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đŸ‡šđŸ‡± Auszeit 2022 - Carretera Austral

14. November 2022 - Wiedersehen in San Antonio

Heute ist der große Tag des Wiedersehens mit Bienchen. Ich bin gespannt, ob alles heile ist oder ob es Probleme bei der Verzollung gibt. Um 9:00 Uhr treffe ich mich mit Ronny, dem Agenten meiner Spedition, in San Antonio Barrancas. Der weiß, wie es geht.

Doch zuvor ist frĂŒhes Aufstehen angesagt, was mir dieses Mal nicht schwer fĂ€llt, da mich seit zwei Tagen eine gewisse Unruhe quĂ€lt. Sachen habe ich gestern Abend schon gepackt, so dass ich nur meine große gelbe Motorradtasche schultern muss und meinen kleinen Fotorucksack. Der Busbahnhof ist direkt gegenĂŒber, das Ticket habe ich in der Tasche, es geht los.

Alles ist leicht zu finden, zur Sicherheit dreimal fragen und die Information durch drei teilen. Passt! AndĂ©n doce, salida siete y cuarto. So ist noch genug Zeit fĂŒr einen heißen cafĂ© con leche. Das rege Treiben auf den Bahnsteigen lĂ€sst die gefĂŒhlte Wartezeit schrumpfen. Ein Kommen und Gehen, Passagiere laden GepĂ€ck in den Bauch der orangen Busse, Chauffeure reißen Tickets ab, Menschen umarmen und kĂŒssen sich zum Abschied, andere winken nur. Wenige Minuten vor der Abfahrt rufen die Bahnsteigassistenten den Bus lauthals aus, wĂ€hrend die Fahrerinnen und Fahrer die Motoren aufheulen lassen fĂŒr den Kampf auf der Landstraße, wie das Hufescharren eines spanischen Cabrera. Ich hoffe, in den 38 Jahren seit meinem ersten Besuch in SĂŒdamerika hat sich einiges geĂ€ndert an der Fahrweise und ich werde eine sichere Fahrt nach San Antonio genießen dĂŒrfen.

Dann kommt mein Bus, auch hier erfolgt alles nach dem beschriebenen Abfertigungsritual. Einsteigen und Platz nehmen. Leider ist der Passagierraum komplett von der Busspitze abgeschottet. Wand, TĂŒr, alles schwarz und undurchsichtig. Ich sitze in der ersten Reihe, die Fenster sind von außen mit Werbung beklebt und ich sehe fast nichts. Nun gut, es ist nur eine Stunde vierzig, der kleine Ausblick aus dem Seitenfenster soll genĂŒgen, ich versuche zu schlafen. Angelica Mendoza fĂ€hrt eine heiße Naht, hart am Limit von 100 km/h, sie kennt den Weg, sie macht ihren Job ziemlich gut. All das wird in roter Leuchtschrift ĂŒber der TĂŒr angezeigt, „Por tu seguridad!“ lautet die Überschrift darĂŒber. Danke, ich fĂŒhle mich sicher.

Die Landschaft bis San Antonio scheint langweilig zu sein, soviel ich jedenfalls durch mein kleines Fensterloch sehen kann. Dann nach etwas Rumgekurve sind wir da. Viel weiter hĂ€tte es nicht sein dĂŒrfen, ich bin auf dem Weg zur Kotzgrenze. Aussteigen, tief Luft holen, GepĂ€ck schultern und raus aus dem Busbahnhof.

„Thomas“, höre ich jemanden rufen, es kommt von der anderen Straßenseite. Noch einmal, „Thomas“, ich sehe niemanden im GewĂŒhl. Da, ein Winken, silberner SUV, das ist richtig. Ronny weiß, dass ich eine große gelbe Motorradtasche habe. Er lacht: „Hi! Wie geht’s? Gute Fahrt gehabt?“ „Nein, war scheiße, aber schön, dass ich jetzt hier bin.“ Ich antworte möglichst ehrlich. FĂŒnfzehn Minuten durch den morgendlichen Verkehr, Ronny kennt den Weg. Klar! Einfahrt in den gesicherten Zollbereich, kurzer Wortwechsel, man winkt sich zu, man kennt sich. Parken, Helm, Weste und schön auf dem Zebrastreifen bleiben. Das ist hier zwar Bezirksliga gegen Hamburg, aber meine Spannung könnte nicht grĂ¶ĂŸer sein. Und irgendwo in einer gemĂŒtlichen Hallenecke steht sie dann, mein Bienchen! Als hĂ€tte ich sie gerade hier abgestellt. Unversehrt, ganz locker auf dem SeitenstĂ€nder, noch im Tiefschlaf. Einmal rumgehen, anfassen und Ronny freut sich glaube ich mit mir, dass sie heile hier ist. Sattel runter, Zehner-SchlĂŒssel aus dem Bordwerkzeug und die Batterie anschließen. Erst rot dann Masse, die Bordanzeige flackert kurz und zeigt Lebenszeichen. Kontakte festziehen, ZĂŒndung ein, alles leuchtet, alles auf An! Starter drĂŒcken, drei Umdrehungen und Bienchen lĂ€uft! Trocken und sonor der Sound, als hĂ€tte sie gerade ein entspanntes Wochenende in der Garage hinter sich und nicht 8000 Seemeilen im dunklen Container. Vor zehn Wochen habe ich sie in Hamburg ĂŒbergeben, jetzt kann ich mein Versprechen einlösen. Wir sind zusammen in SĂŒdamerika! Mann, bin ich happy!

Der Rest war Pillepalle. Papierkram, Pontius, Pilatus, InspecciĂłn de aduana, Unterschriften, super nette Zollbeamte. Ronny weiß genau wie es geht, absolut professionell! HĂ€ndeschĂŒtteln am Parkplatz, Ronny verabschiedet sich mit besten WĂŒnschen fĂŒr meine Reise und dann stehe ich da. Ganz alleine in einem Überseehafen in SĂŒdamerika mit Bienchen. BĂ€hm! Na gut, dann machen wir das jetzt!

Mein erstes Ziel hatte ich gestern schon ins Navi eingegeben. Abrufen und Start. Pichilemu heißt es und ist ein kleiner Ausflugsort an der PazifikkĂŒste. Nicht weit, dort will ich alles neu sortieren und richtig packen, schließlich habe ich ja den ganzen Krempel aus Neuseeland noch dabei.

Schnell bin ich auf kleinen Landstraßen, das Wetter kann nicht besser sein, es wird leerer und ich bin die ganze Zeit damit beschĂ€ftigt, mir zu vergegenwĂ€rtigen, dass ich mit Bienchen in SĂŒdamerika unterwegs bin. Mein GemĂŒtspendel schwingt von „Was mache ich eigentlich gerade hier?“ bis „Ist das geil und easy!“. Das bleibt auch so bis ich ein kleines Hotel am Straßenrand finde. Super nett und preiswert, Bienchen parkt im Innenhof, frĂŒher Nachmittag, Spaziergang am schwarzen Strand, buntes Restaurant, leckerer Salat mit deutschem Bier. Es geht nicht besser und ich bekomme mein Lachen nicht aus dem Gesicht. SpĂ€ter dann nach der erstaunlich simplen Packaktion ins gemĂŒtliche Bett. Was fĂŒr ein Tag.

15. November 2022 - Schottertest bestanden und Ruta 5 bis ChillĂĄn

Ich muss nun sehen, dass ich nach SĂŒden komme, es ist weit bis Patagonien. Ja, es gĂ€be viel zu sehen bis dahin, aber alles geht nicht und das Ziel ist nun einmal Patagonien. Ich beherzige Ronnys Rat, an der KĂŒste entlang zu fahren und habe mir die Route ĂŒber ConstituciĂłn und San Javier nach ChillĂĄn gelegt. Herrliche Landschaft, leere Straßen und dann ein zu spĂ€ter Blick aufs Navi. Verfahren! So’n Mist. Ok, Umdrehen und dem Navi folgen. Was ich vergessen habe ist, dass das Navi von der luxuriösen Neuseelandreise noch auf „Motorrad“ steht (d.h. unbefestigte Straßen erlaubt), das ist hier in SĂŒdamerika aber ein anderer Schnack. Und so sagte es mir, hier links, 33 km bis nach Hualañé und dann fahre ich auch links. Schotter. Ok, daran werde ich mich eh gewöhnen mĂŒssen. Etwas sandig. Auch daran werde ich mich gewöhnen mĂŒssen. Es wird wunderbar einsam und schön bergig. Es geht hoch hinauf, die Luft wird frisch. Der Schotter wird grober, die Straße wird zerfurchter. Ok, ich mache das schon. Die ersten steilen Spitzkehren kommen, zusammen mit tischtennisballgroßem Kies. Es rutscht und die Karre versetzt. Runterschalten, etwas höher drehen, im Stehen fahren. Klar! Nicht denken, locker bleiben, schön aus den Oberschenkeln wie im Tiefschnee. Wir haben 420 kg zu manövrieren, nicht denken jetzt, weit nach vorne gucken, offensiv fahren, nicht zu langsam. Weia, war ich gar nicht drauf eingestellt. Aber wenn jetzt... Stop! Nicht denken hab‘ ich gesagt! Fahren! So geht das eine ganze Weile und es geht gut. Ich habe zwar schon mehrere GelĂ€ndetrainings bei einem Europameister gemacht, aber ich bin halt keiner. Bevor es jetzt steil wieder runter geht noch das ABS abschalten, auf geht’s. Tolle Gegend hier! Dann mĂŒnde ich irgendwann wieder auf die asphaltierte J-60 ein. Puh, geschafft! Aus ZeitgrĂŒnden Ă€ndere ich jetzt die Route und fahre zur Ruta 5 nach SĂŒden. Es folgt langweilige Autobahn, aber ich schaffe es so noch gemĂŒtlich nach ChillĂĄn. Ein Hotel habe ich schnell gefunden, aber das Kaff ist irgendwie komisch. Alles geschlossen, dennoch tausend Leute in den Straßen, chaotisch. Keine Restaurants, auf „Restaurante Fuente Alemana“ habe ich keine Lust, dann finde ich frappierenderweise einen coolen Mexikaner. Richtig gute Veggie-Tacos vom Feinsten und wie immer deutsches Bier (in Chile gebraut). Ich bin etwas platt und so lande ich kurz darauf auch in meiner Kiste. Herrlich und wie schön, dass ich die erste SchotterprĂŒfung so gut bestanden habe.

