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­č玭čçĚ Auszeit 2022 - Patagonien

6. Dezember 2022 - Ruta 40 bei Windst├Ąrke 6

Unm├Âgliches Fr├╝hst├╝ck, Hauptsache der Kaffee w├Ąrmt. Kurz tanken. Dabei treffe ich eine ganze Truppe Enfield Bikerinnen und Biker, eine wunderbare Horde auf indischen Eisenmopeds. Werkstattwagen f├Ąhrt hinterher! Selten so ein lustige Bande getroffen. Ich mag mich kaum verabschieden, aber mein Bienchen passt einfach nicht dazu. Lustiger Start in den Tag.

Ansonsten gibt es heute nicht viel Abwechslungsreiches zu berichten, wenn auch die 230 Kilometer bis zur Stadt Gobernador Gregores eine unglaubliche Landschaft pr├Ąsentieren. F├╝r den, der es mag. Ich bin einer von jenen. Die Stra├če geht einfach nur geradeaus, der Fluchtpunkt ist mit blo├čem Auge nicht mehr aufl├Âsbar. Die unterbrochenen Stra├čenmarkierungen bilden bei der Fortbewegungsgeschwindigkeit feine Linien, die den Blick sicher f├╝hren. Fl├Ąchenkontraste in Pastellfarben dominieren die Gestaltung der Bilder, die in meinen Kopf eingehen und Ruhe ausl├Âsen. Der ockerfarbene Boden der Pampa und der sandgebleichte Himmel werden durch die feine, genau horizontale Linie der winzigen Andenkette am fernen Horizont zerschnitten. Irgendwann geht die Bildsch├Ąrfe v├Âllig verloren und ich schwebe wie in einem Traum alleine ├╝ber die Ruta 40.

Der Wind ist massiv. Windst├Ąrke f├╝nf bis sechs bl├Ąst permanent von Westen, also aus meiner Sicht von rechts. Ich glaube Patagonien ist das Land, in dem man mit dem Motorrad eine Linkskurve mit Rechtslage fahren kann. Unglaublich. Diese katabatischen Winde sind nicht zu untersch├Ątzen, sie k├Ânnen derart kr├Ąftig werden, dass Fahrten mit dem Motorrad zur Grenzerfahrung werden, auf Schotterpisten sind sie unm├Âglich. Es sind schon Motorr├Ąder meines Kalibers einfach umgeblasen worden, samt Fahrer. Heute ging es, keine Experimente, einfach nur geradeaus bis Gobernador Gregores. Tanken, ├ľl, sch├Ânes Hotel suchen und ausruhen. Der Pass von gestern steckt mir noch in den Knochen.

Nebenan im Zimmer wohnt Simon, ein sehr netter Schweizer, genauso jung wie ich, dessen Moped im selben Container war wie meines. Wir plaudern und am├╝sieren uns den ganzen Abend bei K├Ąse, Chorizo, Brot und Wein. Ich bekomme noch einige sehr n├╝tzliche Tipps f├╝r morgen und die gute Nachricht, dass es windstill sein wird. Nicht allzu sp├Ąt gehtÔÇÖs dann in die wohlverdiente Falle, ich will morgen Fr├╝h um 6:00h los, denn ich muss vor dem Regen die Schotterpiste hinter mir haben. Gute Nacht, ein richtig sch├Âner Abend.

7. Dezember 2022 - ÔÇ×Los 73 MalditosÔÇť und Sehnsuchtsziel Cerro Torre

Kaum, dass ich den Pass vorgestern erfolgreich aber kr├Ąfteraubend hinter mich gebracht habe, steht heute die n├Ąchste und vorerst letzte Pr├╝fung nach S├╝den an. ÔÇ×Los 73 MalditosÔÇť. ├ťbersetzt bedeutet das ÔÇ×Die verdammten 73ÔÇť. Gemeint ist ein gut 73 Kilometer langer Abschnitt Schotterpiste auf der Ruta 40. Der Ausbau dieses Abschnitts wurde von der argentinischen Regierung zwar bezahlt, aber von der Baufirma nie fertiggestellt. Und er ist ├╝bel! Der Boden ist teils lehmig und bei Regen eine Falle. Anfang dieses Jahres wurde die Ruta 40 genau aus diesem Grund an dieser Stelle komplett gesperrt. Das hei├čt, die einzige Nord-S├╝d-Verbindung war unterbrochen. Umfahrungen sind vierstellige Kilometerzahlen!

Ab 11:00h wird es heute wahrscheinlich regnen, deshalb steht mein Wecker auf halb sechs. Ich wache vor dem Wecker auf und packe meine Sachen. Nicht meine Zeit, ein starker Kaffee hilft dem Kreislauf leidlich auf die Spr├╝nge. Drau├čen sind 4┬░C, es ist gem├Ą├č Simons Vorhersage windstill. Am Horizont f├Ąrbt die Sonne den leicht wolkigen Himmel orange, die Hunde in den Stra├čen legen sich zur Ruhe. Fr├╝hst├╝ck wird durch die restlichen Kekse von gestern substituiert, mehr bekomme ich um diese Uhrzeit auch gar nicht runter. Das Einkleiden dauert etwas, die volle K├Ąltemontur ist angesagt und um Punkt 6:30h verlasse ich den Hotelparkplatz. Die Stra├čen sind leer und mein Navi ├╝bertreibt schon am fr├╝hen Morgen mit drei Kilometern Schotterabk├╝rzung bis zur Ruta 40. Ihr ahnt es schon, es steht mal wieder auf ÔÇ×MotorradÔÇť, was hei├čt ÔÇ×unbefestigte Stra├čen erlaubtÔÇť. Was dieses Ger├Ąt so denkt, was mit dem Motorrad so alles geht. Fast lustig! Jedenfalls ist das schon der erste wichtige Schub Adrenalin, denn den richtigen Spa├č habe ich ja noch vor mir. Es sind gute achtzig Kilometer zum Einstieg in die Malditos, die Stelle habe ich mir x-Mal im Netz angesehen, ich bin vorbereitet. Dann kommt der Moment der Wahrheit. Runterschalten Sechs auf Zwei und jetzt durchhalten. Im Einzelnen kann ich den Verlauf gar nicht schildern, jeder Belag wechselt sich mit jedem ab, ich bin der einzige Mensch auf der Piste. Guanakos rennen hier oben reichlich herum, Nandus sind zur fr├╝hen Stunde mit ihrem Nachwuchs unterwegs und die Hasen fl├╝chten vor Bienchens Ger├Ąuschen. Die lehmigen Stellen sind trocken, da gehtÔÇÖs sehr z├╝gig voran. Allerdings wechseln die Bel├Ąge sowas von schnell, dass grunds├Ątzlich eine langsame Fahrweise ratsam ist. Der Mittelteil ist lang und gerade, was eine H├Ąufung des Kieses zur Folge hat. Mit Schotter ist das Zeug nicht mehr zu bezeichnen. Es gibt sechs, manchmal acht Fahrrinnen, die von den kirsch- bis tischtennisballgro├čen Steinen freigefahren sind. Diese kann ich nutzen, aber nicht in voller Fahrt wechseln. Enden sie, dann muss ich in langsamer Fahrt die H├Ąufungslinien ├╝berfahren. Sehr m├╝hsam und zeitraubend. Diese Tortur zieht sich locker ├╝ber f├╝nfzehn Kilometer, dann wird es leichter befahrbar. Allerdings ist der Boden hier mit fu├čballgro├čen Steinen gespickt (keine ├ťbertreibung), die halb ÔÇ×einbetoniertÔÇť sind in den ausgeh├Ąrteten schluffigen Boden. Im Slalom vorbeifahren hei├čt schlingern, die Rinnen sind n├Ąmlich nach wie vor einzuhalten. Touchieren hei├čt versetzen, Schei├čgef├╝hl. Dr├╝berfahren tut Bienchen weh! Ich will es nicht zu sehr detaillieren, der defensive Kompromiss aus allem ist die L├Âsung, sch├Ân ist aber was anderes. Ich treffe noch drei andere Motorradfahrer, wir sprechen uns gegenseitig Mut zu und w├╝nschen uns in dem├╝tiger Ergebenheit der Verh├Ąltnisse eine gute und sichere Fahrt. Und genau wie vorgestern haben es die letzten 300 Meter vor dem erl├Âsenden Asphalt noch einmal in sich. Zwanzig Meter breite Piste und feinster Buddelkastensand. So tief, dass das Vorderrad ├╝ber die Felge versinkt. Es fehlte nicht viel und ich w├Ąre f├╝nfzig Meter vor dem rettenden Ende im sandigen Graben gelandet. Die Spuren bezeugen, dass ich nicht der Erste gewesen w├Ąre. Doch Bienchen steht. Beherzt anfahren, es wird laut, Sand fliegt und dann irgendwie, ganz ungest├╝m, zur rettenden Asphaltkante eiern. Motor aus, abstellen, absteigen und der zweite erl├Âsende Jubel dieser Tour. Heute sind wir Helden!

Die verbleibenden 147 Kilometer sind ein Genuss. Kein Wind, fester, glatter Untergrund, Seitenblicke m├Âglich und ich komme gut voran. Das letzte St├╝ck bis El Chalt├ęn zieht sich etwas und es wird merklich k├Ąlter. Jedoch lenken die anwachsenden Bergketten am Horizont von der Eint├Ânigkeit ab. Ganz im Norden kann ich schon Fitz Roy und Cerro Torre erkennen. Unglaublich, dass das Navi noch ├╝ber siebzig Kilometer anzeigt. Was f├╝r ein Willkommen, allein dass die Berge sich trotz des m├Ą├čigen Wetters so bereitwillig zeigen. Die bizarren Nadeln des Cerro Torre wachsen in den Himmel je n├Ąher ich komme. Fitz Roy steht still und imposant daneben. Die Sehnsuchtsberge f├╝r so manchen Kletterer, ein Sehnsuchtsziel auch f├╝r mich, und dass ich es mir mit meinem Motorrad so hart erarbeitet habe, macht mich f├╝r einen Moment gl├╝cklich und dankbar zugleich. Ich bin am Cerro! Unfassbar!

Der Rest des Tages ist gem├╝tlich im Hotel einchecken, caf├ę con leche und einen Apfelstrudel im Caf├ę. Es hat sich eingeregnet, aber darum k├╝mmere ich mich morgen. Was f├╝r ein Wahnsinnstag!

