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­č玭čçĚ Auszeit 2022 - Argentinien

1. Januar 2023 - Ein Wettrennen gegen den Wind beginnt

Es ist Neujahr und sechs Uhr morgens. Viel zu schnell ging die Ruhewoche in Ushuaia vorbei. Gerade habe ich mich an die beruhigende Aussicht auf die Bucht und auf die s├╝dlichste Inlandpassage, den Beagle-Kanal, gew├Âhnt, packe ich auch schon wieder meine jetzt sauberen Sachen und mache mich auf nach Norden. In den letzten Tagen hat mir die Wettervorhersage etwas Bauchschmerzen bereitet. Es sind sehr starke Winde f├╝r die erste Woche des Jahres angek├╝ndigt. Das Zentrum mit Windst├Ąrken von 8+ liegt morgen fr├╝h genau ├╝ber meinem ersten Etappenziel, ├╝ber R├şo Gallegos. Wenn ich dort nicht mehrere Tage festsitzen m├Âchte, muss ich heute weiter als nach R├şo Gallegos kommen. Mit zwei Grenzen und einer F├Ąhre auf dem Weg liegt der Erfolg nicht allein in meiner Hand.

Also fahre ich jetzt in aller Herrgottsfr├╝he los, volltanken und dann genie├če ich die Windstille hier im S├╝den. Es ist kalt, ein paar Tropfen kommen vom Himmel, aber die Sonne setzt sich langsam durch. Heute sehe ich auch die sch├Âne Landschaft, die bei der Anreise vor einer Woche v├Âllig im Nebel lag. Die Stra├če windet sich durch die T├Ąler der Bergketten, an Seen vorbei bis auf die Hochebene nach R├şo Grande. Jetzt wird es langsam windiger, aber noch nicht behindernd. Noch einmal nachtanken und ├╝ber die Umfahrungsstra├če Richtung Grenze bei San Sebastian. Die Zeremonie funktioniert dort recht z├╝gig und ich kann flott weiter. Lange eint├Ânige Stra├čen erlauben trotz Seitenwind eine schelle Fahrt. Es sind kaum Lkw im Gegenverkehr unterwegs. Sie machen bei Seitenwind von links die gr├Â├čten Probleme. Der kurze Windschatten, in den sie mich eintauchen, zwingt mich jedes Mal zum Abbremsen, ansonsten geht der Schlenker erheblich in die Gegenspur. Allerdings darf ich auch nicht zu langsam sein, geschweige denn stehen bleiben, man riskiert dann schlichtweg im Windschatten umzufallen. Aber noch ist alles gut, ich komme z├╝gig voran. Einmal noch rechts abbiegen, dann noch einmal eine Stunde geradeaus. In Bah├şa Azul steht bereits eine kleine Autoschlange vor dem F├Ąhranleger, zwanzig Minuten sp├Ąter legen wir ab. L├Ąuft!

Zum zweiten Mal ├╝berquere ich die Magellanstra├če, nur geht es heute deutlich schneller mit der Str├Âmung. Umso besser, ich kann jede halbe Stunde gebrauchen. Nun beginnt ein kleines Wettrennen, denn die meisten F├Ąhrg├Ąste wollen zur Grenze Richtung R├şo Gallegos und wer hier als letzter ankommt hat alle anderen vor sich und muss elend lange warten. Zwar bin ich auf den ersten Kilometern beim ├ťberholen klar im Vorteil und kann mich ganz nach vorne vorfahren. Allerdings geht nicht viel mehr als 120 km/h bei dem Wind, das w├Ąre zu gef├Ąhrlich wegen der B├Âen. Es reicht aber, ich bin in 20 Minuten mit beiden Seiten, der chilenischen und der argentinischen durch. Eigentlich d├Ąmlich, dass man f├╝r die lumpige Passage von 217 Kilometern zweimal die komplette Verzollung des Mopeds mitmachen muss. Nun ja.

Gegen 16:00 Uhr erreiche ich R├şo Gallegos. Geschafft. Gute Zeit! Ich tanke noch einmal nach und mache mich weiter auf nach Norden. Die Winde werden jetzt schon heftiger, ich muss mich sputen. Mehr als 80 km/h ist nicht mehr drin, ich fahre in permanenter Linkslage und mein Hals wird schon steif, da es sehr m├╝hsam ist, den Kopf festzuhalten. Man glaubt gar nicht, was es f├╝r Windeffekte gibt. Kleine Leitplankenabschnitte von nicht mehr als 20 Metern verursachen derma├čene Turbulenzen, dass ich schonmal einen Meter rechts oder links zum Ausgleich brauche. Lkw sind nach wie vor kaum unterwegs, allerdings reichen mir die wenigen v├Âllig. Ich komme dennoch gut voran. Alles was ich jetzt fahre ist mein Plus f├╝r morgen. Nach weiteren 230 Kilometern bin ich ziemlich fertig und brauche ein Nachtquartier. Ich halte an und werde beinahe umgeblasen. Unglaublich! Ich kann Bienchen kaum halten in den B├Âen und jetzt muss ich auch noch wenden, um in die Stadt zu fahren. Mit M├╝he und Geschick klappt es. Fahren ist einfacher als Stehen. Comandante Luis Piedra Buena hei├čt das Kaff und ich finde tats├Ąchlich ein nettes kleines Hotel. Gl├╝ck gehabt. Ich bin froh, es heute soweit geschafft zu haben. Nach Wetterkarte hatte ich heute Spitzenwinde von 5 bis 6 Beaufort. In R├şo Gallegos ist ab heute Nacht bis 8 Beaufort angek├╝ndigt. An Fahren w├Ąre dort morgen nicht zu denken gewesen. Es ist 19:00 Uhr und ich habe den n├Âtigen Abstand zum Sturm herausgefahren (siehe Karte, ich bin am Kreuz).

Die Abendsonne scheint, es ist herrlich warm. Eine Cervezer├şa gibt es auch und ich freue mich aufÔÇÖs verdiente Abendbrot, ein Bier und nach 829 Kilometern Windritt auf eine erholsame Nacht.

