Rätsel aus der Bronzezeit

Giro dei Nuraghi

Die kleine Vorgeschichte...

Warum Nuraghen?

Irgendwie hat das, was ich mir ursprünglich für meine Frühlingstour ausdachte, nicht zur Jahreszeit gepasst. Es lag dieses Jahr noch zu viel Schnee auf den Pässen der Seealpen. Also mussten neue Ideen her, was ich Interessantes anstellen könnte in gut zwei Wochen, die ich zur Verfügung habe. Fliegen will ich nicht – mein CO2‑Budget für dieses Jahr habe ich schon mehr als strapaziert. Bleiben also all die schönen Gegenden Mitteleuropas, deren tiefere Entdeckung mich schon länger reizt. Die Wildnis der schottischen Highlands, die Mythen der Pyrenäen oder Asturiens? Nun ja, die Antworten waren schnell gegeben. Motorrad, Schottland und Mai, das wird keine Erholung. Der aktuelle Schneebericht der Pyrenäen machte jede weitere Überlegung überflüssig und Asturien mit den Picos de Europa liegt auch nicht viel niedriger und für zwei Wochen ist das ziemlich weit.

Dann doch wieder Sardinien? Ein weiteres Mal? Ich könnte im Haus von Freunden wohnen, das ist gerade frei. Aber zwei Wochen an einem Ort? Nein, dafür ist Sardinien zu groß und zu geheimnisvoll – eine Rundreise wäre mehr nach meinem Geschmack. Als Erstes fallen mir die legendären Nuragher ein, das zivilisatorische Rätsel der Bronzezeit. Eine Kultur, die ihre Blüte vor rund 3500 Jahren hatte und keine Schrift hinterließ. Stattdessen prägen filigrane Bronzefiguren und fast 8000 monumentale Steintürme das Bild der Insel – die Nuraghen. Über ihren wahren Zweck rätselt die Wissenschaft noch heute: Waren es wehrhafte Festungen, lebendige Dorfzentren oder Orte für geheimnisvolle Rituale? Das Erstaunlichste an dieser hochentwickelten Kultur ist, dass echte Schlachtfelder nie gefunden wurden. Stattdessen spickte diese Zivilisation die Dächer ihrer Tempel mit meterlangen Votivschwertern aus Bronze – nicht für den Krieg, sondern als Opfergabe und Huldigung ihrer Götter.

Seit ich 1980 das erste Mal auf Sardinien war, begleiten mich die Nuragher. Damals war ich Pfadfinder. Ja ja, die Sarden nannten uns respektvoll 'scout tedeschi'. Statt Kluft trugen wir mit Nuraghen selbstbedruckte T-Shirts, aber die kulturelle Erkundung selbiger lag uns dann doch fern. Aber das ist eine andere Geschichte... Meine Gedanken ergeben einen Sinn. Rundreise heißt auf Italienisch Giro, Nuraghen beeindrucken mich heute mehr als vor 45 Jahren und Sardinien ist nicht so weit: Giro dei Nuraghi  ist der Name der Reise.

Freitag, 15. Mai 2026

Je suis arrivé en vacances!

Obwohl der gestrige Donnerstag ein Feiertag ist und sich als erster Reisetag geradezu anbot, verschiebe ich meine Abfahrt auf heute. Das Wetter gestern war nach schönen Frühlingswochen rückfällig und ungemütlich. Es regnete mehr oder weniger den ganzen Tag und über meine gesamte geplante Route. Zudem hatte ich mein Zeug nach einer vollen Arbeitswoche noch nicht so richtig gepackt, kurzum, heute ist der bessere Tag.

Der letzte Blick auf meine perfektionerte Pack- und Checkliste sagt mir 'Ready to go' und das bedeutet endgültig grünes Licht – es geht los. Ins Navi programmiere ich 'Dijon Centre Ville' ein, mal sehen wie weit ich am Ende komme. Die Sonne scheint vielversprechend und am Himmel ist mehr Blau als Weiß zu sehen, von Regen keine Spur. Einfach der rosa Linie auf dem GPS folgen, die Straßen sind erstaunlich leer und ich komme äußerst zügig voran. Irgendwann nach drei oder vier Stunden werden die Schilder französisch. Erst Luxemburg, dann Frankreich – je suis arrivé en vacances!

Ein paar kleine Schauer kurz vor meinem Ziel erwischen mich dann am Nachmittag doch noch, aber auf den großen Autobahnschildern steht schon 'Dijon' – jetzt hole ich die Regenkombi nicht mehr raus, das geht auch ohne. Der Regen macht mich nass und der Fahrtwind macht mich ebenso schnell wieder trocken. Es klart auf und bei schönstem Sonnenschein erreiche ich mein kleines Apartement am Place des Cordeliers, ich hatte es von unterwegs gebucht. Ich bin begeistert, Maximalziel erreicht und eine tolle Unterkunft in bester Lage erwischt. Im Supermarkt nebenan finde ich ein paar Kleinigkeiten fürs Abendbrot, dann bleibt noch genug Zeit für die Entdeckung der hübschen Altstadt. Ich war noch nie in Dijon, obwohl ich ein großer Liebhaber der lokalen Spezialität bin: Moutard Fine de Dijon. Ich bin gespannt.

Ohne Plan streife ich durch die hohen Gassen und die vielen Plätze. Überall ist Leben, die Menschen sind auf der Straße und die restliche Sonne verschenkt etwas Frühlingswärme. Die Cafés sind gut besucht und das Kinderkarussel mit dem U-Boot von Captain Nemo macht Kinder glücklich. Als es dunkel wird höre ich noch viel Musik aus den Straßen, nach über sieben Stunden Fahrt habe ich nur noch Hunger und dann ziehe ich der Festivalstimmung mein gemütliches Bett vor. Das war definitiv einer der schöneren Anreisetage. Gute Nacht.