Und dann kommt doch noch eine Horrormeldung von den anderen Bikern, die ich immer wieder getroffen habe und zu denen ich Kontakt behalte, was ├Ąu├čerst n├╝tzlich ist hinsichtlich Streckenbeschaffenheit, Sperrungen, Grenzen, F├Ąhren, Hotels und vielem mehr. Heute Morgen, nur ein paar Stunden nach mir, ist eine gemischte, internationale Gruppe ebenfalls von Gobernador Gregores gestartet und hatte genau wie ich die Herausforderung der ÔÇ×MalditosÔÇť vor sich. Einem sehr guten Fahrer, von dem ich mir vor ein paar Tagen noch einiges abgeguckt habe, ist die T├╝cke der Piste zum Verh├Ąngnis geworden. Vorab, es geht ihm wieder gut, auch wenn er ein paar Tage im Krankenhaus war. Die Jungs haben die Etappe nat├╝rlich abgebrochen, erst einmal den Kollegen versorgt und dann selbst den Schock verarbeitet. Nach eigener Einsch├Ątzung waren sie zu schnell unterwegs. Mich hat das auch ziemlich erschreckt und einige ├ťberlegungen zur Folge gehabt. Wichtigste Erkenntnis daraus ist f├╝r mich, dass es absolut essentiell ist, seinen Stil zu fahren und dem auch treu zu bleiben. Lernen von besseren Fahrern ist klug und kann man viel, aber f├╝r Experimente ist hier absolut kein Platz. Das gr├Â├čte Risiko liegt nach meiner Einsch├Ątzung in der ├ťbersch├Ątzung - der Selbst├╝bersch├Ątzung. Oft ist die Sehnsucht nach spektakul├Ąren Geschichten, tollen Selfie-Shots und die Jagd nach der Superlative der Motor der Unvernunft. Sicherlich sind meine Bilder und Geschichten in aller Bescheidenheit auch ein wenig Abenteuer und spektakul├Ąr, aber nichts davon habe ich gemacht, um zu gl├Ąnzen oder mehr zu sein als ich bin. Ich m├Âchte einfach nur erz├Ąhlen, wie es ist, wie ich es erlebe und die eine oder den anderen von Euch motivieren, es auch zu tun. Mit Neugier, in Kenntnis des eigenen Risikos und in Dankbarkeit f├╝r das Erlebte. Ein Messen mit dem falschen Glanz der profilneurotischen Internet-Narzissten ist ├╝berfl├╝ssig. Genug der Gedanken. Karma!

8. Dezember 2022 - Tanken, Luft und Pause in El Chalt├ęn

Kein Wecker, keine Termine mit der Stra├če, einfach ausschlafen. Das dauert genau bis neun Uhr, dann bekomme ich Hunger. Das Fr├╝hst├╝cksbuffet ist eine Ern├╝chterung, da h├Ątte ich auch im Bett bleiben k├Ânnen. Der Kaffee und das Obst sind ganz gut, der Rest etwas d├╝rftig. Brot hat hier noch nie meine Begeisterung geweckt, aber dieses Material verdient nicht einmal den Namen. Eine blasse, dr├Âge, br├Âselige Substanz, die auch im Profitoaster keine Verbesserung erf├Ąhrt. Sie ist vermutlich nur als Tr├Ągersubstanz f├╝r die Aufstriche ├Ąhnlicher Qualit├Ąt gedacht. Die beiden bunten Marmeladen schmecken nach Fr├╝chten, die sich als Nussaufstrich pr├Ąsentierende, glasige Paste ist alles andere, aber nichts mit N├╝ssen. Drei Sorten Corn Flakes und verd├╝nnter Fruchtjoghurt runden das Desaster ab. K├Ąse, Wurst, Eier, Gem├╝se - no hay! Genug gen├Ârgelt, ich esse mich satt, wenigstens das.

Das Wetter ist durchwachsen, dann und wann ein paar Tropfen von oben, die Sonne l├Ąsst sich nicht sehen. Es reicht um tanken zu fahren, vormittags ist die Tankstelle sch├Ân leer, neue G├Ąste kommen gew├Âhnlich nachmittags an, dann kann die Schlange schonmal eine Stunde Wartezeit bedeuten. Einmal voll bitte! Die Frage nach Luft f├╝r die Reifen wird verneint, da m├╝sse ich in den Ort fahren zum Reifenh├Ąndler. Mache ich.

Die Wegbeschreibung des Tankwarts war sehr gut. Auf der Stra├če der Reifenwerkstatt steht ein etwas antiquarischer Kompressor, in dem leeren Ladenlokal h├Ąngt ein Schild ÔÇ×CerradoÔÇť. In der Kieseinfahrt nebenan ein auf Holzkl├Âtze aufgebockter Pickup, vier kr├Ąftige Burschen hocken in der Reifenwerkstatt, rauchen und plaudern. Von meiner Unterbrechung der gem├╝tlichen Runde ist man offensichtlich nicht begeistert, der Reaktion zu Folge scheint es eine seltene und ├Ąu├čerst komplizierte Dienstleistung zu sein, zwei Motorradreifen aufzupumpen. G├Ânnerhaft weist mich Macho Nr. 1 an, das Moped in die schmale Einfahrt zu fahren. Och nee! Tiefer Kies, auf dem schon laufen schwierig ist. Sp├Ąteres Wenden unm├Âglich, wie soll ich die Karre denn r├╝ckw├Ąrts da wieder rauskriegen? Nun gut, ich brauche Luft. Dann kommt Machito Nr. 2 mit einem nur aufs N├Âtigste abgerollten Pressluftschlauch. Das Ding ist mindestens f├╝nfzehn Meter lang und h├Ątte locker bis zur Stra├če gereicht. Ich liebe Arbeitsminimierer dieser Art. F├╝r eine Reifenwerkstatt bricht sich der Mann mit seinem uralten Pr├╝fmanometer ganz sch├Ân einen ab, meine beiden Reifen korrekt zu f├╝llen. Ich erleichtere ihm den Job und sage ihm den aktuellen Druck aus meinem Cockpit an. Knurrig nimmt er die Information entgegen und h├Ąlt sich an meine Kommandos. Zack, fertig. Er r├╝ckt mit seinem unbenutzten Manometer wieder ab, wenigsten muss er jetzt nicht so viel Schlauch wieder aufwickeln. Sehr m├╝hsam schiebe ich mein Moped r├╝ckw├Ąrts durch den tiefen Kies, als ich fast auf der Stra├če bin kommt Macho Nr. 1 noch einmal und legt eine Hand an, was allerdings mehr zum Ungleichgewicht beitr├Ągt als dem R├╝ckschub dient. Auf meine h├Âfliche Frage, was es kostet, wird ein Betrag von umgerechnet 3,50ÔéČ aufgerufen. Daf├╝r bekommt man im Supermarkt schon eine Flasche guten Wein. So ist das in Argentinien, wenn Monopole auf Bedarf sto├čen. Reifen wieder stra├čentauglich, alles bestens, den Rest vergesse ich einfach.

Die Aktivit├Ąten sind damit f├╝r heute abgeschlossen, ich mache einen Spaziergang durchs Dorf und schaue nach Wanderkarten, allerdings stelle ich fest, dass diese v├Âllig ├╝bertrieben sind f├╝r das, was ich vorhabe. So sch├Ân sie sind - und ich mag Karten doch so gerne - kaufe ich dennoch keine, zu teuer w├Ąren sie allemal gewesen.

Noch ein wenig Schreibdefizite aufholen und Bilder aufbereiten, dann ist es schon wieder Zeit f├╝r Abendbrot in einem der vielen netten L├Ąden hier und der kalte Abendwind scheucht mich anschlie├čend direkt in mein gem├╝tliches Hotel. Das war ein sch├Âner Pausentag.

9. Dezember 2022 - Wanderung zur Laguna Torre

Um sieben Uhr werde ich von alleine wach und die Sonne strahlt in mein Zimmer. Ein Blick aus dem Fenster zeigt blauen Himmel. Ich bin noch total m├╝de, aber die Chance auf eine trockene Wanderung zur Laguna Torre mit klarer Sicht lasse ich nicht aus. Anziehen, pragmatisches Fr├╝hst├╝ck, es ist nicht besser als gestern.

Schnell ist alles n├Âtige Zeug im Tagesrucksack, leichte Wanderbekleidung an und auf zum ÔÇ×Sendero a Laguna TorreÔÇť. Er beginnt zwei Blocks hinter meinem Hostal und nach zwanzig Minuten bin ich im Wandermodus. Es ist acht Uhr f├╝nfzehn und es geht stramm bergauf. Gro├če Steine dominieren den Weg, hohe Stufen fordern die Kniegelenke schon auf den ersten Kilometern. Es sind einige Leute heute Morgen unterwegs, kein Wunder, die Laguna ist ein absolutes Highlight. Wenn, ja wenn die Sicht stimmt! Und genau das ist die gro├če Unbekannte am Torre, er ist einer der der markantesten Gipfel und einer der verh├╝lltesten. Nicht selten warten Bergsteiger in El Chalt├ęn wochenlang auf gutes Aufstiegswetter, aber die Wolken verziehen sich einfach nicht. Immer neue Schwaden ziehen von Westen heran, zw├Ąngen sich zwischen den engen Nadeln hindurch und verh├╝llen die Gipfel dann auch von der Ostseite. Ein einzigartiges Mikroklima, nicht zur Freude der Besucher, die hoffen, diese wundersch├Ânen, bizarren Gipfel erleben zu d├╝rfen.