2. Januar 2023 - Windetappe die Zweite

Ich erwache und das erste, was ich h├Âre, ist Wind. Die Sonne ist schon wieder aufgegangen, der Himmel ist strahlend blau und es ist trotz des Windes angenehm warm. Mein Motorrad ist flott gepackt, ich muss auch heute in den ersten zwei Stunden ordentlich Strecke machen, sonst holt mich der Wind von S├╝den ein. Kleines Kaffeefr├╝hst├╝ck, kurz volltanken, dann geht es eigentlich genauso weiter wie es gestern aufgeh├Ârt hat. Ich komme gut voran und nach 300 Kilometern l├Ąsst der Wind etwas nach und ich mache eine Tank- und Mittagspause. Zwei besorgte Brasilianer sind in Gegenrichtung unterwegs. Ich hab ihnen schonmal mein kleines Hotel empfohlen f├╝r die n├Ąchsten N├Ąchte. Viel anderes wird ihnen vermutlich nicht ├╝brig bleiben. R├şo Gallegos ist f├╝r Mopeds bereits nicht mehr ohne Gefahr erreichbar.

Der Rest der Fahrt ist bis Comodoro Rivadavia noch sehr windig, dann biege ich ab in westliche Richtung und es wird sehr angenehm im Gegenwind. Kein Geschlenker mehr, keine Windschatten mehr durch Lkw, einfach nur geradeaus bis nach Sarmiento. Auch das ist wieder 150 Kilometer weiter als das notwendige Minimum, um dem Wind zu entkommen.

Gleiches Procedere wie gestern, allerdings ist das Hotel nicht so nett und die Restaurants sind alle zu oder es gibt sie nicht. In einem versteckten Pub, den ich ohne Hilfe meiner Hotelrezeption nicht gefunden h├Ątte, bestelle ich Spaghetti al Pesto. Nun, vielleicht w├Ąre es besser gewesen, ich h├Ątte den Pub doch nicht gefunden. Grausam ist keine Beschreibung, es ist schlimmer. Egal, nichts ist heute schlimmer als der Wind. Alles ist geschlossen hier, die Hunde erobern langsam wieder die abendliche Stadt und ich kaufe mir im Kiosk noch ein Bettbier, mehr passiert heute nicht mehr. Ich schlafe mich aus.

3. Januar 2023 - Endspurt mit Entt├Ąuschung

Auf ein schlechtes Fr├╝hst├╝ck ist auch heute Verlass, auf gehtÔÇÖs zur letzten Windetappe. Nur die erste Stunde soll noch heftig werden, danach bin ich durch. Aber so einfach ist das nicht mit den Vorhersagen. Die ersten 30 Kilometer f├╝hren direkt am Lago Musters entlang, die westlichen Fallwinde aus den Bergen sind gnadenlos und fegen mich fast von der Stra├če. Der gro├če See hat richtig Seegang und Wellen mit Gischt. Ich bin geradeaus noch nie so eine Schr├Ąglage gefahren. Mit 40 km/h eiere ich ├╝ber die leere Ruta 26 und brauche meine ganze Spur. So komme ich da heute nicht durch. Wenn jetzt ein Lkw entgegenkommt, wei├č ich nicht was passiert. Fahren? Stehenbleiben? Ich m├╝sste mich in den Wind drehen, also quer auf der Fahrbahn stehenbleiben. Oder ganz schnell Seitenst├Ąnder raus und Karre links abkippen. Oder, oder, oder... Es kommt kein Lkw, also fahren. Zwischen zwei H├╝geln stehen schon die ersten Wohnwagen und warten auf ein Nachlassen des Windes. Ich versuche es noch ein wenig weiter und spekuliere auf den Knick der Route nach links. Noch zehn Kilometer durchhalten. Es klappt. Die Stra├če f├╝hrt jetzt direkt nach Westen und ich habe Gegenwind. Gleichzeitig geht es in die Berge und die T├Ąler geben etwas Schutz, sind allerdings noch ziemlich turbulent. Dann kommt mir der erste Lkw heute entgegen. Der Fahrer winkt mir zu, ich winke zur├╝ck. Geschafft. Ab hier kann ich es kurz machen, Der Wind wird tats├Ąchlich weniger, ich erreiche die Ruta 40. Zwei Stunden Schlaglochslalom mit ein paar Schotterst├╝ckchen, aber was macht das? Ich bin unendlich froh, dass ich dem Wind entkommen bin.

Die letzten zwei Stunden werden noch richtig sch├Ân. Ich komme den Anden wieder n├Ąher und alles wird waldiger, die Stra├čen winden sich durch die Berge und die Sonne ist sommerlich warm. Um 15:00 Uhr erreiche ich mein Ziel, El Bols├│n.

Dass El Bols├│n ein begehrter Touriort ist wusste ich ja und die Gegend hier ist wirklich wundersch├Ân. Aber sagen wir es mal so: Das Kaff hat es hinter sich. ├ťberf├╝llt, nur noch Touristenunterk├╝nfte, Action-Veranstalter, Fressbuden, Tretboote auf dem Dorfteich, Autochaos, bunte Outdoor-J├╝nger und Preise, die an Wucher grenzen. Mit M├╝he finde ich ein unscheinbares Hotel am Dorfrand und checke f├╝r drei N├Ąchte ein. Bienchen darf unter dem Kirschbaum parken und ich brauche jetzt etwas Erholung. Wenigstens habe ich eine sch├Âne Aussicht auf die Berge aus meinem Zimmerfenster. Allerdings wei├č ich noch nicht so genau, wie ich mich hier in dem Rummel arrangieren soll. Eine ziemliche Entt├Ąuschung.

Erst duschen, dann ein ausgedehntes Nickerchen und dann Sommersachen zum Dinner rausholen, es ist 29┬░C warm. Die erste Herausforderung beginnt. Ich m├Âchte nach dem Tag in Ruhe ein leckeres H├Ąppchen essen. Ein Mega-Hipp-Laden hat drau├čen einen DJ mit irgendwelchem Techno-M├╝ll engagiert, der ungelogen zwei Stra├čen beschallt. Die lustigen, bunten und ideenreich v├Âllig kaputtt├Ątowierten Hippsters br├╝llen sich mit Freude im Gespr├Ąch an oder fummeln selbstzufrieden auf ihren Handys rum. So, und genau hier sind nun vier Restaurants, die in dem H├Âllenl├Ąrm nicht nutzbar sind. Alle leer. Kurzum, ich lande in einem Touriladen am Tretbootteich, wenigstens ist dort etwas Ruhe zum Essen. Andere Alternativen gibt es nicht. Es soll reichen.

