habe eh kein Auge zu getan. Jetzt ging alles sehr schnell. RĂŒber zum Flughafen, Check in, boarding und aus dem Fenster gucken. Umsteigen in MĂŒnchen, eine Stunde VerspĂ€tung, der Luftraum ĂŒber ZĂŒrich ist gesperrt. Der Umweg fĂŒhrt ĂŒber Paris (finde den Eiffelturm und den Arc de triomphe im Foto :-) und dann Chegada ao Porto! Taxiluxus, keine Lust auf ÖPNV. Schließlich scheint die Sonne heute und die Wetteraussichten sind nicht so besonders fĂŒr die nĂ€chsten Tage, die kostbare Zeit möchte ich nicht in der U-Bahn verschwenden. Angekommen finde ich eine schöne HĂŒtte, mittendrin in der Altstadt! Koffer rein, Jacke wechseln und auf in die Stadt am Douro!
Wie meistens in einer neuen Stadt, gehe ich am ersten Tag einfach los, und laufe an die Orte, die mir die wichtigsten sind zu sehen. Und so fĂŒhrt mich mein Weg mehr oder weniger direkt zur Ponte Dom LuĂ­s I. Porto ist sehr hĂŒgelig, die Straßen und Gehwege sind steil und bisweilen kommt man nur ĂŒber lange Treppen weiter. Am Ende belohnt mich ein atemberaubender Blick von der oberen Ebene hinunter auf das alte Ribeira mit seinen weltberĂŒhmten kleinen bunten HĂ€usern am Nordufer des Douro. Ich genieße die herrliche Aussicht auf meinem Weg ĂŒber das stĂ€hlerne Bauwerk hinĂŒber zum Jardim do Morro, von wo aus ich die TelefĂ©rico nehme hinunter zum Cais de Gaia. Der Blick bei spĂ€tem Sonnenlicht von hier hinĂŒber auf das Weltkulturerbe der Cais da Ribeira ist wunderschön. Und schon hatte sich die teure Taxifahrt als eine gute Entscheidung erwiesen.

Etwas spĂ€ter lasse ich mich von einem Wassertaxi ĂŒbersetzen und erkunde planlos die kleinen Gassen, Straßen und Escadas, das sind die steilen Treppen, von denen ich schon berichtete. Und ĂŒberall trifft man Menschen, die Musik machen, tanzen oder irgendetwas feilbieten vom Gebrauchsgegenstand ĂŒber Kleidung bis hin zu handgemachtem Schmuck.
Auf der Suche nach einem Supermarkt verzweifelte ich fast. Das Pflaster hier ist zu teuer geworden fĂŒr den kleinen Tante-Emma-Laden. Alles ist entweder verfallen oder schickimicki luxusaniert fĂŒr die zahlungskrĂ€ftigen Touristen. Keine gute Entwicklung fĂŒr die Kultur einer Stadt. Ich sprach einen Ă€lteren Mann an, ob er mir helfen könne. Er nahm mich gleich mit auf seinem Weg und wir unterhielten uns ĂŒber seine Stadt, die er sehr schön findet und er pries mir viele Orte an, die ich unbedingt sehen mĂŒsse. Was kommunikativ so alles geht, wenn man es will. Ein Kommunikationsgemenge aus Spanisch, Englisch und Portugiesisch, das mit „Obrigado“ und „Feliz Natal“ endete. Schön! Es waren glatte 15 Minuten vergangen bis unsere Wege sich an einem bescheidenen Supermarkt trennten, der mir das Nötigste bot fĂŒr mein Abendbrot. FĂŒr einen Restaurantbesuch war ich heute nach 17 Stunden und vielen Höhenmetern zu mĂŒde.
Mein kostenloser Stadtplan aus dem TouristbĂŒro, der eher bunt als nĂŒtzlich war, brachte mich dann auch irgendwie wieder zu meinem Appartment wo der Abend nach Brot, KĂ€se, Oliven und einem GlĂ€schen Vinho tinto in einer Art Narkolepsie endete. Ein ereignisreicher Tag.

Sonntag 19. Dezember 2021 - Baustelle im Labyrinth

Die frĂŒhe Sonne und das laute Geschrei der Möwen befördern mich vom erholsamen Schlaf in die Wirklichkeit. Es war ein langer Tag gestern und heute wird er nicht kĂŒrzer werden, vermute ich. Ich öffne Fenster und BalkontĂŒren, draußen ist es warm, der Tag beginnt mit einem heißen Kaffee auf dem Balkon. Die bunten BaukrĂ€ne ĂŒberall verhindern zwar die uneingeschrĂ€nkte Sicht, aber baut man sie wohlwollend in das Bild der morgendlichen Stadt ein, sind sie Gitterlinien, die mein Panorama aufteilen wie der Sucher einer Kamera. Und das bin ich ja gewohnt.
Eigentlich weiß ich nie wie und wo ich anfangen soll, eine neue Stadt zu erkunden. Meine Liste mit der Überschrift „Porto Highlights“ liest sich wie eine Checkliste fĂŒr gierige Kurzurlauber, die nichts verpassen dĂŒrfen, weil sonst ihr Urlaub wertlos wĂ€re. In Ermangelung einer besseren Idee gehe ich einfach los. Es gibt ein paar Kreuze in meinem kleinen Stadtplan, die spaziere ich einfach ab.

Die Topografie der Stadt ist im wahrsten Sinne des Worte atemberaubend, es geht dermaßen steil rauf und runter, da sollte man sich genau ĂŒberlegen, ob man rechts oder linksherum einen HĂ€userblock umrundet. Ein Labyrinth von Gassen Avenidas und endlosen Treppen. Das erste Kreuz ist der Mercado Ferreira Borges. Ich komme zufĂ€llig an der Buchhandlung Lello vorbei, das ist die mit der berĂŒhmten Treppe. Die Schlange vor der TĂŒr ist ĂŒberschaubar, dennoch stelle ich mich nicht an. Stattdessen linksherum um den Parque Saba Praça bis zum Torre dos ClĂ©rigos. Eine schmale langgezogene Kirche mit einem prĂ€chtigen Turm an der Spitze. Weiter geht es vorbei am Museum fĂŒr portugiesische Fotografie eine schmale Gasse hinunter bis zum Miradouro da VitĂłria. Nach kurzer Aussicht fĂŒhren steile dunkle Treppen hinunter Richtung Ribeira. Zwei Blocks weiter erreiche ich den Mercado. Nun, es ist kein richtiger Mercado mehr, in dem es die frischen Lebensmittel des Alltags zu kaufen gibt, sondern eine Markthalle, die sich dem portugiesischen Wein gewidmet hat. Zumindest heute. Da mein junger Tag noch nicht wirklich bereit ist, Alkoholika zu sich zu nehmen, belasse ich es bei einer rein optischen Verkostung der alten Eisen- und Glaskonstruktion.
Ich folge den Straßen weiter bis zum westlichen Ende der Ribeira Promenade. Überall die alten Fliesenfassaden, deren Zustand von jĂ€mmerlich bis prĂ€chtig variiert. Ganz davon abhĂ€ngig, ob bereits ein Investor sich der Restauration dieser Kunstwerke angenommen hat oder nicht.

Mein Weg fĂŒhrt mich ĂŒber die Tourimeile der Ribeira Promenade, ja hier ist es ĂŒberlaufen, hier kostet ein schlechter Kaffee 4€, hier gibt es Markensonnenbrillen zu SchnĂ€ppchenpreisen und schönen handgemachten Schmuck von Rastafari-Freaks. Nach dem wohligen Duft von gutem Gras zu urteilen werden die Umsatzgewinne auch gleich genussbringend investiert. NatĂŒrlich ist die Kulisse einzigartig, die Szenerie atemberaubend schön, sonst wĂ€ren die ganzen Besucher ja auch nicht hier.

Schaut man aber mal etwas genauer hin, wohnen in dieser Kirmes tatsĂ€chlich noch viele Menschen, fĂŒr die das ein Zuhause ist – oder sollte man traurigerweise sagen „war“. Vieles ist luxussaniert, an den EingangstĂŒren prangen dezent edle Tafeln von Expedia, Trivago, booking & Co, die irgendwie besagen: „Das gehört jetzt mir!“ Und dann beschleicht mich wieder die Moral, ich schĂ€me mich, die alte Frau im Fenster zu grĂŒĂŸen, die gerade WĂ€sche auf dem Balkon aufhĂ€ngt. Oder dem alten Mann zuzuwinken, der sich emotionslos aus seinem Fenster die Karawane der SehenswĂŒrdigkeitskonsumenten anschaut. Mancher versucht das Beste draus zu machen, aber ein Fußballtrikot des FC Porto einem PlĂŒschtiger ĂŒbergestreift und laute Folklore aus dem Ghetto-Blaster sind amĂŒsant, aber keine Lebensgrundlage. FĂŒr sie alle bin ich nicht unterscheidbar: MitteleuropĂ€er, Kamera ĂŒber der Schulter und konform im Fluss der Massen unterwegs. Und tatsĂ€chlich bin ich ja auch nur ein Tourist unter tausenden. Am Nachmittag kehre ich zurĂŒck in mein luxussaniertes Appartement, genieße einen Kaffee auf meinem SĂŒdbalkon und freue mich hier zu sein. Ich habe etwas Hunger vom Bergsteigen, da wird sich doch fĂŒr heute Abend etwas finden lassen.