16. November 2022 - Noch mehr Ruta 5, Kilometerfressen bis Osorno

Heute sind 530 Kilometer angesagt bis Osorno. Einfach nur voran kommen, mal sehen, ob ich es soweit schaffe. Passiert ist unterwegs rein gar nichts. Autobahn, Sonnenschein und an der letzten Ausfahrt, hinter der Mautstelle, halte ich neben einem Biker, mit dem ich mich mehrmals unterwegs ĂŒberholt habe. „¡Hola! ÂżCĂłmo estĂĄs? ÂżTambiĂ©n estĂĄs buscando un hotel?“ „Claro, mi llama Felipe.“ „Yo soy Thomas.“, dann suchen wir zusammen... Netter Kerl. In Osorno ist komischerweise alles ausgebucht. Wir stehen am Straßenrand, einer mit Booking-Portal, der andere mit Google Maps. Von hinten spricht mich jemand an: „Des ischt ja nett, kann ich euch helfe?“ SchwĂ€bisch? Meine GĂŒte, ich bin in Chile! Ein netter Mann bietet zwei suchenden Motorradfahrern lĂ€chelnd seine Hilfe an, ist das freundlich! Aber das SchwĂ€bisch passt irgendwie nicht. Herrlich! Nein, danke, Felipe hat gerade was gefunden. Gleich um die Ecke, aber Fehlanzeige, alles voll. Dann kommt der Sprachjoker, Felipe plaudert mit den MĂ€dels von der Rezeption und die beginnen zu chatten und zu telefonieren. Es gibt noch Zimmer, irgendwo, Felipe bekommt die Adresse und auf geht’s. Es ist ein Hostal und wir bekommen ein Doppelzimmer. Gut, Biker sind da recht unkompliziert und meine Frage, ob es denn getrennte Betten seien, fĂŒhrt zu einem kollektiven herzlichen Lachen. Der anschließende Abend wird in Folge sehr entspannt, die Nacht aber sehr unruhig, da eine ganze MĂ€delequipe eines argentinischen Sportclubs eingecheckt ist. Alles egal, Essen, Bett, schlafen. Viel geschafft heute.

17. November 2022 - Seen und Vulkane

Felipe fĂ€hrt frĂŒh los, er hat nur zwei Wochen Zeit fĂŒr die Carretera Austral. Kurzer Abschied, hat richtig Spaß gemacht! FĂŒr ihn geht die Reise heute zur Ruta 7, der Carretera Austral, mein Weg geht nach Osten zu den Seen und den Vulkanen. Irgendwie bin ich noch nicht reif fĂŒr die Carretera, ich brauche noch etwas Vorlauf. Und Vulkane finde ich toll und Zeit habe ich genug. Es sind nur gute 220 Kilometer. Ich fahre bis zum Salto los Novios nahe der argentinischen Grenze, dann kehre ich um, passiere den Osorno Vulkan, der gerade seinen Schneegipfel in der Sonne prĂ€sentiert, und folge dann der Ruta 225 bis zu meinem Ziel, einer schönen Lodge zwischen den Vulkanen Osorno und Calbuco. Hier lasse ich es mir gut gehen fĂŒr zwei NĂ€chte. Das war’s fĂŒr heute.

18. November 2022 - Entspannung zwischen Vulkanen

Ruhetag in der Entre Volcanes Lodge. Es ist bedeckt und am Nachmittag regnet es sogar heftig. Schlafen, lesen, planen, Fotos bearbeiten, spazieren gehen und ein Burrito vegetal der Extraklasse und - ihr ahnt es schon - mit einem deutschen Bier in Chile gebraut. Hier ist ziemlich viel deutsch. Es gibt ĂŒberall „Kuchen“ und die Pensionen heißen „Waldhaus“, „Das GlĂŒck“ oder „Edelweiß“. Dann endet der Ruhetag auch schon mit einer richtig stillen Nacht.

19. November 2022 - Regentour und bunt im Wasser wohnen - Castro, Chiloé

Regen ist angesagt. Nach gutem FrĂŒhstĂŒck breche ich zeitig auf. Ich möchte heute nach ChiloĂ©. Das ist eine Insel, die recht schön sein soll. Die Fahrt ist dementsprechend, glĂŒcklicherweise habe ich die Regenkombi rechtzeitig angezogen und lasse es einfach ĂŒber mich ergehen. An der FĂ€hre muss ich nicht lange warten, 30 Minuten spĂ€ter landen wir in Chacao auf ChiloĂ© an und der Regen lĂ€sst nach. Die verbleibende Strecke bis nach Castro, meinem Ziel, scheint schön zu sein, allerdings ist es bedeckt und die Sicht ist nicht besonders toll. DafĂŒr ist mein Zimmer recht schön, ich wohne in einem typischen Palafito direkt am bzw. im Wasser. Die Palafitos sind Pfahlbauten, von denen es auf ChiloĂ© sehr viele gibt. Sie sind meist bunt angestrichen und grĂ¶ĂŸtenteils bewohnt, allerdings ist die BlĂŒtezeit offensichtlich vorbei. Es gibt einigen Leerstand und die einst hĂŒbschen StelzenhĂ€user sind dem langsamen Verfall ĂŒberlassen. Ich parke Bienchen auf der Hotelterrasse, das sei sehr sicher, sagt Nelida, die Besitzerin.

Dann folgt ein kleiner Stadtrundgang, der mich mittelmĂ€ĂŸig begeistert. Reges Treiben, bunte, aber runtergekommene HĂ€user, eine schöne einst gelbe Wellblech-Kirche, der ein Lifting gut tĂ€te. Ich kaufe noch ein paar Sachen fĂŒrs Abendbrot ein, Restaurant habe ich keine Lust drauf heute Abend. Dann mache ich es mir gemĂŒtlich in meinem echt schönen Palafito. Die Flut lĂ€uft ein, mein Haus steht jetzt vollstĂ€ndig im Wasser. Die Möwen sitzen auf meinem Balkon bis es dunkel wird. Ich hole meine Schreibschulden auf, dann geht’s in Bett.

20. November 2022 - Kleine PlanÀnderung und auf zur Carretera Austral

Da die FĂ€hre nach ChaitĂ©n erst heute Abend ablegt und ich mitten in der Nacht in ChaitĂ©n ankĂ€me, verzichte ich auf die Überfahrt. Zudem ist heute prĂ€chtiges Wetter und ich habe viel Zeit. Kurz: Ich gönne mir die Mopedfahrt und werde wohl in HornopirĂ©n ĂŒbernachten.

Kleines FrĂŒhstĂŒck mit den Resten von gestern, im GepĂ€ck habe ich noch ein paar Beutel Tee aus den besseren Hotels, das soll reichen. Anschließend mache ich mich auf, die Insel ChiloĂ© wenigstens ein bisschen zu erkunden. Das Ding mit den Nebenstrecken auf meinem Navi geht natĂŒrlich wieder schief und schon nach zwanzig Minuten stehe ich auf einem Feldweg in einer Sackgasse mit einem Schild „Wanderweg in schlechtem Zustand“. Nun gut, umdrehen und die grĂ¶ĂŸeren Straßen wĂ€hlen, auch die sind zwischendurch geschottert, das ist Abenteuer genug, dann wird es schön. Alles grĂŒn, lange sonnige Landstraßen und kein Verkehr. Ich durchfahre viele kleine Dörfer, alle sind wie ausgestorben. Bunte Kirchen gibt es ĂŒberall, ich erwĂ€hnte ja schon frĂŒher, dass ich diese Mischung aus Frömmigkeit und kitschiger Farbenfreude so sehr mag. Nach anderthalb Stunden endet die Nebenstrecke direkt an der FĂ€hre in Chacao. Ich schiffe ein und fahre zurĂŒck nach Pargua und dann weiter auf dem schnellsten Weg nach Puerto Montt, wo offiziell die Carretera Austral beginnt.

Am Horizont begleiten mich die ganze Zeit die großen Vulkane Osorno und Calbuco, die Innenstadt von Puerto Montt ist schnell hinter mir, ein großes Straßenschild kĂŒndigt den offiziellen Beginn der Ruta 7 an, der berĂŒhmten Carretera Austral. Jetzt bin ich endlich da, wo ich hinwollte. Patagonien.

Noch darf ich den asphaltierten Teil der Ruta 7 genießen, das wird nicht so bleiben. Ich komme flott voran, die Landschaft wird langsam grĂŒner und einsamer. Dann erreiche ich die erste FĂ€hre in La Arena. Ein witziges GesprĂ€ch mit zwei netten Motorradpolizisten vertreibt mir die Zeit, unsere gemeinsame Motorradmarke hat das Eis gebrochen. Dann ist es soweit und unser Schiff legt an. Aus- und Einladen geht hier ganz zĂŒgig, es folgt eine herrliche Überfahrt. Ich liebe FĂ€hrfahrten, sie trennen so schön das Alte von dem Neuen, was folgt. Mit tut das ganz gut, da ich nach Neuseeland und Osterinsel noch so gar nicht auf Staub- und Schotterpisten eingestellt bin. In Puelche angekommen bin ich als erster von der FĂ€hre und es geht recht flott bis HornopirĂ©n. Die Sonne scheint immer noch, ein Hotel ist schnell gefunden, dann lecker Abendessen im nĂ€chst besten Restaurant. Ein kleiner Spaziergang fĂŒhrt mich noch zum Hafen, wo eine kleine Kirmes gastiert. Ich fĂŒhle mich in die Siebziger zurĂŒckversetzt, wenn ich mir die FahrgeschĂ€fte ansehe. Nur diese unglaubliche Bergkulisse im Hintergrund macht das Bild irgendwie surreal. Ich treffe spĂ€ter noch zwei Brasilianer im Hotel, die den gleichen Weg haben wie ich (hier hat niemand einen anderen Weg...). Kurzer Plausch und dann ab in die Kiste. Morgen ist frĂŒh Tag, denn wir haben keine Tickets fĂŒr die FĂ€hre. Dass sie in der Vorsaison schon ausverkauft sind, ĂŒberrascht uns alle. Wir werden sehen.

21. November 2022 - Hornopirén nach Chaitén

Noch bevor der Wecker schellt werde ich wach. Draußen sind GerĂ€usche, die beiden Brasilianer packen ihre Mopeds. Sie werden die gleiche Idee haben wie ich, nĂ€mlich möglichst frĂŒh am Pier zu sein, um auch ohne Ticket noch einen FĂ€hrplatz zu bekommen. Meine sieben Sachen sind schon gepackt, ich muss sie also nur noch ins Moped verpacken, dann geht es auch fĂŒr mich runter zum kleinen Hafen. Ein paar Autos stehen schon in der Schlange, es ist kurz nach sieben. Die Sonne wirft ihre ersten Strahlen ĂŒber den Berg, die SchwarzhalsschwĂ€ne sind schon wach und beginnen ihr Tagwerk auf dem spiegelglatten Wasser. Das kleine CafĂ© am Pier öffnet die TĂŒren, es duftet nach frischem Kaffee und GebĂ€ck. Ich bestelle mir einen CafĂ© cortado und ein warmes Muffin, dann nehme ich in der wĂ€rmenden Morgensonne Platz und warte auf die ersten AktivitĂ€ten am Hafen. Die FĂ€hre liegt noch draußen in der Bucht vor Anker, Bewegung ist nicht zu erkennen. So vergeht die Zeit, einige mehr Motoradfahrer treffen ein, alle ohne Ticket. Mit dem Ausverkauf hat niemand gerechnet. Nicht zu dieser Jahreszeit. Als die Purserin auftaucht, wird sie freundlich von allen Seiten bearbeitet und ausgefragt, wie die Chancen auf einen Platz stehen und wir können ja auch die winzigen Ecken des Schiffes fĂŒllen und wir können nicht bis Freitag, dem nĂ€chst möglichen Termin, auf die Überfahrt warten usw.

Dann kommt Bewegung in den Hafen. Die FĂ€hre wirft die Maschinen an und fĂ€hrt auf die Laderampe. Die Offziellen vom Schiff kommen mit viel BegrĂŒĂŸungs-Tamtam an Land und verlesen die FĂ€hrgĂ€ste von Hand. Zuerst alle mit Ticket, dann nach FahrzeuggrĂ¶ĂŸe, dann kommen die schweren, platzfressenden Trucks. Die FĂ€hre ist voll. Bis auf eine kleine Ecke achtern. Der Lademeister winkt alle Motorradfahrer heran und sammelt die PĂ€sse derjenigen ohne Ticket ein. Dann können wir auffahren. Bezahlt wird spĂ€ter auf dem Boot. Große Freude in der Bikergemeinde, alle sind erlöst und heilfroh, die Stimmung kann kaum besser sein. Dann legen wir auch schon ab in die traumhafte, morgendliche Bucht von HornopirĂ©n.