Samstag, 16. Mai 2026

Ein Tag mit Vorfreude

Es ist immer eine gute Idee, wenn man sich die notwendigen Reisetage so gemütlich wie möglich gestaltet. Spätes Aufstehen, gemütliches Frühstück, erträgliche Tagesdistanz und ein festes Etappenziel mit frühzeitiger Ankunft. Und genau so und ohne Schmuck und Schnörkel ist meine heutige zweite Etappe geplant. Nun, das schöne Wetter ist ein Bonus und eine Besonderheit gibt es dann doch: mein heutiges Etappenziel liegt unmittelbar am nördlichen Rand des Vercors. Und das macht mir eine riesige Vorfreude auf morgen. Einen kleinen Vorgeschmack gibt es auch – das ist so wie mit den Weihnachtssüßigkeiten, die es ja auch schon vor Weihnachten gibt – am fernen Horizont strahlen die weißen Gipfel des Grenobler Belledonne-Massivs in der untergehenden Sonne. Das Hotel ist preiswert und schäbig, aber was macht das schon im Anblick der Wetterkarte von morgen: Sonnig mit versprengten Wölkchen und bis 20°C. Jetzt schnell schlafen, dann ist schneller morgen – das ist auch so wie Weihnachten, bevor das Christkind kommt. Gute Nacht!

Sonntag, 17. Mai 2026

Ein Tag der Bilder

Aufstehen, Frühstück, Laden, Los! Leere Straßen, blauer Himmel und die Sonne ist um Wärme bemüht. Sechs Grad zeigt mein Moped-Display, warme Untewäsche habe ich an. Zehn Kilometer direkt auf Grenoble zu, dann kommt eine unscheinbare Seitenstraße mit einem noch unscheinbareren Schild: 'Parc naturel régional du Vercors'. Hier rechts und dann beginnen die Bilder. Enge Schluchten mit tropfenden nassen Felsen, links ein rauschender Bach, enge Kurven und das Licht findet kaum mehr den Weg bis hier unten. Bienchens sonorer Klang hallt an den Felswänden wider – es hat etwas kathedralenhaftes. Erfreulicherweise bleibt der sonntägliche Ausflugsverkehr fern, sodass ich streckenweise ganz alleine unterwegs bin. Was für ein Privileg. Acht Stunden erlebe ich Bergwände, Wasserfälle, atemberaubende Straßen, winzige Tunnel, einsame Waldwege mit Schneeresten, uralte Dörfen an Felsen geklebt, gesperrte Durchfahrten mit Felsstürzen und soviel mehr.

Am Ende finde ich im Parc naturel régional des Baronnies Provençales (so heißt er ganz genau) den Col de Soubeyrand wieder, einen Pass, den ich vor dreizehn Jahren auf meiner ersten Tour mit Bienchen entdeckt habe. Ach, was soll ich all die Bilder beschreiben, ich hab' sie Euch einfach zusammengeschnitten und nehme Euch ein Stückchen mit...

Und am Ende des Tages bin ich im schönen Montbrun-les-Bains angekommen. Ein Zimmer mit Aussicht und ein wunderbarer Salat auf der Sonnenterrasse der Bar à Thym. Was für ein erfüllter Tag!

Sonntag, 18. Mai 2026

Das Schiff wartet in Toulon

Meine letzte Etappe in Frankreich. Nicht weit, aber geschmückt mit einem französischen Frühstück, wie es französischer nicht geht, Fahrspaß und Augenweiden am Wegesrand. Meine Fähre nach Sardinien geht um 18:00 Uhr. Gestern Abend habe ich gegenüber in der Bar à Thym schon gefragt, ob es heute Frühstück gibt. „Mais bien sûr! Tout ce que vous voulez. À quelle heure?“, war die vollmundige Antwort der kleingewachsenen, freundlichen Inhaberin. Dabei hielt sie rücksichtsvoll die Zigarette mit ausgestrecktem Arm aus der Tür heraus, sodass der Qualm mich nicht belästigte. Gut, ich habe das erst einmal so zur Kenntnis genommen, obgleich ich genau weiß, was das bedeutet.

Und so beginnt mein Tag heute ohne Wecker mit besagtem französischem Frühstück. Und das geht so: Die Café‑Variante kann ich wählen, dann warte ich die Frage nach der Größe ab. Café au Lait – grand. Es folgt die Frage nach meinen Wünschen (Tout ce que vous voulez, s. o.). Und damit ich als Gast nicht die Qual der Wahl habe, wird mir die beste Auswahl gleich als Doppelfrage formuliert mitgeliefert: „Que diriez-vous? De pain et de confiture?“, mit einer winzigen rhetorischen Pause dazwischen. Auf Deutsch wäre das gleichbedeutend mit „Wie wär’s mit Brot und Marmelade?“. Entscheidend ist die Information zwischen den Zeilen – also jene, die in der kleinen rhetorischen Pause verborgen ist. Frei interpretiert bedeutet sie: „Wie Sie wissen, gibt’s eh nichts anderes, n’est-ce pas?“. Der Rest des Kommunikationsverlaufs ist floskelhafter Abgesang. Während mein Café au Lait zubereitet wird, werden noch Formalitäten geklärt – fraise ou abricot? Ich wähle fraise und nehme Platz.

Es ist schon kurz vor zehn, als ich mit dem Frühstück fertig bin, bezahlt habe und abfahrbereit bin. So habe ich ganze sechs Stunden plus Pufferzeit für meine Fahrt nach Toulon. Das soll reichen. Geplant sind die Durchquerung der Gorges de la Nesque, ein kleiner Abstecher zur Abbaye Notre-Dame de Sénanque, vorbei am schönen provençalen Bergdorf Gordes und dann par les routes nationales directement jusqu'à Toulon. Und genau so verläuft die Reise – mit genügend Zeit zum Anhalten und zum besagten Augenweiden.

Es ist ziemlich genau 16:00 Uhr als ich mich am Check‑In zu den anderen Bikern geselle, die auch nach Sardinien wollen. Boarding, Moped festschnallen, Kabine suchen, duschen und dann das Ablegemanöver miterleben. Dann winken immer alle vom Achterndeck irgendwelchen Menschen an Land zu – ich habe das nicht getan. Au revoir France! Noch ein Häppchen, ein Bierchen und ich freue mich auf eine erholsame Nacht bei ruhiger See. 