Da ich „mittendrin“ bin, ist die Auswahl an Restaurants mehr als groß. Ich möchte portugiesische KĂŒche. Vorbei an der nĂ€chtlichen Igreja do Carmo, nur wenige Minuten Fußweg von meiner Unterkunft gibt es eine portugiesische Tapas Bar, die in den modernen Bewertungsmedien sehr gut bewertet wird – was anderes habe ich zunĂ€chst nicht als Auswahlkriterium. Und tatsĂ€chlich, kein Tourischuppen, sondern ganz bescheiden in einer HĂ€userreihe untergebracht, am Nebentisch spricht man Portugiesisch und der nette Kellner bietet mir ebenfalls bescheiden sein Spanisch an. Und dann gab es ein Highlight. Dass Sardinen zu den Grundnahrungsmitteln der Portugiesen zĂ€hlen, war mir bekannt, aber dass man sie zu solch kulinarischen Erlebnissen zubereitet und ich sie serviert bekomme, ist mir eine wahre Freude. Der Vinho da casa ist klasse, so habe ich mir das gewĂŒnscht. Ein paar Schritte Richtung Praça de Carlos Alberto fand ich dann noch ein anderes Kleinod, die Bar Casa-da-BĂł. Herrliches historisches Ambiente, das weder einer Stilrichtung noch einer Epoche exakt zugeordnet werden kann und eine „sonnig-fröhliche“ Bedienung. Ein zwanzig Jahre alter Tawny Port sollte den Abend beschließen – hat er dann auch. Ein wunderbarer Tag.

Montag 20. Dezember 2021 - Regen, geller’sche Verformung und die zwei Schwestern

Bilder gibt es heute nur das eine von meinem Apartment, denn ich verbrachte den Tag zu Hause. AngekĂŒndigt war er ja ab heute. Der lange Regen mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 100%. Dann mache ich es mir halt drinnen gemĂŒtlich. Abgesehen von einem kleinen unverrĂŒckbaren Arbeitseinsatz am Morgen, hatte ich fĂŒr heute nichts besonderes geplant. Es gibt da ja noch die ganzen Fotos und Filme von gestern und vorgestern, die bearbeitet werden wollen. Und mit den Reisegeschichten stehe ich auch zwei Tage in der Kreide.

Zu allem Überfluss habe ich dann am Nachmittag noch den Vermieter herbemĂŒhen mĂŒssen. Und das war so: Um die HĂŒtte bei dem Sauwetter einigermaßen zu temperieren, muss ich die AC einschalten. Und da auch in Portugal die Gesetze der Physik gelten, steigt die teuer erwĂ€rmte Luft nach oben in die erste Etage und heizt so sinnloserweise mein Schlafzimmer und unten bleibt es kalt. Lösung: Oben TĂŒr zu. Gesagt getan, SchiebetĂŒr oben zu. Dann machte es leise Klack und sie ließ sich nicht mehr öffnen. Sie hat sich verkantet. Na, prima! Eine ganze Menge Zeug von mir war nun eingeschlossen und mein Bett steht auch in dem verschlossenen Raum. Werkzeug gibt es keines in der Bude, wozu auch? Einzig mit Messer und Gabel die schwere TĂŒre auszuhebeln, war einen Option, aber eine schlechte. Es war dennoch einen Versuch Wert und kaum hatte ich die glĂ€nzenden Esswerkzeuge unter die TĂŒr gerammt, hatte ich auch schon große MĂŒhe, den verkeilten Messergriff des schicken WMF Bestecks wieder zu entfernen. Es trat das PhĂ€nomen der geller‘schen Besteckverformung auf und irgendwie lagen die Teile dann anschließend nicht mehr so konform in der Schublade wie vorher. GenĂŒtzt hatte es aber nichts. Es dauerte dann bis in die Abendstunden, bis der Vermieter mit seinem Bruder und schwerem GerĂ€t anrĂŒckte. Derweil ging ich ein HĂ€ppchen essen. Dann kam die kurze Nachricht, dass die TĂŒr wieder offen ist. In Sekundenschnelle. Es lag halt doch am Werkzeug! Ansonsten wĂ€re es mir schon sehr unangenehm gewesen, wenn ein Deutscher Ingenieur an einer portugiesischen SchiebetĂŒr scheitert – wieviel Klischees in diesem kleinen Satz stecken, erstaunlich.

Viel mehr passierte heute auch nicht mehr, mein Dinner war sehr spannend in einer winzigen Butze hier in der Straße, wegen des Regens wollte ich nicht weit laufen, ich war schon nach den 80 Metern klatschnass. Zwei kleine Damen, die aussahen wie Geschwister servierten bodenstĂ€ndige portugiesische KĂŒche. Eine Schwester kochte, die andere servierte. Lieb, nett und zuvorkommend zeigte die servierende Schwester mir meinen kleinen Platz, an dem sie gerade noch ein KreuzwortrĂ€tsel gelöst hatte. Ich weiß nicht, warum sie mit mir französisch sprach, aber dann eben auf Französisch. Beherrsche ich zwar auch nur in GrundzĂŒgen, aber besser als Portugiesisch allemal. Die bunten Teller waren zusammengewĂŒrfelt in GrĂ¶ĂŸe und Farbgebung wie zu meinen besten Studentenzeiten. Bier war eiskalt – auch wie zu Studentenzeiten - und immer wenn sie an meinem Tisch vorbeikam lĂ€chelte sie mir zu, als wolle sie sagen: „Du verstehst die Speisekarte doch sowieso nicht, bestell doch einfach was, bei uns schmeckt alles lecker!“ Dessen war ich mir sicher, denn der kleine Laden fĂŒllte sich zusehend mit Portugiesen, die nicht wie Touristen aussahen - sehr vielversprechend. Ich bestellte ein kleines Gericht mit SauergemĂŒse und warmem KĂ€sebrot. Leider hatte ich irgendwie die Variante mit Fleisch erwischt, nun gut, nehmen wir das mal so hin. Es hat aber hervorragend geschmeckt, alles war in einer sauren, leicht scharfen Soße eingelegt, die an Sauerbratensoße erinnerte. Mehr als satt wurde ich auch. Mein Bier war leer und ich um ein regionales kulinarisches Erlebnis reicher.
Der Tag endete mit dem Verfassen dieser Reisetagebuch-Geschichte und einem GlÀschen vinho tinto. Boa noite!

21. Dezember 2021 – Franz von Assisi hat rot und wo man Zauberbesen kauft

Wider alle Vorhersagen weckte mich schon frĂŒh die Sonne, der Himmel war blau und das penetrante Kreischen der Möwen nötigte mich zum Verlassen meines warmen Bettes. Kaffee, Balkon, Sonne. Das technische Equipment wurde ĂŒber Nacht aufgeladen. Auf geht’s. Einen echten Plan gibt es auch heute nicht, beginnen wir mit dem Mercado do BolhĂŁo, dessen Originalstandort zwar schon seit 2019 wegen umfangreicher Sanierung geschlossen ist, es aber einen Mercado TemporĂĄrio nebenan im Kellergeschoss eines Einkaufszentrums gibt. Doch bevor ich das Ziel meiner kulinarischen Leidenschaft erreiche, hĂ€lt mich eine rote Ampel auf. Direkt vor der Capela das Almas, was sinngemĂ€ĂŸ soviel bedeutet wie „unserer lieben Frau der Seelen“. Da stehe ich auf dem schmalen Pavimento eingeklemmt zwischen Verkehr, Einkaufsmeile, Bussen, einem blinden LottoscheinverkĂ€ufer und dem drĂ€ngelnden Volk im Weihnachtsmodus.
Von der gegenĂŒberliegenden Straßenseite leuchten mich die ĂŒber 15.000 handgemalten blauen Azulejos der angeblich schönsten Kathedrale Portugals an, die mir Geschichten erzĂ€hlen. Vom Ordensbruder Franziskus von Assisi, von seiner Predigt vor dem Honorius, einem Diskurs der Jungfrau Catarina und einem wundersamen Springbrunnen. Immer wieder stĂŒrzen mich derartige EindrĂŒcke in einen inneren Widerspruch. Als bekennender WiderstĂ€ndler gegen den katholischen Klerikalfaschismus bin ich gleichermaßen bewegt vom tieferen Sinn, der in den Geschichten ihrer Protagonisten verkĂŒndeten vorbildlichen Haltungen und rĂŒhrenden Lebenstaten. Irre ich mich vielleicht in meinem harten Urteil? Tue ich der katholischen Kirche Unrecht? Stop! Rote Ampel! Stehenbleiben! Aufpassen!

Nun zu den irdischen Leidenschaften. Der Eingang zum Mercado TemporĂĄrio do BolhĂŁo und das GebĂ€ude selbst zeigen sich im 90er Jahre BausĂŒnden-Stil, das Ambiente hat Parkhaus-Charme. Die angebotenen Waren ĂŒberzeugen aber nach wie vor mit Frische, Auswahl und QualitĂ€t. Wer etwas auf sich hĂ€lt und beste Waren wĂŒnscht, kommt um den BolhĂŁo nicht herum. Lange GĂ€nge sortiert nach GemĂŒse, Obst, SĂŒĂŸigkeiten, Grundnahrungsmitteln, Fleisch, KĂ€se und eine eigene Sektion nur mit bester Fischauswahl lassen mein Herz als leidenschaftlicher Hobbykoch höher schlagen. Insbesondere der frische Fisch hat es mir angetan. Einzig die bizarre Vorstellung, was ich mit einem frischen roten Robalo (Wolfsbarsch) oder einem Tamboril (Seeteufel) und der Mikrowelle in meinem Apartment anstellen soll, bewahrt mich vor einem unĂŒberlegten Einkauf. Ich wĂ€re so gerne Koch geworden, das ist mir mittlerweile klar... :-)

Ich verlasse das olfaktorische Panoptikum und laufe die bunte aber langweilige Rua Catarina entlang bis zur Igreja de Santo Ildefonso. Auch sie ist eindrucksvoll geschmĂŒckt mit blauen Kacheln, steht aber eher etwas einsam zwischen Flohmarkt und BauzĂ€unen herum. Weiter zur SĂ© do Porto, dann treffe ich auf den Jakobsweg. Winzige blumengeschmĂŒckte Gassen leiten mich extrem steil hinunter Richtung Ribeira. Miradouro da Rua das Aldas, ein Aussichtspunkt in Höhe des Glockenturms der Igreja de SĂŁo Lourenço nur wenige zehn Meter entfernt. Weiter hinunter geht es durch steile Gassen, die nur noch mittels Treppen ĂŒberwunden werden können. Da ist der Mercado Ferreira von gestern, irgendwie war ich hier ĂŒberall schon mal.