Vier Stunden und eine halbe wird die Fahrt dauern bis Caleta Gonzalo, wo wir wieder terrestrischen Anschluss an die Ruta 7 haben werden. Das Panorama Ă€ndert sich langsam aber stetig. Schneebedeckte Gipfel mit bizarren, spitzen Gipfeln wachsen aus dem Hintergrund ĂŒber die vordergrĂŒndigen Berge hinaus. Weiße BergkĂ€mme erscheinen und verschwinden, das blaue Meer hat manchmal spiegelglatte FlĂ€chen, die sich scharf getrennt von heftig krĂ€uselndem Wasser abgrenzen. Eine ErklĂ€rung fĂŒr dieses verblĂŒffende PhĂ€nomen habe ich noch nicht gefunden. Als wir nach drei Stunden in die Zielbucht einfahren wird es sehr still und sogar der krĂ€ftige Wind lĂ€sst nach. Niemandsland, alles grĂŒn und waldig um uns herum. Dass hier irgendwo eine Anlegestelle sein soll, erscheint absurd, ich vertraue dem KapitĂ€n. Und tatsĂ€chlich, in einer winzigen Bucht liegt die betonierte Rampe. Sicher landet der KapitĂ€n das Schiff an, wĂ€hrend die Schiffsrampe bereits abgelassen wird.

Dann geht es sehr schnell, jeder will so flott wie möglich los. Warum, wird mir wenige Minuten spĂ€ter klar, als auch wir die FĂ€hre verlassen und auf die Schotterpiste der Carretera fahren. Ein höllischer, heller Staub entfaltet sich, die Piste ist staubtrocken, der Abstand zwischen den Fahrzeugen ist etwa dreißig Meter, wir sind mit den Mopeds vorne mit dabei. Der Untergrund ist nicht einfach zu befahren, eine Großbaustelle empfĂ€ngt uns mit grober und lockerer SchĂŒttung, vielen Schlaglöchern und engen Spuren. Egal, nur durch! Wenn nur die Sicht nicht so schlecht wĂ€re und der Verkehr nicht so langsam. Es gibt nichts HĂ€sslicheres, als zu langsam zu fahren im Schotter. Nach einigen Kilometern lockert es auf und der Staub wird ertrĂ€glich. Die Brasilianer sind schon weg, meine Chance zu ĂŒberholen und davonzufahren bietet sich erst sehr viel spĂ€ter. Dann ist es geschafft und die Asphaltstrecke erlöst mich von der Schlingerfahrt. FĂŒr mein Aussehen ist es zwar zu spĂ€t, Bienchen und ich sind paniert mit hellgrauem Staub, mal sehen, was der Fahrtwind davon wieder fortblĂ€st. Es ist sehr steil und waldig hier und die schroffen Bergpanoramen sind verschwunden. Kurvenreich fĂŒhrt mich die Ruta 7 bis nach ChaitĂ©n, einem kleinen Ort an der KĂŒste, der seelenruhig in der Sonne liegt. Viele GeschĂ€fte haben in der Nebensaison frĂŒh geschlossen, ich drehe meine Runden und suche mir ein Hotel, das mir gemĂŒtlich erscheint. Ich finde das Hostal El Quijote. Musik schallt auf die Straße, Tische stehen in der Sonne, die TĂŒren sind mit vielen Stickern beklebt und ein freundlicher Wirt empfĂ€ngt mich. Es gibt noch Zimmer mit FrĂŒhstĂŒck und aus der KĂŒche duftet es bereits nach gutem Essen. Was will ich mehr? Einchecken, eine simple Kammer ist die meine, das Gemeinschaftsbad ist auf dem Flur, mehr brauche ich nicht. Abstauben, duschen, umziehen und dann in der Sonne ein deutsches „Hopperdietzel“ Bier - elaborado en Chile.

ChaitĂ©n selbst ist ein sympathischer, aber sehr spezieller Ort. Ich drehe zu Fuß ein paar Runden um die wenigen Blocks und entlang der Strandpromenade. Die HolzhĂ€user sind erkennbar mit dem Nötigsten gegen das raue Wetter ausgestattet und in dem ganzen StĂ€dtchen riecht es nach Hausbrand. Derzeit wird ĂŒberall noch etwas geheizt. Es gibt einige Infrastruktur wie Bus- und FĂ€hrgesellschaften, einen Pizzaservice, Lebensmittel- und OutdoorlĂ€den und natĂŒrlich eine ganze Menge Restaurants und UnterkĂŒnfte. In der Saison, lasse ich mir sagen, ist hier reichlich mehr los als im Moment. Ich treffe noch ein junges deutsches TramperpĂ€rchen, das aus Peru kommt. Sie sind auf dem Weg zum Campingplatz. Wir unterhalten uns lange, ich möchte wissen, wie sich Peru verĂ€ndert hat, seit ich 1984 - also vor einer Ewigkeit - dort war. Ich bin von ihren Berichten schockiert und bestĂ€tigt, dass ich all die "heiligen" Orte kein zweites Mal in meinem Leben besuchen werde. Dann verweise ich auf meine Bilder Perus auf freibildzone, aber die beiden nutzen das Internet kaum, weder Facebook, Instagramm noch WhatsApp. Respekt! Was fĂŒr eine Freude, dass es noch solche Puristen gibt, die der unsĂ€glichen Sucht nach Social Media widerstehen können!

Es ist Zeit fĂŒr Abendbrot, ich mache es mir gemĂŒtlich im Restaurant und bestelle, was es gibt. Heute ist es etwas Fisch mit Salat und leckeren Wedges. Eine Französin, die ich aus HornopirĂ©n kenne, hat auch das Restaurant gewĂ€hlt, es ist immer eine Freude, unterwegs Menschen wiederzutreffen. Man fĂŒhlt sich dann wie zu Hause, als ob man guten Bekannten in den Stammkneipen ĂŒber den Weg lĂ€uft. Eine lange dreisprachige Konversation schließt sich an, die Gastgeber mischen sich hier und da ein, der Fernseher plĂ€rrt irgendwelchen Unsinn und aus dem Ghettoblaster trieft Schnulzenmusik (Michael Holm Cover auf Spanisch!), zu der El Jefe lauthals und textsicher mitsingt! Er singt wirklich nicht schlecht! Was fĂŒr ein herrliches Ambiente. Der Fisch ist hervorragend, aber etwas sehr salzig. Das wird an dem vielen leidenschaftlichen "CorazĂłn" in El Jefes Gesang liegen. Ja, El Jefe ist eben auch Le MaĂźtre de Cuisine.

Irgendwann, als die Sinne nicht mehr aufnahmefĂ€hig sind und der Neocortex multilingual versagt, ist es Zeit, in die Nachtruhe ĂŒberzugehen. Alle verabschieden sich irgendwie gleichzeitig, ich steige nur die wenigen, steilen Stufen hinauf in meine Kammer und es kehrt schlagartig Ruhe ein. Die nĂ€chsten Tage soll es regnen, das macht nun nichts mehr, hier kann man es sehr gut aushalten. Gute Nacht, allerseits.

22./23. November 2022 - Dauerregen und viel geschafft

Die nĂ€chsten beiden Tage kann ich prĂ€zise zusammenfassen: Dauerregen! Das GerĂ€usch auf dem Blechdach nehme ich schon nicht mehr wahr, es hat mittlerweile etwas Meditatives. Außer fĂŒr einen Spaziergang zum eigenartigen „Museo de Sitio de ChaitĂ©n“, das sich dem völlig unerwarteten, gewaltigen Vulkanausbruch des gleichnamigen ChaitĂ©n in 2008 widmet, gehe ich nicht vor die TĂŒr. Ich nutze die Zeit, um sehr viele Dinge zu planen - ja, ein wenig Planung ist dann doch notwendig. Die Wege, die vor mir liegen, sind weit und oft ohne jegliche Infrastruktur. Es geht u.a. um Befahrbarkeit von Pisten, Besetzung von GrenzĂŒbergĂ€ngen, Distanzen zwischen Tankstellen und um Übernachtungsmöglichkeiten. Zu allem prĂŒfe ich mehrere Quellen, die leider oft unterschiedliche Informationen liefern und dann braucht man Plan B und C. Meine Quellen sind Karten der lokalen TouristenbĂŒros, GesprĂ€che mit den Einheimischen, meine GPS Karten, Google und Infos von anderen Motorradfahrern, die ich unterwegs getroffen habe. Am Abend kommen wir dann wieder zur Ofenrunde zusammen, es gibt Pisco und was zum Knabbern, das Feuer knistert im Kaminofen und wir diskutieren das ewige ökonomische Problem Chiles, den falschen Umgang der Politiker mit Wasser und die zahlreichen RĂŒckschlĂ€ge durch Naturkatastrophen. Dreisprachig. Sagte ich ja.

Der Mittwoch ist Ă€hnlich, aber ich bekomme alles fertig und morgen ist das Wetter wieder reiseschön! Hier stimmen glĂŒcklicherweise auch alle Quellen ĂŒberein. Ich freue mich und jetzt bestelle ich mein Abendessen. Mal sehen, was es heute gibt.

Morgen kommen endlich wieder Geschichten von unterwegs. Bis dahin! Buenas noches, dors bien et fais de beaux rĂȘves und good night!

24. November 2022 - Schöner Weg nach Puyuhuapi und MÀnner spielen in der Matsche

Der Regen hat sich verzogen, die Sonne weckt mich um acht Uhr. Unten in der Stube ist es noch ruhig, ich rĂ€ume langsam meinen Kram zusammen und packe mein Moped. Javier ist auch schon aktiv, rĂŒckt die Straßentische in die Sonne und macht es sich anschließend mit einer ersten Tasse Mate gemĂŒtlich. Ich nehme an meinem Lieblingstisch platzt, Javier macht mir Spiegeleier, KĂ€se, Marmelade, Brot und einen starken Kaffee mit etwas Milch. WĂ€hrend er serviert singt er schon wieder von CorazĂłn und amor. Der Fernseher kotzt irgendwelche Fußballschnipsel von gestern ins FrĂŒhstĂŒck, Deutschland hat glaube ich verloren, Javier freut sich. Meine Frage, in welcher Gruppe Chile spielt, beantwortet er nicht. Es steht wieder unentschieden zwischen uns, was die Schadenfreude angeht. Dann geht es auch schon bald los, herzlicher Abschied von meinen Gastgebern, wie sehr hab‘ ich mich wohl gefĂŒhlt hier! Bienchen summt, der Tank ist voll, ein herzliches Winken und El Quijote verschwindet im RĂŒckspiegel.

Die Carretera ist in diesem Abschnitt bis auf ein paar Baustellen asphaltiert, drei BrĂŒcken muss ich queren bis Puyuhuapi, die Landschaft ist beeindruckend. Schneller als einhundert fahre ich selten, meistens weniger, auf Schotter (span. ripio) wird es ab sechzig etwas kribbelig, die SchĂŒttung ist relativ grob und die Schlaglöcher sind schon erheblich. Weit ist es nicht bis Puyuhuapi, Slow Travel ist meine Devise und so erreiche ich mein Ziel gemĂŒtlich am frĂŒhen Nachmittag.

