Kein Epilog

Countdown 13

„Fange nie an, aufzuhören. Höre nie auf, anzufangen.“
Cicero

 

Woche 13

Vom Wandel, von der Zeit und von Seifenblasen-Worten

Ich befinde mich nicht in einer Konfrontationstherapie und nein, ich habe auch keine isolierte Triskaidekaphobie. Im Tarot steht die Karte Nummer 13 für den "Tod", symbolisiert aber meist Neuanfang und Transformation. Eine mehr als passende Analogie für meine anstehende Veränderungsphase. Im Grunde ist die 13 nur eine, wenn auch irgendwie bemerkenswerte, aber dennoch ganz normale Primzahl, die mir dieser Tage eher zufällig begegnet. Es sind nämlich genau dreizehn Wochen bis zu meinem Arbeitsende in diesem Leben. Und so beschäftige ich mich derzeit intensiv mit der Zeit. Mit jener subjektiv empfundenen Lebenszeit, die mit einer geradezu Lipschitz'schen Stetigkeit voranschreitet. Leise, unaufhaltsam und gelassen. Manchmal aber so beängstigend schnell, dass mich bei der Betrachtung eine absurde, unwiderstehliche Faszination umfängt. Im Wesen ist die Zeit gutmütig, aber sie besitzt keine Seele. Kompromisse mit den Sterblichen macht sie niemals, also auch nicht mit mir. Tick-tack, sie vergeht, jede Stunde, jede Sekunde, jeden Moment. In meinen Gedanken befinde ich mich an der Schnittstelle von Vergangenheit und Zukunft, die das Jetzt bedeutet. Ein infinitesimales Momentum, das keine eigene Dauer besitzt, in dem Anfang und Ende eins sind, der aber das gesamte Universum in all seiner unendlichen Existenz beinhaltet.

Es ist 34°C im Schatten und ich genieße dieses Jetzt – den Augenblick, der sich selbst genug ist. Ich denke nicht an die Schatten von gestern oder die noch leisen Rufe des Morgen. Dennoch, sie sind unüberhörbar. Die letzten dreizehn verbleibenden Wochen meines Arbeitslebens sind wie gesagt angebrochen. Noch kann ich das aufdringliche Gefühl, das sich durch die herannahenden Ereignisse einstellt, nicht präzise einordnen. Vorfreude, Erlösung, Abschied, Fokuswechsel oder Neuanfang? Irgendwie ja und irgendwie nein, aber eben nur irgendwie. Das sind Worte, die mich eher an das Bullshit-Bingo meiner Berufsära erinnern und es wäre auch zu simpel, die Komplexität und Tragweite meiner emotional indefiniten inneren Veränderungen mit nicht mehr als Klischees beschreiben zu wollen, denn sie treffen nicht den Kern.

Ich brühe mir noch einen frischen Kaffee auf, setze mich zurück auf meine Panoramaterrasse und starre ins sommerliche Münsterland ohne einen bestimmten Fluchtpunkt zu fixieren. Mein Gehirn arbeitet unaufgefordert weiter, auf der Suche nach der einen trefflichen Vokabel für meinen Gemütszustand. Worte werden gefunden und verworfen. Fragmente setzen sich zu völlig neuen kreativen Wortschöpfungen zusammen, ich kann sie aber nicht greifen. Wie Sternschnuppen, die schneller verglühen als man sich etwas wünschen konnte. Dann sind sie für immer verschwunden. Kurz darauf enstehen Seifenblasen-Worte, die in den schönsten Farben schillern und das Gesuchte geradezu perfekt beschreiben, zerplatzen aber bei der kleinsten Berührung durch den bewussten Gedanken. Und so ergebe ich mich alsbald den Sinnfunken, dem Gedankenschimmern und den Wortschatten, die ich genausowenig fassen kann wie Irrlichter in einer dunklen Nacht. 

Meinen Kaffee trinke ich nicht ganz zu Ende und wende mich von meinen Gedanken ab, wohl wissend, dass mein Unterbewusstsein sich schon längst der Suche nach den richtigen Worten angenommen hat. Die Psychologie nennt das den Inkubationseffekt – ich nenne das immer die Beauftragung des Universums. Ich bin gespannt.

Woche 12

Vom großen Ganzen und den kleinen Anfängen

Die Ereignisse dieser Woche reihen sich zusammenhanglos aneinander wie die bunten Gedanken in meinem Kopf. Die Nachrichten melden ein brennendes Europa, tausende Hitzetote allein in Deutschland; Ernten verdorren, und die Flüsse liegen leer. Wir stehen mit den spürbaren Folgen des Klimawandels erst am Anfang, das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht. Was wird in den nächsten Jahren auf uns warten? Am Himmel über mir steht eine vom Mond verdunkelte, orange Sonne, die ich mir durch eine kleine, rußgeschwärzte Glasscheibe ansehe. Gigantisch! Und stelle ich dem meine eigene kleine Herausforderung gegenüber, die ich hier zu bestehen habe, erscheint sie mir geradezu unbedeutend.

Trotz der extremen Wärme ist es ein Privileg, jeden Morgen auf der Terrasse zu frühstücken. In den frühen Stunden weht ein Wind, der im Vergleich zu den Mittagsstunden noch kühl ist. Ich genieße es, unter dem großen, schattenspendenden Sonnenschirm zu sitzen und Gebäck in meinen Milchkaffee zu tunken. Im Giebel des Schirms entdecke ich erbsengroße, kugelige Gebilde, die in der Nacht dort angebracht worden sein müssen. Bei näherer Betrachtung zeigen sich drei Gelege – vermutlich von einem Insekt. Die krugähnliche Form der kleinen Larvennester macht die Bestimmung des Urhebers leicht: Es ist eine harmlose Töpferwespe. Spontan fallen mir die wabenartigen Gelege eines Falters ein, der gestern ebenfalls beschlossen hat, mitten auf meinem Küchenfenster die Kinderstube für seine Nachkommen einzurichten. Winzig klein und mit höchster Akkuratesse verklebt, haften die Motteneier nun an der Scheibe. Ich will sie unbedingt noch fotografieren, bevor das Jungvolk schlüpft oder von der Sonne verbrannt wird. Damit ist die erste Aktion des Tages gefunden.

Die Woche schreitet voran und mein Job vertreibt mir mehr die Zeit als dass er sie mir raubt wie früher. An den folgenden Tagen verkaufe ich nacheinander den Sonnenschirm (ob mit oder ohne Wespen, wird sich zeigen), meine Waschmaschine und den Küchenwagen mit der großen Keramikarbeitsplatte. Die Unordnung in meiner Wohnung nimmt unübersehbar zu; es formt sich das Bild eines echten Aufbruchs. Die Tage in meinem kleinen Dachparadies sind gezählt. Die routinierten Abläufe des Alltags sind gestört – sei es durch Dinge, die plötzlich ohne festen Platz im Weg herumliegen, oder Gebrauchsgegenstände, die nicht mehr an ihrem gewohnten Platz zu finden sind. Es macht seltsamerweise Freude, das Gewohnte umzukrempeln. Es erfüllt mich mit einer gesunden Anspannung und mit Neugier auf das, was da kommen mag: ein Leben ohne die Erfüllung von Aufgaben gegen Bezahlung.­­

Und dann sind da noch die entspannten, langen Sommerabende, wenn es draußen ruhig wird – und es wird bisweilen sehr ruhig hier oben auf dem Teuto. Wenn erträgliche Temperaturen das Verweilen auf der Terrasse erlauben und über mir der westfälische Sternenhimmel funkelt. Dann spüre ich ein weiteres Mal diese persönliche Bedeutungslosigkeit im Angesicht des großen Ganzen. Sie macht mich leicht, sie entlastet mich. All meine Fragen an den krassen Wechsel vom Berufsleben in die Entpflichtung (mit der Vokabel „Rente“ habe ich mich noch nicht angefreundet), all die Fragen an die Ungewissheit und an das oft unbewusste Zurückblicken und Bewerten der eigenen Lebensleistung bis hierher – sie alle verlieren an Gewicht. Sie verlieren die Notwendigkeit, überhaupt beantwortet werden zu müssen.