Dienstag, 19. Mai 2026

Über wunderbare Dinge, die man gehört hat

 

„Auf der Insel Sardinien, so sagt man, gibt es viele schöne Bauwerke, die nach der Art der alten Griechen errichtet wurden,
darunter auch Tholoi, die in ihren Proportionen außergewöhnlich gearbeitet sind.
Es heißt, sie seien von Iolaos, dem Sohn des Iphikles, erbaut worden,
als er die von Herakles abstammenden Thespiaden nahm und dorthin segelte,
um die Insel zu besiedeln [...]“

(aus: De mirabilibus auscultationibus, Pseudo-Aristoteles, 3. Jh. v. Chr.)

 

Diese Worte stammen aus der Schrift De mirabilibus auscultationibus („Über wunderbare Dinge, die man gehört hat“) und wurden unter dem Namen Aristoteles’ veröffentlicht. Heute würde man dieses Werk wohl als Regenbogenpresse oder Boulevardblättchen einordnen, denn nach der Überlieferung enthielt es teils skurrile Naturphänomene, Gerüchte und Fabeln aus der damals bekannten Welt. Der echte Aristoteles war jedoch ein Naturwissenschaftler, der Beobachtungen akribisch prüfte und katalogisierte, anstatt bloßes Seemannsgarn oder Mythen ungefiltert aufzuschreiben. Deshalb eben nur: Pseudepigraphie.

Tja, und mittlerweile sind auch die fremden Lorbeeren bewiesen, mit denen sich die eitlen Griechen mal wieder geschmückt haben. Herakles zeugt in einer Nacht 50 Söhne mit den 50 Töchtern des Thespios, und Jahre später führt sein Neffe sie dann nach Sardinien, um sie unter seiner Ägide die Nuraghen bauen zu lassen. Manchmal geht die Überlieferung mit der bunten Phantasie der antiken Autoren eindeutig an der Wahrheit vorbei. Und nein – Iolaos, der Sohn des Iphikles (das ist der besagte Neffe), hat die Nuraghen nicht gebaut!

Lange Zeit glaubte man in einer europazentrierten Archäologie, die Sarden hätten die Tholos-Bauweise (falsche Kuppelgewölbe) von den hochentwickelten Mykenern aus Griechenland kopiert. Die Daten der C14-Radiokarbondatierung der letzten Jahrzehnte haben jedoch bewiesen: Die Nuraghenarchitektur ist älter als die monumentalen mykenischen Tholos-Gräber – und das um ganze 300 Jahre. Genau hier beginnen die ersten Rätsel. Haben die Mykener denn nun bei den Nuraghern abgekupfert? Wie sollte das gegangen sein? Waren die Mykener selbst auf Sardinien oder gab es gar Völkerbewegungen von Sardinien nach Griechenland? Die Ähnlichkeit der Architekturen ist jedenfalls frappant.

Zurück ins Heute. Ich komme ausgeschlafen in Porto Torres an und begebe mich direkt aus dem stickigen Schiffsbauch auf die Straße. Das Wetter ist durchwachsen bis schön. Ich atme die sardische Luft in tiefen Zügen und bilde mir ein, sie rieche nur hier so – so sardisch eben. Da ich schon oft auf der Insel war, fühle ich mich auf eine gewisse Weise schon wie zu Hause. Die grobe Richtung kenne ich; mein Navi ist nur für die Feinheiten eingeschaltet. Die erste Feinheit ist der Weg zur Nuraghe Losa, eine klassische, echte Tholos-Turmnuraghe. Im kleinen Lädchen am Eingang, das auch ein hübsches Café beherbergt und ein paar bunte Souvenirs anbietet, bezahle ich meinen moderaten Eintritt und erlebe dafür eine wunderbar restaurierte Welt aus einer anderen Zeit. Es gibt keine Zäune oder Absperrungen; man darf überall herumlaufen, die Nuraghen betreten und die eng gewundenen Aufgänge bis oben auf die Turmruinen hinaufklettern. Da kaum Besucher anwesend sind, genieße die eindrucksvolle Stille und Kühle in den Gewölben der gut erhaltenen Tholoi. Diese Bauwerke sind um die 3000 Jahre alt oder älter und prägen die Geschichte der gesamten Insel. Es gibt keine Gegend auf diesem Eiland, die nicht irgendwelche mehr oder weniger gut erhaltenen Zeugen der Vergangenheit besitzt.

Ich streife durch die unterschiedlichen „Räume“ der Ruine von Losa. So ganz genau ist ihr Zweck zwar nicht bekannt, und doch kann ich mir das rege Treiben darin bildhaft vorstellen. Die Menschen lebten, arbeiteten und handelten hier. Sie wohnten in Dörfern nahe den Nuraghen und nutzten diese nicht nur als Versorgungsmittelpunkte, sondern auch als kulturelle oder spirituelle Orte – aber dazu komme ich heute Nachmittag noch. Schweigend wandle ich durch die noch vorhandenen Teile des Bauwerks und genieße den Wind, der zusammen mit dem warmen Licht die belassenen Öffnungen durchströmt und mir die Geschichte einer längst vergangenen Epoche erzählt.

Mit diesen Eindrücken fahre ich ein Stück weiter. Nur wenige Kilometer zum "Parco Archeologico Naturalistico di Santa Cristina", einer größeren Ansiedlung mit einer großen Brunnenkultstätte und Nuraghendörfern. Es gibt Brunnenkultstätten und Quellenkultstätten. Die Nuragher hatten beides, da die moderne Archäologie präzise zwischen zwei verschiedenen architektonischen Typen unterscheidet. Beide dienten dem zentralen nuraghischen Wasserkult (culto dell’acqua).

