Kein Epilog
Countdown 13
„Fange nie an, aufzuhören. Höre nie auf, anzufangen.“
Cicero
Woche 13
Vom Wandel, von der Zeit und von Seifenblasen-Worten
Ich befinde mich nicht in einer Konfrontationstherapie und nein, ich habe auch keine isolierte Triskaidekaphobie. Im Tarot steht die Karte Nummer 13 für den "Tod", symbolisiert aber meist Neuanfang und Transformation. Eine mehr als passende Analogie für meine anstehende Veränderungsphase. Im Grunde ist die 13 nur eine, wenn auch irgendwie bemerkenswerte, aber dennoch ganz normale Primzahl, die mir dieser Tage eher zufällig begegnet. Es sind nämlich genau dreizehn Wochen bis zu meinem Arbeitsende in diesem Leben. Und so beschäftige ich mich derzeit intensiv mit der Zeit. Mit jener subjektiv empfundenen Lebenszeit, die mit einer geradezu Lipschitz'schen Stetigkeit voranschreitet. Leise, unaufhaltsam und gelassen. Manchmal aber so beängstigend schnell, dass mich bei der Betrachtung eine absurde, unwiderstehliche Faszination umfängt. Im Wesen ist die Zeit gutmütig, aber sie besitzt keine Seele. Kompromisse mit den Sterblichen macht sie niemals, also auch nicht mit mir. Tick-tack, sie vergeht, jede Stunde, jede Sekunde, jeden Moment. In meinen Gedanken befinde ich mich an der Schnittstelle von Vergangenheit und Zukunft, die das Jetzt bedeutet. Ein infinitesimales Momentum, das keine eigene Dauer besitzt, in dem Anfang und Ende eins sind, der aber das gesamte Universum in all seiner unendlichen Existenz beinhaltet.
Es ist 34°C im Schatten und ich genieße dieses Jetzt – den Augenblick, der sich selbst genug ist. Ich denke nicht an die Schatten von gestern oder die noch leisen Rufe des Morgen. Dennoch, sie sind unüberhörbar. Die letzten dreizehn verbleibenden Wochen meines Arbeitslebens sind wie gesagt angebrochen. Noch kann ich das aufdringliche Gefühl, das sich durch die herannahenden Ereignisse einstellt, nicht präzise einordnen. Vorfreude, Erlösung, Abschied, Fokuswechsel oder Neuanfang? Irgendwie ja und irgendwie nein, aber eben nur irgendwie. Das sind Worte, die mich eher an das Bullshit-Bingo meiner Berufsära erinnern und es wäre auch zu simpel, die Komplexität und Tragweite meiner emotional indefiniten inneren Veränderungen mit nicht mehr als Klischees beschreiben zu wollen, denn sie treffen nicht den Kern.
Ich brühe mir noch einen frischen Kaffee auf, setze mich zurück auf meine Panoramaterrasse und starre ins sommerliche Münsterland ohne einen bestimmten Fluchtpunkt zu fixieren. Mein Gehirn arbeitet unaufgefordert weiter, auf der Suche nach der einen trefflichen Vokabel für meinen Gemütszustand. Worte werden gefunden und verworfen. Fragmente setzen sich zu völlig neuen kreativen Wortschöpfungen zusammen, ich kann sie aber nicht greifen. Wie Sternschnuppen, die schneller verglühen als man sich etwas wünschen konnte. Dann sind sie für immer verschwunden. Kurz darauf enstehen Seifenblasen-Worte, die in den schönsten Farben schillern und das Gesuchte geradezu perfekt beschreiben, zerplatzen aber bei der kleinsten Berührung durch den bewussten Gedanken. Und so ergebe ich mich alsbald den Sinnfunken, dem Gedankenschimmern und den Wortschatten, die ich genausowenig fassen kann wie Irrlichter in einer dunklen Nacht.
Meinen Kaffee trinke ich nicht ganz zu Ende und wende mich von meinen Gedanken ab, wohl wissend, dass mein Unterbewusstsein sich schon längst der Suche nach den richtigen Worten angenommen hat. Die Psychologie nennt das den Inkubationseffekt – ich nenne das immer die Beauftragung des Universums. Ich bin gespannt.