Noch vor dem Wochenende gebe ich meinen Zuschlag für eine eher praktische als besonders schöne Wohnung in Essen – der Stadt, die ich vor siebenunddreißig Jahren verlassen habe. Nägel mit Köppen, es nimmt Gestalt an. Ich kaufe im Baumarkt stapelweise Umzugskisten und beginne zu Hause die ersten Sachen transportsicher zu verpacken. Begleitet von gesunden Zweifeln und kreativen Gedankenexperimenten, die mir bestätigen sollen, dass meine Entscheidung nach wie vor die richtige ist. Und dann, als ich es mal wieder am wenigsten erwarte, sendet mir das Universum mit souveränem Humor eine präzise Botschaft und sagt damit nicht mehr als das, was den Kern meiner Gedanken ausmacht: Jeder Umzug ist ein Anfang. Und das gedruckt auf einem banalen Umzugskarton. So einfach kann es sein!

Woche 11

Wenn Eisberge kentern und Regenbögen Gutes verheißen

Die Woche beginnt mit der sehnlich erwarteten Abkühlung und dem überlebenswichtigen, lang ersehnten Regen. Ich genieße die feuchte Kühle auf meiner Terrasse und schaue der durstigen Natur dabei zu, wie sie sich langsam etwas erholt. Bis Montag hält das trübe Regenwetter an. Ich bekomme per Mail meinen neuen Mietvertrag, den ich am Dienstag elektronisch signiere und damit meinen Umzug in meine alte Heimatstadt endgültig besiegle. Trotz meiner absoluten Sicherheit bei dieser wohlüberlegten Entscheidung sind derart verbindliche Momente immer auch ein fruchtbarer Nährboden für letzte, leise Zweifel. Doch was nützt es, darauf jetzt noch Rücksicht zu nehmen? Das ist der berühmte Point of no Return – ab hier gibt es kein Zurück mehr. Oder wie Co-Piloten beim Start sagen: „V-one!“ Das bedeutet: Die Entscheidungsgeschwindigkeit ist erreicht, die Startbahn reicht nicht mehr zum Bremsen. Dann: Finger vom Schub, Hände ans Horn, Rotate und abheben!

Kennt ihr dieses unheimliche Gefühl, sicher zu wissen, dass gerade in diesem Moment etwas Großes, Unaufhaltsames vor sich geht – aber so verdammt langsam, dass ihr die Veränderung in ihrer Kontinuität gar nicht wahrnehmen könnt? Es ist vergleichbar mit dem faszinierenden Anblick eines kenternden Eisbergs, der ganz unmerklich sein Gleichgewicht verliert, sodass sich das tiefblau schimmernde Süßwassereis seiner Unterseite nach oben wendet. Ein monumentaler, lautloser Gewaltakt. Sodann driftet der Gigant durch die Weiten des Ozeans, bisweilen jahrelang, bis er sich erneut wendet oder eines Tages in den Wellen zerbricht und seine Fragmente einfach dahinschmelzen.

In den nächsten Tagen lasse ich mir ein paar Umzugsangebote machen. Die Preise divergieren bei gleichen Randbedingungen erheblich – um bis zu 30 %, was ich auffällig finde und was mich mehr an einen orientalischen Basar erinnert als an ein seriöses Angebotsverfahren. Also lasse ich das mal beiseite und versuche, ein paar gute alte Freunde und Freundinnen zu motivieren, die mir etwas zur Hand gehen könnten. Vielleicht wird es ja ein Umzug wie in alten Studentenzeiten; zumindest was mein Inventar angeht, bin ich mittlerweile wieder auf einem ähnlichen Niveau. Ganz nach dem Leitsatz: Weniger ist mehr! Ich beginne, die ersten Kisten zu packen. Regale leeren sich, Bilder verschwinden, die Wände verlieren ihre Gestaltung und nehmen wieder ihr lebloses Neubau-Weiß an. Die nächsten vier Wochen wird das mein Zuhause sein: Übergangsphase, Zwischenwelt, Metazustand.

Und dann ist da noch mein Job, den ich wie im Autopiloten erledige. Ein Vierteljahrhundert an Erfahrung und Routine macht es nicht weniger anstrengend, aber die Gewissheit am Abend, alles richtig gemacht zu haben, verhindert den geistigen Nachlauf im Kopf. Die Zweifel und Sorgen, die ich einst mit in den Schlaf nahm und mit denen ich am nächsten Morgen aufwachte, gibt es heute nicht mehr. Im Inneren bin ich der glückliche Läufer auf seiner letzten Runde, der sich freut, es in Kürze geschafft zu haben. Ich winke den Zuschauern schon zu und lächle in Vorfreude auf die Ziellinie. Ich werde keinen Rekord mehr brechen, für den ich eine Medaille bekomme – ich war aber auch nie dafür angetreten.

Bevor nun das Ende dieser schnellen Woche eingeläutet wird, ändert sich das Wetter noch einmal. Der wohltuende Regen hört langsam auf und die Sonne wirft einen perfekten Regenbogen über das weite Land vor meiner Terrasse. Wie kitschig symbolträchtig! Ein Regenbogen als Inbegriff der Wendung zum Guten. Der Sonnenschein, der auf Regen folgt. Und das einen Tag vor meinem Geburtstag. Manchmal muss eben auch Kitsch sein. Das ist die rosa Zuckerwatte des Lebens: Viel zu süß, viel zu bunt und viel zu vergänglich – aber zu viel des Guten kann manchmal so schön sein! Das ist genau die Haltung, mit der ich ins Geburtstagswochenende gehe. Viele liebe Menschen gratulieren mir. Ich koche eine fernöstliche Phở, improvisiere zum Nachtisch ein Milchreis-Birnen-Trifle aus Vorräten, die vor meinem Umzug noch aufgebraucht werden müssen, und mache meine Gäste damit glücklich.

Die Woche ist zu Ende, der Mond nimmt zu und draußen ist es so still wie vor einem Sturm.

Woche 10

Erste Male und letzte Male

Was man nicht so alles bedenken muss, wenn das Arbeitsleben endet, und was man mittlerweile nicht so alles braucht, um sich einigermaßen hindernislos in dieser Welt bewegen zu können. Bald werde ich mein wichtigstes elektronisches Kommunikationsmittel abgeben müssen. Sechsundzwanzig Jahre dieselbe Nummer und sechsundzwanzig Jahre, in denen ich mich nie um Hardware habe kümmern müssen. Was für ein Privileg. Und nun soll ich mich mit Vorteilen, Nachteilen, meinem persönlichen Nutzungsverhalten, Speicherplatz und solchen unwichtigen Dingen beschäftigen. Wisst ihr was­: ich hab' einfach ein gebrauchtes Gerät mit der besten Kamera gekauft. Im Grunde ist dieser ganze technische Schnickschnack egal. Das Bier schmeckt schließlich auch nicht besser, wenn man mit einem Mercedes einkaufen fährt. Genauso wenig wie mir der neueste Handy-Schlitten hilft, würde ich nur Blech kommunizieren. Ok, ein Zugeständnis muss ich machen: in Rosa hätte ich es nicht gekauft.