Das Brunnenheiligtum von Santa Cristina, hier bei Paulilatino ist das berühmteste seiner Art. Die Basaltsteine des Eingangs in den Boden zum Brunnengewölbe sind so präzise wie mit dem Laser zugeschnitten. Zur Wintersonnenwende beziehungsweise in bestimmten Mondzyklen steht das Gestirn exakt senkrecht über dem Lichtloch der Kuppel und spiegelt sich im Wasser. Es ist ein harmonischer und mystischer Ort zugleich. Die Opuntia Kaktusfeigen stehen jetzt im Mai in Blüte und geben der Szenerie lebendige Farbnuancen. In ein paar Wochen wird das Schauspiel vergangen sein. Dann ist ganz Sardinien von der Sommerhitze verbrannt.

Ich steige die Stufen in die feucht kühle Tiefe des Brunnens hinab. Es ist ziemlich dunkel hier unten und ich muss aufpassen, dass ich nicht ins Brunnenbecken abrutsche. Die Passgenauigkeit der Steine ist äußerst eindrucksvoll im Gegensatz zu dem groben Basalt, aus dem die Nuraghen und Nebengebäude erbaut sind. Meine Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit, umso greller ist das Licht als ich meinen Blick wieder nach oben gen Aufstieg richte. Ein sehr spezieller Ort, von dem ich noch mehrere sehen werden. 

Mein Weg führt mich nun über das weitläufige Areal durch verwilderte Olivenhaine zu den Resten der angesiedelten Nuraghendörfer. Alles erinnert mich an einen Zauberwald voller Rätsel und Geheimnisse. Die Eindrücke, die durch Verwitterung und den Bewuchs der Steine mit farbigen Moosen und Flechten entstehen, vermitteln im wesentlichen ein Gefühl für die immense Zeit, die vergangen ist, seit das Leben an diesem Ort Gegenwart war.

Der ruhige Weg führt mich durch den Dschungel uralter Bäume und vorbei an Steinresten, die einst Häuser waren. Dazwischen Grabstätten, in denen die Menschen nach nuraghischer Kultur ohne Unterschied ihres Ranges beigesetzt wurden. Es kist mehr als eindrucksvoll und löst tiefe Gedanken zu Zeit und Vergänglichkeit aus. Für heute – den ersten Tag – habe ich viel gesehen und bleibende Eindrücke gewonnen, die mein Bild von Sardinien erweitern und verändern. So ist das mit Dingen, mit denen man sich erst mit der Zeit beschäftigt. 

Ich werde im nahen Oristano übernachten, ich habe Hunger und brauche eine kleine Denkpause. Was für ein Tag!

Mittwoch, 20. Mai 2026

Das steinerne Horn der Giara di Siddi und ein schöner Ort

Auf der Basalthochebene Su Pranu – der einsamen Giara di Siddi – verblasst die Gegenwart. Vor über 3.500 Jahren errichteten die Schöpfer der Nuraghenkultur mit Sa Domu ’e S’Orcu ihr eindrucksvollstes Kollektivgrab. Seine Existenz an diesem besonderen Ort verdankt das Monument dem geologischen Phänomen der Reliefumkehr. Wo heute ein steil aufragender Tafelberg die Landschaft dominiert, füllte vor Jahrmillionen flüssige Lava ein tiefes Tal. Während das weichere Umland in Jahrmillionen erodierte, trotzte der harte Basaltkern den Elementen und blieb als massive Hochebene bis heute erhalten.

Für die Nuragher und ihre steinzeitlichen Vorfahren war diese Hochebene ein strategischer Traum. Die Steilwände boten perfekten Schutz vor Angreifern, während das Plateau oben flach, fruchtbar und gut zu überblicken war. Und wen wundert es, dass genau hier eines der prominentesten und heiligsten Bauwerke der Nuragher entstand. Je näher ich dem Monument komme, umso mehr ziehen mich die Dimensionen, die Formen und die Farbe der orangen Caloplaca-Flechte in ihren Bann. Aber erst der Blick aus der Luft löst das megalithische Bauwerk aus seiner Zufälligkeit. Aus der Drohnenperspektive fügt sich der präzise Grundriss zu einem unmissverständlichen Symbol: der Protome taurina – dem stilisierten Schädel eines Stiers. Die fünfzehn Meter lange, gedeckte Grabkammer bildet den Nasenrücken, während die weit geschwungene Quaderfassade der Exedra wie zwei mächtige Hörner aufragt. Der Stier verkörperte in der nuraghischen Kosmologie die maskuline Urkraft und den Beschützer des Jenseits. Wer durch das bodennahe Portal schlüpfte, betrat symbolisch den Schoß der Gottheit, um in seinem Schutz auf die Wiedergeburt zu warten.

Das Monument hütet aber noch ein zentrales Rätsel: Trotz der monumentalen Architektur fanden Archäologen bei systematischen Ausgrabungen keine menschlichen Knochenreste. Ob der kalkhaltige Boden das organische Material im Laufe der Jahrtausende vollständig zersetzte oder ob die Anlage als Kenotaph – als leeres Scheingrab für in der Fremde gebliebene Helden – diente, bleibt ungeklärt. Zurück bleibt ein archaischer Mythos aus Stein, eingebettet in die Stille einer einzigartigen Landschaft aus erkalteter Lava.

Noch lange sitze ich auf einem etwas entfernten Stein und begleite die Zeit bei ihrer Vergänglichkeit. Still, unaufhaltsam und konsequenzlos.

 

Der weitere Nachmittag ist gefüllt mit einem Kulturprogramm ganz anderer Art: Der Fahrt durch eine der grotskesten Gegenden Sardiniens, die Costa Verde. Sie erstreckt sich über rund 50 Kilometer und umfasst die spektakulären Sanddünen von Piscinas, die direkt unterhalb des alten Bergbauortes Ingurtosu liegen. Der Name leitet sich von der wilden, mediterranen Macchie-Vegetation ab, die sich bis zu den Stränden zieht. Ich fahre direkt zur Westküste, nehme die kleine Behelfsbrücke über den Stagno Marceddi in die Region Campidano di Saluri. Hier liegt der Parco Geominerario della Sardegna, Weltkulturerbe und ein Paradies der Lost Places aus den blühenden Zeiten des sardischen Erzbergbaus. Meine Durchgangsstationen auf einer traumhaften Motorradpiste sind Montevecchio, Guspini, Arbus und Fluminimaggiore. Schon 2013 war ich sehr beeindruckt von den hiesigen Industrieruinen und eigentlich müsste ich mir die Zeit nehmen, all die verlassenen Orte mal aus der Nähe anzusehen, aber das ist eine andere Reise.