Nach jedem Kilometer steht auf dem Weg ein Holzschild, das ├╝ber die zur├╝ckgelegte Strecke informiert. Es geht gef├╝hlt z├╝gig voran. Der erste H├╝gel ist geschafft, ich erreiche einen Aussichtspunkt ├╝ber die gigantische Endmor├Ąne des Torre Gletschers, die mittlerweile mit einem Bergwald bewachsen ist, bis zum Fitz Roy und zum Cerro Torre. Nun ja, wenn er denn dann auch sichtbar gewesen w├Ąre. Mit etwas Fantasie l├Ąsst sich die Spitze der Nadel ├╝ber den Wolken erahnen, aber richtig sehen und bewundern, Fehlanzeige. Es bleibt die Hoffnung. Ich wandere weiter. Sehr bequem schl├Ąngelt sich der Weg durch die flache Ebene, teilweise so schmal durch den Kr├╝ppelwald, dass gerade eine Person hindurchpasst. Kilometer sechs, sieben und acht liegen hinter mir, das Gel├Ąnde steigt wieder an, hinauf auf den Schutth├╝gel des Gletschergeschiebes, der auch den stauenden Rand der Laguna - des Gletschersees - bildet. Der Wind vom Gletscher herab zieht heftig an, es ist eiskalt hier oben. Ich ziehe meine Windjacke an und schlie├če sie bis oben. Die Farben bei bedecktem Himmel sind fahl und beschr├Ąnken sich auf ocker, milchkaffeebraun und aschgrau. Einzig hervorstechend ist das kalt leuchtende t├╝rkis der im See schwimmenden Eisberge. Sie geben dieser Seite des Sees auch den Namen ÔÇ×Playa de IcebergsÔÇť. Ich suche mir eine windstille Ecke hinter einem dicken Stein und mache Brotzeit. Die Stelle, wo der Torre steht, bleibt unver├Ąndert bew├Âlkt, bleibt unver├Ąndert bew├Âlkt, bleibt unver├Ąndert bew├Âlkt...

Meine Brotzeit ist lecker und f├╝llt die Energiereserven wieder auf. Gest├Ąrkt mache ich mich auf zu einem kleinen Strandspaziergang und beobachte die schaukelnden Eisberge. Sch├Ân in ihrer Gestalt und sch├Ân in ihrer t├╝rkisen Farbe. Direkt am Ufer werden hunderte von wundersch├Ânen glasklaren Eisfiguren angeschwemmt, die in K├╝rze verschwindenden ├ťberbleibsel von teils Jahrtausende altem Eis. Sie schaukeln in den kleinen Wellen und klingen wie Eis in einem Cocktailglas. Wenn schon der gro├če Torre nicht zu sehen ist, dann besch├Ąftige ich mich halt mit den kleinen Dingen. Ich hole mir einige der Kristalle aus dem eiskalten Gletscherwasser und lasse sie auf den Steinen f├╝r Fotos posieren. Wenn jetzt noch im Bildhintergrund der Torre zu sehen w├Ąre... Nein, stopp, ist nicht, Schluss mit Jammern!

So vergeht die Zeit und der R├╝ckweg steht an. Wie schon zuvor komme ich flott voran, da sind neun Kilometer nicht so dramatisch. Ich bleibe bei der Devise, mich den kleinen Dingen zu widmen und finde unglaublich viele Blumen und andere Pflanzen, die jetzt im Fr├╝hling dem rauen Klima trotzen. Die Flora in derart unwirtlichen Gegenden fasziniert mich immer wieder. Ob Alaska, Lappland, Island, Kaukasus, Himalaya, Atlas, Neuseeland oder jetzt in Patagonien, nirgendwo anders als in diesen lebensfeindlichen Klimazonen kann man tats├Ąchlich ph├Ąnotypisch sehen, mit welchen Strategien die Evolution der Flora eine Widerstandskraft gegeben hat, die ihresgleichen sucht.

* Zur Bestimmung bin ich noch nicht gekommen, gerne Eure fachkompetente Zuarbeit!

Die Zeit vergeht wie im Fluge, kaum merke ich die Kilometer durch die Endmor├Ąne der beiden Gletscher ÔÇ×Glaciar GrandeÔÇť und ÔÇ×Glaciar TorreÔÇť. Ich bin ├╝berw├Ąltigt von den gigantischen Dimensionen des Geschiebefeldes und gleichzeitig begeistert von der Winzigkeit der Blumen, Sukkulenten und der Bl├Ątter an den kr├╝ppeligen B├Ąumen. Die V├Âgel, die kaum Scheu vor den Menschen haben, fliegen auf k├╝rzeste Distanz heran und begleiten mich auf meinem Weg. Gegen Nachmittag erreiche ich wieder den Mirador ├╝ber den Canyon des R├şo Fitz Roy und die Cascada Margarita. Jetzt ist es nur noch ein kurzer Abstieg hinunter nach El Chalt├ęn und ich freue mich nach sechs Stunden Wandern auf eine hei├če Dusche und mein Abendbrot.

Tja, das mit der Dusche hat geklappt, das Abendbrot muss noch etwas warten. Argentinien spielt heute Fu├čball, keine Ahnung gegen wen, aber hier geht nichts mehr. Alles sitzt in ├╝berf├╝llten Kneipen vor der Glotze, gelegentliches Raunen oder Torjubel durchziehen abwechselnd das ganze St├Ądtchen. Aus der H├Ąufigkeit dieser akustischen Tsunamis schlie├če ich auf Elfmeterschie├čen. Ein letztes anhaltendes Gebr├╝ll verk├╝ndet offensichtlich den Sieg der Heimatmannschaft. Es folgt der unmittelbare ├ťbergang zu hupenden Autokorsos, bei denen ganze Familien auf den Ladefl├Ąchen von Pickups durchs Dorf kutschiert werden. Fahnen werden geschwenkt oder einfach hinter sich hergezogen bis sie rei├čen, selbst die Polizei mit ihrem einzigen Auto nimmt lautstark an der Hysterie teil. Ich hab Hunger! In einem Restaurant, das nach der Elfmeterschlacht selbst aussieht wie nach einer Wehr├╝bung, schaffe ich es, meine Essensbestellung zu platzieren. Alle sind ├╝bergl├╝cklich und ich etwas sp├Ąter auch mit meiner hei├čen Suppe, dem leckeren Salat und einem frisch gezapften Bier. Der L├Ąrm ebbt nur langsam ab, als es schon stockduster ist, komme ich endlich zum verdienten Schlaf. Gute Nacht!

10.-11. Dezember 2022 - Schontag, Spazierwanderung und neue Bekannte

Ich kann El Chalt├ęn sehr einfach zusammenfassen: Es ist ├╝beraus entspannend hier, trotz der Tourikirmes ein beschauliches ├ľrtchen in toller Bergkulisse. Es schenkt meinem Gem├╝t ein ganz klein wenig die so wichtige Ruhe und meiner strapazierten Physis die erforderliche Schonung.

Die Morgen beginnen mit weckerlosem Erwachen, einem zwar einfachen, aber gem├╝tlichen Fr├╝hst├╝ck und dann ├╝berlasse ich alles Weitere der spontanen Entscheidung oder dem Schicksal. So wie heute. Kurz nach dem zweiten Kaffee bittet man mich zur Rezeption, ich sei dort erw├╝nscht. ÔÇ×Tag, ich hei├če Christoph, hast du ├ľl f├╝r mich?ÔÇť So begr├╝├čt mich - etwas verk├╝rzt -  ein netter Biker, der Bienchen im Vorgarten gesehen hat. Klar habe ich ├ľl und kann auch gerne aushelfen. Wir kommen ins Plaudern und verabreden uns nach der ├ľl-Aktion zum Abendbrot. Prima, ich freue mich. Bis dahin habe ich nichts Gro├čes oder Wichtiges vor, der kleine Trail zum Chorrillo Del Salto erscheint mir genau das Richtige f├╝r heute. Wanderschuhe an, die ich gestern vom einzigen Schuster der Stadt habe hervorragend reparieren lassen. Dann entlang der Dorfstra├če bis zum Eingang in die vielen Wanderwege. Meiner ist der einfachste, er f├╝hrt mehr oder weniger sch├Ân an der Piste entlang. Die Aussicht ist dennoch weit und sch├Ân, ich genie├če die reiche Flora und erreiche schon nach einer guten Stunde den kleinen Wasserfall. Erwartungsgem├Ą├č nat├╝rlich einige Touris. Hier an der Stra├če gibt es einen Parkplatz, f├╝r die die nicht mehr wandern k├Ânnen oder wollen. Dennoch genie├če ich die beschauliche Kaskade und bin begeistert, wie nah die Finken sich zu mir setzen. Braune mit rotem Nacken, die an Stieglitze erinnern und gelbe, die ich nicht zuordnen kann. Das Rauschen des Wassers wirkt unglaublich beruhigend auf mich, die renitent posierenden Prachtm├Ądels in halbtransparenten Leggings und geschmacklos ├╝berpimpter Silikonoberweite versuche ich auszublenden. Es macht mich immer so traurig, wenn die Sch├Âpfung durch einfallslose Verzweiflungstaten im Wettrennen um die triviale Superlative verst├╝mmelt wird.

Ich genie├če den R├╝ckweg, bin versunken in der hypochromen Landschaft und den kleinen Wundern am Wegesrand. Gew├Ąchse, deren Namen ich nicht kenne, aber die diesem rauen Klima so gut angepasst sind, dass sie ├╝berleben k├Ânnen. Faszinierend. Sch├Âpfung. Evolution. Wunder.

Das Abendbrot mit Christoph ist herrlich, es gibt Pasta al dente mit Gem├╝se und jede Menge Reisegeschichten, Tipps und gute Ideen bis in die sp├Ąte Nacht. Das sind genau die Momente, die eine Reise ausmachen, die ihr das Einzigartige verleihen, die sie zu meiner Reise machen.

12.-13. Dezember 2022 - Weitere Entspannung und ein zweiter Versuch

An den n├Ąchsten zwei Tagen geht es ├Ąhnlich zu wie schon gestern und vorgestern. Ausschlafen, schreiben, rumbummeln, es ist immer noch ├╝berwiegend bew├Âlkt, wenn auch trocken, aber so richtig klar will es nicht werden. Da mir Christoph gestern gegen ├ťberweisung mit cash Euros aushelfen konnte, habe ich meinen Aufenthalt in El Chalt├ęn verl├Ąngert. Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, den Cerro Torre doch noch zu sehen. Und genau aus diesem Grund haben wir f├╝r morgen den 13. eine erneute Wanderung zur Laguna Torre verabredet.