Eine ungleich wichtigere, aber nicht weniger konsequente Entscheidung treffe ich diese Woche bezüglich meiner laufenden Immuntherapie: Sie ist ab sofort beendet! Nach gründlicher Recherche im wissenschaftlichen Datenwust sagen alle belastbaren Studien übereinstimmend das Gleiche: Bei einem guten Verlauf ist das therapeutische Nutzenmaximum nach exakt zwei Jahren erreicht. Mit jeder weiteren Infusion kippt das sensible Risiko-Nutzen-Verhältnis. Was ab jetzt mit jedem zusätzlichen Zyklus steigt, ist nicht die Lebenserwartung, sondern schlicht das kumulative Risiko für teils irreversible Spätfolgen, sogenannte DIRE (delayed immune-related events). Da ich längst über diese kritische 2-Jahres-Grenze hinaus bin und mich sträflicherweise erst jetzt selbst tiefgehend eingelesen habe, ist mein Entschluss klar und folgerichtig. Von medizinischer Seite liegt mir bis heute weder ein evidenzbasierter Grund für eine Fortsetzung vor, noch eine fundierte klinische Begründung, warum ich hier monatelang leitlinienwidrig übertherapiert wurde. Die Menschen in der behandelnden örtlichen Onkologie sind mir in den Jahren sehr ans Herz gewachsen und sie haben so viel Gutes für mich getan – und vielleicht ist es gerade deshalb umso enttäuschender, dass man sich hinter der dünnen Aussage versteckt, „es sei natürlich meine freie Entscheidung, jederzeit mit der Therapie aufzuhören“. Etwas polemisch hört sich das an wie: „Tja, wenn Sie Ihr Abo nicht kündigen, läuft es automatisch weiter.“ Ich nehme meine Gesundheit ab heute wieder selbst in die Hand.

Die Tage verstreichen gewohnt schnell und zum Ende der Arbeitswoche findet mein letztes hochkarätiges Teamtreffen im Headquarter meiner Company statt – in der Stadt, die es angeblich nicht gibt. Die Kolleginnen und Kollegen... – nein, so kann der Satz nicht beginnen! – Meine Weggefährten, Leidensgenossinnen, Partner, Unterstützerinnen und Lehrmeister, meine liebgewonnenen Zeitgenossen und Mitstreiterinnen eines guten Vierteljahrhunderts – alle sind sie da. Sie jonglieren mit großen Zielen, nehmen alle Herausforderungen der Gegenwart selbstbewusst an, streiten trefflich um die besten Lösungen und – als ginge es um nichts weniger als den Kulminationspunkt allen Erfolges – fordern sie die Zukunft mit einer beeindruckenden Leichtigkeit heraus, die mir nur erlaubt, ihnen von Herzen das Beste zu wünschen. Ich fühle mich wie der Wanderer, der sein Pensum auf einem anstrengenden Weg geleistet hat, der sein persönliches Ziel am Ende dieser Etappe erreicht hat und nur noch die Geschichten seiner erlebnisreichen Reise weitererzählt, auf dass sie der nächsten Generation nützen mögen. Sie werden noch viele Berge besteigen, die für mich zu fern und zu hoch geworden sind, und ich werde derweil neue und andere Dinge erleben, von denen sie noch keine blasse Ahnung haben. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werde ich an einer sonnigen Wegesgabelung abbiegen. Dann werden wir uns zuwinken, uns irgendetwas wie „Berg heil!“ wünschen und unsere gemeinsame Geschichte vielleicht in Lebenstagebüchern vermerken. Zwei bewegende Tage.

Der Rest der nunmehr zehnten Woche füllt sich mit ein paar lukrativen Verkäufen von „Gepäck“, das ich nicht mehr tragen möchte und der geordneten Verräumung meiner verbleibenden Habseligkeiten in Umzugskartons, derer sich mittlerweile an die fünfzehn in den Zimmern stapeln. Sie sind der Spannungsbogen in der aktuellen Geschichte und sie machen mich gleichermaßen nachdenklich und ungeduldig. Nachdenklich darüber, was ich wohl aus den letzten turbulenten dreieinhalb Jahren mitnehme und ungeduldig, weil ich lieber heute als morgen aufbrechen möchte – weil ich das Ticket für meine Zukunft endlich lösen möchte.

Woche 9

Organisation ist das unwichtigste

Der größte Teil dieser Werkwoche ist belanglos, denn am Ende – am Wochenende – beginnt ein lang erwarteter Urlaub. Aber dazu später. Zunächst setzen sich meine Organisationsaktivitäten fort, die mich mit jedem Schritt ein Stückchen näher an mein Arbeitsende bringen. Immernoch fühlt es sich eigenartig an und noch immer habe ich mich nicht gänzlich mit der Situation arrangiert, dass sich mein Leben drastisch ändern wird. Aber ich gewöhne mich langsam daran. Manchmal rede ich mir die Zukunft schön mit den Unmengen an Zeit, die mir für kreative Dinge zur Verfügung stehen werden. Ich werde mich selbst neu erfinden und mich neu definieren und kompromisslos verwirklichen. Endlich werde ich die nötige Zeit haben, das in mir zu aktivieren, worauf die Welt gewartet hat. Oder so ähnlich... Ein anderes Mal befällt mich schiere Panik, dass ich vor Langeweile und kreativer Lähmung eingehen werde wie eine ungegossene Primel. Ich werde intellektuell verkümmern, verwahrlosen und eines verregneten Tages verwirrt durch meine Heimatstadt irren und mich hoffnungslos verlaufen. Vermutlich wir beides nicht eintreten und irgendetwas dazwischen wird sich als Kompromiss der Extreme etablieren und zu meiner Geschichte werden. Und dann denke ich wieder an Willy Brandt, der mal gesagt hat oder bei Lincoln geklaut hat oder auch nicht – jedenfalls hat er gesagt: "Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie selbst zu gestalten."

Letzte Woche hatte ich noch spontan meinen Motorradgepäckträger zum Verkauf ins Internet gesetzt – kauft sowieso keiner, dachte ich mir – zwei Tage später war er weg. Sonntags in aller Herrgottsfrühe um 12:30 Uhr schellt mich die begeisterte Käuferin aus dem Schlaf und wir diskutieren stundenlang die Freuden und Nöte dieser Welt. Erstaunlich, welche Zufälle das Leben so bereithält. Die nächsten Tage bestehen aus Kisten packen, Umzugslaster reservieren, noch ein paar angenehme Kundentermine in der Nachbarstadt wahrnehmen und Gutes tun, Internet für die neue Wohnung bestellen und einen neuen Mobilfunkvertrag abschließen. Und dann ist alles fertig und es ist endlich Freitag.

Es ist ein Weihnachtsgeschenk, das heute eingelöst wird. Ein gemeinsamer Kurzurlaub mit meinem Sohn in die Bretagne und in die Normandie. Neben den Kisten habe ich diese Woche nämlich auch meine Reisetasche gepackt. Nur das Nötigste: ein paar Unterhosen, abgezählte frische Socken, Fotoapparat, Zahnbürste, Kreditkarte. Viel mehr brauchen Jungs nicht, wenn sie verreisen. Als es am Nachmittag klingelt und mein Sohn reisefertig vor der Tür steht, ist mein Tagwerk längst getan und ich muss nur meine sorgfältig gepackte Reisetasche – Unterhosen, Socken, Fotoapparat, Zahnbürste, Kreditkarte – ins Auto laden und dann verlassen wir auch schon den Teuto Richtung Belgien. Dinant ist unser erstes Zwischenziel, eine pitoreske Kleinstadt an der Maas, die für ihre prominente Felskulisse und ihren außerordentlich guten Jazz bekannt ist. Wir haben die Übernachtung perfekt geplant, so dass wir noch Zeit für ein Häppchen und für einen entspannten nächtlichen Spaziergang haben. Die frische Abendluft tut nach der Fahrerei gut und der nächtliche Blick über den Fluss auf die erleuchtete Altstadt ist herrlich. Abschalten, umschalten, unser Urlaub hat begonnen!