Woche 12
Vom großen Ganzen und den kleinen Anfängen
Die Ereignisse dieser Woche reihen sich zusammenhanglos aneinander wie die bunten Gedanken in meinem Kopf. Die Nachrichten melden ein brennendes Europa, tausende Hitzetote allein in Deutschland; Ernten verdorren, und die Flüsse liegen leer. Wir stehen mit den spürbaren Folgen des Klimawandels erst am Anfang, das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht. Was wird in den nächsten Jahren auf uns warten? Am Himmel über mir steht eine vom Mond verdunkelte, orange Sonne, die ich mir durch eine kleine, rußgeschwärzte Glasscheibe ansehe. Gigantisch! Und stelle ich dem meine eigene kleine Herausforderung gegenüber, die ich hier zu bestehen habe, erscheint sie mir geradezu unbedeutend.
Trotz der extremen Wärme ist es ein Privileg, jeden Morgen auf der Terrasse zu frühstücken. In den frühen Stunden weht ein Wind, der im Vergleich zu den Mittagsstunden noch kühl ist. Ich genieße es, unter dem großen, schattenspendenden Sonnenschirm zu sitzen und Gebäck in meinen Milchkaffee zu tunken. Im Giebel des Schirms entdecke ich erbsengroße, kugelige Gebilde, die in der Nacht dort angebracht worden sein müssen. Bei näherer Betrachtung zeigen sich drei Gelege – vermutlich von einem Insekt. Die krugähnliche Form der kleinen Larvennester macht die Bestimmung des Urhebers leicht: Es ist eine harmlose Töpferwespe. Spontan fallen mir die wabenartigen Gelege eines Falters ein, der gestern ebenfalls beschlossen hat, mitten auf meinem Küchenfenster die Kinderstube für seine Nachkommen einzurichten. Winzig klein und mit höchster Akkuratesse verklebt, haften die Motteneier nun an der Scheibe. Ich will sie unbedingt noch fotografieren, bevor das Jungvolk schlüpft oder von der Sonne verbrannt wird. Damit ist die erste Aktion des Tages gefunden.
Die Woche schreitet voran und mein Job vertreibt mir mehr die Zeit als dass er sie mir raubt wie früher. An den folgenden Tagen verkaufe ich nacheinander den Sonnenschirm (ob mit oder ohne Wespen, wird sich zeigen), meine Waschmaschine und den Küchenwagen mit der großen Keramikarbeitsplatte. Die Unordnung in meiner Wohnung nimmt unübersehbar zu; es formt sich das Bild eines echten Aufbruchs. Die Tage in meinem kleinen Dachparadies sind gezählt. Die routinierten Abläufe des Alltags sind gestört – sei es durch Dinge, die plötzlich ohne festen Platz im Weg herumliegen, oder Gebrauchsgegenstände, die nicht mehr an ihrem gewohnten Platz zu finden sind. Es macht seltsamerweise Freude, das Gewohnte umzukrempeln. Es erfüllt mich mit einer gesunden Anspannung und mit Neugier auf das, was da kommen mag: ein Leben ohne die Erfüllung von Aufgaben gegen Bezahlung.

Und dann sind da noch die entspannten, langen Sommerabende, wenn es draußen ruhig wird – und es wird bisweilen sehr ruhig hier oben auf dem Teuto. Wenn erträgliche Temperaturen das Verweilen auf der Terrasse erlauben und über mir der westfälische Sternenhimmel funkelt. Dann spüre ich ein weiteres Mal diese persönliche Bedeutungslosigkeit im Angesicht des großen Ganzen. Sie macht mich leicht, sie entlastet mich. All meine Fragen an den krassen Wechsel vom Berufsleben in die Entpflichtung (mit der Vokabel „Rente“ habe ich mich noch nicht angefreundet), all die Fragen an die Ungewissheit und an das oft unbewusste Zurückblicken und Bewerten der eigenen Lebensleistung bis hierher – sie alle verlieren an Gewicht. Sie verlieren die Notwendigkeit, überhaupt beantwortet werden zu müssen.