Ich muss noch einmal auf den Tattoo-Hype zur├╝ckkommen. Ja ja, das ist hier massiv angesagt. Leider habe ich aber kaum sch├Âne Tattoos gesehen, nicht einmal viele sauber gestochene. Oft Texte und Namen bis hin zu Kitty-K├Ątzchen. Halbgesichtstattoos bei jungen Frauen im Abiturientinnenalter, wenigstens waren die blitzsauber gestochen. Nein, ich bin nicht unmodern oder verst├Ąndnislos gegen├╝ber einer jungen und sich ├Ąndernden Welt, ich sehe nur so erschreckend wenig Authentizit├Ąt und fehlende Achtsamkeit mit sich selbst. Aber es ist nun mal die Freiheit der eigenen Entscheidung, sich was einzunadeln oder nochmal dr├╝ber nachzudenken, dass man vielleicht erst f├╝nfundzwanzig oder j├╝nger ist.

W├Ąhrend die Gipfel des Cerro Piltriquitron sich in rotes Abendlicht tauchen schlendere ich durch den Partyl├Ąrm zu meinem Hotel und sitze noch etwas mit Bienchen im Garten am Kirschbaum. Gute Nacht.

4./5. Januar 2023 - El Bols├│n, der Kirschbaum soll gen├╝gen

Nun ├╝ber die Tage in El Bols├│n gibt es nicht viel zu erz├Ąhlen. Ich habe mich einfach nur abgelegt und ein paar organisatorische Dinge erledigt. Bienchen braucht ein fresh-up in Buenos Aires, das Gelbfieberthema in Brasilien gibt mir noch ein paar Aufgaben auf und ich muss mich langsam um einen groben Zeitplan f├╝r die R├╝ckreise k├╝mmern, die Flugpreise werden nicht billiger. Um Wanderm├Âglichkeiten hier in El Bols├│n habe ich mich auch gek├╝mmert, die Entscheidung ist zu treffen zwischen ganz gro├č und ganz klein. Dazwischen ist nicht viel. Es gibt geschotterte Spazierwege zu ein paar nahegelegenen Aussichtspunkten, die aber auch mit Autos erreichbar sind, das d├╝rfte wenig attraktiv sein. Die Bergtouren sind meist mehrt├Ągig oder zumindest mit Anreise im Bus zu den Einstiegen in die Trails. Zu Fu├č ist von hier aus eigentlich nichts zu erreichen. Ich belasse es bei dem ein oder anderen Besuch im Caf├ę Flores und beim Kirschbaum.

Irgendwie ist ein gro├čer Teil der Erholung aus Ushuaia schon wieder aufgefressen von den drei Windritten und der fehlenden Beschaulichkeit hier in El Bols├│n. Ich denke, ich muss einfach weiterfahren, schlie├člich ist die Landschaft hier ja wundersch├Ân und das ist doch das Wichtigste auf Motorradreisen, deshalb f├Ąhrt man doch.

Und dann gibt es noch eine kleine ├ťberraschung, Christoph, ein Schweizer Biker, den ich Anfang Juli letzten Jahres in Ormana in der T├╝rkei getroffen habe, ist seit gestern auch in S├╝damerika und wir kommen uns morgen entgegen.

6. Januar 2023 - Sieben Seen und ein Attentat in San Mart├şn de los Andes

Nicht allzu sp├Ąt beginnt der Tag und obwohl ich noch reichlich m├╝de bin, mache ich mich auf Richtung Bariloche, es soll so sch├Ân sein dort. Christoph hat noch nicht geantwortet, wo in Bariloche sie untergebracht sind, schauÔÇÖn wir mal. Schnell noch tanken und dann wird es sch├Ân. Landschaft mit blauem Himmel, Los Siete Lagos, alles wundersch├Ân. Ich genie├če die Fahrt, bleibe oft stehen und bewundere die Seen und die Berge am Horizont, Sch├Ân, wieder in den Anden zu sein. Sehr fr├╝h komme ich in Bariloche an und fahre ins Zentrum. Eine h├Ąssliche Begegnung. Stra├čendreck ohne Ende, hier ist lange nicht alles asphaltiert, es herrscht chaotischer Verkehr und irgendwie fehlt mir das Herz dieser Stadt. Nichts Einladendes, wo ich h├Ątte mal Pause machen k├Ânnen auf einen Caf├ę. Nichts. Bleiben und auf Christoph warten ist zu wage, ich wei├č nicht einmal, wann die beiden hier sind. Ich fahre ohne Pause weiter und kurz hinter der so hochgelobten Stadt, beginnt dann wieder wirklich sch├Âne Gegend, auch wenn der Zustrom der Sommertouristen enorm ist. Es ist Hochsaison.

Es beginnt das Gebiet ÔÇ×Siete LagosÔÇť, eine Seenlandschaft, die sich ├╝ber einhundert Kilometer erstreckt und von der Ruta 40 bestens bewundert werden kann. In der Ferne sehe ich sogar den Volc├ín Puyehue in Chile, er ist nur drei├čig Kilometer entfernt. Da war ich vor sieben Wochen. Wie die Zeit vergeht, wenn man sich so am├╝siert. Am Lago Villarino treffe ich sp├Ąter noch einen ganz schr├Ągen Biker, einen Koreaner, der sogar sein Surfbrett mitgenommen hat. Wir plaudern ein wenig, dann mache ich mich auf zum letzten St├╝ck nach San Mart├şn de los Andes, meinem Tagesziel. Lago Falkner, Lago Mach├│nico und dann passiert es, zwei Motorradfahrer kommen mir entgegen, einer in heller Kombi und wei├čem Motorrad. Das muss Christoph sein. Wenden und hinterher. Nach ein paar Kilometern habe ich die beiden eingeholt und wir fahren rechts ran. Was f├╝r eine Freude. Da trifft man sich zuf├Ąllig in der T├╝rkei, irgendwo in Anatolien und jetzt hier in Patagonien. Herrlich. Der Plausch ist nicht sehr lang, die beiden haben noch einen ziemlichen Stiefel vor sich und f├╝r alle Geschichten brauchten wir mindestens einen Abend. Wir w├╝nschen uns gute Fahrt und mal sehen, wo wir uns als n├Ąchstes treffen.