Woche 8

Bretagne und Normandie

Was für eine herrliche Woche. Einfach zwei Ferienwohnungen auf dem Land gemietet. Die ersten vier Tage in der Bretagne und die zweiten vier Tage in der Normandie. Von da aus machen wir Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten oder einfach in schöne Gegenden, wir kaufen französisch ein und speisen bodenständig auf der Terrasse in den letzten warmen Nächten des ausklingenden Sommers. Die Gespräche dauern bis tief in die Nächte, wir lösen die Probleme dieser Welt – auch wenn niemand auf uns hören wird – und wir amüsieren uns wie wir es schon immer getan haben über Geschichten, die unsere Leben schrieben. Auf den manchmal langen Fahrten vertrieben uns die berühmten Kurzgeschichten einer Tanzkapelle die Zeit oder wir lauschten den Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling: Kapitalismus. Schweinesystem. Vietkong! (siehe ebd.)

Alles hatte Pause diese Woche. Von Alltagssorgen bis Gen-Z, vom Wahlsieg der Dummheit in Sachsen-Anhalt bis zur drohenden Kapitulation der Intelligenz des Abendlandes. Sogar das Reisegeschichtenschreiben und mein Fotoblog wurden auf einen nachrangigen Platz verwiesen. Wir genießen diese Woche nur die Weite von Bretagne und Normandie. Das Meer, kleine und große französische Städte und Dörfer, Café au Lait, Éclairs (vorzugsweise à la vanille), Macarons, normannische weiße Rinder, die eigentlich aus der Bourgogne kommen und so tolle Orte wie die Steinreihen von Ménec oder den Felsbogen von Étretat. Mögen die Bilder einen kleinen Eindruck geben von der schönen Zeit in Frankreichs nordwestlichsten Regionen... 

Ich glaube, das ist eine ganz eigene Reise mit sehr viel mehr Zeit wert. Eine wunderbare Woche.

Woche 7

Projekt Terrasse und der Hufschmied kommt

Nach der langsamen und höchst erholsamen letzten Woche schicke ich mich an, wieder in den schnellen Modus umzusteigen. Die Termine in meinem letzten Projekt reichern sich zusehends in meinem Kalender an. Ein Patchwork aus hellblauen Teams-Sessions und farblose Lücken dazwischen erinnern mich an einen weißblauen Sommerhimmel. Eine geschickte Assoziation, die diesem wenig erquicklichen Meeting-Wahnsinn sogar etwas beschauliches abgewinnt. Nun ja, es mag an meiner persönlichen Situation liegen, dass ich in den letzten Spielminuten nicht mehr die Notwendigkeit eines Powerplays sehe, wenn es eh schon 3:0 für mich steht. Spare ich mir doch meine Energie und schone mich für die anstehende nächste Saison. Jetzt nur noch die verbleibende Zeit bis zum Abpfiff würdig und fehlerfrei hinter mich bringen und den verdienten Sieg nach Hause fahren ohne die Zuschauer zu langweilen. 

Im konkreten Fall bedeutet das für mich, jede freie Minute nutzen und die Wohnung in Ordnung bringen. Diese Woche ist die Terrasse dran. Ein dicker Brocken, weil ich mein wildes Naturparadies im vergangenen Jahr einfach habe gedeihen lassen. Wachse, was wolle, mal sehen was die Natur so schafft. Der Erfolg war grandios. Die meisten Pflanzen kannte ich nicht mehr mit Namen. Außer Klee, Löwenzahn, Lavendel und einer Birke waren es meist wilde unscheinbare Gräser. Nach Kräften schickten sie ihre kleinen Nussfrüchte, an feinen Pappussen aufgehängt und ihrer meteorochoren Verbreitungsstrategie folgend, in die Welt. Was für eine Freude – den ganzen Sommer lang und ich musste nur brav gießen.

Doch bei einem Umzug bedeutet das, es müssen alle Blumenkästen entleert und abgebaut werden. Dreißig Meter Brüstung müssen von dem hübschen Bewuchstrio aus Moosen, Algen und Flechten befreit werden. Nachmieter und Vermieter können diesem Mikroschauspiel nämlich meist weniger abgewinnen als ich. So warte ich auf den nächsten Regen, bekleide mich nur mit Badehose und bewaffne mich mit einem großen Scheuerschwamm. Was für ein Spaß, und es klappt außerordentlich gut. Nach 20 Minuten hört der Regen auf und mir wird auch ziemlich kalt. Schließlich ist es September. Am Abend beschert mir Petrus noch einen zweiten kräftigen Schauer und als die Nacht hereinbricht bin ich tatsächlich fertig.

Arbeit, Kisten packen, Arbeit, Kisten packen… ein bisschen entsorgen, Dübellöcher schließen, bis zum Wochenende. An liebe Freunde werde ich meine ganzen kostbaren Blumenkübel los und sichere ihnen eine würdige Zukunft in einem Brandenburger Landhaus. Für das Wochenende ist meine Fahrradreparatur geplant und die sichere Unterbringung von Bienchen im Landhaus meiner Schwester. Bienchen ist mein Motorrad, falls das nicht mittlerweile jeder weiß. Ach ja, Katzen und Vögel und Esel füttern und versorgen ist noch angesagt. Schwesterchen und Schwager sind nämlich glücklich verreist in die Berge und wir Daheimgebliebenen übernehmen derzeit den Zoo. Lautstark wie immer begrüßen mich die drei Huftiere, doch was ist das? Der große braune Balian humpelt. Au weia, ich hab doch keine Ahnung. Ich mag ein guter temporärer Zoowärter sein, aber ich bin doch kein Tierarzt. Über moderne Kommunikationswege ist die notwendige Erste Hilfe aber schnell organisiert. Matthias muss her, der lustige Hufschmied. Gesagt getan und wenn jemand sein Handwerk so gut versteht wie er, ist der Patient in kürzester Zeit von seiner Pein erlöst. Erleichterung für alle und Schwesterchen kann ihren Urlaub sorglos fortsetzen.

Und so geht der Sonntag der 7. Woche mit einem vielleicht letzten Kaffee auf meiner etwas leblosen Terrasse mit grandioser Aussicht zu Ende. Definitiv etwas, das mir in Zukunft fehlen wird und das nach adäquatem Ersatz verlangt. 

Woche 6

Ein schneller Umzug und Tag Nr. 1 in der Stadt

Die Aktivitäten dieser erlebnisreichen Woche sind nicht das, was mich beschäftigt, und sie aufzuschreiben und zu publizieren, erzählt wenig von dem, was wesentlich ist. Organisatorisch ist es eine mittelmäßige Herausforderung; das größte Risiko sind die externen Faktoren, auf die ich keinen Einfluss habe. Kommen die angeheuerten Studenten zuverlässig zum Job? Bekomme ich alles gut im Laster verstaut? Ist das Wetter stabil oder muss ich im Regen umziehen? Nun, ich hake diese Bedenken ab unter „Circle of Concern“ (* nach Stephen Covey). Wofür war ich schließlich jahrzehntelang Projektleiter und habe mit Lösungen für das Unwägbare meinen Lebensunterhalt verdient?