Noch vor dem Wochenende gebe ich meinen Zuschlag für eine eher praktische als besonders schöne Wohnung in Essen – der Stadt, die ich vor siebenunddreißig Jahren verlassen habe. Nägel mit Köppen, es nimmt Gestalt an. Ich kaufe im Baumarkt stapelweise Umzugskisten und beginne zu Hause, die ersten Sachen transportsicher zu verpacken. Begleitet von gesunden Zweifeln und kreativen Gedankenexperimenten, die mir bestätigen sollen, dass meine Entscheidung nach wie vor die richtige ist. Und dann, als ich es mal wieder am wenigsten erwartet habe, sendet mir das Universum mit seiner unschlagbaren Trefflichkeit eine kleine Botschaft und sagt mit ihr nicht mehr als das, was den Kern meiner Gedanken ausmacht: Jeder Umzug ist ein Anfang. Und das gedruckt auf einem banalen Umzugskarton. So einfach kann es sein!
Woche 11
Wenn Eisberge kentern und Regenbögen Gutes verheißen
Die Woche beginnt mit der sehnlich erwarteten Abkühlung und dem überlebenswichtigen, lang ersehnten Regen. Ich genieße die feuchte Kühle auf meiner Terrasse und schaue der durstigen Natur dabei zu, wie sie sich langsam etwas erholt. Bis Montag hält das trübe Regenwetter an. Ich bekomme per Mail meinen neuen Mietvertrag, den ich am Dienstag elektronisch signiere und damit meinen Umzug in meine alte Heimatstadt endgültig besiegle. Trotz meiner absoluten Sicherheit bei dieser wohlüberlegten Entscheidung sind derart verbindliche Momente immer auch ein fruchtbarer Nährboden für letzte, leise Zweifel. Doch was nützt es, darauf jetzt noch Rücksicht zu nehmen? Das ist der berühmte Point of no Return – ab hier gibt es kein Zurück mehr. Oder wie Co-Piloten beim Start sagen: „V-one!“ Das bedeutet: Die Entscheidungsgeschwindigkeit ist erreicht, die Startbahn reicht nicht mehr zum Bremsen. Dann: Finger vom Schub, Hände ans Horn, Rotate und abheben!
Kennt ihr dieses unheimliche Gefühl, sicher zu wissen, dass gerade in diesem Moment etwas Großes, Unaufhaltsames vor sich geht – aber so verdammt langsam, dass ihr die Veränderung in ihrer Kontinuität gar nicht wahrnehmen könnt? Es ist vergleichbar mit dem faszinierenden Anblick eines kenternden Eisbergs, der ganz unmerklich sein Gleichgewicht verliert, sodass sich das tiefblau schimmernde Süßwassereis seiner Unterseite nach oben wendet. Ein monumentaler, lautloser Gewaltakt. Sodann driftet der Gigant durch die Weiten des Ozeans, bisweilen jahrelang, bis er sich erneut wendet oder eines Tages in den Wellen zerbricht und seine Fragmente einfach dahinschmelzen.
In den nächsten Tagen lasse ich mir ein paar Umzugsangebote machen. Die Preise divergieren bei gleichen Randbedingungen erheblich – um bis zu 30 %, was ich auffällig finde und was mich mehr an einen orientalischen Basar erinnert als an ein seriöses Angebotsverfahren. Also lasse ich das mal beiseite und versuche, ein paar gute alte Freunde und Freundinnen zu motivieren, die mir etwas zur Hand gehen könnten. Vielleicht wird es ja ein Umzug wie in alten Studentenzeiten; zumindest was mein Inventar angeht, bin ich mittlerweile wieder auf einem ähnlichen Niveau. Ganz nach dem Leitsatz: Weniger ist mehr! Ich beginne, die ersten Kisten zu packen. Regale leeren sich, Bilder verschwinden, die Wände verlieren ihre Gestaltung und nehmen wieder ihr lebloses Neubau-Weiß an. Die nächsten vier Wochen wird das mein Zuhause sein: Übergangsphase, Zwischenwelt, Metazustand.
Und dann ist da noch mein Job, den ich wie im Autopiloten erledige. Ein Vierteljahrhundert an Erfahrung und Routine macht es nicht weniger anstrengend, aber die Gewissheit am Abend, alles richtig gemacht zu haben, verhindert den geistigen Nachlauf im Kopf. Die Zweifel und Sorgen, die ich einst mit in den Schlaf nahm und mit denen ich am nächsten Morgen aufwachte, gibt es heute nicht mehr. Im Inneren bin ich der glückliche Läufer auf seiner letzten Runde, der sich freut, es in Kürze geschafft zu haben. Ich winke den Zuschauern schon zu und lächle in Vorfreude auf die Ziellinie. Ich werde keinen Rekord mehr brechen, für den ich eine Medaille bekomme – ich war aber auch nie dafür angetreten.