Und so komme ich in der warmen Nachmittagssonne am Spiaggia di Portopaglietto in Portoscuso an, einem für mich ganz besonderen Ort, dem ich seit 1980 irgendwie verbunden bin. Und dann setze ich mich immer auf die Mauer oder in die Felsen mit den vielen fleischigen, so typischen Mittagsblumen und bin für eine Weile einfach nur hier.

Später im Hafencafé bei einem Cappuccino, der nur hier so gut schmecken kann, korrespondiere ich elektronisch mit einem besten Freund und damaligen Trampgenossen zur Leggenda di Portoscuso:

Sei gegrüßt, lieber Freund!
(…) die Felsen sind das Einzige, was wirklich noch so aussieht wie damals. Der Rest hat sich einfach weiterentwickelt. Das Kaff war nie eine Perle, sondern ist immer der Wohnort für die Arbeiter der metallurgischen Schwerindustrie Portovesmes gewesen. Eine der größten Dreckschleudern Italiens… Die Legende Portoscuso haben wir uns damals durch unsere postpubertäre Lebensfreude selbst erschaffen und auch, ob die nette Chiara [Anm.: Angestellte einer Bäckerei und spätere Redakteurin von Radio Portoscuso] wirklich so hübsch war, sei dahingestellt. Es ist halt eine unserer Lebensstationen und ich habe immer wieder meine Freude daran, diese Orte bei Gelegenheit zu besuchen. Ich lerne jedes Mal etwas dazu über meine Vergangenheit. Sentimentalität? Nein, das liegt mir fern, auch wenn mich diese Flashbacks oft sehr berühren, aber das ist eben das Hesse‘sche Quäntchen Traurigkeit, das jeder wahren Freude innewohnt. Ach ja, und noch etwas ist genauso wie früher. Der kitschig schöne Sonnenuntergang.

Und dann suche ich mir spontan ein kleines Dachzimmer im Hotel am Platz – ich möchte noch eine Nacht hier verweilen – es ist schön hier!

Donnerstag 21. bis Sonntag 24. Mai 2026

Kompromissloses Nichtstun

Die folgenden vier Tage sind ausschließlich angefüllt mit fokussiertem, kompromisslosem Nichtstun. Ausschlafen, sonnenbaden, kochen, am Meer sitzen und in die Bucht von Triga schauen und mich über die Entdeckung einer Tomatenpülpe freuen, die es mit einem echten Sugo di pomodro aufnehmen kann. Ach ja, und jeden Abend ein kitschig schöner Sonnenuntergang (vgl. Bild oben…) – die sehen immer gleich aus. Eine herrliche Zeit.

Montag, 25. Mai 2026

Drei einsame Orte und die Giganten

Die Tage der Kontemplation sind vorbei, es geht weiter auf den Spuren der Nuragher. Meine Fahrtrichtung ist jetzt wieder nordwärts, dieses Jahr habe ich nicht ganz so lange Zeit. Auf meiner Wunschliste stehen drei besondere, etwas abgelegene Orte: das Tomba dei giganti di Aiodda, die Nuraghe Santu Millanu und der Brunnen Pozzo Nuragico di Coni. Alle drei auf dem Hochplateau Planu Is Ciaexius bei Nurallao und eher nicht vom breiten Publikum besucht. Ganz im Gegenteil zur Großnuraghe Su Nuraxi, die auf dem Weg an der Hauptstraße liegt und die ich mir en passant auch noch einmal ansehen möchte. Allerdings schreckt mich bei Ankunft schon das Wohnmobilgetümmel auf dem Parkplatz ab und an der Kasse erfahre ich dann, dass Su Nuraxi nur noch mit Guide besucht werden darf. Nein, das ist nicht das, wofür ich hergekommen bin. Mit Menschenmassen durch mystische Orte rennen. Glücklicherweise war ich schon vor vielen Jahren hier und wir konnten damals ohne Publikumsverkehr und ohne Guide die große Nuraghe entdecken. Ich danke schön und ziehe weiter zu meinen eigentlichen Zielen.

Die Straßen werden kleiner, aus Nebenstraßen werden Feldwege und aus Asphalt wird steinige Bergpiste. Im ersten Moment bin ich etwas besorgt, weil Bienchen nur Tanzschuhe (Straßenreifen) drauf hat, aber was soll's, wird schon gehen.

Hier, wo die sanften Hügel der Marmilla in die schroffen Hochebenen des Sarcidano übergehen, verdichtet sich die Nuraghenkultur auf engstem Raum. Die drei Monumente sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt und bilden ein archäologisches Triptychon, das die elementaren Säulen dieser bronzezeitlichen Gesellschaft offenbart: den Ahnenkult, die irdische Macht und das sakrale Wasser.

Die Tomba dei Giganti di Aiodda erzählt von einer bewussten, spirituellen Metamorphose. Die Nuragher errichteten dieses Kollektivgrab aus den Trümmern einer älteren Epoche: Fünfzehn monumentale Statuen-Menhire aus der Kupferzeit wurden hier kopfüber als Baumaterial für den Grabgang wiederverwendet. Einer dieser bearbeiteten Ahnensteine steht noch heute wie damals aufrecht am originalen Eingang.

Nur wenige Minuten entfernt thront der weltliche Gegenpol auf einem flachen Hügel: die Nuraghe Santu Millanu. Ihr imposanter Hauptturm ragt noch hoch empor und Blumen dominieren die zerstörte Vier-Turm-Bastion. Aus perfekt behauenen, regelmäßigen Kalksteinreihen geschichtet, kontrollierte diese Festung einst als steinerne Wache eine strategisch wichtige Senke der Ebene von Nuragus.