Was mich viel mehr bewegt, ist die Beobachtung der Veränderung. Räume sind plötzlich leer; an den Wänden sind nur noch Spuren, wo einst Bilder hingen. Mein Schlafplatz ist demontiert und verpackt, die schweren Tatamis stehen transportfertig an der Wand. Bienchen habe ich ja schon in die Scheune gebracht und gegen mein Fahrrad ausgetauscht. Meine Güte, wie lange bin ich kein Fahrrad mehr gefahren? Das müssen mittlerweile vier Jahre sein! Jetzt habe ich es wieder fit gemacht, und es steht startklar in der Wohnung. Seine Zeit wird kommen!

Manchmal fühlt sich das so an, als verließe ich nur ein schönes Hotelzimmer und reiste nun ab nach Hause oder an mein nächstes Ziel. Und dann frage ich mich, warum ich nicht einfach hier bleibe – ist doch schön hier. Aber irgendwie erreichen mich diese Gedanken nicht. Ich habe den Eindruck, als hätte ich vor längerer Zeit eine wohlüberlegte Entscheidung getroffen und arbeite jetzt stoisch den Projektplan ab. Ich bin sicher, der Tag wird kommen, an dem all die Fragen inquisitorisch ihre Antworten einfordern werden – nicht vom Kopf, sondern vom Herzen.

Der Donnerstag ist der letzte Arbeitstag dieser Woche. Morgen, am Freitag, ist Umzugsvorbereitung. Ich reise kurz nach Essen und übernehme meine neue Wohnung. Die auffällig selbstbewusste, aber freundliche Vormieterin hat alles verabredungsgemäß erledigt und übergibt mir ein Konglomerat an Schlüsseln, die vermutlich ausreichen, um die Wohnräume und Nebengemächer der ganzen Siedlung zu öffnen. Dann verschwindet sie mit einem fröhlichen Gruß, der mich etwas verunsichert, denn sie erweckt unzweifelhaft den Eindruck bei mir, dass sie möglichst schnell weg will von hier. Und das, was sie hinterlässt, ist jetzt wohl oder übel meins. Ich schließe die Tür hinter ihr und setze mich – so wie ich es immer in neuen Wohnungen mache – in ein leeres Zimmer auf den Boden und stelle mir vor, wie schön es hier werden wird. Nun ja, die Hütte ist ausbaufähig; einem Vergleich mit meinen Wohnungen der letzten zweiunddreißig Jahre kann sie allerdings nicht standhalten. Ich bin wieder auf besserem Studentenniveau angekommen: basic, pragmatisch, bescheiden. Dann werde ich jetzt mal den Lastwagen abholen und mich an die Arbeit machen, meine neue Welt hübsch und gemütlich zu gestalten. Die ersten Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt meiner Kindheit und Jugend sind schon besonders. Einerseits kenne ich alles, aber wiederum nicht so, wie es sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Alles wirkt gealtert und vieles ist hoffnungslos abgenutzt. An der Bushaltestelle Berliner Straße hält ein Mann mit seinem Fahrrad an der roten Ampel. Er ist etwa so alt wie ich. Vielleicht sind wir uns schon einmal begegnet oder waren als Studenten sogar Nachbarn in diesem Viertel. Überhaupt laufe ich durch diese Stadt und schaue ständig allen Menschen ins Gesicht, um zu sehen, ob ich sie nicht kenne. Irgendwann wird es bestimmt mal klappen.

Am Nachmittag hole ich in Münster meinen gemieteten Laster ab – endlich mal wieder Laster fahren – und parke ihn später ladedienlich vor meiner Tür. Es bleibt heute nichts mehr zu tun, als den aufgehenden Vollmond zu bewundern, wie er sich neben dem Fernmeldeturm zum letzten Mal in den Abendhimmel über dem Teuto erhebt. Dann beziehe ich mein Nachtlager im Schlafsack auf meinem Sofa – die Tatamis sind ja schon verpackt.

Als die Sonne wieder aufgeht – genau da, wo auch der Mond gestern aufging – trage ich die ersten Kisten in meinen Laster. Die Studenten sind pünktlich, und in knapp anderthalb Stunden ist alles restlos und perfekt verladen. Kurze Übergabe an die glücklichen Nachmieter und dann mit all meinem Hab und Gut über die A1 Richtung Ruhrgebiet.

Teil zwei der Aktion klappt nicht minder erfolgreich. Mein Freund Jörg, der ein paar Straßen weiter wohnt, packt tatkräftig mit an, die Studis sind prima, die Sonne scheint auch, und so steht mein Mobiliar samt dreißig Kartons in Rekordzeit in meinem neuen Zuhause. Jetzt nur noch kurz den Laster abgeben, und dann ist ausreichend Zeit übrig für ein Belohnungsbier in einem Lieblingscafé. Der Fußweg dorthin durch die Stadtmitte ist schon etwas Besonderes. Ich schaue gewohnheitsgemäß wieder allen Passanten ins Gesicht, um kein zufälliges Wiedersehen zu verpassen, doch ich bleibe wieder erfolglos. In den Unterführungen der U-Bahn sind jetzt Lichtinstallationen, die mich an die Käfige im Zirkus erinnern, durch die gefährliche Raubtiere in die Arena getrieben werden. Als Kind habe ich so was Grausames mal gesehen, aber da wusste ich noch nicht, dass es grausam ist. Die Menschen hier sind aber nicht gefährlich, sondern eigentlich so wie überall: handydaddelnd, teilnahmslos, und ich erkenne auch hier niemanden wieder. Ich lausche dem Ruhrpottdialekt der Fahrgäste und muss innerlich lachen – mein Gott, ist das eine kaputte Sprache, und ich happ dat auch ma fließend gesprochen gekonnt, nä!

Das Bierchen im Café Zweibar habe ich mir verdient, und es ist ausgesprochen erfrischend. Ich beobachte die vielen Menschen, die hier im Szeneviertel, in dem ich aufgewachsen bin, als es noch kein Szeneviertel war, Anlauf fürs Wochenende nehmen. Von grölenden Jungproleten mit Laufbier bis zu gestrafften Rentnern in polierten Oldtimern gibt's hier alles – so wie überall. Für mich ist der heutige Abend aber zu Ende, denn ein bisschen erschöpft (oder „völlich feddich“, wie man hier sagt) bin ich schon. Ich bin gespannt auf meine erste Nacht, die sogleich nach dem provisorischen Aufbau meiner Tatamis beginnt. Und was soll ich sagen: Sie war mehr als erholsam.

Das Sonntagsfrühstück auf dem kleinen sonnigen Balkon schließt diese ereignisreiche sechste Woche. Es bleibt spannend.

Woche 5

Anknüpfungspunkte

Das herrliche Spätsommerwetter in dieser Woche macht die Welt schöner und das Leben angenehmer. Auch wenn mir die Arbeit auf der Zielgeraden überaus leicht von der Hand geht, konsumiert sie dennoch den größten Teil meiner kostbaren Lebenszeit. Ich finde am Mittwoch gegen Nachmittag nach endlosen Meetings und Excel-Pedanterie etwas Zeit und mache mich auf die Suche nach Kurzweil in dieser Stadt. Da ich ohne festes Ziel aufbreche, irre ich ein wenig umher auf der Suche nach Altem, nach Neuem oder vielleicht nach Überraschungen. Es ist eine Art Einordnung in ein neues Leben. Mir begegnet überwiegend Bekanntes in verändertem Zustand. Manches ist nicht wiederzuerkennen, anderes ist ziemlich heruntergekommen. Großes ist klein geworden, es muss während meiner Abwesenheit zweifelsfrei eine urbane Schrumpfung stattgefunden haben. Das war doch einst größer. Mehr Platz, größere Häuser, breitere Straßen. Auf der Suche nach bekannten Orten, die einst Pfeiler meiner Wahrnehmung dieser Stadt waren, scheitere ich: geschlossen, existiert nicht mehr oder es ist jetzt ein Nagelstudio oder eine Versicherungsagentur eingezogen.