Bevor nun das Ende dieser schnellen Woche eingeläutet wird, ändert sich das Wetter noch einmal. Der wohltuende Regen hört langsam auf und die Sonne wirft einen perfekten Regenbogen über das weite Land vor meiner Terrasse. Wie kitschig symbolträchtig! Ein Regenbogen als Inbegriff der Wendung zum Guten. Der Sonnenschein, der auf Regen folgt. Und das einen Tag vor meinem Geburtstag. Manchmal muss eben auch Kitsch sein. Das ist die rosa Zuckerwatte des Lebens: Viel zu süß, viel zu bunt und viel zu vergänglich – aber zu viel des Guten kann manchmal so schön sein! Das ist genau die Haltung, mit der ich ins Geburtstagswochenende gehe. Viele liebe Menschen gratulieren mir. Ich koche eine fernöstliche Phở, improvisiere zum Nachtisch ein Milchreis-Birnen-Trifle aus Vorräten, die vor meinem Umzug noch aufgebraucht werden müssen, und mache meine Gäste damit glücklich.
Die Woche ist zu Ende, der Mond nimmt zu und draußen ist es so still wie vor einem Sturm.
Woche 10
Erste Male und letzte Male
Was man nicht so alles bedenken muss, wenn das Arbeitsleben endet, und was man mittlerweile nicht so alles braucht, um sich einigermaßen hindernislos in dieser Welt bewegen zu können. Bald werde ich mein wichtigstes elektronisches Kommunikationsmittel abgeben müssen. Sechsundzwanzig Jahre dieselbe Nummer und sechsundzwanzig Jahre, in denen ich mich nie um Hardware habe kümmern müssen. Was für ein Privileg. Und nun soll ich mich mit Vorteilen, Nachteilen, meinem persönlichen Nutzungsverhalten, Speicherplatz und solchen unwichtigen Dingen beschäftigen. Wisst ihr was: ich hab' einfach ein gebrauchtes Gerät mit der besten Kamera gekauft. Im Grunde ist dieser ganze technische Schnickschnack egal. Das Bier schmeckt schließlich auch nicht besser, wenn man mit einem Mercedes einkaufen fährt. Genauso wenig wie mir der neueste Handy-Schlitten hilft, würde ich nur Blech kommunizieren. Ok, ein Zugeständnis muss ich machen: in Rosa hätte ich es nicht gekauft.

Eine ungleich wichtigere, aber nicht weniger konsequente Entscheidung treffe ich diese Woche bezüglich meiner laufenden Immuntherapie: Sie ist ab sofort beendet! Nach gründlicher Recherche im wissenschaftlichen Datenwust sagen alle belastbaren Studien übereinstimmend das Gleiche: Bei einem guten Verlauf ist das therapeutische Nutzenmaximum nach exakt zwei Jahren erreicht. Mit jeder weiteren Infusion kippt das sensible Risiko-Nutzen-Verhältnis. Was ab jetzt mit jedem zusätzlichen Zyklus steigt, ist nicht die Lebenserwartung, sondern schlicht das kumulative Risiko für teils irreversible Spätfolgen, sogenannte DIRE (delayed immune-related events). Da ich längst über diese kritische 2-Jahres-Grenze hinaus bin und mich sträflicherweise erst jetzt selbst tiefgehend eingelesen habe, ist mein Entschluss klar und folgerichtig. Von medizinischer Seite liegt mir bis heute weder ein evidenzbasierter Grund für eine Fortsetzung vor noch eine fundierte klinische Begründung, warum ich hier monatelang leitlinienwidrig übertherapiert wurde. Die Menschen in der behandelnden örtlichen Onkologie sind mir in den Jahren sehr ans Herz gewachsen und sie haben so viel Gutes für mich getan – und vielleicht ist es gerade deshalb umso enttäuschender, dass man sich hinter der dünnen Aussage versteckt, „es sei natürlich meine freie Entscheidung, jederzeit mit der Therapie aufzuhören“. Etwas polemisch hört sich das an wie: „Tja, wenn Sie Ihr Abo nicht kündigen, läuft es automatisch weiter.“ Ich nehme meine Gesundheit ab heute wieder selbst in die Hand.