In San Mart├şn angekommen finde ich recht schnell ein wirklich sch├Ânes, kleines Hotel und mache es mir gem├╝tlich. Erst einmal den Staub wegduschen, dann suche ich mir ein nettes Caf├ę mit Terrasse und Ausblick auf die Flaniermeile des Dorfes. Ist zwar alles Touritheater, aber ich f├╝hle mich wohl und genie├če das bunte Leben. Von Wanderern bis Familien zu Fu├č und von Hippiebussen bis Limousinen passiert hier alles vor meiner Terrasse. Kinder spielen bei 36┬░C auf dem Plaza im Wasser der Springbrunnen vor der etwas verwaisten Weihnachtsdeko, ein kurioses Bild f├╝r mich als Europ├Ąer.

Sp├Ąter im Hotel hat die Oma des Hauses Geburtstag und ich bin herzlich zu einem St├╝ck Schokotorte eingeladen. Ich w├╝rde dieses selbstgemachte Konditorenwerk als Attentat bezeichnen, aber geschmeckt hat es schon. Es sollte klar sein, dass danach keine Aktivit├Ąten mehr stattfinden und ich jetzt etwas Schlaf nachholen werde. Gute Nacht.

7. Januar 2023 - Pampa pur

Die n├Ąchsten drei Tage k├Ânnte ich eigentlich zusammenfassen: Tagestemperaturen von 37ÔÇĹ40┬░C, kaum Wind und 1450 Kilometer geradeaus durch die Pampa. Kurven werden zu Reiseerlebnissen, es gibt nicht viele. Die Heldin aller drei Tage hei├čt Bienchen, sie meistert ihren Job mit Bravour.

Alles beginnt heute am Samstag noch recht beschaulich, hier in der Provinz R├şo Negro. Fl├╝sse winden sich durch T├Ąler, hier und da sind kleine Seen zu entdecken, Kurven bringen Abwechslung in die Landschaftsansichten, es gef├Ąllt mir sehr und es macht Spa├č zu fahren. Eine ganze Weile begleiten mich erst der R├şo Coll├│n Cur├í auf der Ruta 234 und sp├Ąter der R├şo Limay auf der Ruta 237, dann verlieren sich die Wegeindr├╝cke langsam in der Ein├Âde der beginnenden Pampa. Und das bleibt dann auch bis zum Tagesziel so. Nach ├╝ber vierhundert Kilometern erreiche ich die gro├če Stadt Neuqu├ęn, die ich aber umfahre, denn ich ├╝bernachte in General Roca, was sich aber als ├Ąu├čerst schwierig herausstellt, da so ziemlich alles ausgebucht ist. Es ist Ferienzeit und die Reisenden aus Buenos Aires brauchen alle eine ├ťbernachtung auf dem weiten Weg zu ihren Feriendomizilen in den Anden. Am Ende finde ich ein letztes Zimmer in dem Hotel, das ich schon bei Ankunft an der Durchgangsstra├če entdeckt hatte. H├Ątte ich das mal gleich genommen, ich h├Ątte mir ├╝ber eine Stunde erfolglose Suche sparen k├Ânnen. Ich bin froh, dass ich nicht zur├╝ck in die gr├Â├čere Stadt muss und mache es mir den Rest des Tages gem├╝tlich. Die Hitze tags├╝ber ist ziemlich kr├Ąftezehrend, weshalb der Abend auch nicht lang wird.

8. Januar 2023 - Ein Tanzfestival in einer ausgestorbenen Stadt

Der n├Ąchste Morgen beginnt fr├╝h, getankt habe ich ja gestern Abend schon. Also fuhr ich relativ fr├╝h los, denn noch ist es sch├Ân k├╝hl. Ich bin allerdings schockiert, als ich auf mein Cockpit schaue, es zeigt 30┬░C. Und das um 9:30h und es ist nicht defekt. Es folgen ├╝ber f├╝nf Stunden blanke Pampa, durchsetzt mit ein paar Pausen, in denen man sich fragt, was machen die Menschen hier drau├čen in diesen Dreiseelend├Ârfern? Es erinnert mich sehr an die einsamen Roadhouses in Australien, wo ich mir dieselbe Frage gestellt habe. In Carhu├ę, meinem heutigen Ziel, habe ich Gl├╝ck und finde auf Anhieb eine Unterkunft, nicht billig, aber keine Experimente, hier bleibe ich. Die Einrichtung ist f├╝r den Preis gelinde gesagt etwas d├╝rftig. Ich w├╝rde sie positiv als gut erhaltenen und liebevoll gepflegten Sperrm├╝ll beschreiben und die Kr├Ânung ist das Schlafzimmer, dessen Gestaltung un├╝bersehbar die relative N├Ąhe zum Amazonasregenwald, der gr├╝nen H├Âlle und der Heimat des Jaguars, repr├Ąsentiert. Ich glaube, darin werde ich sp├Ąter wilde Tr├Ąume haben.

Das St├Ądtchen selbst ist komplett ausgestorben, das Thermometer zeigt am Nachmittag immer noch 40┬░C, es ist nicht ein einziger Mensch auf der hei├čen Stra├če und die L├Ąden sind allesamt geschlossen. Verst├Ąndlich. Umso ├╝berraschter bin ich, als ich gegen Abend pl├Âtzlich Musik und viele Menschen h├Âre. Ich gehe noch einmal raus, auch um die K├╝hle zu genie├čen, es ist schon dunkel. Und tats├Ąchlich, auf dem Hauptplatz ist ein gro├čes Tanzfest im Gange. Menschen schleppen Campingst├╝hle durch die Gegend und sichern sich Pl├Ątze in der ersten Reihe. Eine Liveband spielt zum Tanze auf und schnell f├╝llt sich das Parkett, oder besser gesagt der Betonboden, mit Tanzpaaren. Am Parrilla steht eine lange Schlange, um ein St├╝ck des begehrten Asado abzubekommen und Kinder toben begeistert in der Miniausgabe einer Dracula-H├╝pfburg. Es gef├Ąllt mir. Ein Salat in der benachbarten Cerveceria ist mein Dinner und dann ruft auch schon das Amazonas-Bett, morgen ist nochmal eine Pampa-Etappe angesagt, ich muss jetzt dringend schlafen. Und wild tr├Ąumen!