Ich bin mit dem Auto unterwegs, was nicht klug ist, aber so erreiche ich die vielen weit verstreuten Orte, die meine frühzeitliche Lebensgeschichte markieren. Ich finde eine fünfzig Jahre alte Eisdiele wieder. Prominente Straßennamen kreuzen andere Straßennamen. Diese Schilder sind alle älter als ich, und die Goethestraße kreuzt nun mal die Cäsarstraße, das ist einfach so. Irgendwann nach vielen Kreisen und Irrwegen lande ich in einer der ältesten Eckkneipen der Stadt. Eine über hundertjährige Konstante, die dem Wandel der Zeit widerstanden hat: das Panoptikum, eine Legende, die Generationen bewirtet hat. In den Achtzigern habe ich dort gearbeitet und mein karges Studenteneinkommen aufgebessert. Das Interieur ist uralt und man hat es liebevoll bewahrt. Das Wandgemälde des roten Zappa-Sofas schmückt immer noch die große Wand. Ingo, der mittlerweile verstorbene Vater des Panoptikums, war ein riesiger Zappa-Fan und seine Gäste rekrutierten sich schon immer aus der anspruchsvolleren Musikszene. Ich bestelle ein Bier und lasse die Geschichte der Location auf mich wirken. Selbst die kleine Speisekarte hat sich kaum verändert – schließlich kannte ich die mal auswendig. Ein wohliges Gefühl, endlich einen bekannten Ort wiederentdeckt zu haben, auch wenn er jetzt nicht mein Lebensmittelpunkt werden soll. Vielleicht will ich ja nur einen kleinen, bescheidenen Anknüpfungspunkt finden und dann meine neue Welt weiterweben. Ich weiß es nicht.

In der zweiten Hälfte der Woche setzte ich die Verräumung von Hab und Gut aus den Umzugskisten fort. Es ist irgendwie schon zur Routine geworden, und wenn jeden Tag ein bis zwei geleerte Kisten in den Keller wandern, ist das ein kontinuierlich spürbarer Fortschritt. Kaum dass ich mich versehe, bricht auch schon das Wochenende an und die Ankündigung von schönstem Spätsommerwetter bestätigt sich. Mir ist so recht nach „draußen sein“. Wo ist die Kiste mit den Fahrradklamotten? Eine Wundertüte mit bunter Sportkleidung und technischem Kleinkram, den ich seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt habe. Heute ist der Tag. Alles passt noch! Farblich lege ich jetzt nicht so viel Wert auf guten Geschmack, die Haken der Radlerschuhe sind etwas angerostet, WD40 wird’s schon richten. Ein Blick auf die elektronische Weltkarte, ich entscheide mich für den Ruhr-Radschnellweg RS1, der fast vor meiner Haustür vorbeiführt. Den Rest kenne ich ungefähr – wäre doch ein Armutszeugnis, wenn ich in meiner Geburtsstadt einen Stadtplan bräuchte.

Die ersten Kilometer sind ungewohnt anstrengend, also richte ich mein Tempo innerhalb meiner konditionellen Komfortzone ein. Die alte Bahntrasse entlang, durch die Hinterhöfe der Stadtviertel, in denen ich aufgewachsen bin, bis runter zur Ruhr. Dann rechts bis zum Baldeneysee. Südliche Uferpromenade bei Sonnenschein, vorbei am Motorradtreff – für ein Bierchen hatte ich das falsche Fahrzeug dabei – bis nach Werden zur Staumauer. Ich belohne mich mit Kaffee und Kuchen, bevor ich mich auf den Rückweg mache. Der Anstieg bis Stadtwald gelingt mir sehr bequem und meine Gedanken haben freien Lauf. Ich will wieder fitter werden, ich könnte doch ein wohlwollendes Trainingsprogramm aufsetzen, Zeit habe ich demnächst ja genug. Merken! Weiterdenken! Der Rest ist gechillte Bahntrasse bis nach Hause. Das waren spontane 37 km an einem Spätsommertag. Gefällt mir!

Nach einem sportlichen Tag soll ja immer ein Ruhetag folgen. Heute ist der letzte Fahrtag der Weißen Flotte auf dem Baldeneysee in dieser Saison. Warum nicht? Kurzes Frühstück, ab zum See und dann lockere zwei Stunden zu Fuß bis nach Kupferdreh gelaufen. Vorbei am Regattahaus, wo ich mal gerudert habe, über die Beachvolleyballfelder des einstigen Strandbades Baldeney bis zur Bootsanlegestelle an der alten Eisenbahnbrücke, die damals die Zeche Carl Funke ver- und entsorgte. Was für ein toller Spaziergang. Bis das Schiff für die Rückfahrt ablegt, ist noch Zeit für ein erfrischendes Bier am Kiosk, dann genieße ich eine Stunde Bötchenfahren auf dem großen See.

Ich glaube, hier werde ich in Zukunft öfter sein. Was für eine abwechslungsreiche Woche.

Woche 4

Organisatorisches und der Reisepass ist voll

Diese Woche ist die unvermeidbare Organisationswoche. Endlich wird mein neuer Mobilfunkvertrag abgeschlossen und das Internet angeschlossen und ich bin nicht mehr auf meinen Hotspot angewiesen. In drei Wochen gebe ich mein Handy ab, samt der einzigen Nummer, unter der ich 26 Jahre erreichbar war. Kaum habe ich sie mir eingeprägt, muss ich sie abgeben. Jetzt brauche ich noch neue Ausweispapiere, die alten sind kaputt oder laufen bald ab. Zudem ist mein Reisepass voll mit bunten Visa und Einreisestempeln, damit komme ich nirgendwo mehr rein. Und im Handumdrehen ist man für einen Satz Legitimierungsdokumente hundertfünfzig Euro los. Wenn wir nun schon beim Shoppen sind, eine neue Waschmaschine muss ebenfalls her, die alte habe ich meinen Nachmietern überlassen, der Umzug wäre teurer gewesen als der Restwert. 
Und neben diesen eher emotionslosen Aktivitäten ist da doch noch etwas ganz besonderes: ich muss meinen Job kündigen. Wie komisch ist das denn? Auch wenn es nur eine Fromalität ist, die weder mein Arbeitgeber braucht noch ich, hat es doch etwas Bewegendes und Finales. Als ich die Zeile so schreibe – es ist wirklich nicht mehr als eine Zeile – wird mir irgendwie klar, dass ich ganz bewusst und willentlich gerade etwas Großes tue. Nur in Ermangelung eines funktionierenden Druckers kann ich das Papier noch nicht versenden. Mal sehen wie sich in den nächsten Tagen der Posteinwurf anfühlt. 

Damit vergeht die viertletzte Woche relativ ereignislos, das Wochenende ist deutlich kühler und regnerisch, wir haben schließlich fast Mitte Oktober. Die Suppenzeit bricht an – ich gehe jetzt einkaufen.