Die Tage verstreichen gewohnt schnell und zum Ende der Arbeitswoche findet mein letztes hochkarätiges Teamtreffen im Headquarter meiner Company statt – in der Stadt, die es angeblich nicht gibt. Die Kolleginnen und Kollegen... – nein, so kann der Satz nicht beginnen! – Meine Weggefährten, Leidensgenossinnen, Partner, Unterstützerinnen und Lehrmeister, meine liebgewonnenen Zeitgenossen und Mitstreiterinnen eines guten Vierteljahrhunderts – alle sind sie da. Sie jonglieren mit großen Zielen, nehmen alle Herausforderungen der Gegenwart selbstbewusst an, streiten trefflich um die besten Lösungen und – als ginge es um nichts weniger als den Kulminationspunkt allen Erfolges – fordern sie die Zukunft mit einer beeindruckenden Leichtigkeit heraus, die mir nur erlaubt, ihnen von Herzen das Beste zu wünschen. Ich fühle mich wie der Wanderer, der sein Pensum auf einem anstrengenden Weg geleistet hat, der sein persönliches Ziel am Ende dieser Etappe erreicht hat und nur noch die Geschichten seiner erlebnisreichen Reise weitererzählt, auf dass sie der nächsten Generation nützen mögen. Sie werden noch viele Berge besteigen, die für mich zu fern und zu hoch geworden sind, und ich werde derweil neue und andere Dinge erleben, von denen sie noch keine blasse Ahnung haben. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werde ich an einer sonnigen Wegesgabelung abbiegen. Dann werden wir uns zuwinken, uns irgendetwas wie „Berg heil!“ wünschen und unsere gemeinsame Geschichte vielleicht in Lebenstagebüchern vermerken. Zwei bewegende Tage.
Der Rest der nunmehr zehnten Woche füllt sich mit ein paar lukrativen Verkäufen von „Gepäck“, das ich nicht mehr tragen möchte und der geordneten Verräumung meiner verbleibenden Habseligkeiten in Umzugskartons, derer sich mittlerweile an die fünfzehn in den Zimmern stapeln. Sie sind der Spannungsbogen in der aktuellen Geschichte und sie machen mich gleichermaßen nachdenklich und ungeduldig. Nachdenklich darüber, was ich wohl aus den letzten turbulenten dreieinhalb Jahren mitnehme und ungeduldig, weil ich lieber heute als morgen aufbrechen möchte – weil ich das Ticket für meine Zukunft endlich lösen möchte.
Woche 9
Organisation ist das unwichtigste
Der größte Teil dieser Werkwoche ist belanglos, denn am Ende – am Wochenende – beginnt ein lang erwarteter Urlaub. Aber dazu später. Zunächst setzen sich meine Organisationsaktivitäten fort, die mich mit jedem Schritt ein Stückchen näher an mein Arbeitsende bringen. Immernoch fühlt es sich eigenartig an und noch immer habe ich mich nicht gänzlich mit der Situation arrangiert, dass sich ein Leben drastisch ändern wird. Aber ich gewöhne mich langsam daran. Manchmal rede ich mir die Zukunft schön mit den Unmengen an Zeit, die mir für kreative Dinge zur Verfügung stehen werden. Ich werde mich selbst neu erfinden und mich neu definieren und kompromisslos verwirklichen. Endlich werde ich die nötige Zeit haben, das in mir zu aktivieren, worauf die Welt gewartet hat. Oder so ähnlich... Ein anderes Mal befällt mich schiere Panik, dass ich vor Langeweile und kreativer Lähmung eingehen werde wie eine ungegossene Primel. Ich werde intellektuell verkümmern, verwahrlosen und eines verregneten Tages verwirrt durch meine Heimatstadt irren und mich hoffnungslos verlaufen. Vermutlich wir beides nicht eintreten und irgendetwas dazwischen wird sich als Kompromiss der Extreme etablieren und zu meiner Geschichte werden. Und dann denke ich wieder an Willy Brandt, der mal gesagt hat oder bei Lincoln geklaut hat oder auch nicht – jedenfalls hat er gesagt: "Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie selbst zu gestalten."