Und so starten wir planm├Ą├čig am Vormittag zur Laguna. F├╝r mich das zweite Mal, es ist sehr windig und der Weg ist so sch├Ân wie schon beim ersten Mal. Der Mirador del Torre macht noch keine Hoffnung auf klare Sicht, es geht weiter in den Kr├╝ppelwald der gewaltigen Endmor├Ąne. Der sehr steinige Weg ist eine riskante Herausforderung f├╝r meinen angeschlagenen rechten Fu├č, gleichzeitig aber auch ein gutes Stabilit├Ątstraining. Alles geht gut und wir erreichen den kleinen Grat des Geschiebewalls am Gletschersee. Der eiskalte Wind von den Gletschern weht uns fast um, auf dem See herrscht richtiger Seegang und die riesigen Gletscherabbr├╝che sind am Seeufer zusammengeschoben. Der Wind legt zwei Drittel des Cerro Torre frei, ganz schafft er es aber nicht. Nun ja, imposant sind die drei ber├╝hmten Zinnen auch so. Soll ich warten? Nein, ich einige mich mit dem Cerro auf diesen Kompromiss. Ich bekomme keine freie Sicht und er bekommt daf├╝r kein perfektes Portraitfoto von sich.

R├╝ckweg. Ein bisschen tr├Âdeln, die unfassbare Landschaft genie├čen und auf unser Curry freuen. Wir kochen n├Ąmlich heute ein zweites Mal zusammen. Als auch die ausgelassene Freude der argentinischen Fu├čballfans abebbt, verabschieden wir uns und ich gehe heim und schlafe mich aus f├╝r morgen. Dann geht es weiter.

14. Dezember 2022 - El Chalt├ęn nach El Calafate

Heute der Tag ist gepr├Ągt von einer grandiosen Fahrt ├╝ber die endlosen argentinischen Schichtebenen Patagoniens. Der immerw├Ąhrende Wind ist zwar gn├Ądig, dennoch sind seine B├Âen sp├╝rbar und sie erfordern eine permanente Wachsamkeit. Der erste Teil f├╝hrt mich am Nordufer des blauen Lago Viedma zur├╝ck zur Ruta 40, dann biege ich ab nach S├╝den durch weites unbewohntes Land. Westlich taucht kurz darauf der riesige Lago Argentino auf, an dem auch El Calafate, mein Zielort, und der Perito Moreno Gletscher liegen. Ich erreiche El Calafate gegen vierzehn Uhr, ein kleines Hostal ist flott gefunden und im Supermarkt nebenan bekomme ich alles was das Herz begehrt f├╝rÔÇśs Abendbrot. Heute wird daheim gegessen, ich habe zu wenig Effectivo, das hei├čt Bargeld. Und genau darum  muss ich mich heute Abend noch k├╝mmern, denn in Argentinien dominiert der legitimierte Schwarzmarkt das Geldgesch├Ąft und wegen der rasenden Inflation ist Bargeld in kleinen Orten Mangelware. Ich bereite alles vor, Geldanweisung per Banktransfer an die hiesige Post, jetzt gehe ich schlafen, denn morgen muss ich einer der ersten eben dort sein, damit ich ├╝berhaupt etwas bekomme. Gute Nacht.

15. Dezember 2022 - El Calafate, Sehnsuchtsziel Glaciar Perito Moreno

Ganz fr├╝h beginnt mein Tag ohne Fr├╝hst├╝ck. Ich muss zur Post und fast zwei Stunden vor ├ľffnung dort warten, um einer der Ersten zu sein, die Geldanweisungen abholen. Die Wartezeit gestaltet sich einigerma├čen kurzweilig, denn viele nette Leute sind ebenfalls dort und man plaudert ├╝ber die sch├Ânen Dinge des Lebens und tauscht Informationen und Reisetipps aus. Alles weitere klappt dann reibungslos, es war nicht so aufregend, als dass es hier viel Erw├Ąhnung finden m├╝sste. Ich bin erleichtert und wieder zahlungsf├Ąhig.

Und jetzt kommt einer meiner pers├Ânlichen H├Âhepunkte, deretwegen ich ├╝berhaupt hier in S├╝damerika bin. Der Perito Moreno Gletscher. Er geh├Ârt zum gr├Â├čten zusammenh├Ąngenden Schnee- und Eisfeld der Welt nach den Polen und Gr├Ânland, dem Campo de Hielo Sur. Teile dieses riesigen Inlandeises sind noch nie von Menschen betreten worden und man findet hier eben auch diesen nicht nur f├╝r mich sch├Ânsten und eindrucksvollsten Gletscher der Welt.

Die knapp achtzig Kilometer meist am Lago Argentino entlang sind eine Augenweide und nach halber Umrundung des Parque National Los Glaciares bin ich da. Der Parkbus bring mich das letzte St├╝ck zu den Walkways. Aussteigen. Ich stehe am Perito Moreno!

St├╝ck f├╝r St├╝ck er├Âffnet sich mir ein Panorama ├╝ber ein gigantisches Gletscherfeld. Nach und nach komme ich n├Ąher, ich kann das Wasser vor dem Gletscher sehen, dann erreiche ich einen der unteren Balkone mit unbeschreiblicher Aussicht. Aber selbst von hier aus ist die Abbruchkante nicht mit einem Blick ├╝bersehbar. Hellblau schimmern die tiefen Spalten zwischen den Eiszinnen, die jeden Moment abbrechen k├Ânnen. Im blauen Wasser vor der senkrechten bis zu 70 m hohen, zerkl├╝fteten Eiswand schwimmen riesige Eisberge, die mit der Zeit kristallklares Eis freigeben, das vielleicht viele tausend Jahre den langen Weg vom Campo de Hielo Sur hier herunter gewandert ist. Ab und zu ├Ąchzt es im fernen Eis und kleine Eisbrocken st├╝rzen laut knallend in den See. Klein hei├čt in diesem Fall so gro├č wie ein Pkw. Jedoch, h├Ârt man den Knall, ist die Show schon vorbei, denn von hier aus kann man viele hundert Meter der Abbruchkante ├╝bersehen. Mich faszinieren die zarten Sedimentlinien, die auf dem langen Weg des Eises verfaltet sind und Muster im wei├čen Eis erzeugen. Es ist kaum zu ergr├╝nden, woher sie kommen und welcher Zeit sie genau zuzuordnen sind, denn die Umw├Ąlzungen und Verschiebung im Eis sind kaum nachzuvollziehen und allein schon eine Probenahme w├Ąre ├Ąu├čerst gef├Ąhrlich wegen gr├Â├čerer Eisst├╝rze - wenn der Gletscher kalbt. Ein Ereignis, auf das nat├╝rlich alle warten, aber das nur wenigen zuteil wird. Es dauert nur Sekunden und geschieht im menschlichen Zeithorizont selten. Geologisch gerechnet permanent. Uns bietet sich daf├╝r die Umw├Ąlzung eines riesigen, schwimmenden Eisblocks, der durch einen Abbruch ins Ungleichgewicht geraten ist. Er dreht sein kristallklares, blau-wei├čes Unterwassereis nach oben. Eine Farbe, die unwirklich t├╝rkis leuchtet. Ich bin ├╝berw├Ąltigt. Mal wieder sind es die Dimensionen, die mich still und sprachlos werden lassen. Menschen werden Ereignisse dieser Gr├Â├čenordnungen niemals aus eigener Kraft inszenieren k├Ânnen. Eine gewisse Beruhigung und Demut ergreifen mich bei diesem Gedanken, ein sch├Âner Moment hier am Sehnsuchtsziel Glaciar Perito Moreno.

Der R├╝ckweg ist von den Bildern gepr├Ągt, die in meinem Kopf auf Verarbeitung warten. Ich genie├če die leere Stra├če bis nach El Calafate und ebenso auch das anschlie├čende Dinner in einem der zahlreichen netten Restaurants. Dann nach Hause, diese Nacht wird nicht traumlos sein, war das toll. Gute Nacht.

16. Dezember 2022 - ├ťber den Paso R├şo Don Guillermo nach Chile und die Wundert├╝te des Universums

Mein heutiges Ziel ist Chile. Nach kleinem Fr├╝hst├╝ck mache ich mich entspannt gegen halb elf auf den Weg. Der blaue Lago Argentino liegt schnell hinter mir, dann biege ich s├╝dw├Ąrts auf die Ruta 40 ab. Die Landschaft wird immer noch dominiert von pastellfarbener Monochromie, schierer Endlosigkeit und karger Vegetation. Dennoch bieten sich mir Bilder wie ich sie selten in meinem Leben gesehen habe. Weite Fl├Ąchen ├Ąndern unmerklich ihre Farbnuancen, Felsen kommen n├Ąher, werden zu kleinen Bergen und offenbaren Strukturen von zauberhafter Filigranit├Ąt. Rostrot, ockerfarben und braun sind die sich abwechselnden geologischen Schichten. Meist horizontal und manchmal kunstvoll von der Tektonik verfaltet. Ich kann mich nicht sattsehen.

Bienchen tr├Ągt mich zuverl├Ąssig immer weiter durch diese unwirkliche Welt. Guanakos erscheinen wie aus dem Nichts, passieren die Stra├če und verschwinden genauso schnell wieder im Schutz ihrer perfekten Mimese. Die schnurgerade Ruta 40 endet wie so oft in diesem einen Fluchtpunkt am Horizont, den man nie zu erreichen scheint. Doch langsam, fast nicht wahrnehmbar, hebt mich der Asphalt auf kleine H├╝gelketten, hinter denen sich mir ein neues Gesicht der patagonischen Unendlichkeit pr├Ąsentiert. Und das Erlebnis visueller Vollendung beginnt erneut.

