Rätsel aus der Bronzezeit
Giro dei Nuraghi
Die kleine Vorgeschichte...
Warum Nuraghen?
Irgendwie hat das, was ich mir ursprünglich für meine Frühlingstour ausdachte, nicht zur Jahreszeit gepasst. Es lag dieses Jahr noch zu viel Schnee auf den Pässen der Seealpen. Also mussten neue Ideen her, was ich Interessantes anstellen könnte in gut zwei Wochen, die ich zur Verfügung habe. Fliegen will ich nicht – mein CO2‑Budget für dieses Jahr habe ich schon mehr als strapaziert. Bleiben also all die schönen Gegenden Mitteleuropas, deren tiefere Entdeckung mich schon länger reizt. Die Wildnis der schottischen Highlands, die Mythen der Pyrenäen oder Asturiens? Nun ja, die Antworten waren schnell gegeben. Motorrad, Schottland und Mai, das wird keine Erholung. Der aktuelle Schneebericht der Pyrenäen machte jede weitere Überlegung überflüssig und Asturien mit den Picos de Europa liegt auch nicht viel niedriger und für zwei Wochen ist das ziemlich weit. Dann doch wieder Sardinien? Ein weiteres Mal? Ich könnte im Haus von Freunden wohnen, das ist gerade frei. Aber zwei Wochen an einem Ort? Nein, dafür ist Sardinien zu groß und zu geheimnisvoll – eine Rundreise wäre mehr nach meinem Geschmack. Als Erstes fallen mir die legendären Nuragher ein, das zivilisatorische Rätsel der Bronzezeit. Eine Kultur, die ihre Blüte vor etwa 3500 Jahren hatte, keine Schrift hinterließ, stattdessen jede Menge kleine Bronzefiguren und fast 8000 einzigartige Steintürme – die Nuraghen. Über ihren wahren Zweck sinnieren die Wissenschaftler noch heute – am naheliegendsten ist die Nutzung als Getreidespeicher. Erstaunlich und gleichermaßen erfreulich ist auch, dass es keine archäologischen Funde von Waffen oder Kriegsgerät aus dieser Zivilisation gibt. Seit ich 1980 das erste Mal auf Sardinien war, begleiten mich die Nuragher. Damals war ich Pfadfinder. Ja ja, die Sarden nannten uns respektvoll 'scout tedeschi'. Statt Kluft trugen wir mit Nuraghen selbstbedruckte T-Shirts, aber die kulturelle Erkundung selbiger lag uns dann doch fern. Aber das ist eine andere Geschichte...
Meine Gedanken ergeben einen Sinn. Rundreise heißt auf Italienisch Giro, Nuraghen beeindrucken mich heute mehr als vor 45 Jahren und Sardinien ist nicht so weit: Giro dei Nuraghi ist der Name der Reise.
Freitag, 15. Mai 2026
Je suis arrivé en vacances!
Obwohl der gestrige Donnerstag ein Feiertag ist und sich als erster Reisetag geradezu anbot, verschiebe ich meine Abfahrt auf heute. Das Wetter gestern war nach schönen Frühlingswochen rückfällig und ungemütlich. Es regnete mehr oder weniger den ganzen Tag und über meine gesamte geplante Route. Zudem hatte ich mein Zeug nach einer vollen Arbeitswoche noch nicht so richtig gepackt, kurzum, heute ist der bessere Tag.
Der letzte Blick auf meine perfektionerte Pack- und Checkliste sagt mir 'Ready to go' und das bedeutet endgültig grünes Licht – es geht los. Ins Navi programmiere ich 'Dijon Centre Ville' ein, mal sehen wie weit ich am Ende komme. Die Sonne scheint vielversprechend und am Himmel ist mehr Blau als Weiß zu sehen, von Regen keine Spur. Einfach der rosa Linie auf dem GPS folgen, die Straßen sind erstaunlich leer und ich komme äußerst zügig voran. Irgendwann nach drei oder vier Stunden werden die Schilder französisch. Erst Luxemburg, dann Frankreich – je suis arrivé en vacances!
Ein paar kleine Schauer kurz vor meinem Ziel erwischen mich dann am Nachmittag doch noch, aber auf den großen Autobahnschildern steht schon 'Dijon' – jetzt hole ich die Regenkombi nicht mehr raus, das geht auch ohne. Der Regen macht mich nass und der Fahrtwind macht mich ebenso schnell wieder trocken. Es klart auf und bei schönstem Sonnenschein erreiche ich mein kleines Apartement am Place des Cordeliers, ich hatte es von unterwegs gebucht. Ich bin begeistert, Maximalziel erreicht und eine tolle Unterkunft in bester Lage erwischt. Im Supermarkt nebenan finde ich ein paar Kleinigkeiten fürs Abendbrot, dann bleibt noch genug Zeit für die Entdeckung der hübschen Altstadt. Ich war noch nie in Dijon, obwohl ich ein großer Liebhaber der lokalen Spezialität bin. Ich bin gespannt.
Ohne Plan streife ich durch die hohen Gassen und die vielen Plätze. Überall ist Leben, die Menschen sind auf der Straße und die restliche Sonne verschenkt etwas Frühlingswärme. Die Cafés sind gut besucht und das Kinderkarussel mit dem U-Boot von Captain Nemo macht Kinder glücklich. Als es dunkel wird höre ich noch viel Musik aus den Straßen, nach über sieben Stunden Fahrt habe ich nur noch Hunger und dann ziehe ich der Festivalstimmung mein gemütliches Bett vor. Das war definitiv einer der schöneren Anreisetage. Gute Nacht.
Fortsetzung folgt...