Letzte Woche hatte ich noch spontan meinen Motorradgepäckträger zum Verkauf ins Internet gesetzt – kauft sowieso keiner, dachte ich mir – zwei Tage später war er weg. Sonntags in aller Herrgottsfrühe um 12:30 Uhr schellt mich die begeisterte Käuferin aus dem Schlaf und wir diskutieren stundenlang die Freuden und Nöte dieser Welt. Erstaunlich, welche Zufälle das Leben so bereithält. Die nächsten Tage bestehen aus Kisten packen, Umzugslaster reservieren, noch ein paar angenehme Kundentermine in der Nachbarstadt wahrnehmen und Gutes tun, Internet für die neue Wohnung bestellen und einen neuen Mobilfunkvertrag abschließen. Und dann ist alles fertig und es ist endlich Freitag.
Es ist ein Weihnachtsgeschenk, das heute eingelöst wird. Ein gemeinsamer Kurzurlaub mit meinem Sohn in die Bretagne und in die Normandie. Neben den Kisten habe ich diese Woche nämlich auch meine Reisetasche gepackt. Nur das Nötigste: ein paar Unterhosen, abgezählte frische Socken, Fotoapparat, Zahnbürste, Kreditkarte. Viel mehr brauchen Jungs nicht, wenn sie verreisen. Als es am Nachmittag klingelt und mein Sohn reisefertig vor der Tür steht, ist mein Tagwerk längst getan und ich muss nur meine sorgfältig gepackte Reisetasche – Unterhosen, Socken, Fotoapparat, Zahnbürste, Kreditkarte – ins Auto laden und dann verlassen wir auch schon den Teuto Richtung Belgien. Dinant ist unser erstes Zwischenziel, eine pitoreske Kleinstadt an der Maas, die für ihre prominente Felskulisse und ihren außerordentlich guten Jazz bekannt ist. Wir haben die Übernachtung perfekt geplant, so dass wir noch Zeit für ein Häppchen und für einen entspannten nächtlichen Spaziergang haben. Die frische Abendluft tut nach der Fahrerei gut und der nächtliche Blick über den Fluss auf die erleuchtete Altstadt ist herrlich. Abschalten, umschalten, unser Urlaub hat begonnen!
Woche 8
Bretagne und Normandie
Was für eine herrliche Woche. Einfach zwei Ferienwohnungen auf dem Land gemietet. Die ersten vier Tage in der Bretagne und die zweiten vier Tage in der Normandie. Von da aus machen wir Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten oder einfach in schöne Gegenden, wir kaufen französisch ein und speisen bodenständig auf der Terrasse in den letzten warmen Nächten des ausklingenden Sommers. Die Gespräche dauern bis tief in die Nächte, wir lösen die Probleme dieser Welt – auch wenn niemand auf uns hören wird – und wir amüsieren uns wie wir es schon immer getan haben über Geschichten, die unsere Leben schrieben. Auf den manchmal langen Fahrten vertrieben uns die berühmten Kurzgeschichten einer Tanzkapelle die Zeit oder wir lauschten den Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling: Kapitalismus. Schweinesystem. Vietkong! (siehe ebd.)
Alles hatte Pause diese Woche. Von Alltagssorgen bis Gen-Z, vom Wahlsieg der Dummheit in Sachsen-Anhalt bis zur drohenden Kapitulation der Intelligenz des Abendlandes. Sogar das Reisegeschichtenschreiben und mein Fotoblog wurden auf einen nachrangigen Platz verwiesen. Wir genießen diese Woche nur die Weite von Bretagne und Normandie. Das Meer, kleine und große französische Städte und Dörfer, Café au Lait, Éclairs (vorzugsweise à la vanille), Macarons, normannische weiße Rinder, die eigentlich aus der Bourgogne kommen und so tolle Orte wie die Steinreihen von Ménec oder den Felsbogen von Étretat. Mögen die Bilder einen kleinen Eindruck geben von der schönen Zeit in Frankreichs nordwestlichsten Regionen...
Ich glaube, das ist eine ganz eigene Reise mit sehr viel mehr Zeit Wert. Eine wunderbare Woche.