9. Januar 2023 - La Pampa Teil III und Bockbier zum Wiedersehen

Schnell ist die Nacht vorbei und die ersten Sonnenstrahlen dieses Montags treiben mich aus meinem Amazonasbett. Tee statt Kaffee und jetzt auf die Stra├če nach Jun├şn. Erste H├Ąlfte wie immer: Pampa! Dann erreiche ich die Provinz Buenos Aires und es wir nach fast drei Tagen wieder etwas gr├╝ner. Rechts und links tauchen jetzt die gigantischen Fleischplantagen auf, auf denen die uns├Ąglichen Mengen von Rindern gehalten werden, die die ungesunde Fleischgier all der Griller, Smoker, Fleischspie├čer und sonstigen Carnivoren der Welt stillen. Die schwarzen Rinder stehen bei 40┬░C in der prallen Sonne, das nennt man dann wohl Niedrigtemperaturgaren. Kein sch├Ânes Bild.

Eine letzte Pause, mein Wasservorrat ist aufgebraucht, es ist nicht mehr weit bis Jun├şn, wo ich Nico, einen Freund meines Sohnes treffe, der 2016 zu Besuch in Berlin war und ein paar Tage bei uns zu Hause gastierte. Ein paar organisatorische Dinge muss ich auch erledigen, was in Jun├şn einfacher ist als in der Riesenstadt Buenos Aires. Letzter Kreisverkehr, dann erreiche ich Jun├şn. 

Der Weg durch die Schachbrettstadt ist einfach, die Verabredung klappt perfekt. Fede, Nicos Freund, der eigentlich Federico hei├čt, bringt mir den Wohnungsschl├╝ssel, wir verquatschen uns etwas bevor mich die kalte Dusche erfrischt, von der ich 400 Kilometer lang getr├Ąumt habe. Dann kommt Nico nach Hause, was f├╝r eine Freude, sich nach so vielen Jahren wiederzusehen. Wir bringen noch schnell Bienchen in die wohlverdiente Garage, dort steht sie sicher im Schatten und jetzt folgt der sch├Âne Teil des Abends. Zur Feier des Tages hat Nico besondere Biere besorgt, darunter auch Bockbier. Meine Wahl ist also klar, dann gibt es jede Menge zu erz├Ąhlen und zu fragen, die wichtigen, sch├Ânen und besonderen Geschichten bitte zuerst! Ich liebe diese Wiedersehen, das ist wie mit einem gro├čen L├Âffel die s├╝├čen Erdbeeren von der Torte des Lebens zu essen. Einfach wunderbar. Augustine und Fede kommen sp├Ąter dazu, es wird gekocht und wegen der Hitze erst sp├Ąt aber gro├čartig gegessen, dann mahnt die Uhrzeit den n├Âtigen Schlaf an, schlie├člich ist kein Wochenende, Morgen ist Arbeitstag. Was f├╝r ein guter Tag, schlaft sch├Ân!

10. Januar 2023 - Einmal vergeblich, einmal zuf├Ąllig und einmal mein Lieblingssommerrezept

Die drei Freunde m├╝ssen arbeiten, hier wird wegen der extremen Hitze morgens und abends gearbeitet, zwischendurch h├Ąlt man sich m├Âglichst bewegungsarm irgendwo im Schatten vor einem Ventilator oder einer Klimaanlage auf. Zun├Ąchst genie├če ich die Ruhe, schlafe aus und mache mir erst einmal einen hervorragenden Kaffee. Nico ist Kaffeekenner und so kann man sich leicht vorstellen, was ein guter Arabica Espresso nach all den Entbehrungen der letzten Wochen und Monate f├╝r ein gelungener Start in den Tag ist. Drau├čen ist es schon morgens unertr├Ąglich hei├č, so mache ich es mir gem├╝tlich, schreibe und arbeite ein paar Filme auf und r├Ąume meinen ganzen Krempel um, denn warme Sachen werde ich voraussichtlich bis zum Ende der Reise kaum noch brauchen. Von Zeit zu Zeit kommt Dora die Katze herein schaut nach dem rechten, knabbert von der Hitze geplagt eher lustlos am Trockenfutter und verschwindet dann auch wieder in irgendeine k├╝hlere Ecke.

Am fr├╝hen Nachmittag mache ich mich dann in der Affenhitze auf zum Centro de la Salud, ich brauche ja eine Gelbfieberimpfung, sonst komme ich nach einem Brasilienbesuch in bestimmte L├Ąnder nicht mehr rein. Vier Blocks Ost, dann zehn Blocks Nord. Ich schleiche an den W├Ąnden im Schatten entlang, die Sonne scheint fast senkrecht von oben herunter. Doch leider ist der Weg vergeblich, denn trotz der Impfzusage, die Nico netterweise telefonisch f├╝r mich eingeholt hatte, ist die schlichte Antwort pl├Âtzlich: ÔÇ×No hay! Otra vez no hasta el 22 de enero.ÔÇť Das haben die doch auch schon vorgestern gewusst, oder? Nee, so lange kann ich nicht warten und wie sch├Ân w├Ąre es, wenn Informationen vollst├Ąndig gegeben w├╝rden. Kopfsch├╝ttelnd verlasse ich das Impfzentrum und mache mich auf den R├╝ckweg.