Einen Steinwurf weiter östlich verbirgt sich noch in Sichtweite des Festungsturms der Pozzo Sacro di Coni. Eine präzise in den Untergrund geschlagene Steintreppe führt hinab zu einer tholosartig gewölbten Kammer, die bis heute eine aktive Quelle einfasst. Aus exakt zugeschnittenen Basaltblöcken gefügt, war das Heiligtum einst Schauplatz tiefer ritueller Handlungen. Ich habe mich natürlich hineingesetzt und nach oben geschaut – das Bild wirkt ohne Worte.

Es ist heiß heute und so haben meine Entdeckungen ihre Zeit gebraucht. Und weil ich überall ganz alleine war, habe ich mir gerne Zeit im Schatten eines Olivenbaums genommen, um alles in Stille auf mich wirken zu lassen. So mache ich mich auf den Weg nach Cabras, dort habe ich mir ein kleines Zimmer gebucht, das direkt gegenüber des Museo Civico Giovanni Marongiu liegt. Dort möchte ich mir heute noch die Giganti di Mont'e Prama ansehen, die vielleicht spektakulärste, archäologische Entdeckung Sardiniens. 

Bei diesen Giganten handelt es sich um eine weltweit einzigartige Gruppe monumentaler Sandsteinstatuen aus der Eisenzeit (ca. 9.–8. Jahrhundert v. Chr.). Die bis zu zweieinhalb Meter hohen Kolosse stellen Boxer, Bogenschützen und Krieger dar – mit maskenhaften Zügen und faszinierenden, konzentrischen Kreisaugen. Jahrhundertelang in tausende Fragmente zerschlagen und unter sardischem Sand begraben, gelten diese Wächter einer antiken Nekropole heute als die ältesten monumentalen Großplastiken des gesamten westlichen Mittelmeerraums.

Dann ist der lange Tag zu Ende und ich freue mich aufs Abendbrot und eine ruhige Nacht.

Dienstag, 26. Mai 2026

Mystischer Frühling an den Feenhäusern und andere Orte

Der Tag beginnt langsam, ich habe zu wenig Schlaf bekommen. Dafür ist die erste Etappe sehr kurz, Ich beginne heute mit den Ruinen von Tharros. Vor der Kulisse des blauen Golfs von Oristano stehen die antiken Säulen und gepflasterten Straßen wie ein steingewordenes Tagebuch der Seefahrergeschichte, in dem sich Phönizier, Punier und Römer nacheinander verewigten Es hat so gar nichts mit der Nuraghenkultur zu tun, weshalb mein Besuch auch recht kurz ausfällt. Zudem sind viele Instandhaltungsarbeiten im Gange, was dem ganzen Ambiente die notwendige Ruhe stiehlt.

Es geht weiter ins Inland. Ich nehme heute morgen die Schnellstraße, ansonsten wird der Fahrtag zu lang und die schönen Strecken spare ich mir für heute Nachmittag auf. Dort, wo die Nuraghen-Architektur einen ihrer Höhepunkte erreicht ist mein Ziel: Die Nuraghe Santu Antine. Das „Königshaus“ im Valle dei Nuraghi demonstriert mit seinen mächtigen Bastionen und den perfekt erhaltenen, dreistöckigen Tholos-Gewölben die vollendete Statik und geometrische Reife der nuraghischen Baukunst. Auch hier gibt es Instandhaltungsarbeiten, aber die eindrucksvollen Gewölbegänge und inneren Tholoi sind dennoch begehbar. Kaum eine Nuraghe hat derart gut erhaltene Innenräume. Ich genieße die Stille im Inneren, es ist sehr wenig Publikumsverkehr und ich teile mir die Anwesenheit und die wohltuende Kühle lediglich mit den Tauben und Singvögeln, die hier wohnen. 

Der schönste Ort wartet auf mich an den Domus de janas (Feenhäuser) von Ludurru, aber davon weiß ich nichts bis ich dort ankomme. Das Domus de janas San Sebastiano im Ort Buddusò ist eher unscheinbar, es steht mitten in einem Wohnbezirk. Doch nur ein kleines Stückchen weiter, nach einem Fußweg durch verwilderte Frühlingswiesen erwartet mich ein mystischer Ort, wie ich ihn selten erlebt habe. Im warmen Licht des Nachmittags verwandelt sich die felsige Landschaft in ein lebendiges Kunstwerk der Natur: Auf den Wiesen stehen bunte Blumen und der Weiße Mauerpfeffer überzieht die Felsen wie ein rosa Teppich. Die Bäume mit ihrem jungen Grün spenden Schatten und zaubern ein Lichtspiel in die Landschaft, das der Feen würdig ist. Umgeben von absoluter Stille und den Düften des Frühlings bin ich völlig verzaubert von einem Ort, der nicht von dieser Welt ist.

Den spirituellen Schlusspunkt setzt im dichten Wald von Bitti das Quellheiligtum Su Romanzesu. Ich folge gewundenen Straßen durch die Wälder der Hochebene – ein Motorradparadies der feinsten Art. Es ist ein unscheinbares Schild am Straßenrand mit dem Bild eines kleinen Amphitheaters, das mich meine Fahrt unterbrechen lässt. Warum nicht? Ich tauche auf einer winzigen Straße in die Tiefe des Hochwaldes ein und erreiche ein weitläufiges, labyrinthartiges Kultzentrum der Nuragher, in dem das Wasser einst rituell durch steinerne Becken geleitet wurde – ein Ort des Innehaltens vor der Kulisse mächtiger Korkeichen. Ich streife durch die Ruinen des einst heiligen Ortes, nur die leuchtend grünen Tyrrhenischen Mauereidechsen begleiten mich. Was für eine Entdeckung.

Und als sei das nicht alles schon wunderbar genug, finde ich mit meinem kleinen Guesthaus am Stadtrand von Nuoro eine sehr hübsche und liebevoll gestaltete Bleibe für die Nacht. Manche Tage entstehen erst wenn man sie lebt – und manchmal werden es sogar schönste Tage. Gute Nacht.