Mir fĂ€llt ein kleines Schild in der Rua de Belomonte ins Auge. „Escovaria de Belomonte“. Auf Deutsch „BĂŒrsten von Belomonte“. Ich habe recherchiert, diese Manufaktur wurde vor fast einhundert Jahren gegrĂŒndet und war vermutlich die Inspiration fĂŒr J. K. Rowling’s Zauberbesenladen in der Geschichte von Harry Potter. Ich aber finde einen kleinen Handwerksladen vor, in dem ein unglaublich freundlicher Mann mir seine BĂŒrsten zeigt. Ich bin beeindruckt und spĂŒre, dieser Laden hat tatsĂ€chlich etwas zauberhaftes.

Jetzt eine verdiente Pause am Ufer des Douro und auch wenn das Tachymeter erst Mittag zeigt, lasse ich mir einen Expresso (portugiesisch!) und einen Porto branco servieren. Die Sonne scheint warm und das Glas mit dem edlen sĂŒĂŸen Likörwein beschlĂ€gt schon leicht. É assim que deve ser.

Der nachmittagliche Regen gibt mir Zeit fĂŒr eine kleine Regeneration bevor ich mir das erleuchtete Porto in dieser klaren Nacht ansehen möchte. Eine Ă€hnliche Wanderung wie am Vormittag erwartet mich und trotz der immensen Höhenmeter, die man hier zu bewĂ€ltigen hat, belohnt mich jeder Ausblick mit Freude und Faszination. Que cidade encantadora.

Der Abend endet in meinem kleinen Apartment in der Rua Fabrica kurz vor einem heftigen Regen. Ich bin völlig platt und muss die ganzen EindrĂŒcke erst einmal verarbeiten. Der Restaurantbesuch ist gestrichen, die FĂŒĂŸe in Hochlage sind eindeutig ĂŒberzeugender!

22. Dezember 2021 – Der letzte Tag in Porto und warum Rot besser ist als Blau

Nach dem ĂŒblichen kleinen FrĂŒhstĂŒck musste ich heute noch kurz ausprobieren, wie lange ich zu Fuß durch die ganzen Baustellen zum Bahnhof SĂŁo Bento brauche. Von dort geht morgen frĂŒh mein Zug und den darf ich nicht verpassen. Es sind genau zehn Minuten.
Was steht heute auf der Liste? Ein paar Postkarten an meine Lieben möchte ich noch schreiben, die legendÀren Cafés Majestic und a Brasileiro werde ich besuchen und dann muss ich doch noch einmal in den Balhão, ein paar kulinarische Souveniers einkaufen.
Das CafĂ© a Brasileiro ist nicht weit vom Bahnhof SĂŁo Bento entfernt und um diese frĂŒhe Uhrzeit ist es gewöhnlich noch wenig besucht. In einem der vielen TourikramlĂ€den kaufe ich zuvor noch richtig schöne, kitschige Postkarten. Ich liebe es, Postkarten aus fremden LĂ€ndern zu verschicken. Das spannende daran ist zum einen, wann sie ankommen, zum anderen gibt das immer noch einmal Freude bei den EmpfĂ€ngern, wenn Monate spĂ€ter Post eintrifft. Und was gibt es schöneres, als bei einem Expresso (ja, mit „x“ im Portugiesischen) und einem Pasteis de Nata Postkarten zu schreiben. Der Name des CafĂ©s ist Programm. "Brasileiros", wie das schon klingt, wenn man es richtig ausspricht. Der Kaffee ist aus Minas Gerais in Brasilien und schmeckte erwartungsgemĂ€ĂŸ mehr als hervorragend! Das Interieur prĂ€sentiert sich ebenfalls sehr edel und gediegen im Stil der Belle Epoque, allerdings etwas kĂŒhl, wie ich fand.

Und schon sind die Postkarten fertig gestaltet und weiter geht's zum Mercado BalhĂŁo - zielstrebig zum SardinenhĂ€ndler. Ich habe mir gestern schon ein paar Sorten ausgesucht, die sich vielversprechend anhörten. Einmal Sardinen in Zitronenöl, einmal Sardellen mit Chili. Es war leicht fĂŒr den HĂ€ndler, mich dann noch zu kleinen Makrelen in Senfsauce und Makrelen mit Piri-Piri zu ĂŒberreden. Ich weiß noch nicht, ob ich sie tatsĂ€chlich verschenken werde. Bloß schnell wieder raus aus der Kalorienhölle und weiter zum wunderbaren CafĂ© Majestic, das nur zwei Block von hier entfernt ist. Seinerzeit soll bekanntlich J. K. Rowling hier Stammgast gewesen sein und bei einem guten CafĂ© am ersten Teil ihres Romans "Harry Potter" geschrieben haben. Kein Wunder, dass die beeindruckend ĂŒppige und gleichzeitig verspielte Inneneinrichtung im Stil des auslaufenden 19. Jh. sich inspirierend auf ihre Fantasie ausgewirkt hat. FĂŒr mich soll es heute ein GalĂŁo sein, das ist ein Expresso (wieder mit „x“) mit aufgeschĂ€umter Milch.

Weiter Richtung SĂ© – ah, da sehe ich gerade zwei BriefkastensĂ€ulen. Die Postkarten mĂŒssen ja noch eingeworfen werden. Der linke Postkasten ist blau, der rechte ist rot. Was bedeutet das? Zwei Postunternehmen? Habe ich auch die richtige Marken fĂŒr den richtigen Beförderer? Ist einer vielleicht Express und da muss dann mehr Porto drauf? Ich mache mir in erster Linie Sorgen, dass ich den falschen Kasten wĂ€hle und die kitschigen Postkarten ihre EmpfĂ€nger nie erreichen werden. Oder es wird gar Nachporto vom EmpfĂ€nger abgefordert und dann stehen da nur ein paar nette aber belanglose UrlaubsgrĂŒĂŸe drauf. Ich entscheide mich, eine seriöse, nette Dame zu fragen, die offensichtlich vor einem Laden auf etwas wartet. Auf perfektem Portugiesisch (subjektiv) frage ich, welcher Kasten denn der richtige sei und zeige ihr meine Postkarten. Das heißt auf Portugiesisch: „Qual Ă© a caixa postal certa?“ Sie antwortet mir unmittelbar auf Englisch, was mich maßlos enttĂ€uscht, weil ich einerseits wieder sofort als AuslĂ€nder entlarvt worden bin, andererseits mein Portugiesisch wohl doch nicht ganz akzentfrei ist. Noch verblĂŒffender aber ist die Antwort selbst: „I think the red one is the better one.“ Auf meine Frage, warum, erwiderte sie: „Red means fast, I think.“ Und tatsĂ€chlich, bei genauerem Hinsehen kann man lesen, der rote Kasten wird 1 Stunde eher geleert. Ich werfe die Postkarten in den roten Briefkasten ein und bin mir absolut sicher, das Richtige zu tun!

Als letztes Highlight fĂŒr heute habe ich mir die Besichtigung einer Portwein-Kellerei vorgenommen. Es ist nicht viel los am Cais de Gaia und so bekam ich eine exklusive EinzelfĂŒhrung mit anschließender Verkostung – nun ja, Steigerung der Kaufbereitschaft durch liebevolle Alkoholisierung der Besucher. Ich hatte mich fĂŒr Sandeman entschieden, weil die Uhrzeit am besten passte. Allerdings war es schon sehr interessant, was der Schotte alles bewegt hat im Portweinhandel. Schließlich war er der erste, der den Portwein nach Mitteleuropa brachte. Heute gehört er dem grĂ¶ĂŸten portugiesischen PortweinhĂ€ndler. Es ist sehr aufregend, durch die dunklen Keller zu streifen, in denen noch Flaschen vom Anfang des letzten Jahrhunderts liegen. Und auch mancher Mythos wird zerstört, so zum Beispiel, dass ein Port wertvoller wird je lĂ€nger man die Flasche aufbewahrt. Nein, er wird nicht mehr besser, sobald er auf der Flasche ist. Und JahrgĂ€nge gibt’s beim Port auch nicht – alles „Blend“. So jedenfalls berichtet es die kompetente Dame aus dem Hause Sandeman.

Resultat: Erstens, ich mag die hellen Ports nach wie vor am liebsten (außer zu Stilton KĂ€se, da muss es ein ruby oder tawny sein!) und zweitens, ich war um 15:30h schon gut angetĂŒtert...

Das Wassertaxi bringt mich zurĂŒck ans Nordufer des Douro und den steilen Weg hinauf zur Rua Fabrica gehe ich dann heute wohl zum letzten Mal. Ein HĂ€ppchen noch im excellenten Tapas Restaurant, noch einen Absacker in der schönen Bar Casa-da-BĂł und dann freue ich mich auf Morgen auf meine Reise nach Lissabon.

23. Dezember 2021 – Intermezzo in Lissabon

Die Reise nach Lissabon war kurz. Ein paar organisatorische GĂ€nge wegen Corona, ReisebeschrĂ€nkungen, Tests usw. Die Stadt war sehr aufgewĂŒhlt, ob es an Weihnachten lag oder der Vorbereitung auf Silvester in Zeiten rasant steigender Coronainfektionenen, ich kann es nicht sagen. Irgendwie waren das Leben und die Stimmung ein Konglomerat aus Sorgen, PrĂ€vention und Business as usual mit Maronenröstern, WeihnachtseinkĂ€ufen und Lichterglanz auf allen PlĂ€tzen. Der Ausflug nach Sintra musste dann auch scheitern, da die Wahl des Zeitpunktes schlecht war. Regen und KĂ€lte sowie Massen an Weihnachtsbesuchern machten die Visite zur Strapaze.