Das Wunschhotel ist leider voll, zwei TĂŒren weiter empfĂ€ngt man mich gerne. Einchecken, duschen, die letzten, sauberen KleidungsstĂŒcke machen mich wieder gesellschaftsfĂ€hig. Ein Spaziergang durchs Dorf, ein Besuch im Minimercado - ich brauche noch Sonnenschutz. Auf dem Heimweg bleibe ich noch im Park hĂ€ngen. Einige MĂ€nner spielen Rayuela, das ist wie das französische Boule nur mit einer Art eisernem Eishockeypuck, der in einen Matschekasten geworfen wird. Die MĂ€nner nennen das Spiel Tejo und es ist sehr alt. Dann schlendere ich Richtung Hotel und lasse mir einen sehr leckeren Veggie-Burger servieren mit einem deutschen Bier - gebraut in Chile. Die super netten MĂ€dels hier im Restaurant gibbeln unaufhörlich und amĂŒsieren sich ĂŒber jedes meiner Worte, entweder mögen sie mich oder ich spreche tatsĂ€chlich so ein beschissenes Spanisch, dass Lachen erlaubt ist. Egal, ich habe Hunger. Daran, dass Veggie Food hier immer Eier enthĂ€lt, habe ich mich lĂ€ngst gewöhnt, aber gleich zwei Spiegeleier in einem Burger ist schon sehr kreativ, zumindest was die technische Essbarkeit angeht. Nach einer mittleren Sauerei bin ich dann auch satt und sehr erfreut, wie gut der Burger war. Bezahlt wird morgen, es ist nur eine kleine steile Holztreppe nach oben in mein Zimmer, dann ist Schicht. Morgen ist Wandertag, da muss ich ausgeschlafen sein. Gute Nacht.

25. November 2022 - Regentag - Sendero Ventisquero Colgante

Es hat nicht geklappt, soviel sei vorweggenommen. Geplant war eine kleine Wanderung zum Ventisquero Colgante, das ist ein riesiger Bergkessel unterhalb eines Gletschers, der das Wasser mehrerer WasserfĂ€lle auffĂ€ngt und sammelt. Es ist ein spektakulĂ€rer Anblick, die hohen WasserfĂ€lle anzusehen, die seit Jahrtausenden das Gletscherwasser zu Tal bringen. Das Wetter ist mĂ€ĂŸig heute, am Nachmittag ist Regen möglich. Wir versuchen unser GlĂŒck am Morgen und trampen mit dem ersten Auto zum Eingang des Queulat Nationalparks, wo wir mit ganz großem Registrierungs-Zeremoniell um elf Dollar erleichtert werden. „Wir“ das sind eine Französin aus Montpellier und ein junges französisch-spanisches PĂ€rchen, die wir in der gleichen Unterkunft wohnen.

Schon von unten können wir eine kleine Ecke des Gletschers sehen, fĂŒr den Rest mĂŒssen wir uns spĂ€ter anstrengen. Der Wanderweg fĂŒhrt zunĂ€chst ĂŒber eine hölzerne HĂ€ngebrĂŒcke, dann durch dichten Urwald hinauf zum Aussichtspunkt. Insgesamt sind es knapp anderthalb Stunden mit einem relativ steilen Mittelteil. Ich fĂŒhle mich sehr an Neuseeland erinnert, ĂŒberall ist es grĂŒn und es plĂ€tschert so gewohnt rechts und links des Weges. Die Farne rollen gerade zu Hunderten ihre neuen BlĂ€tter aus, ich fĂŒhle mich als sei ich noch gar nicht in Chile. Dann wird es ungemĂŒtlicher, es beginnt leicht zu nieseln. Der dichte Urwald kann uns zwar noch vor dem Niederschlag schĂŒtzen, aber die Wolken ziehen langsam von den Bergen herab. Wir gehen weiter, es ist nicht mehr weit. Keiner verliert ein Wort darĂŒber, aber jeder befĂŒrchtet das, was dann leider auch eintritt: Nebel! Wir sind oben am Aussichtspunkt und können fast nichts sehen.

Der internationale Humor und der gut gemeinte Positivismus aller Anwesenden ist zwar ein solidarisches Erlebnis, aber fĂŒr klare Sicht wĂŒrde ich jetzt auch einen Bus Kreuzfahrttouristen in Kauf nehmen. Das darf echt nicht wahr sein. Der stĂ€rker werdende Regen löscht jeden Funken Hoffnung, wir machen uns auf den RĂŒckweg. Und wenn es schlecht lĂ€uft, dann richtig, es beginnt intensiver zu regnen und das Wasser wird durch den Urwald gebĂŒndelt und kommt in ganz dicken Tropfen oder Rinnsalen von den BĂ€umen. Jeder Ast, jeder Busch und jeder ausladende Farn streift seine Wasserfracht irgendwo an unseren Klamotten ab. Auf dem engen und dicht bewachsenen Pfad komme ich mir vor wie zu Fuß in einer Autowaschanlage. Als wir nach einer guten Stunde unten ankommen sind wir alle komplett durchnĂ€sst. GlĂŒck im UnglĂŒck ist, dass wir per Anhalter alle von einem Kleinbus mitgenommen werden, der uns bis vor unser Hotel bringt. Mit diesem frustrierenden Feuchterlebnis ist natĂŒrlich auch die BeschĂ€ftigung fĂŒr den Nachmittag klar. Alle Klamotten auf WĂ€scheleinen verteilen und trocknen. Drinnen! Denn draußen ist es immer noch kalt und nass. So, Frustphase aus. GemĂŒtlichphase an! Das ist ĂŒbrigens ein erwĂ€hnenswerter Punkt, die Menschen hier sind dermaßen hilfsbereit und nett. Sei es bei der Zimmersuche, organisatorischen Dingen wie Tickets, Immigration, Telefonate oder eben beim Trampen. Eine wahre Freude.

Mit allen Wetteropfern treffen wir uns unten im Hotel Don Claudio - auch die, die nicht hier wohnen - und machen uns bei Kaminfeuer, Wein und selbstgebackenem Streuselkuchen einen gemĂŒtlichen Plauderabend. Als Überraschungsgast fĂ€hrt dann auch noch Felipe draußen am Fenster vorbei, mit ihm habe ich mir vor zehn Tagen das letzte Zimmer in Osorno geteilt - ihr erinnert Euch. Er kommt gerade von SĂŒden hoch und ich kann ihn soeben auf der Straße anhalten und heranwinken. Das ist das schöne auf den Traveler-Routen, man trifft sich immer mal wieder. Die GesprĂ€che gehen bis spĂ€t in den Abend, mit steigendem Alkoholspiegel vermischen sich die Sprachen zu einem lustigen Kauderwelsch, das eines Wörterbuches der StilblĂŒten wĂŒrdig wĂ€re. Dann ist Schlafenszeit, die Hunde lassen mich auf meinem kurzen Heimweg in Ruhe, vielleicht kennen sie mich ja schon oder sie fressen keine Schnapspralinen. Die Sachen im Zimmer sind immer noch feucht, dennoch schlafe ich tief und traumlos. Gute Nacht.

26. November 2022 - Panoramen, SchotterpÀsse und Blumenmeere

Der Tag beginnt schon mit Sonnenschein und mein FrĂŒhstĂŒck im Don Claudio nebenan bekomme ich gratis, weil ich gestern Abend einen Gast vermittelt habe. Das war Felipe, der fast vorbeigefahren wĂ€re. Einige der anderen Reisenden sind schon mit dem Sechs-Uhr-Bus losgefahren, die Spanier auf dem Motorrad habe ich noch abfahren gesehen. Der Rest schlĂ€ft wohl noch. Das FrĂŒhstĂŒck ist richtig gut, natĂŒrlich mit selbstgebackenem Streuselkuchen und richtigem Kaffee. Ein kleiner Plausch noch mit den Franzosen, dann wird es auch fĂŒr mich Zeit. Bienchen ist schnell gepackt, die immer noch feuchten Klamotten von gestern habe ich alle in einen großen MĂŒllsack gepackt, die werden heute Abend gewaschen. Das Hotel in Coyhaique, meinem Tagesziel, habe ich nur nach dem Kriterium „Waschmaschine“ ausgesucht.

Es sind 233 Kilometer und mich erwarten wunderbare Landschaften und eine leere Carretera Austral. Schotter ist heute nicht viel dabei, es wird also sehr entspannt. Noch schnell zur Sicherheit volltanken, dann die erste Überraschung. Benzin ist alle. Nur Diesel. Bienchen ist allergisch auf Diesel, geht also nicht. Na gut, die angezeigte Reichweite ist noch 450 km, das reicht. Da zahlt sich die Regel aus, an jeder Tankstelle vollzutanken!

Raus aus Puyuhuapi und auf die Ruta 7. Die ersten Kilometer kenne ich ja schon von gestern, Schotterpiste mit elendem Schlaglochmosaik und eine provisorische BrĂŒcke. Der erste Teil besteht aus langen Straßen mit unglaublicher Fernsicht. Hier habe ich Zeit, Entfernung zu spĂŒren, hier fĂŒhle ich mich tatsĂ€chlich sehr weit weg von allem, insbesondere bei dem Gedanken, dass es erst die HĂ€lfte des Weges nach Feuerland ist. Der erste steile Pass am Rio Quelat ist geschottert und geht wirklich in richtig engen Serpentinen nach oben. WegeindrĂŒcke abschalten und auf die Piste schauen. Bienchen macht das hervorragend.

Danach folgt ein zweiter kleinerer Pass, dann wird es wieder beschaulich und schön. Überall Blumen, hinter jeder Kurve eine neue Aussicht auf neue schneebedeckte Berge. FlĂŒsse queren oder begleiten mich, senkrechte FelswĂ€nde beeindrucken mich und werfen gefĂ€hrlich große Steine auf die Straße, Seen spiegeln das Bergpanorama und der Wind blĂ€st mir den sĂŒĂŸen Duft der blauen Lupinien in die Nase. UngezĂ€hlte Fotostopps lassen die Zeit vergehen, ich treffe noch zwei Belgierinnen am Mirador de Rio Cisnes, die mit einem Camper unterwegs sind und eine Französin meines Alters, die im Alleingang mit dem Rad die Carretera bezwingt. Respekt! Ich lasse Euch jetzt einfach mit den Bildern alleine, was soll ich dem noch hinzufĂŒgen?

In Coyhaique angekommen checke ich in meinem kleinen Hotel ein, nun ja, es ist eine Großbaustelle im Wellblechbezirk. Trotzdem ist alles sehr sympathisch und warmherzig hier. Das Apartment ist sehr hĂŒbsch, die Waschmaschine ist nagelneu. Gleich wird sie zeigen mĂŒssen, was sie kann. Sandra, die Gastgeberin, versorgt mich mit Waschpulver und der Chilene unten im Haus lĂ€dt mich zu einem kolumbianischen Kaffee ein, der Tote weckt. Der kleine Schnauzer hat sich auch beruhigt, er hat an meinen Motorradstiefeln schnuppern dĂŒrfen, jetzt sind wir Freude! Dann geht es noch kurz zum kleinen Supermarkt an der Ecke, heute koche ich selbst.