Mittwoch, 27. Mai 2026

Das entweihte Heiligtum und große Steine

Heute bin ich weiter im zerklüfteten Landesinneren unterwegs und besuche Orte, die einen zeitlichen Bogen über drei Jahrtausende prähistorischer Baukunst spannen. Die Gesamtstrecke ist nicht besonders weit, weshalb ich mir einen entspannten Aufbruch nach kleinem Frühstück gönne. Kurz noch tanken und dann bin ich schon wieder im Slalommodus auf spannenden Straßen. 

Als ich den kleinen Schotterparkplatz meines ersten Zieles erreiche, zeigt das Thermometer bereits 28°C. Das ist in Motorrdklamotten eine Ansage, denn ich muss noch einen kleinen Fußweg zurücklegen zum monumentalen Tomba dei Giganti S’Ena ’e Thomes. Eingebettet in die frühlingshafte Macchia, finde ich das Riesengrab eher schüchtern platziert im Nirgendwo der Ebene von Dorgali. Kein Hügel, keine größeren Felsen, keine besondere Aussicht. Aber dafür entlockt mir der Anblick des Zentralsteins in der perfekt geschwungenen Stein-Exedra Laute des Erstaunens. Er ist einer der größten und besterhaltenen Zentralstelen Sardiniens: Ein fast vier Meter hoher, tonnenschwerer Gigant aus grauem Granit, dessen präzise gemeißelte Umrahmung wie ein monolithisches Tor zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Ahnen steht. Da es keine Schattenplätzchen gibt, entfallen die besinnlichen Minuten, die ich mir gerne an solchen Orten nehme. Der Rückweg ist heiß.

Der Fahrtwind kühlt mich wieder ab, ich winde mich über enge Bergstraßen aus der Ebene hinauf in die steilen Hänge von Orune. Ich möchte zum versteckten Su Tempiesu. Da mein Navi die neue Zufahrt in die Schlucht nicht kennt, leitet es mich fast zehn Kilometer über eine üble menschenleere Piste mit zerfurchten, ausgewaschenen Rinnen, sandigen Abschnitten und atemberaubenden Gefällen. Das war so nicht geplant, für diese Piste hat Bienchen definitiv die falschen Reifen drauf. Es rutscht einige Male mehr als mir lieb ist, den Kopf habe ich ausgeschaltet. Am Ende münde ich in die kleine Luxusstraße, die ich eigentlich hatte nehmen wollen. Nun ja, kleine Adrenalineinlage.

Am Ziel angekommen empfängt mich ein netter Sarde, der mir viel erklärt und den kürzeren der beiden botanischen Lehrpfade empfiehlt, der mich zum heiligen Ort der Nuragher führt. Der zweite Fußmarsch heute, diesmal allerdings ohne Motorradklamotten unter schattenspendenden Bäumen. Es geht steil bergab – jetzt nicht an den Rückweg denken! 

Das Quellheiligtum Su Tempiesu liegt in einer engen, schattigen Schlucht. Es ist eine heilige Quelle in einem Bauwerk von bemerkenswerter Eleganz. Das Monument bricht mit den typischen Rundformen der Nuraghenzeit: Es besitzt ein steiles, perfekt erhaltenes Keildach aus exakt zugeschnittenen Basaltquadern, das fast modern wirkt. Das Wasser rinnt noch immer wie vor 3.000 Jahren über die steinernen Stufen hinab in das rituelle Becken – ein zeitloser Ort tiefster spiritueller Ruhe. So zumindest die Literatur. Leider ist die Ankunft etwas ernüchternd. Irgendwelche Foto-Nerds treiben hier gerade ihr Unwesen. Überall liegt maßlos viel Equipment herum, eine Drohne filmt von oben und zwei ganz wichtige Freaks liegen samt Camera-Slider vor der Quelle auf dem Bauch und mache Nahaufnahmen vom tropfenden Wasser. Trotz meiner fotografischen Expertise und ausreichender Fantasie erschließt sich mir der Aufwand nicht. Also muss ich den Spinnern etwas auf die Nerven gehen, denn ich bin nicht hergekommen, um mir diesen Technik-Porn anzusehen. Am Ende mache ich ein paar Fotos und schaue mir die immer noch fließende Quelle aus der Nähe an. Dann verlasse ich den für heute entweihten Ort und kämpfe mich bei 30°C den ganzen Weg wieder nach oben. 

Ich bin erleichtert, den Rückweg über die neue Straße nehmen zu können und tauche in die Korkwälder der Buddusò Hochebene ein. Ein erfrischendes Bierchen (0% Alc.!) in Bitti, dann ist es nicht mehr weit nach Luras, wo ich übernachten werde. Doch zuvor gibt es da noch ein imposantes Großgrab mit enormen Deckplatten am Stadtrand. Ein unbekannterer Ort, aber nicht weniger reizvoll. Ein schöner Tagesabschluss, wie ich finde, denn an solchen "kleinen" Orten bin ich immer alleine – was der Stille mehr Wirkung verleiht und die Zeit spürbarer werden lässt.

Und so endet der Tag im kleinen Luras. Schönes preiswertes Zimmer, ein einziger Supermarkt und Sonnenschein bis in den Abend. 

Donnerstag, 28. Mai 2026

Sardigna in su coro – Der letzte Tag

Der letzte Tag hat die kürzeste Fahrstrecke, aber dafür vier besondere Orte, die ich unbedingt noch besuchen möchte. Da sind zwei eindrucksvolle Tombe dei Giganti und zwei der schönsten Nuraghen – wobei das viele von sich behaupten, wie ich festgestellt habe. Ich kann heute ausschlafen, da ich allein im Guesthouse wohne und es der netten Vermieterin völlig egal ist, wann ich auschecke. Ein Angebot, das ich nicht ausschlage; ich bin eh etwas müde von den Erkundungen in Motorradmontur. Sie fordern ihren Tribut an Schweiß und Kraft.