Nicht zuletzt auch wegen der schrecklichen Unterkunft und des anhaltenden Regenwetters lag die Entscheidung nahe, unmittelbar vor Silvester zurĂŒck nach Porto zu fahren. Mit dem Zug und einem Fensterplatz in der preiswerten 1. Klasse erlebte ich nun zum zweiten Mal eine Panoramafahrt durch Portugal. Mit einem so schnellen Wiedersehen der MĂŒndungsstadt des Douro habe ich tatsĂ€chlich nicht gerechnet. Um so glĂŒcklicher war ich, hierher zurĂŒckgekommen zu sein. Als ob man einen alten Freund ganz unerwartet wiedertrifft.

Die Wege am verbleibenden Tag waren die alt bekannten, schönen Pfade durch die steile Altstadt. Es ist Silvester und wegen der aktuellen Testauflagen in InnenrĂ€umen stellten alle Restaurants kurzerhand ihre Tische und StĂŒhle auf die Straße. Geht doch!

Das bessere Wetter und die WĂ€rme der Sonne konnte man tagsĂŒber einfach nur dankbar genießen. Und es waren da noch so viele spannende Ort, die ich vorletzte Woche nicht mehr geschafft habe, zu besuchen. Aber davon mehr in den nĂ€chsten Tagen.

Der Abend kam schnell und die hell erleuchtete Stadt verwandelt sich erneut in einen Lichterzauber, der seinesgleichen sucht. Der Höhepunkt ist natĂŒrlich die Ponte Dom LuĂ­s I, deren stĂ€hlerne Silhouette sich mit dem Glanz der tausend Lichter von Ribeira vermischt und sich im stillen Douro spiegelt. Es vergeht wunderbare Zeit, bis die Seele wieder aufgetankt ist und bis die Magie dieses Panoramas mich wieder loslĂ€sst.

5. Januar 2022 - PalĂĄcio da Bolsa und mehr...

Die letzten Tage schönes Wetter, heute etwas durchwachsen. Irgendwie weiß man nicht so recht, was man sich ansehen soll. Es gibt so unendlich viel, was die Sinne berĂŒhrt. Also eine beliebige Besichtigung ausgesucht, der Rest wird sich schon ergeben. Heute hieß diese Besichtigung "Palacio da Bolsa", der berĂŒhmte ursprĂŒngliche Handels- und Börsenplatz Portos. Ein architektonisches Monumentalbauwerk, das heute fĂŒr unterschiedliche Zwecke sinnvoll genutzt wird. Der Eindruck erstreckt sich von ĂŒberwĂ€ltigend bis protzig mit Überraschungen. Man findet hier u.a. das Arbeitszimmer von Gustave Eiffel und im Salao Arabe beeindruckende maurische EinflĂŒsse nach Vorlage der Alhambra.

Ein kleiner Imbiss und die Electrico fĂ€hrt mitten durch das Restaurant, der Half Rabbit am Cais de Gaia und ein uralter KrĂ€merladen in der NĂ€he des Mercado do BolhĂŁo, in dem ich mich habe hinreißen lassen zu ein paar umwerfenden Pates de Peixe fĂŒr's Abendbrot. Und unterwegs ungezĂ€hlte, mehr als beeindruckende GebĂ€ude der Stadt, die alle ihre eigene kleine Geschichte in sich tragen. Und immer wieder der Torre dos ClĂ©rigos, eines der Wahrzeichen der Stadt. Porto ist so wunderbar und geheimnisvoll!

7. Januar 2022 – Kunst!

Bus 743 ohne Umsteigen bis zum Museum und Park der Fundação de Serralves. Ein absolutes Highlight Portos, fĂŒr das alleine es sich fast schon gelohnt hat, zurĂŒckgekehrt zu sein.

KĂŒnstlerisches Schaffen, Bewusstseinsbildung, Umwelt, kritische Reflexion der Gesellschaft und KreativitĂ€t. Das sind die fĂŒnf fundamentalen Leitgedanken der Stiftung Serralves. Eines der meistbesuchten Museen fĂŒr zeitgenössische Kunst der Welt. Ohne mir anmaßen zu wollen, in drei Stunden und mit meinem bescheidenen KunstverstĂ€ndnis ein fundiertes Urteil abgeben zu können, ist es ein Juwel eines Museums. Und damit ist nicht nur das Museum gemeint, sondern der ganze Jardim de Serralves samt der beeindruckenden Art Deco Villa, der wundervoll duftenden Eukalyptushaine, dem kleinen See, dem Treetop Walk und dem verspielten Teehaus. Eine kleine Oase in der ĂŒberaus aktiven Stadt Porto.

In den AusstellungsrĂ€umen prĂ€sentiert sich dann eine beeindruckende Komposition aus bekannten und (mir) unbekannten KĂŒnstlern, die man auch ohne großes SekundĂ€rwissen einfach nur auf sich wirken lassen kann: Tudela, Kubisch, Beuys, Ai Weiwei und Bradford, um nur ein paar von ihnen zu nennen.

Hach, den Alltag verlassen, die Welt vergessen, eintauchen, sich leiten und verleiten lassen, sich verlieren und freudig wiederfinden und am Ende das Leben mit neuer Energie wieder aufnehmen. Was fĂŒr ein wunderbarer Tag...

8. Januar 2022 – Ausflug ins Tal des Douro

Die Tage in Porto vergehen schnell und erlebnisreich, was auch die kulinarische Erkundung sehr gemĂŒtlicher und guter Restaurants und Kneipen mit einschließt. Vom Bahnhof SĂŁo Bento fĂ€hrt ein Zug direkt bis ins Dourotal nach Peso da RĂ©gua, unserem Ausgangspunkt fĂŒr die kleine Erkundung des Flusstals mit seinen weltberĂŒhmten Weinbergen. Davon möchten wir einen eigenen Eindruck bekommen.

Mietwagen abholen und wir beziehen kurz darauf unser Zimmer in der Quinta do ValdalĂĄgea, einem sehr alten Weingut in der NĂ€he, dem man Ă€rgerlicherweise die Autobahn A24 in die Aussicht gebaut hat. Nun ja, sie war weit genug weg, um akustisch zu stören und Autofahrer sind wir ja auch. Spaziergang in den hauseigenen Weinbergen und mehrere AusflĂŒge zu den ungezĂ€hlten Aussichtspunkten. So fĂŒllten sich die folgenden Reisetage sehr schnell mit unvergesslichen Bildern und Aussichten ĂŒber die Ă€lteste Weinbauregion der Welt, wie man behauptet.

Schnell brechen die letzten Tage an, die Sonne ist wohlgesonnen und verschenkt WĂ€rme und Licht. Das Dourotal ist eine der schönsten Gegenden von Portugal, allerdings ist es nicht in wenigen Tagen zu erkunden, dazu benötigt man vermutlich Monate. Die Wege sind einfach zu weit und zu schön. Immer wieder geht es ĂŒber kurvige Straßen und winzige Bergdörfer zur anderen Talseite. Manchmal braucht man ĂŒber eine Stunde bis man das Dorf auf der anderen Talseite erreicht, auch wenn es zum Greifen nah erscheint. Hier und da muss man etwas schwindelfrei sein, ansonsten ist die Topografie zwar atemberaubend, aber nicht zu herausfordernd. Und so standen heute der Bahnhof von PinhĂŁo und mehrere Aussichtspunkte auf dem Zettel, die im Portugiesischen mit dem schönen Wort Miradouro bezeichnet werden: Miradouro da Formiga und Miradouro SĂŁo Leonardo de Galafura waren die schönsten.

FĂŒr den Miradouro da Formiga mussten wir noch einen Spaziergang durch die steilen Weinberge und OlivengĂ€rten absolvieren. In allen Weinbergen herrscht rege AktivitĂ€t, der Rebschnitt ist noch nicht ĂŒberall abgeschlossen, die Böden werden gereinigt und bearbeitet. Das Weinreisig wird wie eh und je verbrannt. Das ist zwar eine riesige, qualmende Sauerei, aber riechen tut es toll, denn mit dem Reisig werden auch viele Ölhölzer verbrannt und ich verbinde diesen Duft untrennbar mit dem Mittelmeerraum. Alles fĂŒr die hoffentlich reiche und gute Lese 2022.

Viel mehr Sachliches gibt es auch nicht zu berichten, den Rest der Zeit verbringt man am besten mit tiefem Ein- und Ausatmen, mit Seelenpflege und mit Weitblicken in die Berge und HĂŒgel und auf den still dahinfließenden mĂ€chtigen Douro. Que maravilha!

13. Januar 2022 – Letzter Tag in Lissabon bei Sonnenschein

Nach der RĂŒckreise aus dem Dourotal, wieder per Bahn, ist heute der letzte Tag in Lissabon und Portugal. Notwendige AktivitĂ€ten zur Organisation der RĂŒckreise stehen an und das erledigt man am besten direkt am Flughafen. Hier weiß die rechte Hand allerdings nicht, was die linke tut, irgendwie ĂŒberfordert COVID das gesamte System. Zudem sind arbeitende Portugiesen nach meiner Erfahrung entweder völlig ignorant oder extrem hilfsbereit. Dazwischen ist das Land unbevölkert. Am Flughafen wird man zunĂ€chst ĂŒberall abgewiesen, weil angeblich irgendein Formalismus nicht erfĂŒllt ist, in Wahrheit wissen die hier selbst nicht, wie das Spiel lĂ€uft. Am Ende ist dann doch alles korrekt und niemand interessiert sich fĂŒr irgendein Papier, QR-Code oder Einreiseformular. Fertig!