Alle Fenster auf, der Ausblick nach hinten heraus ist prĂ€chtig, Berge im Sonnenuntergang, die Waschmaschine arbeitet und ich stelle die noch feuchten Wanderschuhe zum Trocknen raus. Wenig spĂ€ter ist die HĂŒtte von KochdĂŒften erfĂŒllt, ich habe mich entschieden fĂŒr „PĂątes aux tomates concassĂ©es et fromage hollandais“, also Spaghetti mit Tomatensauce. FlĂ€schchen Tinto dazu, was fĂŒr ein Fest. Schließlich muss die saubere WĂ€sche gefeiert werden. Alles ist wieder sauber! Und mit diesem GlĂŒcksgedanken endet der Abend auch.

27. November 2022 - Reboot

Heute ist Sonntag, die SonnenwĂ€rme schiebt sich schon frĂŒh durch mein Schlafzimmerfenster und weckt mich. Ausschlafen ist erlaubt, ohne LĂ€rm auf der Hotel-Baustelle, ohne Verabredungen mit irgendwelchen Straßen oder Pisten, kein Check-out. Und wĂ€hrend meine Körperfunktionen sukzessive ihre Arbeit aufnehmen betrachte ich das Regal zu meinen FĂŒĂŸen. SĂ€mtliche Klamotten, egal ob technisch, kleidend oder gedruckt, sind ausgepackt und vereinzelt. Entweder weil sie nass waren, verdreckt oder fehlsortiert. Das zu Ă€ndern ist das heutige Tagesziel. Doch als erstes brauche ich einen Kaffee.

Meine WĂ€sche trocknet draußen noch bis zur Packreife, derweil werden alle Akkus geladen - was fĂŒr einen technischen Schnickschnack ich mithabe ist unglaublich. Auf der nĂ€chsten Tour wird das weniger! Nach und nach findet jedes Teil seinen vorgesehen Platz: Stecker, Kabel, Adapter, Connector, Akkumulator, Halter, Charger, Netzteile, Speicherkarten, Speichersticks, Headset, Headlamp, Lupe, Kameramikrofon, Actioncam, Helmcam, Fernbedienung, Festplatte, Sonnenbrille, Taschenmesser, Kugelschreiber... Die Liste ist endlos. Das ist so wie „auf Werkszustand zurĂŒcksetzen“ oder „Format C:“. Dauert gefĂŒhlt auch genauso lange!

Dann kommt der feierliche Moment des WĂ€schefaltens. SorgfĂ€ltig genau auf das Maß meiner WĂ€schetaschen. Es duftet nach Reinheit ĂĄ la Clementine und alles ist blitzsauber, kein Ei-Blut-Kakao ist mehr zu sehen, wie die WĂ€sche auf der lĂ€ngsten WĂ€scheleine der Welt. Das, meine Damen, sind doch Fakten. Jetzt mĂŒssten die Kapriolen kommen, dann umschalten zur Tagesschau. Gong!

Es fĂŒgt sich Eins zum Anderen, am Ende herrscht wieder eine peinliche Ordnung in meinen Taschen. Mutti wĂ€re stolz auf mich, wĂ€re da nicht mein ungepflegtes Äußeres. Nein, die ĂŒberfĂ€llige Rasur wird ausgesetzt, habe keine Lust. Außerdem mĂŒsste ich den Kultusbeutel wieder öffnen und schon hĂ€tte ich neues Chaos.

Nach dieser krĂ€fteraubenden Aktion ist es Zeit fĂŒr ein HĂ€ppchen, dann fĂŒr ein Nickerchen. Den Nachmittag fĂŒlle ich mit Behebung von Schreibschulden und Etappenplanung fĂŒr morgen und ĂŒbermorgen, ein wenig elektronischer Korrespondenz mit zuhause und Kochen. Es gibt das gleiche zu essen wie gestern, vielmehr passiert heute nicht.

Formatierung erfolgreich abgeschlossen, Reboot morgen frĂŒh!

28. November 2022 - ZurĂŒck ins Herz der patagonischen Anden

Aufstehen, packen, Kaffee, weg hier. Ein herzliches Adios von Señora Sandra und ihrem KlĂ€ffer. Als erstes geht’s zur Polizei. Genauer zur PolicĂ­a De Investigaciones De Chile, kurz PDI. Dort muss ich checken, ob ich nĂ€chste Woche problemlos am Paso Rodolfo Roballos nach Argentinien rĂŒberkomme. Das Procedere zusammen mit den freundlichen Officers ist lustig. Ich bekomme ganz modern einen QR Code rĂŒbergereicht, der aber nur auf die Homepage der PDI verweist. Dort muss ich einen Antrag fĂŒr eine Aufenthaltsgenehmigung stellen. „Nein, ich möchte ausreisen, Señor.“ „Ist egal, alles dasselbe!“ Ich fĂŒge mich der AutoritĂ€t, weiter mit dem Fragebogen. Adresse in Chile. „No tengo. Estoy Turista.“ Antwort: „Ist egal, schreib ein Hotel rein!“ Ich fĂŒge mich der AutoritĂ€t. Dann meine Telefonnummer. +49172... usw. Das Feld erlaubt (wie immer online) nur das chilenische Limit von zwölf Ziffern. Die AutoritĂ€t nimmt mir mein Handy aus der Hand: „Ich schreibe meine rein, die passt.“ Ich danke dem Officer. Dann macht er noch ein Halbkörperfoto von mir in dreckiger Mopedkluft und derangierter Helmfrisur und fĂŒgt es dem Antrag hinzu. Enter. „Estimado Thomas, Sie erhalten nach PrĂŒfung eine E-Mail usw.“ Toll! Mittlerweile stehen drei dekorierte Offizielle hier herum, weil die Erledigung meines Anliegens offensichtlich etwas Abwechslung in den Alltag bringt. Ich werde mit HĂ€ndeschĂŒtteln eines jeden verabschiedet, „Adios y muchas gracias señores por su ayuda!“

Coyhaique ist schnell hinter mir, die einzige Straße nach SĂŒden ist die Carretera Austral, die muss ich nehmen. Ein gigantischer Basaltberg prĂ€sentiert sich wie ein TĂŒrsteher am Ortsausgang. Der Verkehr verdĂŒnnt sich zunehmend. Als die Ruta 7 sich dann gabelt folge ich ihr nach rechts, der Verkehr reißt vollstĂ€ndig hinter mir ab. Ich bin alleine. Das wunderbare GefĂŒhl, weit weg und unerreichbar zu sein, stellt sich nach wenigen Kilometern wieder ein und ich öffne meine Sinne fĂŒr die Einzigartigkeit der patagonischen Anden. Die Topografie ist hier schroffer als auf den vergangenen Etappen, die kargen Berge sind mineralhaltiger und dadurch oft farbig. Bis ins GrĂŒn und Orange variieren die Tönungen der Sedimentschichten in den geologischen Fenstern. Im Kontrast dazu blaue FlĂŒsse und prĂ€chtige Wiesen mit ĂŒberwiegend Löwenzahn, wie ich es noch nie gesehen habe. Durch enge TĂ€ler windet sich die Carretera, dann ĂŒberquere ich die Passhöhe zum Tal von Cerro Castillo. Ein Mirador bietet eine traumhafte Aussicht auf die gesamte Ebene hinter den Serpentinen, bis hinab zum Ort Villa Cerro Castillo. Lange Zeit fesselt mich dieser Ausblick, andere Menschen kommen und machen Fotos und fahren wieder, ich versuche nur diese Dimensionen zu begreifen, sie sind einfach unfassbar. Ich gebe mich geschlagen, die passenden Worte zu finden. WĂŒrde man mich jetzt nach meinen EindrĂŒcken fragen, wĂ€re meine Antwort vermutlich die gleiche wie die des unsterblich in FalbalĂĄ verliebten Obelix: „Grmpft!“

Bienchen trĂ€gt mich sicher die weiten Kurven des Passes hinab, ich fahre ausnahmsweise mit offenem Helm, meine Blicke sind wie an die Berge der Cordillera angeheftet, ich spĂŒre die warme Sonne im Gesicht. Nicht aufwachen jetzt, es ist zu schön!

Der winzige Ort biete keine große Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten, ich nehme, was mir sympathisch erscheint. Die freundliche, alte Frau nimmt ihre KrĂŒcke zur Hand und geht gebĂŒckt voraus. Sie öffnet die verzogenen HolztĂŒren mit einem krĂ€ftigen Ruck. ÂĄVen, señor! Dann zeigt sie mir die kleine Schlafkammer und das Gemeinschaftsbad auf dem Flur. Man könnte jetzt respektlos die Nase rĂŒmpfen ĂŒber ein Loch von Unterkunft, das aus OSB Platten, Wellblech und Resopal zusammengezimmert ist oder sich freuen ĂŒber das, was hier möglich gemacht wird. Ein Einzelzimmer mit einem Bett, kleiner Teppich, Garderobe und Fenster zum Innenhof. Das Wasser in der Dusche ist schön heiß, eine kleine Dose löslicher Kaffee steht in der KĂŒche zur VerfĂŒgung. Emilio macht das Internet zugĂ€nglich, Bienchen darf im sicheren Schuppen parken. Die alte Frau gibt mir ein blaues Badetuch und nennt mir selbstbewusst den Preis: „Quince mil, señor.“ Das sind siebzehn Euro. Gerne, vielen Dank! Ich bin gerĂŒhrt.

Nach kleiner Erkundung des Ortes bringe ich leider in Erfahrung, dass der Wanderweg zur Laguna Cerro Castillo wegen der Wetterbedingungen gesperrt ist. Es liegt noch zu viel nasser Schnee dort oben, der rutschen kann. Schade. Abgesehen davon ist es eine ziemlich harte Tour dort hinauf. Noch ein Kaffee am Plaza und dann ein gemĂŒtliches Dinner im Restaurant nebenan.

Der Tag endet mit dem kleinen Reisebericht von heute, ich bin mĂŒde und freue mich auf die windige Nacht in meiner wunderschönen BretterhĂŒtte. Gute Nacht allerseits.

29. November 2022 - Von Cerro Castillo nach Puerto Rio Tranquilo

Bestes Reisewetter prĂ€sentiert sich, als ich frĂŒh in meinem kleinen Kabuff wach werde. Der Tag beginnt damit, das Motorrad ordentlich zu packen. Auf ein selbst gemachtes FrĂŒhstĂŒck in der dĂŒrftigen KĂŒche verzichte ich und fahre reisefertig in das kleine CafĂ© von gestern. Eine Gruppe von Motorradfahrern trifft ebenfalls gerade ein und hat dieselbe Idee wie ich. Es sind fast alles Deutsche, die eine gefĂŒhrte Tour auf LeihmotorrĂ€dern machen. Schnell ist der kleine Laden voll und Jefe hat alle HĂ€nde voll zu tun, gerĂŒhrte Eier, geschnittenes Brot, sortierten KĂ€se und gelösten Instantkaffee zu servieren. Und tatsĂ€chlich schmeckt der heiße Kaffee, oder besser, er tut mir einfach gut, denn es ist noch recht frisch draußen und ein krĂ€ftiger Wind blĂ€st immer noch von den Bergen herunter.

Ein Kommen und Gehen in dem kleinen CafĂ©, klumpige Motorradstiefel schlurfen ĂŒber das raue Terrakotta. Unvermeidbar bekomme ich die engagierten GesprĂ€che am Nebentisch mit. BenzingesprĂ€che. Es wird mit Modellnamen, Serienbezeichnungen, technischen Daten, Preisen und wichtigen Fachinformationen nur so um sich geworfen. Ich kann da nicht mithalten und komischerweise interessiert mich das auch alles gar nicht. Manchmal denke ich in solchen Momenten, ich bin schlecht informiert und mir geht viel verloren am Motorradfahren, weil ich das alles nicht weiß. Oder noch schlimmer, diese gut informierten Insider haben durch ihr Wissen Vorteile in Sicherheit, Komfort und Fahrspaß. Ich werde diesen Konflikt auch heute nicht lösen und genieße lieber den Rest meines Kaffees und die leckeren RĂŒhreier.