Gegen zehn Uhr ist Bienchen gesattelt und ich mache mich über kleine Umwege auf den Weg. Der erste spontane Halt ist schon nach wenigen Kilometern an der Ponte sul fiume Carana, wo sich der Oberlauf der jungen Carana ein Bett in den Fels erodiert hat. Eine wunderschöne Stufen-Becken-Sequenz in hellem Granit, die in der Vormittagssonne leuchtet und sich kontrastreich gegen die Büsche und Bäume abhebt. Mit solchen Bildern beginnen schöne Tage.

Wer Sardinien bereist und nicht gerade einen pauschalen Badeurlaub gebucht hat, begegnet den Spuren einer ganzen Menschheitsepoche – vielleicht sogar mehreren. Die prähistorischen Monumente der Gallura – zu denen ich heute unterwegs bin – sind solche architektonischen Manifeste einer längst vergangenen Zivilisation unserer Spezies. Geformt aus dem rohen Granit der Insel und tief verwurzelt in der kargen Vegetation, haben sie bis heute der Vergänglichkeit getrotzt. Vier Orte an der Zahl fügen sich heute auf meiner letzten Etappe der Giro dei Nuraghi zusammen.

Am Tomba dei Giganti di Li Lolghi bin ich zunächst noch der einzige Besucher, was mir die Ruhe beschert, dieses Bauwerk mit seinem monolithischen Hauptstein auf mich wirken lassen zu können. Der rein praktische Aspekt, dass die Nuragher solche Kolosse ohne Maschinen bewegt haben, ist schon beeindruckend, aber von noch größerer Faszination ist der zeitliche Bogen, der sich hier spannt. Vor tausenden von Jahren haben Menschen hier würdevoll ihre Toten bestattet. Sie haben mühsam diese tonnenschweren Steine arrangiert, um so der Verstorbenen zu gedenken und kommenden Generationen den Ort zu übergeben, an dem ihre Ahnen für ewig ihre Ruhe finden sollten.

Nur wenige Kilometer weiter erreiche ich die Nuraghe La Prisgiona. Ihre Tholos-Türme sind besonders gut erhalten und die schon hoch stehende Sonne gießt helles Licht durch das Loch im Scheitelpunkt der Kuppel. Die Geometrie dieser perfekt geschichteten Steine ist schlicht erhaben. Während ich im Schatten der kühlen Mauern verschnaufe, zeichnet das gleißende Mittagslicht harte Kontraste auf den Boden. Man begreift sofort, warum diese Festung das Zentrum einer ganzen Region war.

Das Gigantengrab Tomba dei Giganti di Coddu Veccju ist nur einen Fußweg entfernt. Es ähnelt – wen wundert’s – dem von Li Lolghi. Die monumentale, fast vier Meter hohe Zentralstele ragt wie ein steinernes Portal zwischen dem Diesseits und dem Jenseits auf, flankiert von einer perfekt geschwungenen Exedra aus Stein. Durch die kleine, symbolische Öffnung am Boden schaue ich tief in die Kammer, die mit gewaltigen Steinplatten abgedeckt ist. Der Granit schluckt hier jeden neuzeitlichen Gedanken. Mit den Flechten und der wilden Vegetation hat er sich schon längst freundschaftlich verbunden.

Mittlerweile ist es heiß geworden und der Fahrtwind auf dem Moped kühlt mich ab. Ich habe mein letztes Ziel erreicht: die Protonuraghe Albucciu – eine archaische, flachere Vorform der klassischen sardischen Turmbauten mit innenliegendem Korridorsystem. Sie liegt tiefer und ist in einem Korkeichenwald verborgen. Sie wirkt nicht wie von Menschenhand erbaut, sondern wie ein organischer, uralter Teil des Granits, auf dem sie steht. Der gedrungene Korridorbau schmiegt sich so dicht an die Topografie, dass die Grenzen zwischen Natur und Architektur verschwimmen. Als ich durch die engen, dunklen Gänge im Inneren streife, weicht die Mittagshitze der Kühle und dem ehrfurchtgebietenden Schweigen der Steine. Doch die wahre Mystik dieses Ortes begegnet mir erst außerhalb mit etwas Abstand. Die knorrigen Korkeichen haben die Ruine längst überwachsen und spenden ihr Schatten. Ich habe den Eindruck, sie beschützen die ehrwürdigen Mauern und sorgen sich um sie. Das frühlingshafte Grün der Blätter ist noch durchlässig; einzelne Sonnenstrahlen zaubern ein magisches Schimmern auf das verwitterte Gemäuer und lassen mich teilhaben an ihrem Spiel von Licht und Schatten. Von dieser Kulisse völlig fasziniert, wird Albucciu für mich zu einem wahrlich besonderen Ort – der Essenz aller Mystik und verborgenen Geheimnisse des Nuraghen-Zeitalters. Welch würdiger Moment, mit dem ich meine Giro dei Nuraghi beende.

Nach Olbia zum Hafen ist es nicht mehr weit. Gedankenverloren und nur mit den vielen schönen Bildern im Kopf trödeln Bienchen und ich die letzten Kilometer über Nebenstraßen dem Ende der Tour entgegen. Die Zeit bis zur Abfahrt meines Schiffs nach Genua erlaubt mir noch etwas Entspannung in einer netten Eisdiele der Altstadt. Der Rest ist die übliche Hafenromantik: große Schiffe, reisende Menschen, das gewisse südländische Chaos – ach, wie ich es doch liebe. Dann stechen wir in See und wie ein inszeniertes Finale sinkt die Sonne mit impressionistischer Perfektion über der Straße von Bonifacio ins Meer.

Es war – auch wegen der ungewöhnlichen Hitze – manchmal ziemlich anstrengend und so manches geplante Highlight, das die Erlebnisdichte der gut zwei Wochen überreizt hätte, habe ich auch ausgelassen. Aber was für eine spannende Tour und was für außergewöhnliche Eindrücke eines Ortes, den ich nach so vielen Reisen hierher bereits glaubte, ein wenig zu kennen. Jetzt kenne ich ihn besser. Die Giro dei Nuraghi ist zu Ende.


Sardigna in su coro. A nos bider sanos!