In Esperanza tanke ich zur Sicherheit noch einmal und setze meinen Weg ohne Pause fort. ├ťber die Ruta 7 kehre ich zur├╝ck zur Ruta 40, damit vermeidet man viele Kilometer anstrengende Schotterpiste. Irgendwo bei Cancha Carrera geht ganz klein und unauff├Ąllig eine Piste rechts ab, die nach Chile f├╝hrt. Der Paso R├şo Don Guillermo. Es ist kaum ein Kilometer zum argentinischen Grenzposten, an dem der Papierkram in wenigen Minuten erledigt ist. Anschlie├čend weitere knapp drei Kilometer zum kleinen Pass. Die Landschaft ist herrlich hier und es beginnt zudem eine luxuri├Âse Asphaltstra├če mit gro├čen Schildern und Willkommenstafeln, als wolle man dem Besucher zeigen, wie gut Chile doch erschlossen ist. Den chilenischen Grenzposten hat man klugerweise in den ersten Ort Cerro Castillo verlegt, allerdings w├Ąre ich dort beinahe vorbeigefahren, da mein Navi den k├╝rzeren Weg zum Hotel kannte. Grenzz├Ąune gibt es hier keine und nicht alle Pisten sind mit Schlagb├Ąumen versehen. Alles gut gegangen, die Kontrolle war etwas genauer als bei den Nachbarn, dann ein l├Ąchelndes ÔÇ×Buen viajeÔÇť und ich fahre zum Hotel. Die Preise in dieser N├Ąhe zum beliebten Nationalpark Torres del Paine sind nur noch mit Wucher zu beschreiben. In einzelnen Hotels im Park hat man schon die Grenze zu vierstelligen Europreisen geknackt. Pro Nacht versteht sich. Ich komme noch knapp unter hundert Euros weg, also Schn├Ąppchenpreis, daf├╝r ist das kleine private Hotel aber auch recht gem├╝tlich und einladend.

Den Rest des Abends mache ich es mir gem├╝tlich. Der Kamin wird entz├╝ndet und ein leckerer chilenischer Wein wird serviert. Drau├čen nimmt der Wind merklich zu, er heult um die H├Ąuser, B├╝sche biegen sich, alles, was nicht befestigt ist, nimmt chancenlos den Weg in die Steppe. Das Hotel klappert an allen Ecken, T├╝ren schlagen zu und die Fensterrahmen knacken bedenklich. Nur der Ofen brennt umso pr├Ąchtiger, es wird richtig sch├Ân warm. Zeit f├╝rs Abendessen. Erst Suppe, dann Fisch mit Salat. Die Suppe ist m├Âglicherweise ÔÇ×├á la T├╝teÔÇť, daf├╝r sind der Fisch und der Salat wirklich richtig gut und reichhaltig.

Und nun eine kleine Anekdote, wie das Universum mal wieder die Wundert├╝te f├╝r mich ├Âffnet. Die Fakten: In einer Woche brauche ich in Argentinien optimalerweise bare Euros oder US-Dollar f├╝r die Bezahlung meines Weihnachtsapartments. Alles andere ist komplizierter und mehr oder weniger teurer. Mir fehlen aber achtzig bare Euros, an die hier nicht dranzukommen ist, weil jeder das harte Bargeld selbst braucht. Der Tippfehler: Bei der Kartenzahlung meines heutigen Quartiers brauchen wir wegen schlechter Netzverbindung mehrere Versuche. Meine Kontrolle des Betrages ist etwas nachl├Ąssig und so wird aus einer ÔÇ×1ÔÇť versehentlich eine ÔÇ×2ÔÇť. An der ersten Stelle! Unbemerkt werden mir also 100.000 Pesos zu viel berechnet. Die F├╝gung des Schicksals: La Se├▒ora des Hauses gesteht mir sehr betroffen ihren Fehler, als sie ihn am Abend bemerkt und bietet mir zur Begleichung der ├ťberzahlung die Auszahlung in bar an. In US-Dollar! Ich bedanke mich sehr f├╝r die Ehrlichkeit und entschuldige mich f├╝r meine nachl├Ąssige Kontrolle. Fehler passieren halt. So, und rechnet man nun die W├Ąhrungen um, ergibt das 77 USD bzw. Euro, das ist ziemlich genau mein fehlender Barbetrag. Ich bin hoch erfreut, aber auch irgendwie irritiert ├╝ber einen derartigen Zufall - wenn es denn einer ist.

Bis sp├Ąt in die Nacht lese und schreibe ich noch, dann gehe ich ins Bett. Der Wind ist eher st├Ąrker als schw├Ącher geworden, ich bin gespannt auf morgen fr├╝h. Gute Nacht zusammen.

17.-18. Dezember 2022 - Abbruch wegen Wind, Plan B und wohltuende Kontemplation

Wenn auch erholsam war die Nacht unruhig. Die Ger├Ąusche des Windes ebbten nicht ab und die Hoffnung auf eine entspannte Fahrt schwinden. Ein ausgiebiges Fr├╝hst├╝ck lenkt mich ab, dann muss ich meine Sachen packen. Ich habe M├╝he mein Motorrad zu beladen, was ich nicht festhalte, fliegt mir davon. Die berechtigte Sorge w├Ąchst, dass es schwierig wird. Die Aufgabe f├╝r heute ist n├Ąmlich eine 140 Kilometer lange Piste durch den Nationalpark Torres del Paine. Etwas unwillig mache ich mich kurz darauf auf den Weg. Das Nachlassen des Windes ist eine Illusion, auch wenn der Wetterbericht ruhigeres Wetter im Norden verspricht. Hier in den Bergen ist nichts sicher vorhersagbar, dazu gibt es viel zu viele Mikroklimazonen, die von den hohen Gipfeln verursacht werden und sich in Minuten ├Ąndern k├Ânnen. Noch f├╝hrt mich eine ausgebaute Stra├če aus Cerro Castillo heraus, aber schon hier wird es m├╝hsam, den Seitenwind auszugleichen. In der Ebene des R├şo de las Chinas habe ich bei 60 km/h im b├Âigen Wind eine Pendeltoleranz, die meine halbe Fahrspur einnimmt. Dann beginnt in einer Baustelle die Piste. Ich bleibe kurz stehen um mir - soweit das ├╝berhaupt geht - einen Eindruck zu verschaffen. Dabei habe ich M├╝he, Bienchen mit nur einem Bein abzust├╝tzen. Ich muss eine kurze Windpause abwarten, um mit dem linken Fu├č ├╝berhaupt in den Leerlauf schalten zu k├Ânnen. Nee, Freunde, das kann es nicht sein. Wie kann ich unter diesen Bedingungen die Sch├Ânheit der Landschaft genie├čen, f├╝r die ich hierhergekommen bin? Abbruch. Plan B. Ich drehe um und nehme die Ruta 9 nach Puerto Natales. Ich f├╝hle mich sehr erleichtert, was mich best├Ątigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die knapp 80 Kilometer kann ich genie├čen, die Sonne scheint, die Landschaft ist herrlich und der Wind ist auf festem Untergrund durchaus beherrschbar.

Ich erreiche Puerto Natales gegen Mittag und habe gen├╝gend Zeit, mir eine nette Unterkunft zu suchen. Die Preise f├╝r das Gebotene sind horrend, etwas hilft mir mein professionelles Verst├Ąndnis f├╝r die kostspielige Logistik, das ganze Zeug hierher zu transportieren. Nach mehreren Runden durch den farbenfrohen und sympathischen Ort finde ich mit etwas Hilfe durch Anwohner eine private Unterkunft in einem Wellblechhaus an der Ecke Benjamin Zamora und Miraflores. Eine alte, schwerf├Ąllige Dame ├Âffnet kraftvoll die klemmende T├╝r und wirkt etwas verunsichert durch meine Frage nach einem Zimmer. Dann bittet sie mich herein und weist vermutlich ihren Sohn an, mir das Zimmer zu zeigen. Wunderbar! Klein, gem├╝tlich, chilenischer Kitschbarock mit selbstgewebten Pinguinbildern, Tisch, Stuhl, ba├▒o privado, eine K├╝che zum Kochen und ein winziger Aufenthaltsraum. Volltreffer! Alles sehr liebevoll und Se├▒or hijo ist richtig nett. Preis ist mehr als fair und Bienchen darf sicher im Hinterhof parken, direkt neben der Hundeh├╝tte. El perrito schnuppert kurz und die beiden sind Freunde.

Den Nachmittag verbringe ich mit einem Stadtrundgang, Geldbeschaffung, Supermarktbesuch und der Suche nach Autovermietungen. Plan B ist derzeit n├Ąmlich, am Montag einen Mietwagen zu buchen und die Runde durch den Nationalpark auf vier R├Ądern zu machen. Jedoch sind alle Infos im Netz falsch, de facto sind die Vermietungen heute am Samstag geschlossen. Man nagelt einfach einen Zettel mit der Aufschrift ÔÇ×CerradoÔÇť an die T├╝r. Nun gut, ich genie├če drau├čen das frische, sonnige Wetter und sitze anschlie├čend drinnen bei hei├čem Kaffee und Keksen an meinem Tisch vor dem Fenster und schreibe.

Der Sonntag sieht nicht viel anders aus. Zun├Ąchst gelingt mir ein sanftes Erwachen zur Brunch-time. Ich wei├č nicht, wie lange die Sonne schon ins Zimmer scheint, aber das ist auch egal, ich lebe in einem Modus der Verschwendung und leiste mir diesen Luxus der Verpflichtungslosigkeit. Den Kaffeeduft muss ich mir selbst bereiten, aber das ist mit dem l├Âslichen Convenienceprodukt und hei├čem Wasser schnell bewerkstelligt. Etwas Trockenmilch habe ich noch im Gep├Ąck und von gestern sind ausreichend Kekse ├╝brig. Ich definiere das als ein vorweihnachtliches Sonntagsfr├╝hst├╝ck, die Welt ist irgendwie gut zu mir.

Ich vervollst├Ąndige die Geschichten, die gestern liegengeblieben sind und schaue etwas Fu├čball WM: Unterm Strich war die argentinische Mannschaft besser und hat gewonnen. Freunde, bin ich froh, jetzt in Chile zu sein und nicht bei den Nachbarn! Am Nachmittag dann mache ich mich auf zu einem weiteren Stadtspaziergang. Puerto Natales ist bunt und lebensfroh. Alles ist farbig angestrichen, man h├Ârt viel Musik aus den H├Ąusern und Gesch├Ąften, die Menschen dr├Ąngen sich in Eisdielen und an Imbissst├Ąnden, Kinder turnen am Plaza de Armas in Daunenjacken auf Weihnachtseisenbahnen herum. Die Sonne wechselt sich mit Wolken ab und der Wind vom Wasser ist immer noch kalt, aber nicht mehr so heftig wie gestern. Ich laufe viele Blocks bis hinunter zur Seepromenade. Stoisch trotzen hier die Pf├Ąhle des alten Piers den Wellen des Golfo Almirante Montt und etwas weiter erscheint das Monumento al viento wie eine mutige Kampfansage an die Naturgewalten. In der Ferne sehe ich schneebedeckte Berge, die ich aber nicht zuordnen kann. Irgendwo da drau├čen stehen die Torres del Paine, hoffentlich stimmt die Vorhersage f├╝r morgen und das Wetter wird mir gn├Ądig sein. Zum Abschluss das ehrende Denkmal f├╝r den Missionar, Forscher und leidenschaftlichen Entdecker Feuerlands und S├╝dpatagoniens, Alberto Maria De Agostini. Ihm begegnet man sehr oft, Gletschern, Fjorden und ungez├Ąhlten touristischen Einrichtungen gab man seinen Namen. Besonders aber ist seine tiefe Zuneigung zu den Bewohnern Feuerlands und Patagoniens in diesem Denkmal hervorgehoben.