Und jetzt noch bei schönstem Sonnenschein eine Runde durch Lissabon. Linha 28, Alfama, der alte KĂŒnstlermarkt am Mercado de Santa Clara war leider geschlossen, einen letzen Ginjinha am Miradouro das Portas do Sol, Miradouro de Santa Luzia mit Aussicht auf den Tejo, SĂ© de Lisboa (darf nicht fehlen) und ganz am Ende eine Erfrischung in der warmen Wintersonne am schönen Praça do ComĂ©rcio, der trotz seiner Prominenz und Gewaltigkeit zu einem meiner liebsten PlĂ€tze in Lissabon gehört. Der Wecker ist auf 3:00h gestellt.

Adeus Portugal, foi bom estar contigo! Até à próxima!

 

* * *


Porto im Januar 2024

Samstag, 13. Januar 2024 – Wiedersehen mit der Lieblingsstadt

Es ist 3:30 h nachts, es regnet draußen. Mein erster Wecker stimmt pĂŒnktlich eines meiner Wecklieder an. Ich stelle mir immer mehrere Wecker, wenn ich keinesfalls verschlafen darf. Auch heute, obwohl das wĂ€re nicht nötig gewesen, denn ich bin schon wach. Nein, nicht vor Aufregung, weil es in ein paar Stunden losgeht, sondern weil mein Leben in den letzten elf Monaten etwas heftig durchgeschĂŒttelt wurde, aber diese Geschichte soll an anderer Stelle erzĂ€hlt werden. Ich lasse mir Zeit fĂŒr ein nĂ€chtliches FrĂŒhstĂŒck, der Koffer ist natĂŒrlich schon reisefertig, letzte Kontrolle, alles aus und alles zu, dann breche ich auf.

Am kleinen Flughafen im MĂŒnsterland ist es noch dunkel, draußen auf dem Vorfeld steht der unbeleuchtete Cityhopper, der mich nach Frankfurt bringen wird. Von dort sind es dann schnelle zweieinhalb Stunden bis nach Porto. Als drei Stunden spĂ€ter der Tag erwacht, genieße ich schon die Aussicht hoch ĂŒber den Wolken und das wĂ€rmende Sonnenlicht. Unter mir ziehen stumm die Biskaya und Asturien mit den verschneiten Picos de Europa vorbei als plötzlich etwas Altbekanntes in mir erwacht. Es ist das wunderbare GefĂŒhl jener Momente, in denen man sich auf den Weg macht, eine Reise beginnt oder zu neuen Taten aufbricht. Ein schönstes LebensgefĂŒhl.

"Cabin crew, please prepare for landing!" dann beginnt der rumpelige Sinkflug durch dicke Regenwolken, nun ja, es ist Januar. Wir landen pĂŒnktlich, der Koffer dauert etwas, dann bringt mich ein Ă€lterer, fröhlicher Taxifahrer zu meinem Apartment. Er macht sich einen Spaß daraus, meine sprachlichen Gehversuche im Portugisischen zunĂ€chst ĂŒberhaupt nicht zu verstehen, um dann, nach einer gekonnten Kunstpause, meinen Text mit perfektem Zungenschlag zu repitieren. Danach folgt jedesmal ein kleines Gewinnerlachen und die Aufforderung zur phonetischen Korrektur meinerseits. Die Ankunft in VitĂłria, dem alten Stadtviertel direkt oberhalb von Ribeira, kommt viel zu schnell. Ich bezahle den Taxifahrer und merke mir seine Nummer schon mal fĂŒr die RĂŒckfahrt.

Mein Apartment mit Aussicht ist in der obersten Etage, genau so wollte ich das! Ich öffne die BalkontĂŒren und Porto Velho begrĂŒĂŸt mich wie ein alter Freund es tun wĂŒrde. Eine grandiose Aussicht umarmt mein Innerstes: "Schön, dass du da bist!" Die große BrĂŒcke nach Vila Nova de Gaia ĂŒberspannt wie eh und je den dunklen Douro und ich atme die frische Luft, die von Ribeira heraufweht. "OlĂĄ cidade favorita! Wie schön wieder hier zu sein, wir haben ĂŒber eine Woche Zeit fĂŒreinander!"

Sonntag, 14. Januar 2024 – Regenkaleidoskop und Sichtwechsel

Gestern ist außer einem Spaziergang und ein paar EinkĂ€ufen fĂŒr das leibliche Wohl nicht mehr viel passiert. Es war ein langer Tag und das Bett rief beizeiten zur Nachtruhe. Umso frischer der heutige Morgen. Frisch in dem Sinne, dass draußen ein ziemlich unwirtliches Wetter herrscht. Es regnet in wechselnden IntensitĂ€ten und ein frischer Wind blĂ€st das Wasser frontal an meine großen Balkonfenster. Also beginne ich zunĂ€chst die HĂŒtte nach meinem Geschmack umzurĂ€umen. Der Tisch gehört ans Fenster, schließlich brauche ich beim Schreiben Tageslicht und eine gewisse visuelle Inspiration. Ja, das geht auch bei Mistwetter. Die Tagesdecke meines Bettes wird zur Tischdecke, ich stehe nicht auf ungemĂŒtliche, weiße Schleiflacktische. Im Treppenhaus stehen nur zur Deko dicke Kerzen herum, eine davon ĂŒbernehme ich in mein Inventar und fĂŒhre sie ihrem originĂ€ren Zweck zu: GemĂŒtliche Beleuchtung! Bei der Gelegenheit wird auch gleich die Flasche mit diesen unsĂ€glichen DuftstĂ€bchen von meiner Etage ins Foyer verbannt. Mein ganzes Apartment stinkt schon nach dieser olfaktorischen Übergriffigkeit. So, TĂŒr zu, das sieht doch schon ganz gut aus in meinem Zuhause. Sessel noch an den Tisch ranschieben und jetzt ein TĂ€sschen Kaffee und ein kleines FrĂŒhstĂŒck. Geht doch! Auch bei Regen.

Der Regen macht wenig Anstalten aufzuhören, ja nicht einmal weniger zu werden. Im Gegenteil, es prasselt regelrecht an meine Scheiben, dass das Wasser nur so in Schlieren herunterrinnt. Ich gieße mir eine weitere Tasse Kaffee auf und beginne zu schreiben. Etwas spĂ€ter in ein paar kurzen Regenpausen ist draußen die Luft vom Wind dermaßen klar geblasen, dass die Farben der DĂ€cher und die der HĂ€user am anderen Flussufer eine beeindruckende IntensitĂ€t bekommen. Die an meiner Fensterscheibe verbliebenen dicken Regentropfen und Rinnsale wirken wie hunderte optische Linsen, die meinen Panoramaausblick jetzt kunstvoll verfremden. Je nachdem wie ich meinen Kopf zur Seite oder auf und ab bewege, verĂ€ndert sich das Bild völlig unregelmĂ€ĂŸig, aber es bleibt geradezu brillant scharf. Wie ein riesiges Kaleidoskop, dem die Geometrie der gespiegelten Objekte abhanden gekommen ist. Ich nenne es mein "Regenkaleidoskop", obwohl die prĂ€zise Bezeichnung eigentlich "Teleidoskop" sein muss, aber das kennt doch kein Mensch, nicht einmal der Taxifahrer von gestern. Was fĂŒr ein kurzweiliger Spaß!

Am Nachmittag wird das Wetter besser. Es hört auf zu regnen mit Aussicht auf leichte Sonnenintervalle. Ich mache mich auf den Weg, ich brauche frische Luft. Doch was stelle ich in einer Stadt an, die ich schon mehrmals besucht und deren prominenteste Orte ich schon aus allen erdenklichen Perspektiven betrachtet und abgelichtet habe? Ich beginne ein kleines Fotospielchen. Kann ich die Ansichten der bekannten Lokationen nur durch ihre Farbe und ihre gegebene Bildaufteilung darstellen? Sind die typischen SehenswĂŒrdigkeiten auch so identifizierbar? Spannend. Ich mache also vorsĂ€tzlich fotografisch alles falsch, was man in den LehrbĂŒchern fĂŒr den FotoanfĂ€nger beigebracht bekommt. Ich begehe TodsĂŒnden der Fotografie, brenne den Himmel aus und lasse Schatten elend absaufen, architektonischen Linien ist das StĂŒrzen erlaubt und beim groben Verreißen meines Fotoapparates verspĂŒre ich eine rechte Freude. Da dies nicht meine ĂŒbliche Arbeitsweise ist, kann ich auch die kĂŒnstlerische Ausbeute dieses Experiments nicht abschĂ€tzen. Also mache ich zig Bilder von jedem Motiv, nicht lange im Sucher gestalten, es wird "geballert"! 

Und das ist die durchaus vorzeigbare Ausbeute meines "Sichtwechsel-Experiments", allerdings nicht ohne aufwÀndige Nachbearbeitung...

Mir gefĂ€llt das fĂŒr den Anfang schon richtig gut. Es ist eine Art Sichtwechsel auf Altbekanntes, ohne das Wesentliche zu verlieren. Noch mehr, es ist die Entfernung des diskreten Äußeren, die Entfernung der primĂ€ren Identifikationsmerkmale wie Grenzlinien, FlĂ€chengeometrie und Objektumrisse. Übrig bleibt eine unscharfe, aber nicht willkĂŒrliche, impressionistische Farb-, Hell- und Dunkelverteilung. Und was fĂŒr herrliche Farben, Formen und Kontraste. Ich erkenne auf den Bildern zweifelsohne meine lĂ€ngst liebgewonnenen Anblicke dieser Stadt, nur haben sie mir bei der Betrachtung noch nie soviel Platz fĂŒr Fantasie gelassen. Welche Freude so einfache Sichtwechsel doch machen können!

15.-17. Januar 2024 – FrĂŒhstĂŒck mit Jonathan und macht bergauf glĂŒcklich?