So, fertig, bezahlen, ich will los. Die Sonne hat bereits meine schwarze Sitzbank krĂ€ftig vorgeheizt, Halstuch um, Jacke bis obenhin zu, Helm runter und heute die warmen Handschuhe anziehen. Einmal noch um den Plaza de Armas, dann habe ich wieder die Carretera vor mir. Schotter. Asphalt gibt’s seit gestern nicht mehr. Auf geht’s!

Die Piste lĂ€sst sich entspannt an, ich komme gut voran. Ich sauge die Bergpanoramen nur so in mich hinein. FlĂŒsse begleiten mich, zunĂ€chst der blaue RĂ­o Ibåñez, spĂ€ter der grĂŒne RĂ­o Murta. Um all die unglaublichen Landschaften abzulichten, mĂŒsste ich zu Fuß gehen. Oft bleibe ich deshalb stehen, denn diese Panoramen kann ich nicht undokumentiert lassen. Die gefĂŒhrte Truppe ĂŒberholt mich derweil, dann fahren wir wieder stĂŒckweise zusammen. Einfach so. Irgendwo am Lago General Carrera, zwanzig Kilometer vor dem Ziel kommen wir ins GesprĂ€ch. Nette Jungs, zwei Sozia und ein Buddy von den Virgin Islands, bunter geht’s nicht. Jetzt auf die Zielgerade, die Sonne scheint intensiv, der Wind kĂŒhlt. Wir sind da. Der erste Anlaufpunkt fĂŒr alle ist wie immer die Tankstelle, wer weiß, ob morgen noch Sprit da ist.

Ich checke in einem kleinen Hotel an der Seepromenade ein, abladen und den Staub der Piste wegduschen. Gleich gegenĂŒber sind die ganzen Baracken der Touranbieter fĂŒr die Marmorgrotten, die „Capillas de MĂĄrmol“, denen ich einen informellen Besuch abstatte. Irgendwie bietet jeder das gleiche an, was ja kein Wunder ist, und doch ist alles irgendwie anders und am Ende kommt aber immer der gleiche Preis raus. Das ist in etwa so wie bei den HandyvertrĂ€gen, man muss schon sehr genau wissen, was man möchte. Den endgĂŒltigen Kauf verschiebe ich auf morgen frĂŒh, denn ich habe Hunger.

In einem keinen Fischrestaurant treffe ich Tina, eine Französin, die ich aus HornopirĂ©n kenne und die zufĂ€llig auch hier ist. Im Grunde genommen ist das gar kein großer Zufall, denn es gibt nur diese eine Ruta 7, auf der alle unterwegs sind. Es wird eine wunderbare Pastel de Jaiba serviert, das ist eine chilenische Krebstorte, die mich sehr begeistert. Dazu einen frischen Blanco de casa, ich bin hin und weg! Wir plaudern ĂŒber Lieblingsorte in Frankreich, chilenische Geschichten von unterwegs und so vergeht der Abend wie im Flug und mein Bett ruft irgendwann leise aus der Ferne. Ich wĂŒnsche allen eine geruhsame Nacht!

30. November 2022 - Feinster Marmor, ein Totendorf und Stöckchen holen

Ich bin verabredet mit der Touranbietern fĂŒr die Marmorgrotten. Um 9:00 h an den Baracken. Ein paar Bekannte von unterwegs sind auch dort, die Anreißer ĂŒberbieten sich an Freundlichkeit und Kumpelhaftigkeit, dass es schon unangenehm wird. Grund ist, dass sie die Mindestteilnehmerzahl fĂŒr die Tour nicht zusammenbekommen, um wirtschaftlich zu sein. Tja, nun haben sie uns aber gestern vollmundig fĂŒr heute bestellt und jetzt möchten wir gerne zur Grotte. Es entsteht viel Diskussion mit den konkurrierenden Unternehmen und irgendwie schustern sie eine gemischte Tour fĂŒr acht Personen zusammen und sind vermutlich froh, dass sie nicht draufzahlen. Man verzichtet sogar auf die GebĂŒhr fĂŒr Kreditkartenzahlung, was sehr auffĂ€llig ist. Kurzum, in zwanzig Minuten Treffpunkt am Pier.

Schwimmwesten an, kurze BegrĂŒĂŸung und Einweisung, dass wir sitzenbleiben mĂŒssen im Boot, dann schippern wir los. Ich habe mich gleich gefragt, wie man bei der Fahrt aufstehen könnte. Im Affenzahn fliegt unser Außenborder ĂŒber die erstaunlich hohen Wellen des Lago General Carrera, dass es nur so spritzt und knallt. Der morgendliche Wind ist eiskalt, die Luft ist glasklar und die Sicht ist unglaublich. Die Berge in der Ferne erscheinen zum Greifen nah und die Farbe des Wassers ist unnatĂŒrlich blau. Es dauert zwanzig Minuten bis wir in eine Bucht einfahren, dann glĂ€ttet sich schlagartig das Wasser im Windschatten der Landzunge. Die ersten kleinen Marmorhöhlen tauchen am Ufer auf und wir schaukeln ihnen langsam nĂ€her. Bis zu 200 Metern lang sind die HöhlengĂ€nge, die hier am Ufer beginnen. Der Marmor wirkt kalt, hart und stabil genug, den ganzen Berg zu tragen. Die morgendliche Sonne leuchtet flach in die Höhlen, das tĂŒrkise Wasser wirkt surreal. Gelb ist die einzige Farbe im weißgrauen Gestein der Grotten und wird vermutlich durch Limonit hervorgerufen, aber da sollte man vielleicht besser eine Geologin oder einen Geologen fragen. Ich lasse es mir einfach nur gefallen und bin völlig fasziniert von den klarlinigen, kontrastreichen Feinstrukturen und OberflĂ€chen. Dann fahren wir hinĂŒber zu den Marmor- und SteinsĂ€ulen, die mitten in der Bucht im Wasser stehen. Wie gigantische steinerne Pilze und Kuppeln ragen sie aus dem blauen Wasser heraus. Die schmalen SĂ€ulen, auf denen sie stehen, sind an ihrer Basis durchlöchert von der Erosion durch das Seewasser. Wir fahren ganz nah heran und lassen uns beeindrucken von den Lichtspielen und Farben. Was fĂŒr ein eindrucksvoller Ort.

Der RĂŒckweg ist noch grober als die Hinfahrt, weil wir nun gegen die Wellen fahren. Ich muss mich wie ein Jockey am Vordersitz festhalten und halb stehen in meinem Sitz, weil es sonst dermaßen ins Kreuz schlĂ€gt, dass es kein Spaß mehr ist. Zum GlĂŒck dauert es nicht lang und wir erreichen glatteres GewĂ€sser. Dann sind wir zurĂŒck am Pier. Es ist bereits Mittag und die Sonne scheint vom blauen Himmel, aber durchgefroren bin ich immer noch, trotz warmer SkiunterwĂ€sche und Windstopper. ZurĂŒck ins Hotel, aber wĂ€rmer wird’s mir auch dort auch nicht.

Da ich nach dem frĂŒhen FrĂŒhstĂŒck nun deutlichen Mittagshunger verspĂŒre, finde ich es eine kluge Idee, die innere ErwĂ€rmung durch Zufuhr von heißer FlĂŒssigkeit herbeizufĂŒhren. Einfacher ausgedrĂŒckt, ich habe tierisch Lust auf eine heiße Suppe! Gesagt getan, das gute Restaurant von gestern hat bereits geöffnet und qualifiziert sich durch den Aushang der Tageskarte. Darauf steht: Sopa de Mariscos. Ich nehme Platz in der ersten Etage mit Aussicht und bestelle ohne weitere LektĂŒre der Karte: „¿Hola, quĂ© tal? Me gusta la sopa del dĂ­a.“ Freundlich rauscht der Kellner wieder ab und im Handumdrehen steht eine große Schale dampfender Suppe vor mir. Und was fĂŒr eine. Ein ganzer Berg von schwarzen Miesmuscheln, Venusmuscheln, Krabben, Krebsen und GemĂŒse in kochend heißem Sud verströmt einen intensiv wĂŒrzigen Duft, dass es eine Freude schon vor dem ersten Löffel ist. Abwechselnd mit den Fingern in den Schalentieren und mit dem Löffel im Sud genieße ich mein Mittagessen mit offensichtlicher Freude. Im Vorbeigehen wirft mir der nette Kellner auch ein konstatives „¡Sabe bien!“ zu und nicht das interrogative „¿Sabe bien?“, in dem immer die Unsicherheit mitschwingt, ob es dem Gast denn tatsĂ€chlich schmeckt oder nicht. Ich genieße jeden Bissen und speise ohne Eile, aber dennoch in angemessener ZĂŒgigkeit, dass das Essen noch heiß genug verbleibt, mich zu wĂ€rmen. Die letzten Löffel leeren die Schale restlos und der Teller mit den „Crustae“ quillt ĂŒber. Mir ist warm geworden! „Ah! Jetzt geht‘s besser!“ (Estragon, Warten auf Godot, 1. Akt).

Statt eines VerdauungsschlĂ€fchens kĂŒmmere ich mich um ein paar organisatorische Dinge fĂŒr die nĂ€chsten Etappen, anschließend mache ich mich auf zu einem Erkundungsspaziergang in der Gegend. Ich finde einen kleinen Wasserfall, viele schöne Aussichtspunkte auf den Lago General Carrera mit Massen von gelben Lupinien am Seeufer. Dann passiere ich einen abgelegenen Friedhof, der etwas Lebensfrohes hat. Sicher, ein sprachliches Paradoxon, aber was die Gestaltung dieser letzten menschlichen RuhestĂ€tten angeht, wirkt er sehr freundlich und einladend. Die GrĂ€ber sind in kleinen HolzhĂ€uschen untergebracht, richtig mit WĂ€nden und DĂ€chern. Es wirkt alles wie ein kleines Dorf. Ein Dorf, in dem vielleicht die Seelen der Verstorbenen fröhlich weiterleben. Am Dorfrand sind die frischen GrĂ€ber der neu hinzugezogenen „Bewohner" zu finden, auf denen quietschbunte Blumengestecke liegen, wie die RichtkrĂ€nze eines Neubaugebiets. Ein bemerkenswerter und gutmĂŒtiger Ort!

Ein kleiner Hund kommt herbeigelaufen, begrĂŒĂŸt mich und bleibt dann an meiner Seite. Der RĂŒckweg fĂŒhrt mich - oder besser uns - am Strand entlang. Das Licht wird etwas rötlicher, die Sonne steht schon tief. Immer noch ist die Sicht glasklar und ich atme dieses unglaubliche Panorama tief in mich ein. Ich möchte etwas mitnehmen davon. Der kleine Hund, eine Art Border Collie, lĂ€uft ein StĂŒck fort, holt einen Stock, bringt ihn mir, legt ihn ab und legt sich rassentypisch ganz zackig daneben. Ich bin beeindruckt, das muss er doch irgendwo gelernt haben. Ich werfe den Stock natĂŒrlich weit fort und es beginnt ein endloses Spiel. Lautlos, ohne Bellen und ohne spielerisches Gezerre um den Stock. Holen, ablegen, daneben legen. Was fĂŒr ein Spaß. Als ich weitergehe werden andere SpaziergĂ€nger zum Spiel ĂŒberredet, so kann ich mich ohne den netten Kerl ignorieren zu mĂŒssen dem Abendlicht widmen. Ein Bierchen gönne ich mir noch bei Restsonne auf der Terrasse der Cervezeria. Im spiegelnden Fenster kann ich mich erkennen und sehen, dass ich das Grinsen heute nicht mehr aus dem Gesicht bekommen werde. Ein toller Tag. Lassen wir es mit dieser Schlusseinstellung ausklingen und bis morgen.