Meinen Plan B mit dem Mietwagen habe ich zwischenzeitlich verworfen, irgendwie ist Autovermietung hier f├╝r mich als Mitteleurop├Ąer zu umst├Ąndlich. Im Supermarkt beschaffe ich noch das N├Âtigste f├╝rs Abendbrot, dann richte ich mich gem├╝tlich zu Hause ein. Die Sonne geht stundenlang unter, der Himmel ist wie Kino und die Hunde vor meinem Eckfenster erobern langsam die n├Ąchtlichen Stra├čen. So gef├Ąllt mir das. Bis in den sp├Ąten Abend. Bis in den Schlaf. Gute Nacht.

19. Dezember 2022 - Torres del Paine Nationalpark

Alles was jetzt kommt ist sch├Ân! Bestes Wetter weckt mich, gegen zehn m├Âchte ich aufbrechen zum Torres del Paine Nationalpark. Was ich vor drei Tagen wegen des starken Windes abgebrochen habe, m├Âchte ich heute erleben. Die Route ist eine 250 Kilometer lange Rundfahrt, von der etwa einhundert Kilometer Schotterpiste sind. Das ist zwar eine straffe Ansage, aber ich halte die Zeit dagegen, von der ich heute reichlich habe. Slow traveling ist ohnehin mein Credo. Los gehtÔÇÖs.

Die ersten Kilometer sind schnell erledigt, es ist warm. Links abbiegen und dann endlos geradeaus. Die H├Âhle des Milod├│n lasse ich rechts liegen, ich m├Âchte die Berge sehen. Kurz darauf beginnt eine ├╝ble Wellblechpiste mit Schotter, langsam fahren. Nach zehn Kilometern wieder Asphalt und so setzt sich das mehr oder weniger fort bis zum Eingang des Nationalparks. Jedoch vergesse ich die M├╝hen der Stra├če sehr schnell, denn schon hier wird die Landschaft bezaubernd sch├Ân. Kleine Seen tauchen auf, der Horizont wird immer breiter und ganz weit weg erhebt sich das Macizo de Paine - das Paine Massiv. Deutlich zu erkennen sind Grande Paine, Los Cuernos und der Cerro Almirante. Die Torres del Paine sind noch nicht zu sehen sie verbergen sich hinter den riesigen Gipfeln.

Alle paar Kilometer bleibe ich stehen, mache Fotos oder sitze einfach nur da und staune. Angenehmerweise ist erstaunlich wenig los auf der Piste, vereinzelte kleine Touribusse und nur wenige Mietwagen, das warÔÇśs. Trotzdem geht mir am Mirador Cuernos del Paine ein herzensguter, freundlicher Japaner tierisch auf den Z├╝nder. Statt sich dieses einzigartige Panorama anzusehen macht er mit seinem Kumpel ein heiteres Flaggenraten an meinen Motorradkoffern. Ich wei├č nicht, was die Siegespr├Ąmie war, aber vermutlich darf der Gewinner mit mir plaudern. Und genau das tut er dann auch. ÔÇ×Nice motorbike. BMW very good (Daumen hoch). Japanese always interested in motorbikes, you know. I will buy a BMW and next time come here with motorbike, then we drive together, very fast.ÔÇŁ Oh Mann! Ich antworte ihm wirklich sehr freundlich auf deutsch, er meint es ja nett. ÔÇ×Erstens kommst Du bei der Karre gar nicht mit den F├╝├čen auf die Erde! Und zweitens werden wir beide allein schon aus diesem Grund niemals zusammen Motorrad fahren.ÔÇť Das ├╝berzeugt ihn, er antwortet mit einem verbindlichen ÔÇ×Yes, yes!ÔÇť, dann fahren alle weiter und winken zum Abschied. Ich auch.

Das Panorama geh├Ârt wieder mir, kurze Registrierung am Gate, dann kommt die Prachtstrecke. Die Fahrt geht auf staubiger Piste durch die Seen- und Flusslandschaften, ges├Ąumt von den gigantischen Bergen, die direkt von den Ufern in die H├Âhe steigen. Hinter jeder Kurve eine andere Perspektive, hinter jedem H├╝gel ein anderes Panorama. Bizarr und ├Ąu├čerst markant thronen die nadelspitzen Gipfel vor dem glasklaren, blauen Himmel. Reflektiert wird die Farbe von den Seen, Lagunen und Fl├╝ssen, alles wirkt surreal. Auf halber Strecke mache ich Halt am Salto Grande, dort beginnt ein zwanzigmin├╝tiger Spazierweg zum Wasserfall des R├şo Paine, vor atemberaubender Kulisse versteht sich.

Doch wo sind die ber├╝hmten Torres del Paine, nach denen sogar der ganze Park benannt ist? Dazu muss ich die Hauptpiste verlassen und ├╝ber die Puente Laguna Amarga Richtung Trailhead fahren. Dann zeigen sie sich allm├Ąhlich, f├╝r den perfekten Blick fehlt jetzt noch eine Zehn-Kilometer-Wanderung. Tja, es geht nicht alles. Dennoch bin ich extrem beeindruckt, aber auch schon ein wenig m├╝de, ich habe schon ├╝ber f├╝nf Stunden hinter mir. Nach ein paar Fotos, bei denen ich mich Frage, ob man derartige Anblicke tats├Ąchlich ad├Ąquat ablichten kann, trete ich die Heimfahrt an. Nicht ohne noch viele Male anzuhalten, mich umzudrehen, Blicke mitzunehmen, Fotos zu machen oder einfach nur um gl├╝cklich zu sein, hier verweilen zu d├╝rfen.

Der Asphalt beginnt wieder, ich passiere das bekannte Cerro Castillo von vorgestern und siebzig Kilometer weiter bin ich bei herrlicher Abendstimmung wieder in meinem Hostel. Aus meinen restlichen Vorr├Ąten koche ich mir noch schnell etwas, ein k├╝hles Bier dazu und mit all den Bildern im Kopf und der Freude ├╝ber diesen wunderbaren Tag schlafe ich irgendwann ein. Gute Nacht.

20. Dezember 2022 - Sonnentag und Serendipit├Ąt

Ein sonniger Tag beginnt - nicht allzu fr├╝h - und ich muss mich um die letzte Etappe nach Ushuaia k├╝mmern. Die Wettervorhersage ist nicht so eindeutig, eine Kombination aus Wind, Regen und Sonne machen es schwierig, den richtigen Zeitpunkt und die richtige Streckeneinteilung zu w├Ąhlen. Einfach ausgedr├╝ckt verlangt gutes Reisewetter eine recht lange erste Etappe. Ich m├╝sste morgen bis nach R├şo Grande fahren, was ├╝ber 500 Kilometer bedeutet, plus einer Grenze und einer F├Ąhre. Dem zu Folge w├╝rde ich etwas eher in Ushuaia ankommen, aber den Freitag als extrem windigen Reisetag vermeiden.

Der Plan festigt sich, ich packe schonmal meine Sachen, dann ist es morgen fr├╝h entspannter. Ich h├Âre ein bekanntes Ger├Ąusch in der Stra├če, ein Motorrad wie meines - Biker erkennen sowas sofort! Christoph f├Ąhrt vor der T├╝r vorbei, das ist ja eine Freude. Ich schreibe sofort eine kurze Nachricht, vielleicht sucht er ja ein nettes Hotel. Nein, tut er nicht, ist seine schnelle Antwort, dennoch treffen wir uns nach meiner Packaktion und haben bei einem gem├╝tlichen Rubia viel zu erz├Ąhlen seit unserer letzten Begegnung in El Chait├ęn. Nat├╝rlich steht der Torres del Paine Nationalpark auch auf seinem Plan und ich kann ihm ein paar Tipps zur Gestaltung seiner Tour geben. Beim Spaziergang an der Promenade treffen wir zuf├Ąllig noch alte Bekannte aus UK und bei der ausgiebigen Plauderei im nachmitt├Ąglichen Sonnenschein kommen wir zur Essenz der Reiseweisheit: Serendipity! Zum ersten Mal h├Âre ich dieses Wort aus anderem Munde. Im Deutschen ist dieser psychologische Fachbegriff umgangssprachlich wenig gebr├Ąuchlich, beschreibt aber sehr genau, wie man dem Gl├╝ck geschickt auf die Spr├╝nge helfen kann: ÔÇ×Ich finde, was ich nicht gesucht habe, und erkenne darin etwas Wertvolles und Sch├Ânes!ÔÇť Offenheit f├╝r Neues und Achtsamkeit sind Voraussetzung und Schl├╝ssel f├╝r den Erfolg dieses Lebensprinzips. Ich versuche schon l├Ąnger diesem Lebensprinzip zu folgen und nenne es bekanntlich immer ÔÇ×UniversumÔÇť, wenn mir gl├╝ckliche oder n├╝tzliche Entdeckungen begegnen. Es ist das gleiche. Es ist wunderbar.

Gemeinsam kochen ist mir heute zu sp├Ąt, ich suche mir lieber ein nettes Bistro f├╝rs Abendbrot aus. Quiche und Salat gereichen mir zum Mahl und noch bevor der Mittsommerhimmel dunkel ist schlafe ich tief und fest.

21. Dezember 2022 - Regi├│n de Magallanes oder das Ende der Welt

Heute steht die Regi├│n XII auf dem Plan. Vollst├Ąndig hei├čt sie ÔÇ×Regi├│n de Magallanes y de la Ant├írtica ChilenaÔÇť und hat eine wundersch├Âne Flagge. Ich werde die ber├╝hmte Magellanstra├če ├╝berqueren und die Isla Grande de Tierra del Fuego betreten. Aber alles der Reihe nach.