Der zum Teil heftige Regen wechselt sich mit dem Atlantikwind ab. Azorenwetter. FĂŒr meine kleinen alltĂ€glichen EinkĂ€ufe muss ich die Regenpausen nutzen, meist abends gehe ich dann durch die nassen, glĂ€nzenden Straßen runter zum kleinen Supermarkt unterhalb von VitĂłria. Der hat das Nötigste und bis Mitternacht geöffnet. Im Grunde ist es kein Supermarkt, sondern ein besserer Kiosk, wo sich alle möglichen Nachtgestalten treffen und Menschen, die irgendetwas vergessen haben oder auf dem Heimweg von der Nachtschicht noch einen Verlegenheitsimbiss kaufen, weil sie todmĂŒde sind und nur noch nach Hause wollen. Ach ja, und ich, der wĂ€hlerische Tourist, der Obst, Milch und Kekse kauft und tatsĂ€chlich nach Biowaren sucht. Ich komme mir arrogant vor, aber davon nimmt glĂŒcklicherweise niemand Notiz und der Mann an der Kasse ist auch bemerkenswert freundlich. Als ich gehe sage ich laut "Adeus" und wundere mich, wer mir alles ein ebenso freundliches Auf Wiedersehen wĂŒnscht. Sogar der krĂ€ftige TĂŒrsteher verabschiedet mich, er nickt mir lĂ€chelnd zu, als ob er es bedauere, dass ich schon gehe. Ja, ich komme bestimmt wieder hierher zum Einkaufen. Auch wenn es keine Biowaren gibt. Und nun den ganzen Berg zum Brunnendenkmal "Chafariz da Porta do Olival" wieder hinauf. Er ist steil. Die meisten Straßen und Gassen hier sind steil und ich ĂŒberlege mir jedes Mal genau, wo ich bergab gehe oder ob es einen klĂŒgeren Umweg mit weniger Höhenmetern gibt. Mir kommen einige wenige Menschen entgegen. Bergab sind sie immer so flotten Schrittes, was kein Wunder ist. Ich frage mich, ob Menschen, die bergab gehen, in diesem Augenblick tendenziell glĂŒcklicher sind als Menschen, die bergauf gehen. Und könnte man traurige GemĂŒtszustĂ€nde durch Bergabgehen kompensieren? Das wĂ€re ein interessanter Therapieansatz. Die Fragen kommen auf meine innere Denkliste, sie mĂŒssen bis zur Beantwortung noch reifen. Da ist der Brunnen, jetzt geht es nur noch bergab, ich bin fast zu Hause. Es beginnt wieder krĂ€ftig zu regnen als ich mein Apartment erreiche. GlĂŒck gehabt.

Oft, wenn ich mir morgens mein FrĂŒhstĂŒck bereite, sitzt eine dicke Möwe auf meinem Balkongitter. Möwen haben keinen Fabelnamen, deshalb taufe ich sie ganz einfallslos Jonathan. Etwas nervös schaut er mir durch das Balkonfenster in der KĂŒche zu. Normalerweise sind Möwen scheuer, Jonathan nicht. Ob er auf Futter spekuliert? Oder ist das Balkongitter sein Stammplatz und ich störe gerade sein Territorium? Ich bewege mich ruhig und gleichmĂ€ĂŸig, mir gefĂ€llt die Gesellschaft, denn zugegeben, manchmal ist es schon etwas einsam hier alleine mit dem Ausblick. Und bei meinen SelbstgesprĂ€chen weiß ich fast immer vorher, was ich mir antworten werde. Heißer Kaffee, MĂŒsli, frisch gepresster Orangensaft, ein gut belegtes Sandwich und ein 6 Minuten FrĂŒhstĂŒcksei. So kann der Tag beginnen. Jonathan mit seinem schiefgestellten Kopf wirkt neidisch und in dem Moment sehr menschlich. TatsĂ€chlich beginne ich mit ihm zu reden. Nichts Gehaltvolles, eher so wie Menschen mit ihrem Hund sprechen, wenn sie sich um seine Beipflichtung zum eigenen Lamento bemĂŒhen. Jonathan scheint nicht beeindruckt und wendet sich ab. Dann wirft er sich ohne einen FlĂŒgelschlag elegant in den Aufwind, der von Ribeira hochweht, und gleitet davon. Nachdenklich beginne ich das FrĂŒhstĂŒcksei zu pellen, es ist noch sehr heiß.

Ich muss an die Luft. Das Wetter scheint stabil genug fĂŒr einen Spaziergang nach Vila Nova de Gaia. Dicke Schuhe an und los. Meine SpaziergĂ€nge beginnen fast immer mit einem kurzen Ausblick vom Miradouro da VitĂłria, anschließend durch die winzige Escada da VitĂłria hinunter zur Rua de Belmonte. Ein paar HĂ€user von hier ist der berĂŒhmte BĂŒrstenmacher Escovaria, der die reale Romanvorlage fĂŒr den Zauberbesenmacher in Harry Potter lieferte. Ich biege aber nach links ab und spaziere vorbei am PalĂĄcio da Bolsa weiter hinunter zum Ufer des Douro. Es ist alles so vertraut und behaglich normal. Ich sehe keinen Anlass vor den vielen imposanten GebĂ€uden stehen zu bleiben oder DenkmĂ€ler zu bestaunen. Auch mein Fotoapparat bleibt meist im Rucksack. Um die Urlaubsfotos kĂŒmmern sich schon die Touristen. Ja, formal bin ich auch einer, aber das fĂŒhlt sich gerade ĂŒberhaupt nicht so an, denn ich mache ja meinen FrĂŒhstĂŒcksspaziergang, der nur ganz zufĂ€llig hier entlangfĂŒhrt. So etwas haben Touristen nicht und da ist der Unterschied. Auf der HĂ€lfte der Promenade besteige ich ein wartendes Taxi. DreifĂŒnfzig kassiert der KapitĂ€n, kurz darauf legen wir ab. Es ist das Wassertaxi rĂŒber nach Gaia und ich bin der einzige Fahrgast. Das habe ich schon ganz anders erlebt. Die Fahrt dauert nur drei Minuten und mir gefĂ€llt immer wieder diese Totale der bunten HĂ€user an den Cais da Ribeira. Auch einer meiner Lieblingsorte in dieser Stadt. An der Promenade von Gaia ist wenig los, die ParkbĂ€nke sind ĂŒberwiegend unbesetzt und ich experimentiere wieder etwas mit meinem "Sichtwechsel". Das Wetter hĂ€lt sich prima und ich nutze eine der trockenen ParkbĂ€nke zum Verweilen. Die frische Atlantikluft tut gut und weckt Lebenslust. Tief einatmen, ausatmen, Seele auftanken.

Welchen RĂŒckweg schlage ich denn nun ein? Ich bin lange keine Seilbahn mehr gefahren. Das letzte Mal war vor fast einem Jahr. Es war hier in Porto. Ich fahre immer Seilbahn, wenn ich hier bin. Die Talstation der TelefĂ©rico ist leer, ich besteige die Gondel Nr. 13 und genieße den Luxus alleine zu fahren. Ein im wahrsten Sinne des Wortes erhebendes GefĂŒhl, von der Fußhöhe der riesigen Ponte LuĂ­s fast gerĂ€uschlos auf die Scheitelhöhe ihrer StĂŒtzparabel angehoben zu werden. Oben am Aussichtspunkt der Seilbahnstation werden vor dem atemberaubenden Flusspanorama Maronen geröstet. Da ich Maronen nur zu gebratenem Wildschwein mag, verzichte ich auf den Kauf und schlendere los ĂŒber die lange StahlbrĂŒcke. An dem Blick von hier oben auf die ewige Promenade von Ribeira werde ich mich wohl nie sattsehen können. Etwas weiter habe ich Einblick in die letzten wilden RuinengĂ€rten, die offensichtlich noch von Menschen genutzt und sogar behelfsmĂ€ĂŸig bewohnt werden. Die fortschreitende Luxussanierung der Stadt wird diese in absehbarer Zeit auch verdrĂ€ngt haben. Eine polarisierende Diskussion. Der Weg fĂŒhrt vorbei an der imposanten SĂ© do Porto bis hin zum Bahnhof SĂŁo Bento. Trotz der Großbaustelle fĂŒr die U-Bahn Linha Rosa nehme ich den kleinen Umweg durch das berĂŒhmte Foyer des Sackbahnhofs, der auf den Grundmauern des Klosters des Heiligen Benedikt fußt. Die prĂ€chtigen Fliesenarbeiten und die ĂŒppige Höhe der Eingangshalle sind schon sehenswert. Hier fahren die ZĂŒge ins Dourotal ab und unmittelbar hinter den Bahnsteigen beginnt ĂŒbergangslos ein riesiger Tunnel in den Berg.

Die Baustelle wird mir zu laut und ich verschwinde besser von hier. Das Wetter gestaltet sich weiter ganz stabil, weshalb ich nicht den kĂŒrzesten, sondern den angenehmsten RĂŒckweg wĂ€hle. Er fĂŒhrt durch die eine oder andere kleine Seitengasse, vielleicht finde ich ja zufĂ€llig noch eine gemĂŒtliche Taverne oder ein hĂŒbsches Restaurant, denn in den nĂ€chsten Tagen möchte ich es wagen, mal wieder essen zu gehen, was sich derzeit wegen des ganzen Krebsdurcheinanders in meinem Hals noch etwas schwierig gestaltet. 