1. Dezember 2022 - Blaue Seen und halbe Pirouette

Es geht weiter gen SĂŒden. Treffpunkt noch einmal an der Tankstelle, diesmal an der LuftdrucksĂ€ule. Vollgetankt haben wir ja schon bei der Ankunft. Ein paar Deutsche sind auch dabei, allgemeines Geplauder und gute Stimmung. In lockerem Verbund fahren die meisten los, das hat den Vorteil, dass Begleitung da ist, falls sich dann doch mal einer auf der Piste hinlegt. Es geht flott voran, schönste letzte Aussichten auf den riesigen Lago General Carrera, dann lange Geraden mit Bergpanorama am RĂ­o Delta. Die Piste ist in gutem Zustand, was bedeutet, sie ist hart mit Spuren und wenig grobem Schotter. Das Feld entzerrt sich, ich verliere den Vordermann, andere ĂŒberholen, dann staucht sich alles wieder und ich ĂŒberhole Vorausfahrende und so fort. Hinter einer BrĂŒcke mit herrlichem Ausblick auf den Lago Bertrand halten viele fĂŒr eine kleine Verschnaufpause und ein paar Erinnerungsfotos an. Dann setzt sich die Panoramafahrt fort, die AbstĂ€nde werden grĂ¶ĂŸer, was den Staub reduziert und eine bessere Sicht bietet, zumal man sich ohnehin wenig mit Seitenblicken verwöhnen kann, zu tĂŒckenreich ist die Piste dafĂŒr.

Irgendwann verschwindet mein Hintermann und taucht auch nicht mehr auf. Ich warte etwas, dann drehe ich um, um nach ihm zu schauen. Er und ein weiterer Biker kommen mir zu zweit mit Daumen hoch entgegen, alles gut, nichts passiert. Gut! Ich drehe wieder in die richtige Fahrtrichtung und folge alleine. Eine lange, harmlos erscheinende Gerade hat es dann in sich. Zentimeterhohe frische und grobe SchĂŒttung und butterweich, ekeliger geht es nicht. Die HĂ€lfte schaffe ich mit einigen Balletteinlagen, dann sind 420 KG bewegte Masse zu viel und Bienchen liegt mit mir im Dreck. Das war dann die Schlussfigur: Halbe Pirouette mit Ablage. Mist! Jetzt ist es passiert! Aber nix tut weh, schnell waren wir ja auch nicht, geschrappt hat es ganz ordentlich, aber alles scheint ok zu sein. Motor aus, aufstehen und abstauben.

Bienchen aufzuheben versuche ich erst gar nicht, ich habe altersgemĂ€ĂŸen Lumbalwirbelverschleiß. Abladen habe ich keine Lust, also heißt es warten. Es dauert auch nur ein paar Minuten, dann folgen drei andere bekannte Biker von heute Morgen, die auch ganz schön heraneiern, allerdings haben sie leichtere GefĂ€hrte, was keine Rechtfertigung sein soll, aber damit geht das besser. Vielleicht fahren sie ja auch einfach besser als ich, es ist nicht wichtig. Ruckzuck steht Bienchen wieder aufrecht, zu viert ein Kinderspiel. Ein paar Kratzer am Zylinderprotektor, dafĂŒr ist er da. Der rechte untere SturzbĂŒgel ist verbogen und geschrammt, was ich aber erst spĂ€ter merken sollte. Also Helm auf, Moped an und weiter. Nach einem Abwurf soll man immer sofort wieder aufs Pferd! Ich merke noch deutlich das Adrenalin, wir bleiben zu viert, es sind nur noch gut zwanzig Kilometer. Am nĂ€chsten Abzweig treffen wir uns alle wieder, den Kollegen ist es auf dem besagten StĂŒck auch nicht anders ergangen, nur eben ohne Ablage.

Der atemberaubende Ausblick auf den Barranco Río Cochrane lenkt ab, wir passieren den Abzweig zum Paso Rodolfo Roballos, der am Montag auf mich wartet. Wenig spÀter Einfahrt in Cochrane und - ihr ahnt es schon - zuerst zur Tankstelle.

Ein Hospedaje ist schnell gefunden, es ist eher die Qual der Wahl. Ich suche mir eine Ferienwohnung, weil ich bis Montag hier bleibe. Grund ist der Passierschein fĂŒr die Grenze am Paso Roballos, der erst fĂŒr den 5.12. ausgestellt ist. Zudem brauche ich auch eine Pause im Kopf. Duschen, Klamotten sauber machen, einkaufen. Abends bin ich mit den anderen Motorradfahrern und Tina in der Brauerei verabredet, wie gesagt, man trifft sich immer wieder. All zu spĂ€t wird es nicht, ich bin recht mĂŒde und freue mich auf meinen Kamin! Ein aufregender Tag war das heute.

2.-4. Dezember 2022 - Kein Programm, Kopfurlaub

Drei Tage Pause. Pause im Kopf. Formaler Grund ist bekanntlich meine Passiererlaubnis fĂŒr die Grenze Rodolfo Roballos erst am Montag, aber im Herzen sehne ich mich nach Ausschlafen und Nichtstun. Nach Kochen, FĂŒĂŸe hochlegen, Schreiben, Kaffeetrinken in der Sonne, saubere und normale Kleidung tragen und Treibenlassen. So sind die drei Tage in Cochrane auch völlig planlos und von SpontaneitĂ€t geprĂ€gt. Ich mache einen kleinen Spaziergang zum Mirador Cochrane, mein rechter Fuß hat wohl doch ein bisschen was abbekommen bei dem Sturz gestern. PrĂ€ventive Schonung ist jetzt das Beste, auch wenn es nicht wirklich schlimm ist. Tja, und die Tatsache des Sturzes selbst ist irgendwie auswirkungsreicher als der glimpfliche Ausgang es vermuten lĂ€sst. Es fĂ€llt mir schwer, das „hĂ€tte“ und „könnte“ und „wĂ€re“ abzuschalten. Die fiktive Katastrophe aus dem Kopf zu eliminieren. Der Fleck am stolzen Jackett der Unfallfreiheit seit zehn Jahren Ă€rgert mich, obwohl ich keinen Grund dazu habe. Komischerweise hilft die Dankbarkeit ĂŒber den glimpflichen Ausgang nur wenig beim inneren Dialog. Einerseits bin ich von dem völlig absurden Gedanken geheilt, dass ein Sturz der Super-GAU sei, weil ich die Karre kaum selbst aufheben kann. Normaler Lumbalwirbelverschleiß (s.o.), im Volksmund „RĂŒcken“. Die Lösung ist trivial: Warten! Kommt schon einer. Ich bin doch nicht in Sibirien oder im australischen Outback, sondern auf der grĂ¶ĂŸten und einzigen Nord-SĂŒd-Verbindung SĂŒdchiles. Andererseits wĂ€chst der Respekt vor dem, was ich noch vorhabe. Montag möchte ich durch das Valle Chacabuco, rauf zum Paso Roballos und dann nach Argentinien. Das Ziel ist Bajo Caracoles an der Ruta 40. Kopf aus!

Auf dem Plaza de Armas ist Weihnachten, auch wenn Cochrane vergleichsweise eher ausgestorben wirkt. Ein großer geschmĂŒckter Tannenbaum steht einsam im zentralen Springbrunnen, davor eine Bank mit „Feliz Navidad“ und Weihnachtsmann fĂŒr die Selfiefraktion. Eher formal erkundige ich mich im Tourist Office nach Wandermöglichkeiten, ich weiß, dass die meisten Touren mehrere Tage dauern. Der Rest ist Spazierengehen. Ich kaufe mir einen bunten Aufkleber fĂŒr den Mopedkoffer und im einzigen Outdoorshop eine neue Brille, da ich meine Super-Klarsichtbrille beim Sturz verbummelt haben. Ärgerlich, ein essentielles AusrĂŒstungsstĂŒck. Ein GlĂŒck, dass ich ĂŒberhaupt eine hier in der Wildnis gefunden habe. Zum Abendbrot gibt es Pasta mit GemĂŒse und Parmesan. Lecker! Die ganzen minderwertigen, aber fast unumgĂ€nglichen Lebensmittel des bekannten Schweizer Großkonzern, die den Namen „Lebensmittel“ nicht verdienen, erwĂ€hne ich der guten Laune wegen mal nicht. Die Monopolstellung in den chilenischen SupermĂ€rkten ist beĂ€ngstigend. Abends treffe ich mich ein letztes Mal mit Tina der Französin auf einen Plausch, sie nimmt morgen die FĂ€hre nach Puerto Natales. Gute Reise!

Am Samstag repariere ich meinen rechten Koffer. Der ist von dem Sturz etwas verbogen und schließt nicht mehr so richtig. Zwei Blocks weiter ist die grĂ¶ĂŸte und einzige Kfz-Fachwerkstatt von Cochrane, die haben bestimmt einen Wagenheber, damit wird es gehen. Señor mecĂĄnico ist Ă€ußerst nett und selbstverstĂ€ndlich darf ich den Koffer dort reparieren. Schnell finde ich mich in der Werkstatt zurecht, den Wagenheber hat er mir gezeigt, der Rest findet sich. Der Koffer ist mit dem professionellem Werkzeug schnell wieder gerichtet, noch ein lockerer Plausch unter MĂ€nnern und wir wĂŒnschen uns ein schönes Wochenende. Dankeschön! Alles andere, was ich in dieser Fachwerkstatt gesehen habe, vergesse ich am besten fĂŒr immer. Ich bin Chemiker und habe viele Jahre ein eigenes akkreditiertes Umweltlabor geleitet. Unfassbar! Ich versuche mit einem cafĂ© cortado am Plaza auf andere Gedanken zu kommen.

Am Abend bereite ich mir einen frischen grĂŒnen Salat mit frischem Schnittlauch, frischen Tomaten und Instantdressing der bereits erwĂ€hnten Schweizer Firma. Der Kamin prasselt gemĂŒtlich und so langsam bekomme ich meine Fotos fertig bearbeitet und meine Geschichten geschrieben.