Sehr fr├╝h wache ich auf, trotz bester Vorhersage von gestern regnet es. Nicht viel, aber die Stra├čen sind nass. N├Â, da drehe ich mich doch lieber noch einmal um und versuche es sp├Ąter erneut. Eine richtige Entscheidung, gegen zehn Uhr ist alles trocken und der Himmel hat blaue L├Âcher, die mich hoffnungsvoll stimmen. Ich bereite mir einen starken Kaffee, dann sattle ich all mein Zeug auf und verlasse kurz vor elf den Hof. Die erste ├ťberraschung folgt schon kurze Zeit sp├Ąter an der Tankstelle. Kein Benzin. Sollte es sich tats├Ąchlich r├Ąchen, dass ich vorgestern nicht sofort nach der R├╝ckkehr getankt habe? Das w├Ąre ich dann selbst schuld. Nun, es gibt noch eine zweite Tankstelle in Puerto Natales mit ausreichend Sprit. Gl├╝ck gehabt, ab sofort wieder umgehendes Tanken! Dann gehtÔÇÖs los, nach zehn Minuten wird es leer, die Stra├čen werden wieder endlos und gerade und ich nehme meine gem├╝tliche Reisehaltung ein und genie├če die weite Ein├Âde S├╝d-Patagoniens. Die Sonne setzt sich immer mehr durch und ich komme bei bestem Wetter flott voran.

Nach gut zwei Stunden erreiche ich die Magellanstra├če und es zieht richtig kalte Luft vom Wasser heran. Aber es ist nicht mehr weit bis Faro Punta Delgada, von wo die F├Ąhre zur Hauptinsel Feuerlands ablegt. Am Cruce Rio Gallegos noch einmal rechts abbiegen, immer geradeaus, dann bin ich da.

Es ist nicht viel los hier an der Anlegestelle und warten muss ich demnach auch nicht lange. Ich fahre mit als Letzter auf die wackelige Ladeklappe, F├Ąhren werden hier nicht festgemacht, der Kapit├Ąn h├Ąlt sie mit Motorkraft auf der Rampe. Wie immer bekommt Bienchen eine gem├╝tliche Ecke zugewiesen. Sicher abstellen ist heute auch kein Problem, denn das Wasser ist glatt, wenn auch mit heftigen Str├Âmungen, die durch die enge, nat├╝rliche Wasserstra├če selbst verursacht werden. Quietschend legen wir ab. In einem riesigen Bogen, der ebenfalls den extremen Str├Âmungen gezollt ist, navigieren wir zur anderen Seite nach Bah├şa Azul. Etwa eine Stunde dauert das Ganze und ich genie├če die frische Luft, Sonnenschein und die tolle Aussicht. Ganz zu schweigen von den gl├╝cklichen Gedanken, dass ich gerade in diesem Moment die legend├Ąre Magellanstra├če ├╝berquere. Ein paar verspielte Commerson-Delfine, die nur hier rund um Feuerland leben, begleiten uns. Sie sind so schnell, dass es mir nicht gelingt, ein paar vern├╝nftige Fotos zu machen. Dennoch ist es eine Freude, ihnen zuzusehen. Etwa in der Mitte der Meerenge dreht der Kapit├Ąn die F├Ąhre in die starke Str├Âmung und nutzt den Schwung f├╝r die zweite H├Ąlfte der ├ťberfahrt. Wir laufen heftig auf die steile Rampe auf, die mit reichlich Schotter und kaputtem Beton geschm├╝ckt ist. Na prima, aufsitzen und warten bis die Ladeklappe frei ist und dann beherzt ohne anzuhalten hinauf zur Stra├če. Geschafft. Ein gro├čes Schild begr├╝├čt mich auf der ÔÇ×Isla Grande de Tierra del FuegoÔÇť. Ich bin tats├Ąchlich hier, unfassbar!

Noch 250 Kilometer und das Wetter zieht sich ganz langsam zu. Zudem wird es merklich k├╝hler. Bis zur Grenze bleibt alles trocken, dann beginnt es zu regnen. ├ärgerlich, aber da muss ich jetzt durch. Ich erledige die Grenzformalit├Ąten, alles geht super schnell, die Beamten sind ├Ąu├čerst nett und der argentinische Z├Âllner hat sogar eine rote Zipfelm├╝tze auf. Ich w├╝nsche allen sch├Âne Weihnachten und ziehe meine Regenkombi an. B├Ąh, dieses gehasste Gehampel bis man das Ding an hat und bis alles richtig sitzt. Das Motto hei├čt jetzt ÔÇ×Augen-zu-und-durchÔÇť und genauso ist es auch. Der Regen bleibt gl├╝cklicherweise nur m├Ą├čig bis nach R├şo Grande, dann h├Ârt er auf. Tanken, Regenpelle ausziehen und ab ins Hotel. Fertig f├╝r heute. Bin ich froh, den Brocken hinter mir zu haben. Morgen ist es daf├╝r dann nicht mehr weit. Der riesige Fernseher im benachbarten Bowling-Center-Restaurant wiederk├Ąut aufdringlich das siegreiche Endspiel Argentiniens und die Menschen schauen sich das auch tats├Ąchlich an. Es gibt sogar Applaus f├╝r die Tore. Unglaublich. Die leckere, aber etwas zu gro├če Pizza stillt meinen Hunger, ein Bier meinen Durst und sp├Ąter das ruhige Bett meinen Schlafbedarf. Gute Nacht.

22. Dezember 2022 - Die letzte Etappe

Das Fr├╝hst├╝ck ist lausig, ich dr├╝cke mir ein trockenes St├╝ck Geb├Ąck rein und zwei Tassen schlechten Kaffee mit kaum l├Âslichem Kaffeewei├čer. Das ist also der Kaffee der Weltmeister? Eher Bezirksliga. Beim Beladen des Motorrades treffe ich noch zwei alte Bekannte, die Kanadier vom Perito Moreno Gletscher. Netter Plausch und geteiltes Leid bez├╝glich des Wetters. Es nieselt und ist nebelig. Also beginne ich heute so wie ich gestern aufgeh├Ârt habe: volle Regenmontur. Nicht jammern, rein in die unbequeme Kombi, zu machen und ab nach S├╝den. Es ist eine kluge Entscheidung, denn es regnet zunehmend und best├Ąndig. Egal, Motto s.o.

Schade um die Wegeindr├╝cke, ich sehe n├Ąmlich kaum etwas, die Sichtweite ist manchmal weniger als 150 Meter, weshalb ich auch recht wenig von unterwegs berichten kann. Zumindest nicht bis zum Ort Tolhuin. Hier dreht die Ruta 3 wieder landeinw├Ąrts weit genug von der Atlantikk├╝ste entfernt und der Regen h├Ârt auf. Gleichzeitig steigt die Stra├če an und windet sich in die Berge. Wundersch├Ân geht es am Lago Fagnano entlang, dann hinauf zum Lago Escondido, wo ich meine Regenkombi ausziehen kann. Herrlich. Ein kleines Bisschen kommt sogar die Sonne durch, die beiden Kanadier fahren winkend vorbei und ich mache mich auf zur Zielgeraden.  Noch ein halbes St├╝ndchen durch wundersch├Âne Bergt├Ąler, dann taucht vor mir das ÔÇ×Portal de UshuaiaÔÇť auf. Zwei kleine T├╝rme rechts und links der Ruta 3 mit der vertikalen Aufschrift des Namens der s├╝dlichsten Stadt der Welt: Ushuaia. Ich halte an wie vermutlich jeder Motorradfahrer, der hier sein Ziel erreicht. Was f├╝r ein Moment. Was f├╝r eine Freude. Was f├╝r eine Energie. Die Kanadier sind ja bereits da, wir klatschen ab, wir freuen uns, wir sind stolz, dass wir es geschafft haben. Ja, und hier mache auch ich ein paar Selfies.

Da ich ja nun zwei Tage eher in Ushuaia bin als geplant, brauche ich noch zwei ├ťbernachtungen bevor ich mein Weihnachtsapartment beziehen kann. Meine alte Bekannte, Tina, die Franz├Âsin, ist auch hier und besorgt mir noch ein freies Zimmer in ihrem Hostal. Da zahlen sich die gepflegten Kontakte in der Travelergemeinschaft aus. Zudem ist es sch├Ân, Gesellschaft zu haben, die Themen der tagelangen Selbstgespr├Ąche ersch├Âpfen sich irgendwann auch. Nach dem Duschen folgt ein kleiner Stadtbummel an der Bucht entlang und durch die bunte Innenstadt. Im Caf├ę Tante Sara begehe ich meine Ankunft mit einem s├╝ndigen Schokokuchen namens ÔÇ×TripleÔÇť und nach dem Kaffee-Flopp von heute Morgen mit einem hervorragenden Americano. Nach dem Kalorienkracher ist Bewegung angesagt und der Heimweg f├╝hrt ├╝ber Umwege an der weihnachtlichen Cartel Ushuaia vorbei und dann den ganzen Berg hinauf zum Hostal. Ushuaia ist bunt, wie viele St├Ądte in Patagonien. Das Leben hier erscheint mir recht entspannt, aber vielleicht liegt das auch an der Vorweihnachtszeit. In jedem Fall genie├če ich es und freue mich hier zu sein. Sp├Ąter am Abend gibt es nur noch ein kleines Abendbrot, wenn auch deshalb nicht weniger schmackhaft. Tina ist Franz├Âsin, sie kocht auch Suppe mit Rotwein, was farblich eine ernste Herausforderung f├╝r das mitessende Auge ist, kulinarisch aber ├╝berzeugt! Meine anschlie├čende erste Nacht am Ende der Welt ist ruhig und erholsam. Gute Nacht.