Woche 3

Zu schnell für mich... Monogold

Nahtlos beginnt die neue Woche. Noch bevor ich mit meinem Arbeitsalltag beginne, mache ich einen erfrischenden Morgenspaziergang zum Briefkasten. Ich werfe meine Kündigung ein. Unerwartet emotionslos. Zu schnell vergeht die Zeit für mich an diesen Zielgeradentagen. Es sind jene Tage, die noch eine Chance in sich tragen, Spätsommertage zu werden anstatt kühlere Frühherbsttage, die die Menschen verunsichern, ob sie sich mit einem wärmenden Schal bekleiden sollen oder nicht. Später am Abend, wenn die Zeit schlafen geht, koche ich mir leise einen Tee oder einen Kaffee, um sie nicht wieder zu wecken, setze mich an meinen mittlerweile gemütlichen Schreibtisch und versuche, meine Erinnerungsfragmente, die ich tagsüber sporadisch in einem kleinen Notizbuch dokumentiert habe, zu einer Geschichte zusammenzufügen. Heute ist der Erfolg nur mittelmäßig. Mir fehlt der Kitt, der die bunten Mosaiksteine an den Stellen festhält, wo sie einen Sinn ergeben, wo sie eine Bedeutung haben und ein Teil des Handlungsstrangs sind. Es ist hoffnungslos. Das Ergebnis bleibt – wenn man es positiv beschreibt – bunt.

Meine berufliche Arbeit füllt mein Leben von Tag zu Tag weniger aus. Sie mutiert immer mehr zu einem Geräusch, das stetig an Lautstärke verliert. Wie das Meeresrauschen, wenn man landeinwärts geht. Irgendwann wird es verschwunden sein und man wird aufmerken, als sei es ganz plötzlich verschwunden und nicht allmählich. Vielleicht werde ich es vermissen, wenn es so weit ist, oder vielleicht werde ich froh sein über die Stille, die mir Muße gibt, endlich meine Mosaiksteine zusammenzusetzen. Ich nutze das günstige Wetter und vor allen Dingen die noch verbleibende Verfügbarkeit meines Autos, um noch kleinere Anschaffungen zu machen, die ohne Auto deutlich mühsamer bis unmöglich wären. Meine neue Waschmaschine wird geliefert und am Wochenende nehme ich mir Zeit, mein Lieblingsmuseum zu besuchen: das Museum Folkwang.

Wie groß das alles geworden ist. Mit fünfzehn bin ich zwischen den Gebäuden über die Wiesen gelaufen und habe die Museumswärter in Unruhe versetzt, weil ich mich auf dem Weg zur Latein-Nachhilfe mit einem kleinen Run durch die Ausstellungsräume vergnügte. Damals war mir gar nicht bewusst, woran und vor allen Dingen an welch großartigen Werken ich vorbeilief. Es hat mich irgendwie fasziniert und erfreut. Wenn das meine Initialzündung für meine gewisse Schöne-Künste-Affinität gewesen ist, dann kann ich nur dankbar dafür sein. Heute ist mal wieder freier Eintritt, was ja jahrelang eine absolute Innovation des Museums Folkwang war, und ich lasse mich durch die völlig umgebauten Räume treiben, die sich längst von der chronologischen Präsentation verabschiedet haben und heute – wieder ganz im Sinne von Karl Ernst Osthaus, dem Gründer – zu einer themenbezogenen Hängung übergegangen sind. Ich finde es erstaunlich, wie schnell ich vergessene Bilder aus den Tiefen meines zerebralen Archivs reaktivieren kann und wie erschreckend genau ich damit ein Lebensgefühl reanimiere, das ein halbes Jahrhundert hinter mir liegt. Was so alles geht im Leben.

Ich verliere mich und vergesse die Zeit, sitze lange auf den schwarzen Lederbänken herum und betrachte Kunstwerke, die alle mit mir zu tun haben. Der gefesselte Prometheus – ein für mich prägendes Werk – beschützt die nackte Eva, ein Apotheker sucht nach absolut nichts, während der Wind durch goldene Weizenfelder weht. Beim bloßen Klang der Sonne im Badewassergün versinken, und zu allem tanzt Gret Palucca. Damals – heute; wie schön – wie unvergänglich. Reloaded, flashback, die Welt in Monogold und ich war nie wirklich weg. Zumindest nicht von diesem Ort. The "Two Sided Painting" – of life? Keine Ahnung, Jackson hat mich schon immer verwirrt. Ich plausche noch mit zwei netten Menschen an der Rezeption über Ute E., die ja nun auch schon pensioniert ist, aber das ist eine andere Geschichte, denn ihrer einzigartigen Fotografischen Sammlung  werde ich mich bei einem der nächsten Besuche widmen. Als mich dann sogar das Parkhaus beeindruckt, merke ich, dass ich langsam wieder runterkommen muss...

Die Wege sind kurz und es ist noch nicht ganz dunkel als ich in mein neues Zuhause zurückkehre und es mir gemütlich mache. Lebkuchenzeit, mir ist heute danach. Ich glaube der Sommer ist vorbei.

Woche 2

Die Ruhe vor dem Sturm?

Die vorletzte Woche vor meinem Ausstieg aus dem Job bricht an. Es ist die letzte volle Arbeitswoche, denn nächste Woche genieße ich noch vier Tage Resturlaub.

Als mein Wecker am Montagmorgen klingelt, ist es still – und ich bin seltsamerweise nicht so müde wie üblich. Überhaupt habe ich festgestellt, dass ich an Werktagen, an denen ich arbeiten muss, zur gleichen Uhrzeit grundsätzlich müder bin als an arbeitsfreien Tagen. Mehr noch: An letzteren werde ich geradezu zum Frühwachwerder. Ein Frühwachwerder wird zwar früher wach, steht aber nicht eher auf als ein Langschläfer. Meist gibt es im Halbschlaf noch Dinge in meinen wirren Träumen zu erledigen oder wichtige Entscheidungen zu treffen, bei denen ich auf rationalem Wege noch nicht schlüssig geworden bin und die nun im Bett die nötige emotional-intuitive Reife bekommen. Erfahrungsgemäß ist dieser unbewusste Teil unserer Entscheidungstriade ohnehin der Garant für die nachhaltigeren Wege. Und wo ließe sich das besser nutzen als morgens im Dämmerschlaf, wenn der plappernde Verstand noch Sendepause hat?

Aber heute ist Montag und Arbeitstag. Aufstehen, auf Autopilot zum Wasserkessel, Morgentoilette, zurück zum Wasserkessel, Kaffee aufbrühen, Rechner einschalten, Kaffee weißen und süßen, Kalender öffnen, anständiges Hemd anziehen (Hose egal, sieht man in der Videokonferenz nicht), irgendwas Essbares und den Kaffee bereitstellen – der Countdown bis zum ersten Meeting läuft! 3-2-1 Good morning, everyone. A pleasure to see you all looking so remarkably well-rested…

Dieser Prozess wiederholt sich täglich bis Freitag, mit kleinen Variationen. Ein vertrauter Rhythmus, dem die Dringlichkeit abhanden gekommen ist.

Neben diesen beruflichen Pflichten ist die Woche noch mit dem fortgesetzten Einrichten meiner neuen vier Wände gefüllt. Aber auch das ist längst zur angenehmen Routine geworden. Jeden Tag ein bisschen, ohne Eile, das wird schon: Die neuen Holz-Jalousien anbringen, weitere Bilder an den Wänden aufhängen, ein kleines indonesisches Holzschränkchen für meine Küche abholen, das ich für einen Spottpreis auf einer Gebrauchtartikelseite im Internet geschossen habe, und die Premiere der neuen Waschmaschine. Eine Woche voller angenehmer Unwichtigkeiten.