Der Sonntag hat ein Ă€hnliches Protokoll. Zu Hause, TĂŒr auf, die Sonne genießen, schreiben. Die Aktion des Tages ist aber die Reparatur aller meiner ReißverschlĂŒsse an den Mopedklamotten. Sie schließen nicht mehr vor lauter Staub und drohen aufgrund der Stumpfheit abzureißen. An Motoröl komme ich nur umstĂ€ndlich dran, Speiseöl oder Streichfette habe ich nicht (deshalb auch Instantdressing im Salat s.o.), da hilft nur noch der Medizin- und Kosmetikbeutel. Was fĂŒr einen wunden Hintern oder spröde Lippen gut ist, wird doch wohl auch fĂŒr ReißverschlĂŒsse heilsam sein: Eine Kamillensalbe und ein Lippenschutzstift. Erst alles mit dem abgeschraubten Hausbesen abbĂŒrsten, dann Kamillensalbe oder Lippenschutz sparsam auftragen. Wichtig sind die Anfangsteile zum EinfĂŒhren der Schieber. Dann die krĂ€ftigen Ketten fetten. Rauf runter, rauf runter, mehrmals den Schieber und den Reverse-Schieber ĂŒber die gesamte BandlĂ€nge bewegen und, oh Wunder, wie neu! Den abgebrochenen Schiebergriff am Frontverschluss der Jacke ersetze ich durch zwei kleine, geschickt verflochtene Kabelbinder, so dass er auch wieder mit Handschuhen bedienbar ist. Noch einmal rauf runter, rauf runter. Fertig! Es gibt wieder Pasta, der Kamin flackert und ich begleiche alle meine Schreibschulden.

Morgen ist ein wichtiger Tag fĂŒr mich, ich möchte den Meilenstein Paso Rodolfo Roballos und Argentinien erreichen. Ich werde berichten.

5. Dezember 2022 - Paso Rodolfo Roballos - Grenzerfahrung

Der Druck steigt. Nicht, dass es schon genug wÀre, dass ich mir Gedanken mache, ob ich mir zu viel zumute, ob es klug ist, derart einsame und schwierige Strecken im Alleingang zu fahren. Einen glimpflichen Sturz - man könnte auch Umfaller sagen - habe ich schon hinter mir, das verunsichert mich zusÀtzlich. Nein, es kommen auch noch schlimme Nachrichten dazu. Gestern Abend habe ich mit drei argentinischen Motorradfahrern in meinem Hotel gesprochen, die tags zuvor ihren vierten Mitfahrer verloren haben. Er ist wenige Kilometer von hier auf der Piste bei einem Unfall ums Leben gekommen durch eine Kollision mit einem anderen Auto, wenn ich sie richtig verstanden habe. In dem Moment wurde mir klar, warum hier nachts um zwei Uhr ein Flugzeug gelandet ist. Abgesehen davon, dass mir im Spanischen immer Worte fehlen, hÀtte ich auch in meiner Muttersprache keine Worte gefunden.

Und nun ist es etwa elf Uhr, ich breche jetzt erst auf, weil der Regen dann durch ist und die Piste etwas abgetrocknet. Moped ist bereits gepackt und wider Erwarten scheint sogar die Sonne etwas. Ein Wassertanklaster blockiert die Straße in der ortsnahen Baustelle, die Piste ist hier sehr schmierig. Ich muss langsam fahren. Die ersten fĂŒnfzehn Kilometer fĂŒhren mich den Weg zurĂŒck, den ich vor vier Tagen gekommen bin. Entlang am tĂŒrkisen Barranco RĂ­o Cochrane. Seinerzeit hatte ich nicht die Muße, schöne Fotos zu machen, es war nur wenige Minuten nach meinem Sturz in den Kies. Und genau dort, wo der RĂ­o Chacabuco in den RĂ­o Cochrane mĂŒndet, biege ich rechts ab auf die kleine X-83 Richtung Paso Rodolfo Roballos. Es geht sofort schmal und steil hinauf, ein paar enge Kurven, die Piste ist gut und trocken. Schlagartig wird es grĂŒn um mich herum und zwei Guanakos stehen wie ein BegrĂŒĂŸungskomitee am Straßenrand. Ich habe das GefĂŒhl, gerade ein Landschaftsmuseum betreten zu haben. Die Schönheit der Farben und die imposante Topografie ĂŒbertreffen alle meine Erwartungen und die Piste ist zudem Ă€ußerst komfortabel zu befahren. Da bleibt Freiraum fĂŒr Seitenblicke. Dennoch halte ich oft an und mache Fotos oder atme einfach nur ganz tief das Leben ein.

Bergansichten wechseln sich mit blauen Seen ab und Wiesen mit schroffem Gestein. Guanakos kreuzen meinen Weg und Nandus grasen in der scheinbar unendlichen Hochlandsteppe. Nach einer guten Stunde treffe ich Jorge, einen Polizisten auf Motorradurlaub. Wir plaudern und informieren uns ĂŒber die Strecke. Leider kĂŒndigt er mir eine nicht so schöne Etappe auf argentinischer Seite an. Es geht weiter und tatsĂ€chlich wird die Strecke schon jetzt etwas hĂ€rter und holperiger. Etwas eher als erwartet taucht dann hinter einer Kehre der chilenische Grenzposten auf.

Alles ist sehr ordentlich und man sieht sofort, dass es sich um eine Grenzstation handelt. Nationalflagge, geschlossener Schlagbaum, auf jeder TĂŒr und jedem Tor die Insignien der Grenzpolizei. AutoritĂ€re Schilder im staatsgewaltigen Imperativ: „Pare“, „Prohibido pasar!“. Ich stelle mein Motorrad ab, suche meinen Papierkram zusammen und betrete die Amtsstube. Freundlich begrĂŒĂŸen mich die Beamten, die gerade zwei Amerikaner in Gegenrichtung abfertigen, dann widmet man sich meinem Ausreisewunsch. Der formale Papierkram ist wichtiger als die physische ÜberprĂŒfung meines Motorrades, nicht einmal mein Nummernschild hat der Beamte kontrolliert. Alles wird irgendwie gestempelt, ich unterschreibe einen bunten Zettel, dann begleitet mich der Grenzpolizist nach draußen, schließt rasselnd die Kette des Schlagbaums auf und lĂ€sst mich passieren. Ein freundliches Winken, ein LĂ€cheln. Gracias Señor y adiĂłs!

Nach elf Kilometern Niemandsland erreiche ich den argentinischen Grenzposten. Dieser Streifen heißt vermutlich Niemandsland, weil sich hier niemand auch nur um irgendetwas kĂŒmmert. Dass ich die Piste ĂŒberhaupt gefunden habe, ist schon eine Leistung fĂŒr sich. Die ganze Zeremonie noch einmal, nur etwas unmoderner. Computer gibt es hier keine, alles wird penibel handschriftlich ausgefĂŒllt. Nicht zutreffendes wird mit einem Lineal ungĂŒltig gestrichen, Blaupapier sorgt fĂŒr die simultane Kopie der Dokumente. Eine Version ist spĂ€ter fĂŒr mich. FĂŒnf rote Stempel geben den Passiergenehmigungen noch das offizielle und autoritĂ€re Erscheinungsbild, dann wird mir auch hier der Schlagbaum geöffnet, allerdings ist er in der argentinischen Version nur mit einem Kabelbinder gesichert. Das bekannte Winken, eher militĂ€risch, gelĂ€chelt wird nicht. Bienvenidos Republica Argentina!

Jorge hatte es ja angekĂŒndigt, es wird grob! Knallharte Piste, handballgroße Steine stecken wie halb einbetoniert im Boden, die ersten Meter gehen in engen Serpentinen bergauf, dann öffnet sich wunderschönes weites Land. Parque National Patagonia! Sumpfige Wiesen, blaue Seen, Schilf, Vögel, rote Bergmassive, grĂŒne Steine und heftiger Wind. Sogar ein GĂŒrteltier kreuzt meinen Weg! FĂŒr Fotos oder Seitenblicke muss ich tatsĂ€chlich anhalten, ich kann die Augen unmöglich von der Piste nehmen. Kies wechselt sich schlagartig mit tiefen Staublöchern ab, Steine so dick, dass ich sie umfahren muss. Die Betonung von „umfahren“ liegt auf der zweiten Silbe, alles andere hĂ€tte einen Sturz zur Folge. Wellblechpiste rĂŒttelt Bienchen und mich heftig durch, ich höre FahrgerĂ€usche, die ich bislang nicht kannte und die sich nicht gut anhören. Zentimeterhoch aufgefahrene weiche Kieslinien zwingen mich zu Schritttempo, trotzdem rutscht und schlingert es mehrmals grenzwertig. Ich rufe stĂ€ndig das Universum um Beistand und Wohlwollen an, doch statt Erlösung treffe ich zur Krönung des Abenteuers hinter einer engen Kurve plötzlich auf eine breite Furt. Bemerkenswerterweise steht genau an dieser Stelle ebenfalls ein Fahrzeug auf der anderen Seite. Eines von dreien auf achtzig Kilometern! Wenn hier etwas schief geht, ist jemand da, der helfen kann! Das Universum hat doch geantwortet. Schienbeintief rolle ich ins Wasser, es zischt am heißen Motor, meine Stiefel sind wasserdicht. Jetzt bloß nicht ablegen, Karre im Wasser wĂ€re der Super-GAU. Nein, ich schalte die Headcam nicht ein. Es gibt gerade etwas Wichtigeres als Selbstdarstellung. Geschafft! Der Autofahrer staunt. Ein völlig verunsichertes, deutsches TouristenpĂ€rchen, das vermutlich zum ersten Mal im Leben eine Furt durchquert. Ich habe volles VerstĂ€ndnis, habe ich doch noch vor wenigen Momenten genauso die Hosen voll gehabt, im Wasser zu landen. Sie lassen sich von mir ĂŒberzeugen, queren souverĂ€n das Wasser und haben heute Abend eine tolle Geschichte zu erzĂ€hlen! Wie schön!

Nach wie vor erlauben nur wenige Streckenabschnitte mehr als vierzig Stundenkilometer, ich schaue bewusst nicht auf die verbleibenden Kilometer auf meinem Navi, es wĂ€re frustrierend. Als ich einst mit Frau und Sohn die ĂŒbelsten Berge ThĂŒringens mit dem Fahrrad erklommen habe, hieß es immer gebetsmĂŒhlenartig: „Ir-gend-wann-ist-je-der-Berg-zu-En-de!“ Bis wir oben waren. Ich adaptiere diese Motivationsmethode heute: „Ir-gend-wann-ist-je-der-Dreck-zu-En-de!“ Und tatsĂ€chlich, es gelingt! Zwar wĂ€re ich um ein Haar an den letzten 200 Metern feinem Sand gescheitert, aber das tut meiner Freude keinen Abbruch. Ich erreiche heile und sturzfrei die Asphaltkante der menschenleeren Ruta 40. In der Ferne treibt ein Gaucho seine Rinder zusammen und ich entlade mich in einem gewaltigen Jubelschrei, der vom patagonischen Wind davongetragen wird. Was fĂŒr ein Ritt!

Die letzten Kilometer Ruta 40 bis Bajo Caracoles sind ein Genuss. Gegen 20:15h erreiche ich mein Ziel. Eine Tankstelle, Supermarkt, Kneipe, Hotel, Wechselstube, Kulturzentrum, alles in einem Laden. Mich erinnert das an den famosen Film „Bagdad CafĂ©â€œ von Percy Adlon. Superfreundlich ist man hier irgendwie nicht, eher pragmatisch und dienstbeflissen. Dennoch hilft man mir, ein Zimmer im Dorf zu finden. Ich tausche meine restlichen chilenischen Pesos, das reicht fĂŒrs Erste. Das Abendbrot nehme ich im „Caracoles CafĂ©â€œ ein, zwei kĂŒhle Bier und eine entspannte Nacht beschließen den Wahnsinnstag. Draußen stĂŒrmt es, ich liege im Bett und schlafe schnell ein. Gute Nacht.

Ich habe die Carretera Austral verlassen und fahre jetzt in Argentinien auf der Ruta 40 weiter bis Feuerland.

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