Doch was w├Ąre das Universum ohne ├ťberraschungen. An einer Kreuzung finde ich zuf├Ąllig eine Western Union Repr├Ąsentanz. Ich brauche ja noch argentinische Pesos. Probiere ich es doch einfach. Die Leute sind super nett und anscheinend haben sie sogar Bargeld verf├╝gbar. Es scheitert aber am WLAN, denn ich muss die Anweisung aus Deutschland zun├Ąchst online machen, um hier Bargeld zu bekommen. Und WLAN gibt es im B├╝ro leider kein ├Âffentliches. Also raus und irgendwo in der komplett wegen Mittagshitze geschlossenen Stadt WLAN suchen. Die B├Ąckerei gegen├╝ber hat die Jalousien halb herunter, aber die T├╝r ist ge├Âffnet! Fragen! Die junge Frau wundert sich zwar ├╝ber meinen Wunsch, begreift aber, was ich brauche. Sie macht mir einen Hotspot auf und ich kann Geld aus Deutschland senden. Es dauert keine Minute und die Best├Ątigung kommt per Mail. Ein herzliches Dankesch├Ân und zur├╝ck nach gegen├╝ber zu Western Union. Die ebenfalls sehr sympathische Dame am Counter fragt erst einmal ├╝berall herum, ob noch Geld da ist und dann scheint man alles m├Âgliche zusammenzukratzen, um mich auszahlen zu k├Ânnen. Nein, ich m├Âchte keine Unsummen abholen, nur ├Ąquivalent f├╝nfhundert Euro f├╝r den Rest der Reise in Argentinien. In Buenos Aires beginnen die Hotelpreise schlie├člich erst bei drei├čig Euro. Ich erhalte zwei B├╝ndel Bargeld mit Gummib├Ąndern zusammengebunden, dann plaudern wir noch etwas und ich bin froh, nicht in irgendwelchen endlosen Schlangen stundenlang warten zu m├╝ssen, so wie in Ushuaia vor ein paar Wochen. Ich freu mich.

Einen Supermarkt finde ich ebenfalls noch. Sehr n├╝tzlich, denn heute Abend will ich etwas kochen und es fehlen noch ein paar Sachen. Tats├Ąchlich finde ich fast alle notwendigen Zutaten, die ich brauche, statt Mozzarella nehme ich einen ├Ąhnlichen K├Ąse, der sich sp├Ąter als eine kleine Delikatesse entpuppt. Jetzt auf dem k├╝rzesten Wege nach Hause. Nach gut zehn Minuten habe ich es geschafft, es ist angenehm k├╝hl in der Wohnung. Am fr├╝hen Abend nur noch zum benachbarten Weinladen einen frischen Wei├čen besorgen und zum Gem├╝semann um die Ecke, Albahaca kaufen. Spricht man Letzteres nicht ganz pr├Ązise aus, bekommt man ein peruanisches Andenkamel, richtig ausgesprochen frisches Basilikum. Es gibt meine ber├╝hmten, warmen Sommernudeln, das ultimative Pastagericht f├╝r hei├če Tage.

Hier mein Rezept: Frische Tomaten, reichlich Kapern, schwarze Oliven, Mozzarella, jede Menge frische Basilikumbl├Ątter und nicht zu knapp gutes Oliven├Âl in einer gro├čen Sch├╝ssel zusammengeben. Etwas Pfeffer, kein Salz wegen der salzigen Kapern. Nudeln in Salzwasser al dente kochen, abgie├čen, etwas ausdampfen lassen und untermischen. Fertig! Einen leichten, richtig kalten Wei├čwein dazu. Buen tiempo de verano!

Heute sind wir zu dritt, Fede hat leider keine Zeit und der Abend wird sehr lang, es gibt soviel zu erz├Ąhlen. Halb Spanisch, halb Englisch mit Weinbegleitung. Wie wunderbar ist es, Freunde in der Welt zu haben. Gute Nacht.

11. Januar 2023 - WHO Resolution 67.13 und die L├Âsung zur Rettung der Welt

Auch heute m├╝ssen die Freunde arbeiten und ich habe ja auch noch ein paar Aufgaben. Nach dem morgendlichen Caf├ęcito mache ich mich an die Recherche zur notwendigen Gelbfieberimpfung. Die Menge der Informationen ist erschlagend, Quellen sortieren, sorgf├Ąltig lesen. Texte ins Deutsche ├╝bersetzen usw. Dann sto├če ich auf einen Hinweis des argentinischen Gesundheitsministeriums, dass es keine Impfempfehlung mehr gibt f├╝r eine Zweit- oder Auffrischungsimpfung. Quelle ist die WHO. Also dort weiterforschen. Es wird immer spannender. Ich habÔÇÖs, die Resolution WHA67.13 besagt: "(...) a single dose of yellow fever vaccine is sufficient to confer sustained immunity and life-long protection against yellow fever disease, and (ÔÇŽ) a booster dose of yellow fever vaccine is not needed."

Perfekt! Dann ist meine Immunisierung von 1984 also doch noch wirksam. Ich habe es damals schon behauptet, dass es Unsinn ist, alle zehn Jahre aufzufrischen. Aber ich konnte es nat├╝rlich genauso wenig beweisen wie die Immunologen seinerzeit das Gegenteil. Alles runterladen und vorzeigef├Ąhig machen, wer wei├č, welchen Hinterweltlern ich an den Grenzen noch begegnen werde. Ich bin froh, denn auf eine erneute Dosis des Cocktails habe ich ├╝berhaupt keine Lust. Wieder ein Job weniger.

Jetzt noch die Motorradwerkstatt in Montevideo anschreiben und eine Bleibe in Buenos Aires klarmachen. Nico hilft mir bei beidem. Ich bekomme gute Tipps f├╝r Buenos Aires. Sch├Âne Viertel und No-go-areas und meine spanische Mail an die Werkstatt h├Ârt sich jetzt auch seri├Âser an. Hotel buchen, Mail senden, auch fertig. L├Ąuft!

Der Nachmittag vergeht entspannt, ich gehe noch Getr├Ąnke kaufen und Nico setzt einen Teig f├╝r Pizza [span.: ╦łpitsa] an. Dann kommen Augustine und Fede dazu und wir reden, wir backen, wir essen und wir trinken guten argentinischen Wein. Kein Fernseher, kein Radio und au├čer als ├ťbersetzungshilfe kein Handygedaddel. Es macht mich sehr gl├╝cklich, dass es so etwas noch gibt. Es ist eine komplette Generation Abstand zwischen uns, von der ich nichts sp├╝re. Weder Koketterie mit meiner relinquenten Jugend, noch Schmeichelei mit der Reife der Endzwanziger sind dabei mein Ansinnen. Etwas viel Wichtigeres ist der Grund: Die Bereitschaft zuzuh├Âren und das Fehlen von Vorurteilen gegen├╝ber der anderen Generation. Und wie das immer so ist bei derart leidenschaftlichen Gespr├Ąchen, kommen wir schnell zu den essentiellen Themen, die die Welt bewegen. Es ist schon fast eine Gesetzm├Ą├čigkeit, die sich in ├╝ber vierzig Jahren reisen in unz├Ąhligen Konversationen bewiesen hat: Gute und intelligente Menschen suchen in schwierigen Zeiten stets nach L├Âsungen. Dumme suchen nach Schuldigen. So reden wir u.a. ├╝ber das Dilemma der Korruption nicht nur in Argentinien und die Rechtstendenz nicht nur in Deutschland. Wir stellen Fragen nach dem Warum der aktuellen Gewalt in der Ukraine, in Brasilien und in der Welt, der Freigabe von Kindern gegen Geld als Probanden f├╝r die Pharmaindustrie in Paraguay und die Parallelen der mangelhaften Geschichtsaufarbeitung in Deutschland und in Argentinien. Nach Analyse, Verifizierung, Evaluierung und Priorisierung kommen wir zur L├Âsungsfindung. Eine vergleichsweise leichte Aufgabe, denn es wird auch sprachlich einfacher, da tats├Ąchlich viele gleiche oder ├Ąhnliche Worte in allen verwendeten Sprachen existieren:

Atenci├│n, respeto, tolerancia, libertad de expresi├│n, democracia, pluralismo, factos, orientaci├│n objetiva, libertad de prensa, educaci├│n, distribuci├│n de la riqueza, gratitud, pudor...

Mindfulness, respect, tolerance, freedom of expression, democracy, pluralism, facts, objective orientation, freedom of the press, education, distribution of wealth, gratitude, modesty...

Achtsamkeit, Respekt, Toleranz, Meinungsfreiheit, Demokratie, Pluralismus, Fakten, Sachorientierung, Pressefreiheit, Bildung, Verteilung des Reichtums, Dankbarkeit, Bescheidenheit...

Und die L├Âsung zur Rettung der Welt ist: Pizza essen, guten Wein trinken, miteinander reden und im Sinne der o.g. Grundwerte handeln. Jeder f├╝r sich und sofort und nicht zuerst die anderen. Dann d├╝rfte es etwa ab n├Ąchster Woche sp├╝rbar bergauf gehen mit unserem Planeten... Ich meine das absolut ernst!

So wird es recht schnell tiefe Nacht und wir gehen alsbald ins Bett. Was f├╝r ein sch├Âner, besonderer und wertvoller Tag auf meiner Reise.

12. Januar 2023 - Buenos Aires - Stadt der Porte├▒os

Der letzte kurze Sprung nach Buenos Aires steht auf meinem heutigen Plan. Es sind knapp 250 Kilometer, also keine gro├če Sache, zumal es nicht ganz so hei├č werden soll. Letzter Caf├ęcito mit Nico, die anderen sind alle schon arbeiten, kurzer Abschied mit Foto und der Absichtserkl├Ąrung, sich irgendwann auf dieser Welt wiederzutreffen. Dann verlasse ich nach tollen drei Tagen Jun├şn.

Der Weg gibt nicht viel her, es geht zwei Stunden geradeaus durch die Pampa, wie ├╝blich rechts und links ges├Ąumt von frustrierenden Fleischg├Ąrten, dessen Ernte einen gro├čen Teil des deutschen Luxusfleischbedarfs deckt. Dann beginnt allm├Ąhlich der Speckg├╝rtel von Buenos Aires. Mehrspurige Stra├čen, die sich mehr und mehr f├╝llen, f├╝hren mich erfreulicherweise stressfrei in die Metropole. An irgendeinem Autobahnknoten versagt meine Navigation und ich biege falsch ab. Nun ja, ungeplante Stadtrundfahrt nach Kompass bis ich wieder auf der Route nach San Telmo bin. San Telmo ist ein sch├Ânes Viertel mit sehr viel Kultur und Stra├čenleben, das Nico mir als Standort empfohlen hat. Alte kleine Stra├čen mit teils historischem Kopfsteinpflaster, alte H├Ąuser, Kneipen, Restaurants und Musik und dann bin ich auch schon an meinem kleinen Hostal, wo man mich bereits erwartet. Nicht nur der Inhaber, sondern auch all die Maradonas und Messis, die als Figuren hier herumstehen und als Gem├Ąlde von den Fassaden prangen. Herzlich Willkommen in der Stadt der Porte├▒os.

Porte├▒o bedeutet soviel wie ÔÇ×Bewohner der HafenstadtÔÇť, eine alte Bezeichnung der europ├Ąischen Einwanderer in Argentinien f├╝r sich selbst, mit der man sich unter anderem von den restlichen Bewohnern des Landes abgrenzen wollte, die gr├Â├čtenteils nicht europ├Ąischer Herkunft sind wie z.B. Indios, Mestizen oder Kreolen. Ein ber├╝hmtes Zitat von Mempo Giardinelli, einem argentinischen Schriftsteller und Verleger, besagt: ÔÇ×Ein Porte├▒o ist ein entwurzelter Italiener, der spanisch spricht, sich franz├Âsisch benimmt und w├╝nscht, er w├Ąre Engl├Ąnder.ÔÇť

Eine erfrischende Limonade wird mir als Begr├╝├čung gereicht, dann flott einchecken und Bienchen parken wir etwas sp├Ąter wenn sie abgek├╝hlt ist, denn sie soll sicher und gem├╝tlich im Foyer und Gemeinschaftsraum des Hostals abgestellt werden. Der Hotelparkplatz ist zwar in der N├Ąhe, aber der hat kein Dach und das wolle El Jefe Bienchen nicht antun. Unglaublich. Kurz geduscht, dann wie gesagt mein Motorrad ins Hotel schieben und planlos auf ins Get├╝mmel bei 30┬░C.