Nur abends, wenn alles still ist und das schwindende Tageslicht Beleuchtung erfordert, mache ich mir Gedanken um diese sonderbare Leichtigkeit der vergangenen Tage. Meine vielen kleinen, wohlpositionierten Lampen zaubern bereits eine ausreichende Gemütlichkeit in meine noch unfertige Wohnung, die durchaus schon kontemplative Beschäftigung und gelegentliche Besinnung erlaubt.

Da passiert in den letzten Monaten so viel in meinem Leben, und noch läuft nichts in geordneten Bahnen. Noch kein Element meiner neuen Lebensstrategie hat sich als richtig oder erfolgreich bewiesen – und doch stellt sich eine Sorgenfreiheit ein, die rein rational noch gar keine Veranlassung hat.

Ich habe nun zwei Möglichkeiten. Erstens: Beunruhigung, Misstrauen und die Suche nach dem Haken. Oder zweitens: Gelassenheit, Vertrauen in die eigene Entscheidungskompetenz und diese Sorglosigkeit als kleines Geschenk des Universums annehmen.

Diese Entscheidung vertage ich auf Sonntagmorgen. Auf die Phase zwischen Erwachen und Aufstehen. Emotional-intuitiv, im schönen Halbschlaf – ihr wisst schon. Nicht auf jede Ruhe folgt ein Sturm. Manchmal ist sie einfach nur der Beginn von dauerhaft gutem Wetter.

Woche 1

Es ist vollbracht…

Auf meiner To-Do-Liste wird es grüner. Immer wenn ich eine Aufgabe erledigt habe, kommt neben den roten Punkt ein grüner Punkt. Noch sind die roten in der Überzahl, aber ihre Tage sind gezählt – insbesondere mit dem Ablauf dieser Woche. Schon der Montag ist ein besonderer Tag: Es ist der letzte aktive Arbeitstag in meinem Job. Tatsächlich habe ich noch Termine in meinem Kalender, aber sie haben eher formalen Charakter und dienen der Vollständigkeitsregel. Man verschwindet nicht so einfach von der Bühne, sondern verabschiedet sich freundlich vom Team mit den besten Wünschen für den weiteren Verlauf der Projekte. Persönlich wünscht man Kolleginnen und Kollegen eine gesunde und glückliche Zukunft – vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. Und genau das habe auch ich heute getan. Irgendwo auf einer Autobahnraststätte an der A1, mit Hotspot am Laptop und Freisprechtechnik im Auto. Ein stilechtes Finale. Dann schließe ich langsam ein letztes Mal den Deckel meines Arbeitsgerätes. Es hat etwas Zeremonielles – allein durch die Tatsache, dass ich es zum letzten Mal tue. Dann setze ich meine Fahrt fort; ab morgen habe ich Resturlaub bis Ende der Woche.

Das Wichtigste in dieser letzten Woche ist zweifelsohne mein CT-Staging. Seit zwei Jahren bin ich krebsfrei und vor fünfzehn Wochen habe ich entschieden, meine erfolgreiche Immuntherapie zu beenden. Jetzt ist zu prüfen, ob das Immunoediting meines Körpers es auch alleine schafft. Der Befund kommt am Abend per Mail: Fortgesetzte vollständige Remission. Auch wenn ich es erwartet habe, erfüllt mich wortlose Dankbarkeit – Blick nach vorn.

Der Friseur an der Ecke hat zufällig Zeit. Ich breche mal wieder mein Projekt „Hippie Revival“ auf der Hälfte des Weges ab – das ist immer genau der Zeitpunkt, wenn diese halblangen Haare mehr Sichtbehinderung erzeugen als 70er-Jahre-Spirit versprühen. Also, ab! Anschließend wird Bienchen eingemottet. Ich werde diesen Winter nicht fahren, auch das habe ich heute entschieden.

Die Wochenmitte plätschert vor sich hin bis der ganz besondere Freitag kommt: mein letzter Tag in meiner Firma. Der Dienstwagen geht zurück, Laptop und Diensttelefon werden irreversibel gelöscht. Nach sechsundzwanzig Jahren. Wow! Speziell das „irreversibel“ habe ich mit Blick auf den heutigen Tag in den letzten Wochen oft überprüft. Das Ergebnis war so reproduzierbar wie eindeutig: Ja, irreversibel!
Die Sonne scheint, draußen ist bunter Herbst und viele Kollegen sind da. Manche sind extra angereist, nur um mir persönlich alles Gute zu wünschen und mich zu verabschieden. Was für eine Ehre und Anerkennung. Und da ich schon immer mit viel Freude für kreative und farbenfrohe Innovationen in der branchenüblichen Arbeitsbekleidung gestanden habe, war man der Meinung, ich brauche für meine Reisen unbedingt ein neues farbiges Hemd. Und so bekomme ich ein herrliches Abschiedsgeschenk: das „Never-Forget-Your-Colleagues-Hemd“. Anprobe. Passt! Modischer Hawaii-Schnitt, leicht und luftig für heiße Tage, Farbe ist CI und natürlich bedruckt mit unserem Logo. Ich bin gespannt, zu welchen Anlässen ich es auf Reisen tragen kann. Wir plaudern, erzählen die besten der alten Geschichten und finden es einvernehmlich einen besonderen Moment. Das tut gut und macht es mir nicht so schwer. Am frühen Nachmittag trennen wir uns zuversichtlich mit "bis demnächst" und im Foyer überreiche ich der lieben Kollegin am Empfang meinen Dienstausweis – nochmal Wow – dann verlasse ich endgültig die heiligen Hallen. Ohne alles. So, wie ich vor sechsundzwanzig Jahren gekommen bin.

Die Sonne scheint immer noch, als ich zurück in Essen bin. Ich will jetzt noch nicht nach Hause gehen. Lieber in mein Lieblingscafé, dort sind nette Menschen und es gibt Mandarinenkuchen und guten Kaffee. Noch immer habe ich mein neues Never-Forget-Your-Colleagues-Hemd an. Ob das jemandem auffällt? Es fällt ja modisch schon etwas aus dem Rahmen. Der Kuchen ist exzellent und der starke Kaffee schön heiß. Später, im Supermarkt an der Ecke ist Rosenkohl im Angebot. Gute Idee, ich zahle bar, die Kassiererin lächelt. Was sie wohl denkt, warum es heute Rosenkohl bei mir zu Abend gibt? Draußen ist eigenartiges Licht.

Der Countdown ist nun runtergezählt. Als er begann, war es Sommer und ich wusste, dass es sich anfühlen wird wie ein Wimpernschlag, wenn die Zeit eines Tages um ist. Und "eines Tages" ist heute. Ich schlage den Bogen ganz zum Anfang des Countdowns und schließe den Kreis meiner Gedanken zum Thema Zeit, zur Veränderung und zur Vergänglichkeit. Ich empfinde bis jetzt keine Transformation meiner selbst, lediglich das Außenherum hat sich verändert. Meine Veränderung wird erst kommen, wenn ich Dinge anders tun muss, wenn ich Zeit für Dinge aufwende, die bislang vernachlässigt wurden, wenn ich Wege gehen kann, die mehr Zeit erfordern als ich bislang erübrigen konnte.

Und heute ist Tag eins nach dem Schlussakt: Ein wunderbarer Herbstmorgen, noch etwas diesig, dann setzt die Sonne sich durch. Ich muss raus. An die Luft, ins Freie. Aufs Fahrrad. RS1 zum See. Herbstfarben, Wind kräuselt Wasser, eine Frau fotografiert ein Segelboot. Parkbank. Zeit. Zeit. Zeit.

Und jetzt wird mir klar: Ein Countdown beendet nichts, er zählt bis zum Start!

 

– ENDE –