Woche 7
Projekt Terrasse und der Hufschmied kommt
Nach der langsamen und höchst erholsamen letzten Woche schicke ich mich an, wieder in den schnellen Modus umzusteigen. Die Termine in meinem letzten Projekt reichern sich zusehends in meinem Kalender an. Ein Patchwork aus hellblauen Teams-Sessions und fablose Lücken dazwischen erinnern mich an einen weißblauen Sommerhimmel. Eine geschickte Assoziation, die diesem wenig erquicklichen Meeting-Wahnsinn sogar etwas beschauliches abgewinnt. Nun ja, es mag an meiner persönlichen Situation liegen, dass ich in den letzten Spielminuten nicht mehr die Notwendigkeit eines Powerplays sehe, wenn es eh schon 3:0 für mich steht. Spare ich mir doch meine Energie und schone mich für die anstehende nächste Saison. Jetzt nur noch die verbleibende Zeit bis zum Abpfiff würdig und fehlerfrei hinter mich bringen und den verdienten Sieg nach Hause fahren ohne die Zuschauer zu langweilen.
Im konkreten Fall bedeutet das für mich, jede freie Minute nutzen und die Wohnung in Ordnung bringen. Diese Woche ist die Terrasse dran. Ein dicker Brocken, weil ich mein wildes Naturparadies im vergangenen Jahr einfach habe gedeihen lassen. Wachse, was wolle, mal sehen was die Natur so schafft. Der Erfolg war grandios. Die meisten Pflanzen kannte ich nicht mehr mit Namen. Außer Klee, Löwenzahn, Lavendel und einer Birke waren es meist wilde unscheinbare Gräser. Nach Kräften schickten sie ihre kleinen Nussfrüchte, an feinen Pappussen aufgehängt und ihrer meteorochoren Verbreitungsstrategie folgend, in die Welt. Was für eine Freude – den ganzen Sommer lang und ich musste nur brav gießen.
Doch bei einem Umzug bedeutet das, es müssen alle Blumenkästen entleert und abgebaut werden. Dreißig Meter Brüstung müssen von dem hübschen Bewuchstrio aus Moosen, Algen und Flechten befreit werden. Nachmieter und Vermieter können diesem Mikroschauspiel nämlich meist weniger abgewinnen als ich. So warte ich auf den nächsten Regen, bekleide mich nur mit Badehose und bewaffne mich mit einem großen Scheuerschwamm. Was für ein Spaß, und es klappt außerordentlich gut. Nach 20 Minuten hört der Regen auf und mir wird auch ziemlich kalt. Schließlich ist es September. Am Abend beschert mir Petrus noch einen zweiten kräftigen Schauer und als die Nacht hereinbricht bin ich tatsächlich fertig.
Arbeit, Kisten packen, Arbeit, Kisten packen… ein bisschen entsorgen, Dübellöcher schließen, bis zum Wochenende. An liebe Freunde werde ich meine ganzen kostbaren Blumenkübel los und sichere ihnen eine würdige Zukunft in einem Brandenburger Landhaus. Für das Wochenende ist meine Fahrradreparatur geplant und die sichere Unterbringung von Bienchen im Landhaus meiner Schwester. Bienchen ist mein Motorrad, falls das nicht mittlerweile jeder weiß. Ach ja, Katzen und Vögel und Esel füttern und versorgen ist noch angesagt. Schwesterchen und Schwager sind nämlich glücklich verreist in die Berge und wir Daheimgebliebenen übernehmen derzeit den Zoo. Lautstark wie immer begrüßen mich die drei Huftiere, doch was ist das? Der große braune Balin humpelt. Au weia, ich hab doch keine Ahnung. Ich mag ein guter temporärer Zoowärter sein, aber ich bin doch kein Tierarzt. Über moderne Kommunikationswege ist die notwendige Erste Hilfe aber schnell organisiert. Matthias muss her, der lustige Hufschmied. Gesagt getan und wenn jemand sein Handwerk so gut versteht wie er, ist der Patient in kürzester Zeit von seiner Pein erlöst. Erleichterung für alle und Schwesterchen kann ihren Urlaub sorglos fortsetzen.
Und so geht der Sonntag der 7. Woche mit einem vielleicht letzten Kaffee auf meiner etwas leblosen Terrasse mit grandioser Aussicht zu Ende. Definitiv etwas, das mir in Zukunft fehlen wird und das nach adäquatem Ersatz verlangt.
Fortsetzung folgt…







