13.-15. Januar 2023 - Mafalda, Mercado und Messi und eine Tango tanzende Br├╝cke

Buenos Aires hat selbstverst├Ąndlich sehr viel mehr zu bieten als den winzigen Ausschnitt, den ich in vier Tagen erleben darf. Ein erster Weg f├╝hrt mich mehr zuf├Ąllig in den Mercado de San Telmo und zuf├Ąllig habe ich auch Hunger, das trifft sich prima. Ein richtig sch├Âner Markt, der zwar mittlerweile sehr touristisch ausgerichtet ist, aber das bunte Treiben wird mindestens genauso gerne von den Anwohnern San Telmos angenommen. Wie immer bei einem derart ├╝ppigen Angebot an Delikatessen, Naschereien, Speisen und Getr├Ąnken f├Ąllt die Entscheidung schwer, denn man hat nur einen Wunsch frei, anschlie├čend ist man satt. Ich w├Ąhle die Variante, erst einmal mehrere Runden zu drehen, mir alles - auch Nichtessbares - anzusehen und mich dann erst an einem der St├Ąnde niederzulassen. Irgendwann sind es der olfaktorischen Reize zu viele und dem wachsenden gustatorischen Verlangen kann ich nicht mehr widerstehen. Die Wahl f├Ąllt auf eine Chorizobar, was aber auch an der guten Musik liegen kann. Es l├Ąuft Patti Smith in ihren besten Zeiten. Zum Bocadillo gibt es noch eine selbstgemachte scharfe Salsa erster G├╝te und eine Pinta de Rubia. Und erwartungsgem├Ą├č bin ich anschlie├čend satt.

Einen Ausflug nach La Boca habe ich mir fest vorgenommen, ich mag bunte Stadtviertel und am liebsten mit netter, kulinarischer Infrastruktur. Ersteres habe ich in La Boca gefunden, richtig h├╝bsch, was hier entstanden ist. Die poppigen Anstriche der H├Ąuser passen im ganzen Viertel sogar in ihrem Farbschema zusammen. Allerdings ist es hier derma├čen ├╝berlaufen, dass all die h├╝bschen Caf├ęs und Restaurants zu touristischen Fressbuden verkommen sind und durch ihr massenhaftes und aufdringliches Auftreten den Stadtteil l├Ąngst seiner einstigen Beschaulichkeit beraubt haben. Es ist nicht mal mehr m├Âglich, die Harmonie von gewachsener Architektur und kreativer Farbgestaltung in ihrer Reinheit zu fotografieren. Abgesehen von der egozentrischen Selfiefraktion, die hier mittlerweile Geld bezahlt f├╝r die Nutzung des prominentesten Fotospots, stehen an jeder Ecke irgendwelche St├Ąnder, Regale und Tische mit Tourischrott und un├╝bersehbar verunstalten vielerorts lebensgro├če Plastik-Messis oder Aufblas-Maradonas jedes Fotomotiv. Sch├Ân dagegen ist der Balkon, von dem Juan und Eva Per├│n herabwinken, leider auch hier wieder in ├╝berfl├╝ssiger fu├čballerischer Gesellschaft, obwohl Evita und Maradona nie gleichzeitig gelebt haben. Nun ja.

Musikalisch entlehnt aus Italien, Polen, Lateinamerika und Afrika. Sein Name hat spanische Wurzeln, seine Stilrichtungen hei├čen Milonga, Vals oder Candombe. Voll von Coraz├│n und Melancholie wird er auf Stra├čen, in Bars und auf der ganz gro├čen B├╝hne getanzt. Der Tango. Er ist argentinischer (und uruguayischer) Exportschlager, der es bis in die zeitgen├Âssische Musik geschafft hat und f├╝r immer und untrennbar mit der Region am R├şo de la Plata verbunden sein wird. Und tats├Ąchlich treffe ich an so vielen Orten auf Menschen, die (nicht nur) Tango tanzen. Am Wochenende sind Ferias de la Ciudad, ein riesiges Stra├čenfest in San Telmo mit Flohmarkt und musikalischen Veranstaltungen in den Kneipen und Restaurants. Ein herrlicher, bunter Tag, auch wenn ├╝ber 30┬░C f├╝r einen Europ├Ąer wenig motivierend f├╝r Tango oder Samba in der Sonne sind. Eine wahre Freude, dabei zu sein.

Doch das ist noch nicht alles, es gibt sogar eine Drehbr├╝cke, die den Tango als Motiv hat. Und das ist keine geringere als die ÔÇ×Puente de la mujerÔÇť, ein Wahrzeichen Buenos AiresÔÇś. Ihr Name nimmt Bezug auf das Stadtviertel Puerto Madeira, das mit seinen Stra├čennamen ber├╝hmte Frauen w├╝rdigt. Ihre Architektur symbolisiert mit der Tr├Ągernadel den Mann und mit dem Br├╝ckenbogen die Frau eines Tango tanzenden Paares.

Doch was w├Ąre San Telmo ohne den Comic-Zeichner Quino und ohne sein Stammcaf├ę la poes├şa? Ohne seine Sch├Âpfungskraft und seine Kreativit├Ąt. Seine ber├╝hmteste ÔÇ×HeldinÔÇť Mafalda ist heute eine Identifikationsfigur f├╝r ganze Generationen. Quino legte seine Gesellschaftskritik einer kindlichen Figur in den Mund, mit all ihrer kindlichen und reinen Naivit├Ąt, aber mit einer gro├čen oft philosophischen Tiefe der Gedanken. Kein Wunder, dass er in den Zeiten der Diktatur aus dem Land fliehen musste und erst nach R├╝ckkehr zur Demokratie in Argentinien weiterarbeiten konnte. Der K├╝nstler Pablo Irrgang schuf sp├Ąter lebensgro├če Figuren der Comic-Protagonisten, die ├╝berall in San Telmo, dem Wohn- und Schaffensort von Quino und zu seinen Ehren aufgestellt wurden und sich sehr gro├čer Beliebtheit erfreuen. Es sind wunderbare, am├╝sante und oft ├╝berraschende Begegnungen, wenn man im Viertel unterwegs ist.

So vergehen die Tage in San Telmo schnell und mit vielen Eindr├╝cken, viel Zeit verbringe ich in Stra├čencaf├ęs bei k├╝hlen Getr├Ąnken und lasse die Menschen einfach an mir vorbeiziehen. Die gesammelten Eindr├╝cke allein aus diesen vier Tagen sind derart viele und so unterschiedlicher Natur, dass es nicht m├Âglich ist, sie alle hier niederzuschreiben und es wird noch eine Weile brauchen, bis ich sie selbst sortiert und verinnerlicht habe. Buenos Aires ist eine Stadt, von der ich vorher nicht viel wusste und die mich mehr als ├╝berzeugt hat, dass sie zu den besonderen St├Ądten dieser Welt geh├Ârt. ┬íGracias, ustedes Porte├▒os!

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