Der kleine Umweg fĂŒhrt zufĂ€llig auch am freundlichen Supermarkt vorbei. Das trifft sich gut, denn meine Apfelsinen sind aufgebraucht und morgen frĂŒh möchte ich schließlich wieder Orangensaft pressen, wenn ich mit Jonathan frĂŒhstĂŒcke. Der Einkauf geht flott, der TĂŒrsteher ist um diese Zeit ein anderer, dann weiter hinauf nach VitĂłria. Es geht stetig bergan und dabei fĂ€llt mir wieder die Frage von der inneren Denkliste ein, ob Menschen, die bergab gehen, in diesem Augenblick tendenziell glĂŒcklicher sind als Menschen, die bergauf gehen. Formuliere ich daraus eine These, erscheint sie mir zunĂ€chst schlĂŒssig, allerdings widersprĂ€che sie der populĂ€ren, positiv belegten Redewendung "Jetzt geht's bergauf!" Ich beobachte nun genau, ob mich der Anstieg ohne GlĂŒcksgefĂŒhl lĂ€sst oder ob er mir im Sinne der zitierten Redewendung eher motivierenden Zuspruch schenkt. In dem Moment fĂ€llt mir von einer HĂ€userwand ganz prominent ein kleines Graffiti ins Auge: "Fuck cancer". Es ist kein kunstvolles Werk, eher eine hingekrickelte Aufforderung. Ich fĂŒhle mich aufgeweckt, eine Botschaft des Universums? So en passant und doch so klar? Schließlich ist da ja noch was in meinem Leben, das diese Motivation von Zeit zu Zeit dringend braucht. Erstaunlich treffend. Ich muss unwillkĂŒrlich lachen und streiche die aktuelle Frage des "BergaufglĂŒcks" von der Denkliste. Sie ist beantwortet: Bergauf macht glĂŒcklich, am Ende. Und bergab macht auch glĂŒcklich. Am Anfang. Das erzĂ€hle ich Jonathan morgen frĂŒh.

18. Januar 2024 - Die köstlichen Muscheln des Jakob und ein Denkausflug

Heute morgen wache ich leicht verwirrt auf. Ich habe sehr realistisch von meiner SĂŒdamerikatour getrĂ€umt. Da war eine wunderschöne, aber endlose Piste, die mein Motorrad, also Bienchen, und ich bewĂ€ltigen mussten. "Unmachbar" war der beherrschende Gedanke, trotzdem gab es aber keine Alternative und somit waren Lamento und Diskussion ĂŒberflĂŒssig. Wir sind einfach gefahren. Das Ende haben wir nicht erreicht. Ich bin vorher aufgewacht.

Beim FrĂŒhstĂŒckskaffee auf dem Balkon knĂŒpfe ich gedanklich noch einmal an das nĂ€chtliche Traumgeschehen an. Vor genau einem Jahr war ich in Montevideo und habe Bienchen aus der Werkstatt abgeholt. Ich hatte wenige Tage zuvor die hĂ€rteste Woche der Tour hinter mich gebracht. GefĂ€hrliche katabatische Winde der StĂ€rke 6 und Spitzentemperaturen von 42°C in der argentinischen Pampa haben mir meine persönlichen Grenzen sehr deutlich aufgezeigt. Bienchen und ich sind dennoch gefahren. Keine Alternative. Kein Lamento. Keine Diskussion. Das könnte doch sehr gut ein AnknĂŒpfungspunkt fĂŒr meinen Lebensfaden sein, denn wie im Traum habe ich bis heute das Erlebnis "SĂŒdamerika" im Kopf noch nicht zu Ende erlebt. Ich begreife immer noch nicht, dass fast ein Jahr seit meiner RĂŒckkehr vergangen ist. Es fĂŒhlt sich wirklich an wie gestern oder wie letzte Woche. Es ist ja nichts Neues, dass Zeit schneller zu vergehen scheint, je mehr man zu tun hat oder je höher die Erlebnisdichte ist, aber wie intensiv muss mein traumatisches Krebsabenteuer bisher gewesen sein, dass ich heute ohne meine Aufzeichnungen nicht mehr in der Lage bin, mich prĂ€zise an Einzelheiten zu erinnern oder meine turbulenten SeelenzustĂ€nde den objektiven Sachlagen korrekt zuzuordnen. Es sind schlichtweg zu viele Puzzlesteine, die ich zusammensetzen mĂŒsste, um einen vollstĂ€ndigen RĂŒckblick zu erhalten. Und wie oft und wie detailliert möchte ich denn ĂŒberhaupt zurĂŒckblicken? Da halte ich es doch lieber mit dem Buddhismus: "Verweile nicht in der Vergangenheit, konzentriere Dich auf den Moment." Also, Schuhe an und los! Heute ist Markttag!

Es sind nur zwanzig Minuten Fußweg. Bergauf, bergab, entlang der alten Linha 22, SĂŁo Bento, vorbei am CafĂ© A Brasileira und dann rauf nach BolhĂŁo. Seit dem letzten Jahr ist der renovierte Markt wieder geöffnet und in Benutzung. Ganz schön großes GebĂ€ude und es sieht deshalb immer ein Bisschen einsam aus, trotz der ganzen HĂ€ndler. Ordentlich nach Warengruppen aufgeteilt findet man hier richtig gute und leckere SpezialitĂ€ten. Das touristische Angebot hĂ€lt sich in Grenzen und beschrĂ€nkt sich auf die typischen, bunten Dosen mit eingelegten Sardinen und exklusive Schokoladenwaren. Ich lasse mich von den frischen HĂ€ppchen, den Petiscos, in der FischhĂ€ndlerecke begeistern. Das Angebot an Frischfisch und MeeresfrĂŒchten ist sichtbar begrenzt und am Ende des Markttages ist auch alles ausverkauft. Ich war schon nachmittags hier und einige HĂ€ndler schlossen bereits, weil eben alles verkauft war. Ohne Verifizierung soweit ein erfreulich vernĂŒnftiger Handel.
FĂŒr kleines Geld probiere ich an verschiedenen StĂ€nden den ein oder andere mundgerechten Gaumenschmeichler, der Favorit sind ganz klar die kleinen Jakobsmuscheln, auf portugiesisch Vieiras frescas cruas. Sie liegen appetitlich angerichtet auf Eis und man sucht sich einfach fĂŒr zweifĂŒnfzig eine aus. Wahlweise mit Tabasco oder Zitrone betrĂ€ufeln und genießen. Ich mag sie lieber natur, das DillstrĂ€ußchen reicht mir als aromatischer Akzent.

Der RĂŒckweg durch den Markt fĂ€llt mir schwer, ich muss vorbei an all den herrlichen Leckereien und bisweilen kuriosen SpezialitĂ€ten. Zum ersten Mal sehe ich eine "Stilton Port Infusion". Hier steckt man eine geöffnete Flasche Vintage Port kopfĂŒber in einen ganzen StiltonkĂ€se und lĂ€sst ihn mehrere Tage so stehen. FĂŒr mich irgendwie zu dekadent, um es nachzumachen, aber kulinarisch reizen wĂŒrde mich das ja schon. Ohne bei den KĂ€se- und SĂŒĂŸwarenhĂ€ndlern dem Kaufrausch zu verfallen, gelingt mir der Weg in die Obst- und GemĂŒsezone. Ein großer Beutel frische Apfelsinen und beste Mandarinen sind ein Muss, zumal die Preise fĂŒr derart gute Ware unerklĂ€rlich gering sind.

So beladen begebe ich mich zum Ausgang und entdecke einen kleinen Altar an der kargen Wand. Ein eher trostloser Ort, verglichen mit dem maßlosen, klerikalen Pomp, der hier ĂŒblicherweise zur WĂŒrdigung den Heiligen zuteilwird. Die gewohnt kitschige Marienfigur schaut unter der Last von Perlen- und Goldketten etwas teilnahmslos auf den Betrachter herab und erfĂŒllt irgendwie stoisch ihre Aufgabe als Schutzpatronin des Mercado. Aber warum gerade hier? Beten, dass die gekauften Waren auch frisch und gut sind, muss hier niemand. Oder ist es einfach nur die Geste religiöser Dankbarkeit oder des Gebets, dass dem Markt und seinen Menschen kein Ungemach widerfahre? ReligiositĂ€t hin oder her, fĂŒr mich unerheblich, das Ansinnen fĂŒrsorglicher Achtsamkeit an einem banalen Ort beindruckt mich. Exemplar modus cogitandi.

Solche und Ă€hnliche Gedanken sind es, die mich unregelmĂ€ĂŸig und unsortiert beschĂ€ftigen, wenn ich dem Kopf keine Vorgaben mache. Es sind die Gedanken, die VerĂ€nderung und Innovation schaffen. Und genau deshalb bin ich hier ins geliebte Porto gekommen, wo mich niemand stört und niemand ablenkt. Einfach in den Tag leben, alles zulassen und aufmerksam beobachten. Ich stelle mir Fragen, ich versuche Gedanken, ich finde Antworten. Am Morgen geht die Sonne auf, des Abends geht sie wieder unter. Lichtwechsel schaffen mir Sichtwechsel, ich muss mich nicht erklĂ€ren, weil niemand mich verstehen muss. Nicht das Wie und nicht das Was. Und schon gar nicht das Warum. Denn solange mein Denken nach (Selbst)erkenntnis strebt, ist die KausalitĂ€t meiner Gedanken fĂŒr andere Menschen ohnehin nicht nachvollziehbar. Sie ist im streng philosophischen Sinne alles andere als intelligibel. Heißt, ohne einen erklĂ€rten Willen und ohne die FĂ€higkeit zu einem dezidiert sinnlichen Konnex ist jeder fundierte ErklĂ€rungsversuch einer KausalitĂ€t zum Scheitern verurteilt. Gehirnwindungen wieder sortieren und normal weiteratmen! Nein, ich habe nichts geraucht, ich liebe DenkausflĂŒge.

Nach einem kleinen Pastel und einem Espresso zur Auflockerung des Heimwegs wird aus dem so gedankenvollen Tag ein besonders klarer Abend. Der frische Salat, den ich mir zu Hause zum Abendbrot bereite, schmeckt hervorragend. Schließlich hat ihn die Schutzpatronin aus dem Mercado gesegnet. Abendbrot mit Panorama. Die StĂŒtzbögen des Mosteiro da Serra do Pilar leuchten wie vergoldet zu mir herĂŒber. Es ist Abend in Porto. Es geht mir gut!