23. Dezember 2022 - Tag der Defizite

Lange ausschlafen, drau├čen regnet es kr├Ąftig und in den Bergen schneit es. Ein sp├Ąter Kaffee, dann muss ich Geld von Western Union abholen, das ich mir selbst gesendet habe. Grund ist der gute Wechselkurs des sogenannten Dollar-Blue bzw. Euro-Blue, den nur Western Union anbietet. Er ist 2,5 mal so hoch wie der offizielle Kurs an den Geldautomaten. De facto ist das ein geduldeter Schwarzmarkt. Argentinien braucht eine stabile - wenn auch fremde - W├Ąhrung, weil sie ihre Inflation nicht in den Griff bekommen. Die Schlange ist sehr lang und so gehen schnell anderthalb Stunden ins Land f├╝rs Warten. Eine furchtbare B├╝rokratie folgt und am Ende bekommt man stapelweise geb├╝ndeltes Papiergeld, weil es keine gro├čen Banknoten gibt. In abgelegenen Touristenorten Argentiniens sind Auszahlungen sogar limitiert, weil nicht ausreichend Banknoten existieren. Tja, wenn man Touristen melken will, sollte man auch f├╝r ausreichend Zahlungsmittel sorgen im Land der Weltmeister.

Es folgt ein kleiner, aber notwendiger Einkauf im Supermarkt. Auch hier fr├Ânt man dem Ritual des Schlangestehens. Endlos! Irgendwie ein argentinisches Hobby in Superm├Ąrkten. Nur drei Kassen sind ge├Âffnet, aber ich z├Ąhle mindestens f├╝nf Wachpersonalheinis, die die Kundenschlange bewachen. Nee, behaltet euren Kram, ich suche mir lieber einen Tante-Emma-Laden.

Zur├╝ck im Hostel muss ich noch meine durchgebrannte Scheinwerferbirne wechseln, das ist auch so eine Defizitgeschichte. Da besitze ich eines der besten Motorr├Ąder der Welt und es ist ein H├Âllengefrickel, ein d├Ąmliche Birne zu wechseln. Ich wei├č nicht, welcher Praktikant das Bauteil entwickelt hat, aber eine Laufbahn als Ingenieur sollte er ernsthaft ├╝berdenken.

Genug ge├Ąrgert, der Rest des Lebens ist sch├Ân und dem wende ich mich jetzt wieder zu. Kaffee trinken mit Tina, drau├čen regnet es wieder, ein kleines Nachmittagsnickerchen, chatten mit der Heimat und etwas Schreibschulden beheben. So vergeht die Zeit. Die Lebensmittel aus dem Tante-Emma-Laden verarbeite ich zu einem einfachen Abendbrot und nach viel Plauderei und leckerem Rotwein ruft mein Bett. Morgen ist Umzug, ich freu mich schon. Gute Nacht.

24. Dezember 2022 - Zimmer mit Aussicht und Weihnachtsspaghetti

Heute steht wie gesagt der Umzug in mein Weihnachtsapartment an und ein Gro├čeinkauf f├╝r die n├Ąchsten Tage. Gegen zw├Âlf kann ich einchecken. Alles provisorisch packen, es ist ja nicht weit. Es ist etwas schwierig die Adresse zu finden, alles Baustellenkrater und loses Erdreich hier. Am Ende der Lehmstra├če hat Bienchen mit ihrem sonoren Motorger├Ąusch die gesamte Population Dorfhunde aufgeschreckt, die das ganze Viertel aus den H├Ąusern bellt. Fenster und T├╝ren werden ge├Âffnet, Gardinen zur Seite geschoben, geguckt und einer ruft dann meinen Namen. Das muss Eduardo sein, der Eigent├╝mer. Prima. Geht doch. Spart das Klingeln. Ich soll das Moped gerne direkt vor der T├╝r parken. Dann ist es mit dem Gep├Ąck leichter. Prima! Eine Geschicklichkeits├╝bung f├╝r Fortgeschrittene am Steilhang. Man k├Ânnte auch einer alten Oma sagen, sie kann die vollen Einkaufst├╝ten gerne ├╝ber die Feuerleiter auf den Balkon bringen. Ist dann einfacher mit dem Auspacken. Weia!

Alles andere ist perfekt und genauso wie ich es mir ausgedacht hatte. Eduardo ist super nett und hilfsbereit, die Ferienwohnung ist nagelneu und bietet eine Aussicht auf die Bucht und den Beaglekanal wie sie nicht besser sein k├Ânnte. Ich bin richtig happy und freue mich auf die n├Ąchsten Tage.

Ausladen, hochschleppen und dann flott zum Supermarkt. Nein keine Details, ich bin nach einer guten Stunde zur├╝ck und muss mich etwas sputen mit dem Kochen. Bei meinen ganzen Reiseplanungen hatte ich immer die Idee, Weihnachten f├╝r G├Ąste zu kochen. Und genau das mache ich jetzt. Die Kanadier waren schon verabredet, andere Bekannte habe ich noch nicht getroffen, dann kochen Tina und ich eben zu zweit. Eigentlich sollte es Fisch geben mit Fenchel und Zitronenschaum, aber guten Fisch gab der Supermarkt nicht her. Muscheln im 5 Kilo-Gebinde oder Lachsfilets mit Gefrierbrand waren beides nicht das, was mir vorschwebte. F├╝r Gem├╝se-Lasagne fehlt eine feuerfeste Auflaufform und ausreichend gutes Gem├╝se, f├╝r Coq au vin oder Queue de b┼ôuf h├Ątte ich wohl gestern schon anfangen m├╝ssen. Nun ja, Spaghetti al Rag├║, der alte Campingklassiker, ist doch auch eine tolle Idee.

Und so soll es sein. Da die Zubereitung ├Ąu├čerst einfach ist, kann ich gleichzeitig einen Weihnachtsplausch mit dem Filius in der Heimat f├╝hren, und dann ist es ein lustiger Heiligabend am Ende der Welt mit traumhafter abendlicher Aussicht auf die Bucht, viel multilingualer Konversation und ohne Geschenke, au├čer dem Gl├╝ck, das ich mir selbst geschenkt habe, heute hier zu sein! Und jetzt g├Ânne ich mir eine kleine Schreibpause. Frohe Weihnachten!

31. Dezember 2022 - Gedanken zum vergangenen Jahr

2022 ist um. Wie gestern kommt es mir vor, dass ich dieses frischgeborene Jahr 2022 begr├╝├čt habe. Es war an einem warmen Freitag in Porto. Wir tranken einen Branco am Cais da Estiva. Dass in diesem Jahr viele Dinge passieren werden, war mir bekannt, schlie├člich hatte ich gen├╝gend Z├╝ndschn├╝re angez├╝ndet, dass es ordentlich knallt: Mein Sabbatical stand ab Mai an, einen gro├čen Teil meines Hausstandes hatte ich schon 2021 verkauft, der Rest ging bis April weg. Ab Ende April besa├č ich kein Auto mehr, die fast unbenutzte, ├╝berfl├╝ssige Luxuskarosse ging mit meinem letzten Arbeitstag zur├╝ck an meine Firma. Kartons mit den wertvollsten Lebensreliquien wurden eingelagert. Seit Februar war die K├╝ndigung meiner Wohnung beschlossene Sache und am 7. Mai fiel die T├╝r einer der sch├Ânsten Wohnungen, in denen ich je gelebt habe, hinter mir endg├╝ltig ins Schloss.

Am 14. Mai buk ich Pizza im Landhaus von Schwester und Schwager, die mir ein tempor├Ąres Dach boten. Einen Tag sp├Ąter brach ich mit meinem Motorrad auf in den Kaukasus. Das erste Abenteuer nahm seinen Lauf und es war ein Erlebnis once-in-a-lifetime. Die Reise dauerte drei Monate.

Zum Umzug meiner alten, aber jung gebliebenen Mutter, die ein neues wunderbares Heim gefunden hatte, kehrte ich zur├╝ck, um zu helfen. Genau vier Wochen dauerte das und es war bis zum letzten Tag nicht klar, wie und wo ich mein verbleibendes Sabbatical verbringen werde. Dann fiel eine innere Entscheidung, nach S├╝damerika zu reisen. Mit Bienchen. Schnell waren die logistischen Vertr├Ąge unterschrieben und mein Motorrad stand am 7. September in der Lagereinheit ÔÇ×San Antonio, ChileÔÇť im Hamburger Hafen.

Neuseeland. Sechs Wochen reist mein Bienchen alleine im dunklen Container ├╝ber den Atlantik, durch den Panamakanal bis nach Chile. Sechs Wochen erf├╝lle ich mir einen lang gehegten Lebenstraum: Eine Reise nach Neuseeland. Dieses Land ver├Ąndert das Leben!

Chile, spontane Entscheidung zur Osterinsel zu fliegen, dann beginnt wenige Tage sp├Ąter die Herausforderung S├╝damerika mit dem Motorrad, in der ich jetzt mittendrin stecke. Der Weihnachtsurlaub in Ushuaia ist vorbei und war wichtig, um einfach mal Luft zu holen. 

Ich habe eine Flasche Sekt ge├Âffnet und werde mich nun in Dankbarkeit und mit viel Freude von diesem besonderen Jahr verabschieden, auch wenn es f├╝r immer lebendig bleiben wird. Tolles altes Jahr, Frohes Neues Jahr! Hoch lebe das Universum.

Ein Nachtrag um 0:33 h

Der n├Ąchtliche Himmel ist nicht ganz dunkel so weit im S├╝den. Blasses Licht erhellt die L├╝cken zwischen den Wolken. Es ist k├╝hl, trotzdem stehe ich barfu├č auf meinem Balkon und schaue ├╝ber die weite Bucht von Ushuaia und in den Beaglekanal. Von meiner Playlist ert├Ânt zuf├Ąllig Pat Metheny ÔÇ×Are You Going With Me?ÔÇť. Nein, das ist kein Zufall. Es ist fast windstill, Schiffe lassen ihre H├Ârner ert├Ânen. Eine mickrige Silvesterrakete scheitert mit drei Leuchtkugeln an der Dunkelheit. Tanzmusik ist zu h├Âren, es riecht nach Asado, ich h├Âre entfernte Stimmen ÔÇ×FelicidadesÔÇť rufen. Unter mir auf der Veranda sto├čen Menschen mit klingenden Gl├Ąsern an, man prostet mir zu, ich antworte ÔÇ×FelicidadesÔÇť. Ich stehe hier v├Âllig alleine mit mir und der ganzen Welt. Was f├╝r ein Widerspruch, was f├╝r eine Harmonie. Was f├╝r ein kristallklares Gef├╝hl von Existenz, von Jetzt, von Hier.

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Weiter geht es ab Neujahr mit dem Reisebericht "Argentinien".  Ô×í´ŞĆ