19.-21. Januar 2024 – Wie die Zeit vergeht, wenn man sich amĂŒsiert!

Gegen sieben Uhr frĂŒh wache ich auf. Erstes Tageslicht erhellt meine Wohnung und der zart orange Osthimmel kĂŒndigt den baldigen Sonnenaufgang an. Was fĂŒr ein schöner Tagesanbruch! Und so frĂŒh! Ich hatte irgendetwas spannendes getrĂ€umt und darĂŒber bin ich wohl wach geworden. Irgendetwas von Zeit und VergĂ€nglichkeit, ein Thema, das mich tatsĂ€chlich seit Jahren zunehmend beschĂ€ftigt.

"Wie die Zeit vergeht, wenn man sich amĂŒsiert!" ist das Erste, was mir zu diesem Thema spontan einfĂ€llt. Dieses wunderbare Zitat aus "Warten auf Godot" strapaziere ich immer wieder gerne. Nicht nur weil es damals mein Theatertext als Wladimir alias Didi war, sondern weil es plĂ€sierlich und unstrittig zugleich ist. Die Causa des raschen Zeitverfalls im VergnĂŒgungsmodus habe ich freilich schon etwas weiter oben diskutiert, aber es ist nun mal auf vielfĂ€ltige Weise tĂ€glich prĂ€sent. Von erquicklich bis angsteinflĂ¶ĂŸend ist jede Spielart dabei, manchmal lache ich herzlich darĂŒber, manchmal bin ich vom Schrecken gepackt und fĂŒhle mich zur Eile in meinem Handeln genötigt. In den vergangenen Tagen erlebe ich gleich beides. Wie paradox, dass es die vergĂ€ngliche Zeit selbst ist, die mir dieser Tage uneingeschrĂ€nkt zur VerfĂŒgung steht und mich gleichzeitig zur Effizienz im Verbrauch ermahnt.

Es ist FrĂŒhstĂŒckszeit. Immer dann, wenn Jonathan landet. Die letzten zwei Tage hat er sich etwas rar gemacht oder hatte wichtigeres zu tun, aber heute am Montag sitzt er wieder pĂŒnktlich auf dem BalkongelĂ€nder. Orangensaft und MĂŒsli warten bereits auf meinem Tisch, der Kaffee dampft schon in der Tasse und das Ei ist jeden Moment fertig. Jonathan schaut mit leicht zurĂŒckgelegtem Kopf zu, als wolle er sagen, ich solle mir nicht die liebe MĂŒhe machen, etwas Essbares rauszureichen oder etwa auf einem Teller FischabfĂ€lle bereitzustellen. Er habe vor Stunden schon hervorragend gefrĂŒhstĂŒckt, jede weitere Mahlzeit vor Mittag sei unnötig und er bedanke sich recht schön. Aber schon im nĂ€chsten Moment richtet er seinen scharfen Blick prĂ€zise auf mein Ei, das ich mir soeben frisch abgeschreckt in einer zweckentfremdeten Espressotasse als Eierbecher hinstelle. Dann eröffne ich das FrĂŒhstĂŒck mit dem ersten Schluck heißem Kaffee. Die Sonne geht auf, so fangen schöne Tage an.

Mir fallen meine Gedanken von letzter Woche zum Thema "bergauf, bergab und glĂŒcklich sein" ein. Das wollte ich Jonathan doch noch erzĂ€hlen und so frage ich ihn, wie er das sehe und ob der Wahrnehmungsunterschied bei Vögeln Ă€hnlich sei zwischen dem anstrengenden Steigflug und einem entspannt, gleitenden Sinkflug. Er antwortet nicht, stĂŒrzt sich aber umgehend und wie gewohnt ohne FlĂŒgelschlag in die Tiefe, als wolle er mir damit demonstrieren, dass genau dieser perfektionierte, gleitende Sinkflug ihn glĂŒcklicher macht. Dann ist er verschwunden.

Und die Zeit vergeht und ich amĂŒsiere mich tĂ€glich. VormittagsspaziergĂ€nge bei Sonnenschein machen Sorgen kleiner und neutralisieren dunkle Gedanken. Die frische Luft vom Atlantik ist wohltuend, tief ein- und ausgeatmet reinigt sie das Innere vom ungesunden Staub des Lebens und klĂ€rt den Geist. Wie von unsichtbarer Hand gefĂŒhrt laufe ich viele der Miradouros ab. Ich liebe Panoramen und kenne sie fast alle hier in der Gegend. Was fĂŒr ein tiefer, friedlicher Genuss, nur ins Weite zu schauen, ohne die Blicke zu lenken und was fĂŒr ein Reichtum, seine Lebenszeit diesem GlĂŒck spendieren zu können. Solche Aussichten sind meine Einsichten. Sie beflĂŒgeln mich als den Betrachter von oben und sie erden mich als bedeutungslose Kreatur auf diesem Planeten. Zugleich veranschaulichen sie aber auch die GrĂ¶ĂŸe unserer Welt und ihre gleichzeitige Winzigkeit im Universum. Man schaue dazu nur leicht nach oben in den Himmel oder zu fortgeschrittener Stunde gar in den Sternenhimmel. Es ist das verwirrendste und spannendste GefĂŒhl meines Lebens, insbesondere wenn es mir gelingt, in solchen Momenten wie diesem, ihm so nahe zu kommen. Ein Widerspruch? Nein, ich nenne es den "Universalen Dualismus", die "KohĂ€renz im scheinbaren Widerspruch". Oder wie meine Schwester als Kind in Ermangelung des Wortschatzes immer sagte, das ZitronengefĂŒhl.

Irgendwie beginnt dieser Tage auch der Schlussakt meines kleinen Winterintermezzos hier in Porto. FĂŒr mich bedeutet das, mich treiben zu lassen wie auf einem Jahrmarkt - oder "auf'e Kirmes", wie man im Dialekt meiner Geburtsstadt sagt. Schlendern von FahrgeschĂ€ft zu FahrgeschĂ€ft und von Zuckerbude zu Zuckerbude. Ein paar GlĂŒckslose hier und da - meist Nieten, einmal Autoscooter fĂŒr 'ne MarkfĂŒnfzig und zum guten Schluss ein altbackenes Lebkuchenherz mit aussagekrĂ€ftigem Topping: Ich schenk' Dir mein Herz oder Ă€hnlich geistreich.

Ganz so schlimm wie auf dem Rummel wird es hier glĂŒcklicherweise nicht, aber die WegeindrĂŒcke sind zugegeben schon etwas ungeordnet. Die Konstante ist immer mein ausgiebiges FrĂŒhstĂŒck - mit oder ohne Jonathan, aber wie oft ich in diesen Tagen welche Straßen und Gassen durchschreite, zĂ€hle ich nicht, ich werde die Wege aber auch nie leid, sie sind schön, sie sind mein Porto. Vom Torre dos ClĂ©rigos erklingt zur vollen Stunde Beethovens Ode an die Freude, das Glockenspiel ist dermaßen verstimmt, dass es mich graust. Im Nachbarhaus hat es offensichtlich schon die WĂ€sche auf dem Trockengestell verdreht. Grauenhaft. 

Ich interessiere mich sogar fĂŒr die Megabaustellen der "Nova Linha Rosa", insbesondere am SĂŁo Bento. Dort nĂ€mlich gab es bei meinen letzten Besuchen noch den historischen U-Bahneingang. Mit Erschrecken muss ich erkennen, dass er zugeschĂŒttet und verschwunden ist. Riesige Bohrbagger rammen hier GrĂŒndungspfĂ€hle in die Tiefe. Ich befĂŒrchte, dieses schöne Detail urbaner Architektur ist fĂŒr immer verschwunden. Meine Kreise werden grĂ¶ĂŸer, bis es nördlich vom Jardim da Cordoaria etwas eintönig wird. Dann lieber noch einmal zur BrĂŒcke und mit dem Wassertaxi zurĂŒckschippern an die Cais. Was fĂŒr herrliche Schlenderstunden im Sonnenschein! Es gibt Petiscos zum frĂŒhen Abendbrot. Unter anderem Kartoffelschalen. Ja, richtig, Kartoffelschalen! Frittierte Kartoffelschalen mit Knoblauchmayonnaise. Aber sowas von lecker, das hĂ€tte ich nicht erwartet. Merken! Abschließend der letzte CafĂ© und auf Wiedersehen, Cais da Ribeira!

Ich brauche noch Milch fĂŒr morgen, fĂŒr meinen FrĂŒhstĂŒckskaffee, die besorge ich bevor es dunkel wird am kleinen Heimatsupermarkt, oberhalb des Parque das Virtudes, gleich neben den Graffitis. Ich nutze die Gunst der DĂ€mmerstunde, um mit den vielen jungen Leuten das allabendliche Sonnenuntergangstreffen zu begehen. Die Aussicht von hier oben nach Westen ist einfach toll und die vielen Kneipen im Hintergrund liefern GetrĂ€nke zum mitgebrachten Picknick. Ach ja, Milch nicht vergessen, dann bummel ich zurĂŒck in meine eigene Panoramawohnung, um den letzten Abend mit Aussicht zu genießen.

Schnell noch den Koffer packen und ein wenig Geschichten schreiben fĂŒr den Blog. Dabei nasche ich das letzte GebĂ€ck aus der Keksdose und immer wieder schaue ich etwas vertrĂ€umt in die klare Nacht mit den vielen Lichtern. Runter zum dunklen Douro, rĂŒber zum strahlenden Mosteiro da Serra, zur BrĂŒcke und auf die Cais de Gaia. Diese Stadt hat mich schon lĂ€ngst verzaubert, ich denke an das Lebkuchenherz. Dou-vos o meu coração! Das klingt nicht so kitschig. Adeus, Porto! Bis ich wiederkomme.

 

* * *